Die Anthropologie im "Leviathan" von Thomas Hobbes


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen der Anthropologie

3 Grundlagen menschlichen Handelns
3.1 Leidenschaften
3.2 Macht und Güter
3.3 Krieg aller gegen alle
3.4 Die Aufhebung des Naturzustandes

4 Zusammenfassung

Literatur

Eigenständigkeitserklärung:

Hiermit erkläre ich, daß ich die vorliegende Arbeit selbst angefertigt und alle von mir benutzten Hilfsmittel und Quellen angegeben habe; alle wörtlichen Zitate und Entlehnungen aus fremden Arbeiten sind als solche gekennzeichnet.

Jena, den 15.09.06 Stefan Witzmann

1 Einleitung

In seinem Werk „Leviathan“ stellt der englische Philosoph Hobbes eine Anthropologie auf, welche den grausamen Naturzustand erklärt und gleichzeitig das Fundament für die staatstheoretische Vertragsgestaltung darstellt. Jedoch ist das Menschenbild von Hobbes allein mit den in diesem Zusammenhang beliebten Schlagwörtern wie „Homo homini lupus“ oder „Bellum omnium contra omnes“ nur unzureichend abzuhandeln. Vielmehr ist es zum Verständnis der von Hobbes konzipierten Staatskonstruktion unabdingbar, die physiologischen, psychologischen und handlungsbezogenen Grundlagen der menschlichen Natur zu bestimmen.[1]

Im Rahmen dieser Seminararbeit sollen deshalb die wesentlichen Merkmale der Hobbes’schen Anthropologie, die über den ersten Teil des „Leviathan“ relativ breit gestreut vorzufinden sind, herausgearbeitet werden. Hierbei werden zunächst die physiologischen Charakteristika, die aus Hobbes’ anti-aristotelischen, materialistischen Denken hervorgehen, bestimmt und erläutert. Darauf basierend werden die Implikationen in Bezug auf die Handlungsrationalität und auch die Staatskonstruktion diskutiert. Dies wird ferner in Verknüpfung mit den ethischen Konsequenzen geschehen.

Die Zitate aus dem „Leviathan“ werden im Folgenden mit Lev. sowie zugehöriger Seitenzahl vermerkt und beziehen sich auf die Reclam-Ausgabe von 1990, übersetzt von Jacob Peter Mayer.

2 Theoretische Grundlagen der Anthropologie

Das anthropologische Gedankengut Hobbes’ ist besonders stark durch das vorherrschende kausal-wissenschaftliche Paradigma seiner Zeit geprägt worden. Zu Beginn seiner Ausführungen geht er deshalb zunächst auf die mechanistisch-theoretischen Grundlagen seines Menschenbildes ein.

Jegliche geistige und körperliche Aktivität des Individuums basiert demnach auf physikalischen Bewegungen, die einen Druck von den Sinnesorganen über Nerven und Fasern auf das Herz und Gehirn übertragen (Lev. 12). Durch die entsprechende Reaktion entstehen Empfindungen des Bewusstseins. Diese interne Empfindung kann entweder eine Abneigung oder ein Streben darstellen (Lev. 48). Ersteres kennzeichnet das Schlechte, während das Streben das Gute bestimmt. Beide können als subjektive Reaktion verstanden werden, da es an das jeweilige Subjekt mit dessen körperlicher Situation an einem bestimmten Zeitpunkt gebunden ist.

Empfindungen, welche von außen eindringen, sind nicht nur von kurzfristiger Vergegenwärtigung. Durch andere eintreffende Empfindungen werden frühere Vorstellungen zwar überlagert und verdunkelt, jedoch bleiben sie in zunehmend abschwächender Intensität in der Seele erhalten und werden als Einbildungen bzw. Vorstellungen gespeichert (Lev. 14f.). Darauf basierend entwickelt sich die Erfahrung, die Konservierung von Vorstellungen. Der Geist ist nun in der Lage, einfache Erfahrungen zu kombinieren und zusammengesetzte, komplexe Vorstellungen zu generieren (Lev. 16). Beim Träumen, wenn nur wenige oder gar keine äußeren Reize einwirken, werden innere Vorstellung aktiviert und dem Träumenden vergegenwärtigt (Lev. 16f.).

Hobbes unterscheidet weiterhin in vitale und willentliche Bewegungen (Lev. 47). Erstere bezeichnen vorrangig körperliche Funktionen wie Bluttransport oder das Atemsystem, die kein Vorstellungsvermögen benötigen. Dagegen sind willentliche Bewegungen durch die in Lev. 48 aufgestellten Fragen „Wohin, wodurch? und was?“ gekennzeichnet. Sie bedürfen des Vorstellungsvermögens und bestimmen die Handlungsdurchführung. Vitale Bewegungen überlagern sich mit den willentlichen Bewegungen hinsichtlich des Strebens bzw. der Abneigung zu bestimmten Dingen (Lev. 50f.).[2]

Als praktischen Verstand oder Klugheit wird von Hobbes die Nutzung der Erfahrung für prognostische Aussagen bezeichnet. Hierbei wird im Sinne des Kausalgesetzes argumentiert, das gleiche Ursache gleiche Wirkungen erzielen. Je öfter etwas faktisch geschehen ist, „desto zuverlässiger ist das Zeichen“ (Lev. 25). Also je mehr Material an Erfahrung ein Mensch dahingehend besitzt, umso klüger gilt er und kann es später für die Handlungsabwägung nutzen. Diese geordnete Gedankenfolge unterscheidet sich von der ungeordneten, die unharmonisch verläuft und kein konkretes Ziel im Sinn hat (Lev. 22). Hobbes differenziert die geordnete Gedankenfolge weitergehend in zwei Arten. Die eine Gedankenfolge berücksichtigt nur die Mittel, die für eine Wirkung benötigt werden. Sie kann auch von den triebhaften Tieren praktiziert werden. Bei der anderen Denkart, welche nur bei den Menschen auftritt, werden die weiteren Wirkungen einer Tat bestimmt. Diese Fähigkeiten können durch Erziehung, Unterricht und Erlernen von Sprache ausgebildet und erweitert werden (Lev. 26). Hobbes nennt in Lev. 24 das Beispiel des Straftäters, der die möglichen Konsequenzen seines Verbrechens durchdenkt. Allerdings bleibt dieses Vorhersehungsvermögen auch bei größtmöglicher Erfahrung weitestgehend Mutmaßung, die in praxi auch widerlegt werden kann (Lev. 46).

In der Erläuterung des Begriffes der Vernunft zeigt sich offenkundig das mathematisch-logisch geprägte Weltbild von Hobbes. Er zeichnet Vernunft als Anwendung von Addition und Subtraktion auf allgemeine Gedanken auf (Lev. 40). Dies entspricht im Sinne des Prinzips der „more geometrico“ einer Auffassung des Menschen als distanziert kalkulierende Rechenmaschine (Kersting 1992:76). Als Abgrenzung zur Klugheit, die durch Erfahrung verbessert werden kann, muss die Vernunft durch wissenschaftlichen Fleiß ausgebildet werden (Lev. 44). Erst eine wissenschaftliche Betrachtung ermöglicht es, allgemeine Prinzipien aufzustellen und sie empirisch beliebig zu reproduzieren. Dies erfordert eine distanzierte, reflexive Analyse, bei der die Neigungen berücksichtigt werden, allerdings in streng kalkulierender Methodik. Eine „ausgebreitete Wissenschaft“ wird von Hobbes als Weisheit bezeichnet und ist im Gegensatz zur Klugheit unfehlbar (Lev. 46). Elementar für eine korrekte Benutzung der Vernunft ist die geordnete Festlegung von Begriffsdefinitionen bei Ausschluss von Zweideutigkeiten und Metaphern (Lev. 33).[3] Der Sprache kommen in Hobbes’ mechanistischer Konstruktion verschiedene Funktionen zu (Lev. 29). Zunächst ist es ein „Hilfsmittel des Gedächtnisses“. Es erlaubt demnach, Gedanken über einen längeren Zeitraum sicher festzuhalten. Ein weiterer Nutzungsaspekt ist die zwischenmenschliche Verständigung, also dass Sorgen, Wünschen, Hoffnungen und andere menschliche Gedanken ausgedrückt werden können.

3 Grundlagen menschlichen Handelns

Aus der Konzeption der theoretischen Voraussetzung des Menschenbildes leitet sich im Wesentlichen die Handlungstheorie in Hobbes’ Anthropologie ab. Sie soll im Folgenden systematisch auch bezüglich der Darstellung des Naturzustandes veranschaulicht werden.

[...]


[1] Obwohl Hobbes nie den Ausdruck Anthropologie benutzt hat, weist Chwaszcza (1996:88) explizit daraufhin, dass die Anthropologie die Grundlagenwissenschaft für die politische Philosophie bildet. Freund (1982:107) unterstreicht, dass es vor Hobbes nicht üblich war, die politische Theorie durch eine anthropologische Analyse zu begründen.

[2] Laut Bartuschat (1981:23) zeigt sich darin eine enge Verknüpfung zu dem Modell des Blutkreislaufes, welches von dem britischen Arzt William Harvey aufgestellt wurde.

[3] Chwaszcza (1996:88) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Sprachkritik von Hobbes vorrangig gegen die Scholastiker gerichtet ist.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Anthropologie im "Leviathan" von Thomas Hobbes
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Die Begründung gesellschaftlicher Normen im "Leviathan" von Thomas Hobbes
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V62034
ISBN (eBook)
9783638553582
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropologie, Leviathan, Thomas, Hobbes, Begründung, Normen
Arbeit zitieren
Stefan Witzmann (Autor), 2006, Die Anthropologie im "Leviathan" von Thomas Hobbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62034

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