"Über die Menschenfresser" von Michel de Montaigne. Die "Wilden" Südamerikas oder Analyse eines Menschenbildes


Hausarbeit, 2006

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Michel de Montaigne "Über die Menschenfresser"
2.1 Betrachtung der Neuen Welt
2.2 Die Frage nach dem Barbarischen

3 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Michel de Montaigne - einer der großen Denker des 16. Jahrhunderts. Wie die meisten der Philosophen es schon seit dem Altertum taten, befasste auch er sich besonders mit dem Menschen an sich in seiner ganzen Rätselhaftigkeit. 1571 begann Montaigne mit der Niederschrift seiner Essais, die ursprünglich zu seiner eigenen Selbstfindung dienen sollten. Es sei angemerkt, dass dieser Arbeit der Text ,,Über die Menschenfresser" von Montaigne in der neuen Übersetzung von Hans Stilett zugrunde liegt. Zu Lebzeiten Montaignes bestand die Epoche der Renaissance, die schon seit dem 14. Jahrhundert durch die Wiederentdeckung des klassischen Altertums die verschiedenen Bereiche der Wissenschaft und auch den Alltag prägte. Mit dem Wiederaufgreifen der klassischen, philosophischen Grundsätze entstanden in dieser Zeit auch neue Menschenbilder, da der Mensch selbst mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Der Autonomiege- danke forderte, dass der Mensch für sein Handeln selbst zu bestimmen hat. Es herrschte ein klares Bewusstsein einer neuen Zeit, die durch den Menschen selbst bestimmt wur- de. Mit diesem Gedanken an das vorherrschende, sowie an das ideale Menschenbild be- fasste sich Montaigne sein ganzes Leben, auch wenn er dies immer mit dem Hinter- grund seiner Selbstfindung tat. Durch diese Tatsache liegt auch seinen gesamten Essais zugrunde, dass im Grunde genommen alle seine Analysen, Betrachtungen und Beschrei- bungen in erster Linie nach seinem Wesen abgeleitet sind. Nicht einmal 80 Jahre bevor Montaigne seine Essais verfasste, wurde die Neue Welt durch Kolumbus wiederent- deckt. Mit diesem neuen Kontinent erschlossen sich zugleich auch viele Fragen nach der Landgewinnung- und aufteilung, Rohstoffausbeute und neben den wirtschaftlichen und politischen Fragen eben auch philosophische Neuorientierungen durch die dort le- benden Menschen. Doch warum werden diese Menschen automatisch abgewertet, als barbarisch und wild bezeichnet? Sind diese Völker unzivilisiert1, nur weil sie isoliert waren, von der europäischen Gesellschaft. Ihre menschlichen Züge sind doch unver- kennbar und sie zeigen eine Kulturform, die zwar von der europäischen entschieden ab- weicht, aber deshalb doch immer noch eine Kultur ist. In der Zeit der Renaissance nahm Montaigne in gewisser Weise Montaigne die Aufklärung (17. Jahrhundert) vorweg. Denn will man wissen, was die Menschen bewegt, muss man ihre Mythen und Dichtungen, ihre Lieder, Sehnsüchte und Wünsche betrachten. Und genau diese Dinge sind auch die Themen des Alltags, die darin verarbeitet werden. Montaigne war Schriftsteller, Po- litiker und Philosoph. Aufgrund dessen wusste er in vielen Bereichen, wie er sie zu wer- ten und zu vermitteln hatte. Montaigne zählt zu den größten Philosophen seiner Zeit und wird daher oft publiziert und intensiv erforscht. Er dient vielen Philosophen und Den- kern als Grundlage und gilt als Wegbereiter seiner Zeit. Besonders Hugo Friedrich2 nahm sich Montaignes Essais an und analysierte unter anderem seine Denkweisen und Ansichten. Die Gliederung dieser Hausarbeit begründet sich mit der Gliederung Mon- taignes Essay „Über die Menschenfresser“. Nach seinen allgemeinen Überlegungen über mythische Annahmen des neuen Kontinents erfolgt eine Analyse des Menschenbil- des, in Hinsicht auf die gesellschaftskritischen Gegebenheiten und auf philosophische, anthropologische Grundüberlegungen.

2 Michel de Montaigne „Über die Menschenfresser“

Michel Eyquem de Montaigne wurde am 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne in der Dordogne geboren und starb ebenda am 13. September 1592. Montaigne war Schriftsteller und Philosoph und gilt als einer der Hauptvertreter der Moralisten. Wäh- rend seines Studiums der Rechtswissenschaften in Toulouse und Bordeaux widmete er sich ausgiebig seinen Studien und verfasste sein Hauptwerk, die Essais, von denen spe- ziell auf das Essay „Über die Menschenfresser“ im Folgenden noch ausführlicher ein- gegangen werden soll. Der Text „Über die Menschenfresser“ stammt aus dem ersten Buch der Essais des Michel de Montaigne. Die zentrale These, die dieses Essay enthält, ist die Frage, ob unsere (die europäischen) Foltermethoden nicht barbarischer sind, als die Bräuche der Urvölker in Südamerika.

2.1 Betrachtung der „Neuen Welt“

Da es in Montaignes Essay „Über die 3 Menschenfresser“ über die Urvölker Südameri- kas4 und hier speziell um diejenigen, die den Kannibalismus vollziehen, geht, hinter- leuchtet Montaigne zunächst die Frage, welches Erscheinungsbild der neu entdeckte Kontinent zeigt. Dabei nimmt er immer wieder Bezug zu Sichtweisen anderer Philoso- phen und Denkern, besonders die des Altertums. Der erste Hinweis zeigt sich ihm so mit der Sage um Atlantis und er geht auf allgemeine geologische Annahmen zur Entste- hung von Inseln und dem Festland ein. Aufgrund dieser Überlegungen gelangt er jedoch schnell zu der Einsicht, dass es sich bei der „Neuen Welt“ nicht um Atlantis handeln kann, da dieses fast das spanische Festland berührt haben soll. Da jedoch das neu ent- deckte Land weit vom europäischen Festland über dem Atlantik entfernt liegt, wider- sprach dies der These über den Zusammenhang mit Atlantis. Aussagen einiger Seefahrer gegenüber Montaigne bestätigten diese Annahme zusätzlich. Auf einen Philosophen des Altertums stützend, schlägt er einen neuen Denkweg ein und bezieht sich auf das ver- meintlich aristotelische Buch „Über die unerhörten Wunder“. Doch auch damit sieht er mit dem derzeitigen Wissen über die neuen Länder keine Übereinstimmung. Die Haupt- frage, der Montaigne philosophisch nachgeht, betrifft den Begriff „barbarisch“. Untersucht man diesen Begriff etymologisch, lässt sich einerseits ein Zusammenhang zu den Urvölkern herstellen, andererseits zeigt es schon vorausweisend auf das analysierte Menschenbild Montaignes. Das Wort Barbar mit der Sinnbedeutung „ungesitteter Roh- ling“ ist nach dem Duden aus dem Lateinischen barbarus und griechisch bárbaros ent- lehnt. „Das griech. Wort ist mit aind. b arbara-h »stammelnd« identisch und bezeichnet ursprünglich den fremden Ausländer, der mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut war und darum als »roh und ungebildet« galt.“5 Im antiken Griechenland bezeichnete dieser Begriff ausschließlich die nichtgriechischen Menschen. Dies zeigt schon, das ein „barbarisches Volk“ nicht etwa grausame, unmenschliche Wesen ist, son- dern sich einfach von den Sitten und Gebräuchen der jeweiligen Kulturform unterschei- den. Durch die Entdeckungsfahrten Ende des 15. Jahrhunderts kam es zu Kontakten mit den unbekannten Völkern in der „Neuen Welt“. „Die fremden Völker haben Gold und achten seiner nicht. Und sie laufen nackt herum, was doch ein frommer Christenmensch [...] verabscheut. Trotzdem oder gerade deshalb benehmen sie sich gesittet, wenn auch manche ihrer Bräuche befremdlich sind.“6 Mit seinem wissenschaftlich-neugierigem und zugleich menschenfreundlichen Blick erklärte Montaigne sich sogar bereit, wider der Auffassung anderer, auch von den „wilden“ Indios etwas zu lernen. Durch ihre Fremdartigkeit, die sich durch ihre kulturelle Distanz und geographische Abgeschieden- heit zu der europäischen Zivilisation erklären lässt, neigt der Mensch dazu, diese Kul- turform als minderwertig zu betrachten, da er seine Lebensweise als die richtige ansieht und andere somit für sich selbst nicht akzeptiert. Montaigne ist in dieser Hinsicht weltoffen und sieht mit klassischem Vorbild, gemäß der Renaissance, ein Menschenbild mit globalen Unterschieden, die er allesamt akzeptiert, sich jedoch nicht mit allen iden- tifiziert, obgleich er eher einem scheinbar polytheistischen Glauben nacheiferte, wie sich aus den immer wieder aufgegriffenen Mythen der Antike mit ihren Gottheiten vermuten lässt.

[...]


1 Der Begriff „Zivilisation“ wurde 200 Jahre nach Montaignes Essais für den seltsamen eigenen Kulturzustand eingeführt, den man der Barbarei entgegensetzt. (nach Günther: Montaigne, S. 64)

2 geb. 24.12.1904/Karlsruhe; gest. 22.02.1978/Freiburg: Germanist, Philosoph, Romanist und Kunsthistoriker

3 Als „Neue Welt“ wurde von den Europäern das von den Spaniern unter Christoph Kolumbus wiederentdeckte Amerika bezeichnet, um es von der bis dahin bekannten Alten Welt, bestehend aus Europa, Asien und Afrika, abzugrenzen.

4 Süd- und Mittelamerika (oder Lateinamerika) wurde durch seine Neuentdeckung und Kolonialisierung durch europäische Imperialmächte als die „Neue Welt“ betrachtet.

5 Dudenredaktion (Hg.): Duden, Herkunftswörterbuch, Etymologie der deutschen Sprache, Dudenverlag Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2001, S. 70.

6 Horst Günther: Montaigne. Frankfurt am Main und Leipzig 1992, S. 58.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Über die Menschenfresser" von Michel de Montaigne. Die "Wilden" Südamerikas oder Analyse eines Menschenbildes
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Historisches Seminar: „Minderheiten – Lateinamerika“
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V62031
ISBN (eBook)
9783668373037
ISBN (Buch)
9783668373044
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michel, Montaigne, Wilden, Südamerikas, Analyse, Menschenbildes, Historisches, Seminar, Lateinamerika, Kannibalen, Menschenfresser, Anthropophagie, Frühe Neuzeit, Essais, Neue Welt, Geschichte
Arbeit zitieren
Mathias Seeling (Autor), 2006, "Über die Menschenfresser" von Michel de Montaigne. Die "Wilden" Südamerikas oder Analyse eines Menschenbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62031

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