Stadtentwicklung durch Landesgartenschau? Das Beispiel Gronau


Examensarbeit, 2006
143 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stadtentwicklung und Stadtplanung
2.1 „Stadtentwicklung“ – Schwierigkeiten einer Definition
2.2 Das Drei-Phasen-Modell der Stadtentwicklung
2.2.1 Erste Phase: Extensive Urbanisierung
2.2.2 Zweite Phase: Intensive Urbanisierung
2.2.3 Dritte Phase: Desurbanisierung
2.3 Stadtentwicklung durch Großprojekte
2.3.1 Merkmale von Großprojekten
2.4 Projektpolitik – Politik durch Festivalisierung
2.4.1 Vorteile der Festivalisierung
2.4.2 Nachteile der Festivalisierung

3. Die Stadt Gronau – eine Stadt verändert sich
3.1 Die Geschichte der Stadt
3.2 Die Stadtentwicklung Gronaus im Auf- und Niedergang der Textilindustrie
3.3 Sanierung der Kernstadt Gronaus
3.3.1 Umsetzung der Stadtsanierung
3.3.2 Auswirkungen der Stadtsanierung
3.3.3 Ergebnis der Stadtsanierung

4. Die Landesgartenschau in NRW
4.1 Der Sinn einer Landesgartenschau
4.2 Finanzierung einer Landesgartenschau
4.3 Gelände einer Landesgartenschau
4.4 Attraktionen einer Landesgartenschau

5. Die LAGA Gronau/ Losser 2003
5.1 Planung
5.2 Durchführung
5.3 Veranstaltungen auf dem Gelände
5.4 Besucherzahlen und Umfrage

6. Stadtentwicklung durch LAGA? - Evaluation
6.1 Qualitative Befragung – Die Experteninterviews
6.2 Auswertung der Experteninterviews
6.2.1 Hypothese 1: Finanzen
6.2.2 Hypothese 2: Aufwertung von Stadtgebieten
6.2.3 Hypothese 3: Infrastruktur
6.2.4 Hypothese 4: Ökonomie
6.2.5 Hypothese 5: Imagegewinn und Tourismus
6.2.6 Hypothese 6: Identifikation
6.2.7 Resümee
6.3 Quantitative Befragung- Die Bevölkerungsumfrage
6.4 Auswertung der Bevölkerungsumfrage
6.4.1 Das Stadtbild
6.4.2 Der Verkehr
6.4.3 Die Freizeit
6.4.4 Resümee

7. Schlussfolgerung

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Anhang
10.1 Leitfaden für die qualitative Befragung
10.2 Fragebogen für die quantitative Befragung
10.3 Auswertungsgrafiken der quantitativen Befragung
10.4 Abschriften der Interviews
10.4.1 Interview mit Herrn Serné (Geschäftsführer der LAGA GmbH)
10.4.2 Interview mit Herrn Ullrich (Stadtbauamt der Stadt Gronau)
10.4.3 Interview mit Frau Ströing (Touristik und Stadtmarketing)
10.4.4 Interview mit Herrn Wiedau („Westfälische Nachrichten“)

11. Schlusserklärung

1. Einleitung

„Ein neuer Typus von Politik wird sichtbar: Die Politik der großen Ereignisse“ (Häußermann/ Siebel 1993, 8).

In jeder Stadt lässt sich im Laufe ihrer Geschichte eine Stadtentwicklung ablesen. Diese Entwicklung hängt stark von veränderten Funktionen der Stadt, schwankenden Einwohnerzahlen, industrielle Entwicklungen oder auch von Naturkatastrophen ab. Derartige Ereignisse fordern eine ständige Anpassung der Stadt an die veränderte Situation. Diese Umstrukturierungen werden meist über mehrere Jahre geplant und können oft aus finanziellen Gründen immer nur bruchstückhaft realisiert werden.

Eine Möglichkeit, die Stadtentwicklung zu beschleunigen und zu unterstützen bietet sich den Städten mit der Durchführung eines Großereignisses. Vor allem die finanziellen Zuschüsse ermöglichen eine derart schnelle Entwicklung. Das große Medieninteresse bietet darüber hinaus die Möglichkeit, sich der Welt zu präsentieren.

Diese Form der Stadtpolitik wollen sich immer mehr Städte in den letzten Jahren zunutze machen. Sie bewerben sich für Großereignisse wie die Olympischen Spiele, Weltausstellungen, Theater-, Musik- und Filmfestspiele, Bundes- oder Landesgartenschauen.

Auch die westfälische Stadt Gronau versprach sich mit der Durchführung der Landesgartenschau Gronau/ Losser 2003 diesen Effekt. Im Verlauf dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern eine Stadtentwicklung in Gronau durch die Landesgartenschau stattfand. Dabei wurde die Geschichte der Stadt, die innerstädtischen Voraussetzungen, sowie Vor- und Nachteile der Vor-gehensweise in die Untersuchung mit einbezogen.

In Kapitel 2 soll zunächst der Begriff „Stadtentwicklung“ genauer definiert und in den verschiedenen Erscheinungsformen dargestellt werden. Darüber hinaus wird vor allem die Projektpolitik in den Vordergrund der folgenden Erläuterungen gestellt.

Das dritte Kapitel zeigt dem Leser anhand einer Darstellung der Geschichte Gronaus, in der vor allem die stadtprägende Textilindustrie hervorgehoben wird, die städtebaulichen Voraussetzungen für die Durchführung einer Landesgartenschau.

Im vierten und fünften Kapitel soll das Ereignis „Landesgartenschau“ dem Leser zum einen an allgemeinen Beispielen und speziell am Beispiel „Gronau/ Losser 2003“ vorgestellt werden.

Um zu einer Beantwortung der Eingangsfrage „Stadtentwicklung durch Landesgartenschauen?“ zu gelangen, werden im sechsten Kapitel vier im Vorfeld durchgeführte „Experteninterviews“, sowie eine Bevölkerungs-umfrage ausgewertet.[1]

2. Stadtentwicklung und Stadtplanung

2.1 „Stadtentwicklung“ – Schwierigkeiten einer Definition

„Stadtentwicklung:

1. Genese einer Stadt von ihren Anfängen bis zur Gegenwart oder während einer bestimmten Epoche. Aufgrund der Stadtentwicklung lassen sich historisch-genetische → Stadttypen zusammenfassen.
2. In der Terminologie der → Raumplanung wird demgegenüber Stadtentwicklung in der Regel als Aufgabe der → Stadtplanung im Sinne eines zukunftsorientierten Konzepts zur weiteren Entwicklung einer Stadt verstanden“ (Leser 1997, 810).

An dieser Definition erkennt man die Komplexität des Begriffs „Stadtentwicklung“. Städte unterliegen einer ständigen Veränderung, die sich in der Stadtstruktur wieder erkennen lässt. Bei der Stadtentwicklung kommt es hauptsächlich auf die Steuerung der Gesamtentwicklung der Stadt an. Vier Determinanten sind im Wesentlichen die Einflussfaktoren auf die Stadtentwicklung. Dazu zählen die Bevölkerung bzw. Gesellschaft, die Wirtschaft, die Verkehrs- und Bautechnologie sowie die Politik und Planung (Fassmann 2004, 87).

Heuer definiert den Begriff Stadtentwicklung dementsprechend „[…] als sichtbares Ergebnis eines sozioökonomischen Wachstums- oder Schrumpfungsprozesses einer Stadt, der aus den Verhaltensweisen und sich wechselseitig beeinflussenden Entscheidungen der handelnden Akteure resultiert und einen ständigen Wandel der sozialen und wirtschaftlichen sowie der baulichen und räumlichen Struktur der Städte impliziert“ (Heuer 1977, 40). In der Geschichte haben Städte immer eine Vielzahl von Funktionen gehabt, wie z.B. als Handelsplätze, Regierungs- oder Verwaltungssitze. Später kamen Funktionen wie Industriezentrum, Einkaufsort und kultureller Mittelpunkt hinzu. Vor allem sind Städte aber auch immer „Zentren der gesellschaftlichen Macht und des gesellschaftlichen Wandels gewesen, in denen den einzelnen Menschen mehr Chancen der persönlichen Entfaltung im Wirtschaftlichen, Gesellschaftlichen oder im Kulturellen geboten wurde als anderswo“ (Böventer 1987, 9). Nicht nur der Mensch selber unterliegt dem Wandel der Zeit und ist von Wertewandel, Industrialisierung, Modernisierung und dem technischen Fortschritt betroffen. Die Stadt als Lebensraum unterzieht sich ebenfalls diesem Wandel, wodurch die Stadtentwicklung stark beeinflusst wird. Aufgrund der beiden Weltkriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Stadtentwicklung durch Fortschritt, Aufbau und Wanderungsbewegungen beeinflusst. Gründe hierfür waren zum einen die starke Zerstörung der Städte, welche die beiden Weltkriege verursachten und zum anderen der technische Fortschritt. Auch beeinflusste der Wechsel der persönlichen Präferenzen die Stadtentwicklung. Städte erfahren jederzeit neue Herausforderungen. Kriege oder auch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben, Brände usw. können also die Situation von Städten stark beeinflussen (Zehner 2001, 129ff).

In den 20er Jahren untersuchten amerikanische Soziologen die durch den Einfluss der Industrialisierung bedingten Veränderungen in den Städten und entwickelten daraus verschiedene Theorien der Stadtentwicklung. Dazu zählen das Ringmodell der Stadtentwicklung von E.W. Burgess, das später entstandene Sektorenmodell von H. Hoyt und das Mehrkerne-Modell von D. Harris und E. L. Ullmann. Diese Modelle wurden scharf kritisiert und entfachten intensive Diskussionen über hypothetische Annahmen zur Stadtentwicklung (Nutz 1998, 23).

Denn war es bei Burgess, Hoyt, Harris und Ullmann üblich, die Städte in ihren Sektoren wahrzunehmen, so werden sie heute als ganzheitliche, komplexe Gefüge gesehen, sodass sich die Entwicklungen von Städten untereinander kaum gleichen. Weiterhin sollte die Entwicklung einer Stadt mehr aktiv als reaktiv vor sich gehen. Eine bestimmte Struktur, die in naher Zukunft als wünschenswert für eine Stadt angesehen wird, soll herbeigeführt werden, sodass auch aus diesem Grund keine einheitliche Entwicklung für mehrere Städte zu verzeichnen ist (Nutz 1998, 24).

Letztlich kamen Geografen und Soziologen zu dem Schluss, dass keine allgemeine Theorie der Stadtentwicklung formuliert werden könne. Jürgen Friedrichs bringt diesen Sachverhalt folgendermaßen auf den Punkt: „Stadtentwicklung ist ein komplexer Prozess, der sich nicht als Ganzes erklären lässt; erklären lassen sich nur einzelne Sachverhalte des Prozesses […]“ (Friedrichs 1995, 29). Auch Heinz Fassmann ist der Auffassung, dass eine Theorie der Stadtentwicklung aufgrund ihrer komplexen Heterogenität nicht möglich ist. Er unterscheidet zwischen einer analytischen und einer normativen Stadtentwicklung. Unter der analytischen Begriffsdimension versteht Fassmann das historische Entstehen und auch die aktuellen Veränderungen einer Stadt. Die normative Stadtentwicklung bezeichnet dagegen den Zustand einer Stadt, den diese zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt erreicht haben soll (Fassmann 2004, 86).

2.2 Das Drei-Phasen-Modell der Stadtentwicklung

Deutlich wird also vor allem, dass jede Stadt ihre eigene Entwicklung zu verzeichnen hat und diese von verschiedenen Faktoren abhängt. Dabei gibt es aber Ereignisse, die für ganze Regionen oder Länder von Bedeutung sind, sodass sich dennoch einige Parallelen in der Entwicklung erkennen lassen. So gibt es einen oft zu beobachtenden Prozess, den die Stadtentwicklung vieler Städte seit dem 2. Weltkrieg durchschreitet. Häußermann und Siebel unterteilen diesen Prozess in drei Phasen: die „extensive Urbanisierung“, die „intensive Urbanisierung“ und die „Desurbanisierung“ (Häußermann/ Siebel 1993, 11). Diese Phasen sollen im Folgenden genauer erläutert werden. Die Darstellung der Phasen ist als grobes Modell zu betrachten. Da, wie bereits deutlich wurde, jede Stadt eigene Voraussetzungen und somit auch unterschiedliche Entwicklungen aufzuzeigen hat, muss die Stadtentwicklung einer Stadt auch individuell und vor dem Hintergrund ihrer Geschichte betrachtet werden.

2.2.1 Erste Phase: Extensive Urbanisierung

Die alte Bundesrepublik Deutschland war nach dem 2. Weltkrieg erst einmal damit beschäftigt, Städte neu aufzubauen und deren Funktionen und Strukturen wieder herzustellen. Diese so genannte Rekonstruktion der Städte zog sich bis in die 60er Jahre hin und hatte im Allgemeinen zur Folge, dass sie expandierten und die Bevölkerungszahlen stetig zunahmen. Vor allem Vertriebene und Flüchtlinge aus der Ostzone, sowie ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung zog es aufgrund der besseren Lebensbedingungen und der zunehmenden Attraktivität der Städte in die städtischen Ballungszentren. Doch durch die ständig zunehmende Bevölkerungsdichte verminderte sich die zunächst gewonnene Lebensqualität rasch wieder. Denn mit diesem Wachstum verdichtete sich die Konzentration an Arbeitsplätzen, sodass die vorhandenen städtischen Flächen maximal genutzt werden mussten und die innerstädtischen Freiflächen stark reduziert wurden.

Um dieser „extensiven Urbanisierung“ standzuhalten, standen die Städte nun u.a. vor Aufgaben, wie der Ausbau des Verkehrsnetzes und die Einteilung der verfügbaren Flächen in verschiedene Nutzungsgebiete, welche die darauf folgende Phase, die „intensive Urbanisierung“ einleiteten. (Häußermann/ Siebel 1993, 11f; Fassmann 2004, 103f).

2.2.2 Zweite Phase: Intensive Urbanisierung

Der Wandel von der Rekonstruktion bis hin zur versuchten Wachstumsbegrenzung begann Mitte der 60er Jahre. Durch die oben beschriebenen Aufgaben zur organisatorischen Bewältigung der „extensiven Urbanisierung“ wurde den Städten bewusst, dass sie dem ständigen Wachstum nicht dauerhaft standhalten konnten. So wurde es zum Ziel der neuen Stadtpolitik, die Folgen des räumlichen und sozialen Wachstums zu bremsen und darüber hinaus auch zu steuern. Dies wurde insofern umgesetzt, dass das Wachstum von Gewerbe und Verkehr durch den Ausbau der Infrastruktur zur Verbesserung der Lebensqualität und die gezielte Umverteilung öffentlicher Investitionen sozialverträglich gemacht wurde. Dazu benötigten die Städte allerdings genügend Bauland im Stadtumland und natürlich auch die Unterstützung der Bevölkerung bei diesen Umstrukturierungsplänen. Weiterhin konzentrierte man sich auf neue Formen des Einzelhandels (Einkaufszentren, Fachmarktzentren, Factory-Outlet-Center), auf die Stadt-sanierung in Form einer Verbesserung von Wohn- und Lebensverhältnissen der benachteiligten Bevölkerungsgruppen und auf den Abbau von räumlichen Ungleichheiten, der die Stadtsanierung unterstützen sollte (Häußermann/ Siebel 1993, 11f; Fassmann 2004, 104).

2.2.3 Dritte Phase: Desurbanisierung

Mitte der 70er Jahre nahmen die Einwohnerzahlen der Städte und zudem auch die Zahl der Arbeitsplätze in den meisten Städten ab. Als Grund kann die Verschärfung internationaler Wettbewerbe auf den Gütermärkten und die damit verbundenen starken Verluste von Arbeitsplätzen, geringe Neuinvesti-tionen und die daraus resultierenden wachsenden Armutszahlen, sowie die öffentliche Finanzknappheit genannt werden. Viele Städte sahen sich einmal mehr einem Strukturwandel gegenüber. Dieser Wandel in Form einer so genannten „Desurbanisierung“ gilt vor allem für Agglomerationsräume mit industrieller Monostruktur. „Als ein Hauptgrund dafür wird die geringe Erneuerungsfähigkeit strukturschwacher Räume angesehen, auch die geringe Bereitschaft, sich in hoch belasteten Räumen anzusiedeln und zu investieren“ (W. Gaebe 1991, 9). Die Desurbanisierung kann also als eine Fortsetzung der intensiven Urbanisierung betrachtet werden und beschreibt die großräumige Dekonzentration der Wohnbevölkerung und der Unternehmen zulasten der Stadtregionen. Hiervon profitieren die ländlichen Regionen mit einer Industrialisierung und einer Tertiärisierung. Dieser negative Trend wurde im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands 1989 kurzzeitig unterbrochen. Doch bald ließen die erneute Zunahme von Flüchtlingen und Einwanderern und der wachsende Flächenkonsum die Wohnungsknappheit neu ansteigen. Städte kämpfen seit Beginn der Industrialisierung erstmals wieder gegen den Trend einer negativen Arbeitsplatz- und Bevölkerungsentwicklung. (Häußermann/ Siebel 1993, 11f; Fassmann 2004, 104).

2.3 Stadtentwicklung durch Großprojekte

Wie aus den obigen Darstellungen hervorgeht, wird die Stadtentwicklung stark durch vorhandene Ressourcen, der Verkehrs- und Wohnungssituation und dem soziokulturellen Wertewandel beeinflusst. Durch die ständigen Veränder-ungen, denen unsere Gesellschaft und somit auch eine Stadt unterliegt, muss die Gewichtung dieser Determinanten immer neu überdacht werden. Dazu sind Organisationsmodelle und grundlegende Konzepte, die die Sanierung, Neugestaltung und Weiterentwicklung ganzer Stadtbezirke, sowie die Realisierung städtebaulicher Ziele, umwelt- und sozialverträglicher städtischer Lebensbedingungen sichern, unabdingbar (Zehner 2001, 24ff).

Letztlich wird eine Stadt aber immer ein Produkt aus Raum und Zeit bleiben. Probleme treten erst dann auf, wenn einer dieser beiden Faktoren starken Veränderungen oder Schwankungen ausgesetzt wird. Eine derartige Situation kann entstehen, wenn beispielsweise die Veränderungen einer Stadt schneller vorangehen, als es die Planungen zeitlich erlauben (Nutz 1998, 25f). Um daraus entstehende Probleme einzudämmen, bietet sich die Durchführung eines Großereignisses an (Häußermann/ Siebel 1993, 7f).

2.3.1 Merkmale von Großprojekten

„Großveranstaltungen finden in regelmäßigen zeitlichen Abständen in Städten und Regionen statt, die sich in einem mehr oder weniger aufwendigen Auswahlverfahren gegen ihre Mitbewerber durchgesetzt haben.“ (Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrundschau/08 /frameset.htm> 08.10.2005). Zu derartigen Großveranstaltungen zählen u.a. Weltausstellungen, die Olympischen Spiele, Weltmeisterschaften, der Kultursommer, Theater-, Musik- und Filmfestspiele, Bundes- oder auch Landesgartenschauen (Häußermann/ Siebel 1993, 10).

Großprojekte haben eine lange Tradition. Bereits 1851 fand beispielsweise in London die erste Weltausstellung statt. 1896 wurden die ersten Olympischen Spiele in Uruguay ausgetragen (Wagner <http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,D9D6AE354E52AAFDE030DB95FBC308FE,,,,,,,,,,,,,,,.html> 10.10.2005; Neumann-Bechstein <http://www.planet-wissen.de /pw/Artikel,,,,,,,D7F0B88F6246A9E1E030DB95FBC31D3E,,,,,,,,,,,,,,,.html> 17.10.2005). Damals spielte die Wirkung eines solchen Großprojektes auf die Stadtentwicklung noch keine große Rolle. Sie dienten Präsentationszwecken. So zeigten sich z.B. die Länder der ersten Weltausstellungen als neue starke kapitalistische Industriegesellschaften (Häußermann/ Siebel 1993, 16f).

Heute dagegen leitet die Durchführung einer Großveranstaltung den Umbau einer Stadt ein. Diese verfolgt dabei in der Regel das Ziel, die Infrastruktur zu verbessern und die regionale Wirtschaft zu steigern. Großprojekte selber sind demnach zunächst einmal nur Mittel zum Zweck (Häußermann/ Siebel 1993, 16f). „Unabhängig davon, welche Charakteristika Großprojekte im Einzelnen aufweisen, sind sie alle gleichermaßen eingebunden in einen Wandel gesellschaftlicher, ökonomischer wie politischer Rahmenbedingungen, der die Entstehung von Großprojekten befördert und damit auch die Planungsdisziplin selbst verändert hat“ (Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2 /Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 16.10.2005).

Die Umsetzung sowie die Planung eines Festivals sind keine Routineaufgaben. Sie bedeuten einen extremen Eingriff in die Stadtstruktur, wobei versucht wird, ungenutzte Flächen mit Freizeit-, Dienstleistungs-, Büro- und Hightech-Standorten aufzuwerten (Simons <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/ Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 10.10.2005). So werden vor allem Stadtteile bevorzugt, die während der Deindustrialisierung der Brache zum Opfer vielen. Es sollen vor allem die Lücken, die durch das Zurückziehen der Industrie entstanden sind, wieder geschlossen bzw. genutzt werden. Dies können zum Beispiel alte Industrieanlagen, Bahnhöfe, Werftanlagen oder Militärgelände usw. sein.

Mit der Durchführung großer Ereignisse wird also der Stadt die Möglichkeit gegeben, Stadtgebiete zu sanieren oder neue Landschaften zu integrieren. Dabei unterscheidet Monika Meyer-Künzel drei verschiedene Lagen eines großen Projektes innerhalb eines Stadtgebiets. Als erstes Beispiel nennt sie die Citylage der Weltausstellung in Paris. Dabei wurde das Projekt entlang der Seine im Stadtkern aufgebaut und durchgeführt. Eine weitere Möglichkeit zeigt sich am Beispiel der Olympischen Spiele in München 1972. Hier wurde das Gelände in einer innerstädtischen Brache errichtet. Auch der Ausbau zu einer ringförmigen Stadtstruktur wie bei der Weltausstellung in Sevilla 1992 lässt sich als Beispiel für diese Möglichkeit der Projektlage anführen. Als dritte Möglichkeit nennt sie die Ausweitung eines bereits bestehenden Veranstaltungsgeländes auf frei umliegende Landschaften. Als Beispiel ist hier die Expo 2000 in Hannover zu nennen (Meyer-Künzel 2001, 13). Bei diesen Aufwertungen gewisser Standorte werden dem Entertainmentprogramm oder der kommerziellen Nutzung meist ein höherer Stellenwert beigefügt, als der Wohnungsnutzung.

Die Aufwertung ist meist nur im Rahmen einer Großveranstaltung möglich, da sonst häufig die finanziellen Mittel fehlen. Die Stadt bietet damit ebenfalls u.a. Immobilieninvestoren und Unternehmern lukrative Anlagemöglichkeiten, sodass sie die Chance hat, Gelder von außerhalb in die Stadt kommen zu lassen. Außerdem wird diese Aufwertung aufgrund des starken Medien-interesses schneller publik, sodass der Bekanntheitsgrad der Stadt bzw. der Region erhöht wird. Die Stadt hat durch das Großereignis die Chance, ein bestimmtes Image zu präsentieren (Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/ BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 15.10.2005).

Großprojekte brauchen immer eine recht lange Planungszeit, da meist Vorbereitungen bezüglich der Infrastruktur, der Sanierung der Stadt, des Aufbaus der Veranstaltung und weitere Entwicklungsmaßnahmen getroffen werden müssen. Da sich die Städte über ihre Grenzen hinaus möglichst positiv präsentieren wollen, müssen diese Pläne genaustens durchdacht und vor-bereitet werden. So müssen diese Veränderungen und Sanierungen zu einem festgelegten Zeitpunkt, nämlich dem Beginn der Veranstaltung, abgeschlossen sein. Doch nicht nur die konkrete Vorbereitung, sondern bereits die Bewerbung für ein solches Projekt ist sehr zeitaufwendig. Die Expo in Hannover wurde zum Beispiel insgesamt 12 Jahre vorbereitet und geplant. 1988 begannen die ersten Planungen, am 14. Juni 1990 erhielt Hannover den Zuschlag für diese Ausstellung, die dann im Jahr 2000 stattfand (Kaiser <http://www.bpb.de/publikationen/4CONXS,0,0,Konzeption_und_regionale_Auswirkungen_der_universellen_Weltausstellung_EXPO_2000.html#art0> 18.10.2005; Diez/ Kramer 2000, 25).

Die Zuständigkeit für ein solches Projekt unterliegt mehr und mehr Public Private Partnerships. Diese sollen effektiveres Management, besseren Informationsfluss, Flexibilität und schnellere Kooperation garantieren, um eine Beschleunigung der Projekte zu erreichen (Huning/ Peters <http://www.tu-cott bus.de/BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 12.10.2005). Da den politisch administrativen Strukturen eine schnelle Lösung der Aufgabe nicht zugetraut wird, werden diese Gesellschaften unterstützend eingerichtet. Sie stehen außerhalb der öffentlichen Verwaltung und bleiben von der Planung bis zum Abschluss des Projekts bestehen. Außerdem soll so der öffentliche Kostenteil gesenkt werden (Häußermann/ Siebel 1993, 9f).

Ein großer Nachteil bei der Zusammenarbeit mit privaten Investoren ist allerdings, dass die Stadt Kompromisse mit den Kapitalgebern eingehen muss und sie so ihre noch bis ins 19. Jh. uneingeschränkte Macht einbüßt (Fassmann 2004, 123).

Generell wird die Finanzierung meist nicht nur von der Stadt selber sondern vor allem auch, vom Bund bzw. Land unterstützt. So plante beispielsweise die Stadt München für die Olympischen Spiele 1972 die Baukosten für das gesamte Gelände mit 520 Millionen DM. Zu gleichen Teilen wollten sich der Bund, das Bundesland Bayern und die Stadt München selber die Finanzierungssumme teilen. Aus ungeklärten Gründen übernahm schließlich der Bund die Hälfte der anstehenden Kosten und jeweils ein Viertel übernahm das Bundesland und die Stadt. 1,93 Milliarden DM standen Einnahmen in Höhe von 1,334 Milliarden DM gegenüber. Die Belastung für den öffentlichen Haushalt betrug 572,7 Millionen DM. Davon übernahm der Bund schließlich rund 283, das Land Bayern und die Stadt München jeweils rund 145 Millionen DM (Geipel et al. 1993, 292).

Die Größe eines derartigen Projekts bestimmt über das öffentliche Interesse und darüber, inwiefern das Ziel, das Image der Stadt zu verbessern, erfüllt wird. Häußermann und Siebel beschreiben diese Abhängigkeit bildlich treffend: „Das ganze Jahr über an jedem Tag ein anderer Jongleur in der Stadt wird vielleicht Kinder begeistern, aber sonst nicht weiter auffallen. 365 Jongleure an einem Nachmittag auf dem Marktplatz ergeben dagegen ein Medienereignis – und überhaupt erst ein Ereignis“ (Häußermann/ Siebel 1993, 15). Dabei kann die „Größe“ von verschiedenen Faktoren aus definiert werden. So kann beispielsweise die genutzte Fläche das Maß zur Bestimmung der Größe dienen. Ein anderer Maßstab sind die Besucherzahlen, die Anzahl der Beschäftigten oder die Zahl der betroffenen Bürger. Auch die Höhe der Investitionssumme ist ein möglicher Messwert zur Bestimmung der Veranstaltungsgröße (Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2 /Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 18.10.2005). Zu beachten ist laut Häußermann und Siebel aber auch, dass mit der Größe der Veranstaltung die Risiken aus finanzieller und politischer Sicht steigen (Häußermann/ Siebel 1993, 15).

Die Ausführungen machen deutlich, dass Großereignisse also vor allem darauf abzielen, Vorteile im Bezug auf die Städtekonkurrenz zu erhalten und den Bekanntheitsgrad einer Stadt zu bessern, um Investitionen und Finanzzuflüsse von außerhalb in die Stadt zu holen und potenziellen Investoren, sowie auch den Touristen zu gefallen. „Gelingt es der Stadt, diese Großereignisse an sich zu binden, dann funktionieren diese wie eine „Lokomotive“, welche viele Waggons nach sich zieht“ (Fassmann 2004, 104).

2.4 Projektpolitik – Politik durch Festivalisierung

Bei den ersten großen Festivalisierungen der Stadtpolitik stellte sich nicht die Frage, wie die Wirkungen und Folgen für die Stadt und die Bevölkerung sind. Olympische Spiele und Weltausstellungen wurden nicht durchgeführt, um die Stadt wieder in einem besseren Licht darzustellen. Eher wurden sie genutzt, um die Stärke und Größe einer Nation zu zeigen und Wunder der Technik zu präsentieren. So waren auch die ersten Weltausstellungen einfache Installationen, wie zum Beispiel der Londoner Kristallpalast. Er wurde in neun Monaten errichtet und ebenso wieder abgebaut (Häußermann/ Siebel 1993, 16).

Mit Beginn der Desurbanisierungsphase Mitte der 70er Jahre veränderte sich die Politik stark. Wie schon bereits unter Kapitel 2.2.3 beschrieben, nahmen neben den Arbeitsplätzen, auch die Einwohnerzahlen der Städte ab. Probleme entstanden in vielen Bereichen der Städte. So stiegen die Arbeitslosen- und Armutszahlen, eine ökonomische Stagnation setzte ein und vor allem die öffentlichen Finanzen wurden immer prekärer durch die sinkenden Einnahmen. Der tertiäre Sektor breitete sich in den Städten immer mehr aus (Häußermann/ Siebel 1993, 13).

Großereignisse wurden oft zum Anlass genommen, Maßnahmen der Stadterweiterung, Stadtverschönerung oder Stadtveränderung einzuleiten. Beispiele sind dafür Wohngebiete, Bepflanzungen oder auch die Gestaltung einzelner Stadtgebiete sowie die Infrastruktur (Meyer-Künzel 2001, 12). Durch den durch die Finanzknappheit nicht immer umzusetzenden Umbau der Städte, wurde es für die Politik immer schwerer, die Bevölkerung in den Städten zu halten. So wurde nach Möglichkeiten und Strategien gesucht, den „Wachstum unter den Bedingungen der Stagnation“ (Häußermann/ Siebel 1993, 13) fortzusetzen. Städte mussten versuchen, neue Entwicklungen zu unterstützen und Wachstum zu schaffen. Große Ereignisse treiben den Umbau einer Stadt an. Sie unterstützen und beschleunigen den Ausbau der Infrastruktur und fördern die regionale Wirtschaft (Häußermann/ Siebel 1993, 17). Mit der Festivalisierung wird die Bürokratie aus ihrer Routine herausgerissen, „Planerinnen und Planer können sich als „Macher“ präsentieren und ihren Ruf als bürokratische Verhinderer abstreifen“ (Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrundschau/08/ frameset.htm> 23.10.2005).

Sich als Stadt international zu zeigen, sich bemerkbar zu machen und als bevorzugter Standort zu präsentieren wurde mit der Zeit das primäre Ziel bei der Durchführung einer Großveranstaltung. So entstand ein enormer Konkurrenzkampf unter den Städten, der sich mit der Öffnung der Grenzen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft weiter verschärfte. Dabei haben es kleinere Städte wesentlich schwerer, sich in diesem Wettbewerb zu behaupten, als Städte, die aufgrund ihrer Größe, ihrer Geschichte und ihrer traditionellen Vorherrschaft bereits eine gewisse internationale Konkurrenzfähigkeit besitzen (Häußermann/ Siebel 1993, 13f.).

Festivals bieten darüber hinaus der Stadt die Möglichkeit, finanzielle Mittel in die Stadt zu lenken. Dies geschieht, wie oben bereits beschrieben durch Zuschüsse des Bundes bzw. des Landes. Zudem werden aber auch weitere Investoren in die Stadt gelockt. So werden neue Arbeitsplätze geschaffen und die Stadt profitiert von weiteren Steuereinnahmen (Häußermann/ Siebel 1993, 13ff). Durch die Ansiedlung von Unternehmen werden also die Wirtschaftsleistung und das Einkommen gesteigert. Damit sollen Vorteile gegenüber anderen Städten erreicht werden (Ehrenberg/ Kruse 2000, 311). Die Durchführung eines Großprojektes scheint somit in heutiger Zeit schon aus dem Grund für eine Stadt lukrativ zu sein, da so fehlendes Kapital zur Stadtsanierung und -entwicklung in die Stadt gebracht wird. Verschiedene Projekte, die eine Stadt vor allem aus finanziellen Gründen nicht realisieren konnte, können im Rahmen der Großveranstaltung umgesetzt werden. Dadurch kann sie unter Umständen den Anschluss an die großen Metropolen der Welt halten und Aufmerksamkeit auf internationale Investoren lenken. (Siebel 1992, 62).

Beispiele für eine positive Finanzierung sind die Olympischen Spiele in Los Angeles und die Weltausstellung in Seattle. Diese Großveranstaltungen deckten die Ausgaben mit den Einnahmen der Touristen und der Unterstützung vom Staat und privaten Investoren. Dabei muss erwähnt werden, dass diese Ereignisse sehr kostengünstig geplant wurden und damit ein Defizit verhindert wurde (Häußermann/ Siebel 1993, 17). Auf der anderen Seite kommt es aber auch häufig vor, dass zum Beispiel Verkehrsinfrastruktur-Projekte finanziell unterschätzt oder sogar mit Absicht zu niedrig kalkuliert werden. So fand Flyvbjerg, Holm und Buhl heraus, dass 86% der zufällig ausgewählten Projekte über den zu Beginn geschätzten Kosten lagen. Dabei waren im Durchschnitt die endgültigen Kosten 28% höher als die vorher Geschätzten. Kostenschätzungen werden systematisch irreführend eingesetzt. Durch die falschen Darstellungen kommt es schnell zu größeren Finanz-löchern, unter denen zumeist der Steuerzahler oder die privaten Investoren zu leiden haben (Flyvbjerg/ Holm/ Buhl <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2 /Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 26.10.2005).

Von politischem Interesse ist auch die Möglichkeit der verstärkten Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt, die sich mit der Durchführung eines Großereignisses bietet. Da Städte häufig mit dem Problem zu kämpfen haben, dass der Stadtkern durch die zunehmende Agglomeration nicht mehr klar sichtbar ist und durch die schnelle Ausbreitung in verschiedene Richtungen ein so genanntes „Siedlungsband“ entsteht, fehlt den Bürgern häufig der klare Bezug zu „ihrer“ Stadt. Durch die Festivalisierung soll den Bewohnern das Gesamtbild einer Stadt wieder klar gemacht und so die Identifikationsfähigkeit bewahrt werden (Häußermann/ Siebel 1993, 15).

Mit der Durchführung einer Großveranstaltung werden Touristen in die Stadt gelockt, sodass sich die Stadt wie ein „Ausstellungsstück“ (Meyer-Künzel 2001, 12) dem Publikum präsentiert.

Festivals bieten der Stadtpolitik weiterhin die Möglichkeit, eine rasche Weiterentwicklung der Stadt zu erreichen. Die Durchführung beschleunigt und verstärkt die Entwicklung der Stadt und die Durchsetzung geplanter Projekte wird ausgeprägt. Bisher kann kein Beispiel dafür genannt werden, dass die Entwicklung einer Stadt durch ein Großprojekt stagnierte oder negativ beein-flusst wurde (Häußermann/ Siebel 1993, 20).

Wie bedeutend und lukrativ Großereignisse für eine Stadt sind, zeigt sich daran, dass sich immer wieder Städte wie Barcelona, Sevilla, Berlin, Manchester, Sydney, Peking, Genua, Venedig, Wien oder Hannover (Städte die Anfang der 90er Jahre um Olympische Spiele oder Weltausstellungen in Konkurrenz getreten sind) um die Durchführung eines Großereignisses bemühen (Häußermann/ Siebel 1993, 21).

Um sich erfolgreich um eine Großveranstaltung bewerben und diese später auch durchführen zu können, ist die Zustimmung und Unterstützung der Bevölkerung im Bezug auf das Vorgehen einer Stadt notwendig. Der Plan einer Festivalisierung trifft nur auf Zustimmung, wenn ein entsprechender Erfolg zu erwarten ist. Daher müssen schon bei der Planung des Festivals alle Vor- und Nachteile abgewogen werden und die Stadtpolitik muss sich um eine gerechte Aufteilung bemühen. Dementsprechend müssen Bevorzugungen und Belastungen verhindert werden. Andernfalls kann ein solches Projekt schnell einen negativen Trend aufnehmen, wie später am Beispiel der Bewerbungen Wiens um die Weltausstellung in Kapitel 2.4.2 dargestellt wird (Häußermann/ Siebel 1993, 20; Ehrenberg/ Kruse 2000, 312).

Ein großes Ereignis kann also nur zum Erfolg werden und eine „auf sich selbst gerichtete Mobilisierung des politisch-administrativen Systems“ (Häußer-mann/ Siebel 1993, 21) ermöglichen, wenn der politische und der ökono-mische Erfolg zusammentreffen (Häußermann/ Siebel 1993, 21ff).

Trotz der Risiken, die die Durchführung eines Großereignisses vor allem aus finanzieller Sicht birgt, können Kritiker lediglich mit dem „tristen“ Alltag argumentieren. Ohne Zweifel besteht durch die Durchführung einer derartigen Veranstaltung zumindest die Möglichkeit, die Stadtentwicklung voranzu-treiben und Veränderungen herbeizuführen. Ohne den entsprechenden Zuschuss ist dies meist gar nicht erst möglich oder scheitert an der Bürokratie. So wird es der Regierung leicht gemacht, ein solches Großereignis durchzu-setzen. Ein mögliches Scheitern und die Wiederkehr des Alltags nach der Veranstaltung bleiben unberücksichtigt.

Verläuft die Durchführung einer Großveranstaltung erfolgreich, kann sich dieses im Hinblick auf eine Wiederwahl für die Regierung zusätzlich als Vorteil erweisen. Es bleibt dann genügend Zeit, eine neue Politik zu entwerfen und das vor dem Projekt negative Image auszulöschen (Häußermann/ Siebel 1993, 21).

Mithilfe der Festivalisierung entfernt sich die Politik einer Stadt von alten Strukturen und Formen und entwickeln Neue. Häußermann und Siebel äußern, „[…] dass die Festivalisierung der Politik die Inszenierung von Gemeinsinn und Identifikation mit politischen Institutionen darstellt – eine Form politischer Repräsentation, die sich aus sozialstrukturellen Veränderungen, aus veränderten Konfliktlinien in der Gesellschaft und aus den wachsenden Schwierigkeiten regulativer Politik ergibt“ (Häußermann/ Siebel 1993, 23).

Hierbei stellt sich die Frage, welche Vor- und Nachteile durch die Festivalisierung der Politik entstehen. Diese sollen nun im Folgenden ausführlich betrachtet werden.

2.4.1 Vorteile der Festivalisierung

Die Politikform „Festivalisierung“ kann erst dann als gerechtfertigt betrachtet werden, wenn die gewohnte Vorgehensweise innerhalb des politischen Systems überwiegend negativ beurteilt wird. Vor allem die Unfähigkeit dieses gewohnten politischen Systems, sowie bürokratische Vorgänge kommen hier zum Tragen.

Als enormer Vorteil der Festivalisierung gilt die Möglichkeit, geplante Projekte in der Stadtentwicklung schnell voranzutreiben, da die sonst üblichen zeitraubenden Auseinandersetzungen und Widerstände meist eingedämmt werden. Die normale Planungszeit für derartige Projekte wird deutlich verkürzt (Häußermann/ Siebel 1993, 22). Außerdem lassen sich durch die Gelder, die der Stadt von Bund, Land, Kommune und privaten Investoren zur Verfügung gestellt werden, Stadtentwicklungsprojekte leichter und schneller umsetzen (Häußermann/ Siebel 1993, 9ff). Bei der Weltausstellung in Sevilla 1992 wurde so die Trassenführung komplett erneuert. Vor dem Festival verliefen die Gleisanlagen parallel entlang des Flusses, was eine strikte Abtrennung des Ufers zur Stadt mit sich zog. Außerdem zogen sich die Gleise durch Wohngebiete. Die neue Streckenführung der Bahn beinhaltete haupt-sächlich zwei zentrale Linien. Zum einen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke Richtung Madrid und zum anderen eine neue Strecke unter dem Stadtkern hindurch. So wurden die vorher vorhandenen Probleme des Schienennetzes mit dem Großereignis Weltausstellung finanziell möglich gemacht und schnell umgesetzt. Ein weiteres Problem war auch noch die auf die Stadt radial zulaufenden Hauptstraßen. Mit dem Bau einer Ringstraße um Sevilla herum ermöglichte man eine Entlastung der Straßen und es wurden die Stadtrand-quartiere besser an das Zentrum der Stadt angebunden (Meyer-Künzel 2001, 381ff).

Abb. 1: Vergleichende Darstellung der Verkehrssysteme in Sevilla.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Vorteil der Finanzierung brachte auch der 1964 amtierende Oberbürgermeister der Stadt München Georg Brauchle zum Ausdruck, als er die Finanzierung eines Großstadions in München als nicht zu realisieren abwies, solange München nicht den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekäme (Meyer-Künzel 2001, 410). Es wird also deutlich, dass durch die geplante Durchführung eines Großereignisses die Politik ebenfalls zu raschen Entscheidungen gefordert wird. Dieses erforderliche schnelle Handeln im Sinne des Großprojektes wird durch eine – mit Hilfe von Sondervorschriften mögliche – Veränderung des Verwaltungsverfahrens möglich. (Venturi 2003, 57).

Eine Politik muss auf Dauer immer mehr Unterstützung einbüßen, wenn soziale und ökologische Erfolge ausbleiben. Negativ wirken dabei vor allem die Unterstützung von Minderheiten und die Beschäftigung mit „Kleinig-keiten“, sowie die Zurücknahme der Politik, um Spielräume für individuelle Differenzierungen zu öffnen. Ist so die dauerhafte Mehrheit der aktuellen Politik gefährdet, bietet sich die Politik der Festivalisierung an. Denn hier sollen heterogene Interessen verbunden werden und die Politik kann ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen (Häußermann/ Siebel 1993, 26f). Das politische System hat so die Möglichkeit, das Problem der Bürokratie und den Trott des administrativen Systems zu bekämpfen. Der Wandel zur Festivalisierung ist demnach zunächst einmal „eine auf sich selbst gerichtete Innovationsstrategie“ (Häußermann/ Siebel 1993, 22). (Häußermann/ Siebel 1993, 21f).

Die Städte Barcelona und München als Ausrichter der Olympischen Spiele, sind hervorragende Beispiele für den Erfolg einer Festivalisierung der Politik mit der Durchführung eines Großprojekts. Für beide Städte wurde die Durchführung auch zum politischen Erfolg, da sowohl Spanien als auch Deutschland sich durch die Olympischen Spiele von der faschistischen Vergangenheit trennen konnte und so den Anschluss an die demokratischen Nationen fand. Barcelona schaffte es zudem noch, die Benachteiligung gegenüber Madrid zu verringern. An diesen beiden Beispielen wird ebenfalls der oben bereits angedeutete Medieneinfluss deutlich. Beide Städte lenkten durch die Medien die internationale Öffentlichkeit auf sich (Häußermann/ Siebel 1993, 20f).

Viele Bewohner einer Stadt identifizieren sich nicht mehr zentral mit ihr. Durch Privatleben, Beruf und Freizeitinteressen verankern sie sich in verschiedenen Gemeinden, die unterschiedliche Ansprüche an die Stadt stellen. Ein Großprojekt bietet die Möglichkeit, diese differenten Gemeinden wieder zu vereinen, da die gesamte Bevölkerung sich auf ein solches Ereignis konzentriert und sich dadurch wieder mit der Stadt identifizieren kann. Dieses Phänomen kann oftmals auch in der Politik beobachtet werden. Denn bei einem solchen Ereignis ziehen ausnahmsweise auch Opposition und Regierung an ein und demselben Strang. So kooperierten zum Beispiel die SPD-regierte Stadt München und das CSU-regierte Land Bayern miteinander um die Olympischen Spiele in München 1972 zu verwirklichen (Häußermann/ Siebel 1993, 21f).

Diese Zusammenarbeit in der Politik vereinfacht das Regieren im kommunalen Umfeld. Bei einem Großprojekt ist es für eine gelungene Durchführung notwendig, die Interessen und die politischen Kräfte zu vereinen. Es zeigt sich also, dass nicht nur durch die schnell möglichen Veränderungen des Verwaltungsvorganges Widerstände eingedämmt und verringert werden, sondern auch durch die Vereinigung von Interessen und einer gemeinsamen Politik. Als Beispiel kann hier vor allem die Verkehrspolitik, die zu einem unlösbaren Problem in der Politik geworden ist, dienen. Sie wird durch die Festivalisierung stark vereinfacht, da es natürlich im Interesse der erfolg-reichen Durchführung des Ereignisses ist, ein ausgeprägtes Infrastrukturnetz bieten zu können (Häußermann/ Siebel 1993, 25).

Abbildung in ieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Durchführungsgelände der Olympischen Spiele in München 1972 vor dem Umbau.

Neben dem Ausbau der Infrastruktur werden Großprojekte heutzutage ebenfalls genutzt, um den Umbau von Städten zu unterstützen. (Häußermann/ Siebel 1993, 17). In vielen Städten sind vor allem Flächen des Stadtgebiets im Zuge der Deindustrialisierung der Brache zum Opfer gefallen. Durch eine Festivalisierung der Politik können solche Gebiete in wesentlich kürzerer Zeit saniert werden, da – wie oben bereits erwähnt – alle Parteien die gleichen Interessen verfolgen und es so kaum Widerstand gibt und außerdem die vorher oftmals fehlenden Gelder durch den entsprechenden Zuschlag zur Durch-führung eines Großereignisses zur Verfügung stehen. Ein weiterer Grund für die schnelle Aufwertung derartiger Stadtgebiete ist darin zu finden, dass die Sanierung zu einem bestimmten Zeitpunkt, also dem Beginn der Veranstaltung abgeschlossen sein muss. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 wurden bei-spielsweise die Oberwiesen-felder im Nordwesten der Altstadt für die Durchführung verwendet. Dabei handelte es sich um ein Gebiet, das ehemals dem Militär diente, auf dem sich zudem der frühere Haupt-flughafen Münchens, der mit der Eröffnung des Flughafen Riems 1939 mehr und mehr an Bedeutung verlor, befand und wo sich die Schwerindustrie niedergelassen hatte. Auch die abgetragenen Schuttmassen des 2. Weltkriegs wurden auf diesem Gelände gelagert. Erste Planungen für die Neugestaltung dieses Stadtteils begannen gegen Ende der 50er Jahre, die sich allerdings aus den verschiedensten Gründen alle nicht realisieren ließen. Erst im Zuge der Planung des Olympischen Areals auf dem alten Industriegebiet, ließen sich die betroffenen Stadtteile Neuhausen und Schwabing neu gestalten (Meyer-Künzel 2001, 414).

Ein weiteres Musterbeispiel ist die Internationale Bauausstellung Emscher-Park 1989 bis 1999. Dabei handelt es sich um ein Gebiet von 803 Quadratkilometern von Duisburg über Bottrop bis nach Bergkamen. Nach dem zweiten Weltkrieg entstand hier das schwerindustrielle Zentrum Deutschlands, welches für die Produktion von Kohle und Stahl verantwortlich war. Um die Arbeitsplätze miteinander zu verbinden, entstanden riesige Vernetzungen aus Siedlungen, Bahnlinien und Kanälen. Mit der Schließung der Zechen und Förderanlagen zieht sich der gesamte Industriezweig immer mehr zurück und hinterlässt neben einer enormen Arbeitslosigkeit eine große Industriebrache. Die Bauausstellung Emscher-Park verfolgte nicht das Ziel, diese verfallende Region wieder konkurrenzfähig mit den Räumen Stuttgart oder Frankfurt zu machen. Vielmehr sollte dem Gebiet eine „eigene Modernität“ (Siebel 1992, 221) verschafft und die Altlasten der vorangegangenen 150 Jahre entfernt werden. Die internationale Bauausstellung diente mehr der Bewältigung, die Vergangenheit der Industriegesellschaft hinter sich zu lassen (Siebel 1992, 214ff).

Ein weiterer Vorteil der Projektpolitik ist der mögliche Aufschwung der regionalen Wirtschaft. Mit der Durchführung des Festivals erwartet die Stadt ein verbessertes Image und somit einen „Anstoß- und Ausstrahlungseffekt“ (Häußermann/ Siebel 1993, 14). So soll die Stadt für Investoren und Firmen attraktiv werden, sodass diese sich dort niederlassen. Neben der Schaffung neuer Arbeitsplätze profitiert die Stadt auch durch den wirtschaftlichen Antrieb (Häußermann/ Siebel 1993, 13ff.).

Abb. 3: Der deutsche Pavillon in Barcelona.

Abbildung in ieser Leseprobe nicht enthalten

Die für die Projektausführung nötigen Gebäude bei Großereignissen werden oftmals von Star-Architekten geplant. So wird das Image der Stadt stark verbessert und Touristen werden verstärkt angezogen (Häußermann/ Siebel 1993, 29). Bei der Weltausstellung in Barcelona 1929 errichtete beispielsweise der Architekt Mies van der Rohe den deutschen Pavillon. Der für die damalige Zeit recht schlichte Bau, der in einem starken Kontrast mit den anderen Gebäuden der Weltausstellung stand, wurde von der Fachpresse zuerst nicht so stark beachtet. Daher wurde das Gebäude direkt nach der Ausstellung wieder abgebaut. Zwischen 1984 und 1986 errichteten die Architekten und Kunsthistoriker Cristian Cirici, Fernando Ramos und Ignasi de Solà-Morales das Gebäude detailgetreu wieder, was eine weltweite Beachtung der Fach-welt mit sich zog. Heutzutage ist dieser Pavillon immer noch eine sehr beliebte Touristenattraktion (Meyer-Künzel 2001, 334ff).

2.4.2 Nachteile der Festivalisierung

Neben der Vielzahl von Vorteilen, die eine Politik der Festivalisierung mit sich bringt, gibt es auch einige Nachteile zu verzeichnen. So ist es eigentlich unter anderem die Aufgabe der Stadtpolitik, sich mit den Problemen sozial schwächerer Gruppen auseinander zu setzen. Stattdessen konzentriert sich die Stadtpolitik vornehmlich mit der Planung und Durchführung des Großer-eignisses. So leiden demnach Minderheiten wie z.B. ausländische Arbeit-nehmer, Rentner und andere Randgruppen unter der Planung eines Großprojektes (Venturi 1993, 57). Die Stadtregierung kann durch das Großereignis zwar ihre Handlungskompetenz unter Beweis stellen, oftmals beschränkt sich diese Kompetenz aber auch wirklich nur auf dieses Ereignis. Durch die Festivalisierung wird die Aufmerksamkeit demnach zwar auf die Politik gelenkt, die wirklichen Probleme des Alltags, wie Langzeitarbeits-losigkeit oder ökologische Probleme der Stadt werden dadurch aber verschleiert und bleiben im Schatten der Veranstaltung. (Häußermann/ Siebel 1993, 18, 24). „Festivals haben Oaseneffekte: die vorübergehende Konzentration der Kräfte auf einen Höhepunkt trocknet andere (Zeit) -Räume der Politik aus. Festivalisierung ist auch das organisierte Wegsehen von sozialen, schwer lösbaren und wenig spektakuläre Erfolge versprechenden Problemen“ (Häußermann/ Siebel 1993, 28).

Die Idee, sich für die Durchführung einer Großveranstaltung zu bewerben, wird von einer bzw. einigen wenigen Personen zur Diskussion gestellt und erst nach einer ausführlichen Machbarkeitsstudie an die Öffentlichkeit gebracht. Grund dafür ist eine von oben geführte Regierung. Die Anteilnahme der Bevölkerung würde einen solchen Prozess eher ins Stocken geraten lassen. Bisher gibt es keine Belege für ein Großprojekt, bei dem die Bevölkerung diesen Prozess eingeleitet hat. Ist die Planung des Projektes angelaufen, werden Gegenstimmen und -argumente kaum mehr beachtet. Der Opposition wird so regelrecht der Wind aus den Segeln genommen. Dadurch wirkt diese Organisationsform wie eine „angebotene Wohltat“ (Ehrenberg/ Kruse 2000, 312) oder als eine „externe Bedrohung“ (ebd.). Diese Herangehensweise bringt das Problem mit sich, dass keine Einigkeit besteht und sie eher spaltend als verbindend wirkt (Ehrenberg/ Kruse 2000, 312).

Ein weiterer Nachteil ist, dass der langen Vorbereitung und dem sehr großen finanziellen Aufwand eine kurze Durchführungszeit gegenübersteht. Ist die Planung und der Aufbau eines solchen Projekts erst einmal ins Rollen gekommen, gibt es in der Regel kaum Alternativen, ein sich eventuell anbahnendes Scheitern zu verhindern. Je größer der finanzielle Aufwand dabei ist, desto schwieriger wird die Situation (Häußermann/ Siebel 1993, 29f; Huning/ Peters <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrund schau/08/frameset.htm> 08.11.2005).

Das größte Problem, mit dem die Veranstalter und Organisatoren zu kämpfen haben, ist die Finanzierung. In einer Machbarkeitsstudie ist es unmöglich bei einem solchen Event einen vollständigen Kosten-Nutzen-Plan aufzustellen, da zu viele Variablen ineinander greifen. So haben viele Veranstalter das Problem, dass ihnen ein großer Schuldenberg hinterlassen wird, die daraufhin von der öffentlichen Hand oder den organisierenden und finanziell unter-stützenden Gesellschaften getragen werden müssen. Viele Betreibergesell-schaften müssen, auch schon oft vor der Veranstaltung, aufgrund dieses Problems Konkurs melden (Häußermann/ Siebel 1993, 17). Das aktuellste Beispiel hierfür sind die Olympischen Spiele in Turin im Februar 2006. Dort stand das Organisationskomitee Toroc, kurz vor Beginn der Spiele, vor einer drohenden Insolvenz. Nur aufgrund der Unterstützung der italienischen Regierung, durch Gelder der öffentlichen Hand (30 Millionen Euro) und der Glückspiellotterie (24 Millionen Euro), lässt sich das Finanzloch von gut 64 Millionen Euro nahezu stopfen. Es besteht zwar keine Gefahr, dass die Olympischen Spiele aufgrund der drohenden Insolvenz abgesagt werden, aber dafür muss die Regierung die bei einer Insolvenz entstehenden Schulden übernehmen (Westfälische Nachrichten 24.12.2005; Unbekannt <http://www. europolitan.de/cms/?s=ep_sporttoday&ntid=142&tid=217> 15.11.2005). Wie schon in Kapitel 2.4 erwähnt, haben Flyvbjerg et al. die Kostenunter-schätzungen bei öffentlichen Bauprojekten untersucht und herausgefunden, dass die Öffentlichkeit mit Kostenschätzungen oftmals systematisch in die Irre geführt werden (Flyvbjerg/ Holm/ Buhl < http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2 /Stadtern/Planungsrundschau/08/frameset.htm> 15.11.2005). Nach Simons sind daher begleitende Kontrollen unabdingbar, sobald die Risiken letztlich von der Öffentlichkeit getragen werden müssen. Durch derartige Kontrollen könnte ein Scheitern des geplanten Projekts frühzeitig erkannt werden und schwerwiegenden Folgen entweder durch Umsteuern oder durch den Ausstieg rechtzeitig verhindert werden. So könnten weiterhin die Interessen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt besser verfolgt werden (Simons <http:// www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/Stadtern/Planungsrundschau/08/frame set.htm> 16.11.2005).

Wer im Falle des Scheiterns die Schulden übernimmt, ist häufig unklar. Meist werden Defizite durch extreme Preissteigerungen in verschiedenen Bereichen auszugleichen versucht, sodass vor allem die ökonomisch Schwachen unter den Fehlkalkulationen zu leiden haben.

Brisbane ist für diese Entwicklung ein sehr gutes Beispiel. Fehlkalkulationen wurden durch einen gewaltigen Anstieg der Immobilienpreise versucht, aufzufangen, sodass bei der Weltausstellung die Mieten in der Nähe des Geländes mit bis zu 62% angehoben wurden. Damit waren viele Einkommensschwächere gezwungen, aus dem Stadtteil wegzuziehen, da sie diese Kosten nicht mehr tragen konnten (Häußermann/ Siebel 1993, 18; Ehrenberg/ Kruse 2000, 312). Es zeichnet sich also ab, dass vor allem die Minderheiten und sozialschwächeren Bürger unter der Festivalisierungspolitik zu leiden haben. Denn wie oben erwähnt, werden ihre Belange deutlich in den Hintergrund gestellt und zudem haben sie auch noch das größte Risiko im Falle eines Scheiterns zu tragen.

Die finanzielle Unterstützung erhält der Austragungsort zu einem großen Teil vom Staat. Hierbei handelt es sich um umgelenkte Gelder, die aufgrund der Durchführung für das Festival zur Verfügung gestellt werden. Diese Gelder sind nur durch das Großprojekt in die Stadt gelangt. Hier stellt sich die Frage, ob mit den Geldern, die z.B. für die Olympischen Spiele in Berlin zur Verfügung gestellt wurden, nicht besser Regionen wie Leipzig, dem Ruhrgebiet oder Stuttgart, in ihrer Stadt- und Regionalentwicklung hätten unterstützt werden können (Häußermann/ Siebel 1993, 18).

Eine positive Entwicklung, die eine Stadt mit der Durchführung eines Festivals erhofft bzw. erwartet, ist der regionale wirtschaftliche Aufschwung. Dieser tritt – vor allem im Bereich der Gastronomie und des Tourismus – in der Regel auch ein. Doch verfolgt man die wirtschaftliche Entwicklung auch über den Zeitraum der Veranstaltung hinaus, stellt man fest, dass diese sich meist rasch wieder zurück entwickelt. Vor allem im Bereich der Gastronomie schließen viele Lokale später wieder. Auch speziell für die Durchführung entstandene Jobs wie Parkplatzwächter, Kartenverkäufer, Ordner usw. werden dann überflüssig und werden so wieder gestrichen. So bleiben nur wenige der ent-standenen Arbeitsplätze auch nach dem Großereignis erhalten. (Häußermann/ Siebel 1993, 18).

Ein weiteres Problem ist zu erwarten, wenn die Bevölkerung die bevor-stehende Veranstaltung nicht unterstützt. Dies liegt oft an der mangelnden Transparenz gegenüber den Einwohnern. (Häußermann/ Siebel 1993, 18). Ein Präzedenzfall hierfür ist die Weltausstellung in Wien, die schon bereits in der Planungsphase von der Bevölkerung abgelehnt wurde. Dabei wurde schon über einen längeren Zeitraum versucht, das Gebiet um die Donau herum neu zu gestalten. Mit der Bewerbung für die Ausstellung im Jahr 1995 hoffte man darauf, dass die seit Jahren anhaltenden Diskussionen um dieses Gebiet, damit beendet und eine Aufwertung der Region umgesetzt werden könnte. Trotz einer intensiven Kampagne für die Weltausstellung und einer recht authen-tischen Planung, konnten die Bewohner der Stadt nicht überzeugt werden. Bei einer Umfrage, an der sich 43% beteiligten, stimmten 64% gegen die Weltausstellung, woraufhin diese abgesagt wurde. Die geplante zweite Innenstadt konnte nach diesem Scheitern dennoch realisiert werden. Diese Entwicklung führt Häußermann und Siebel zu der Frage, ob Wien nicht gerade erst durch diese Absage, den größtmöglichen Erfolg einer Weltausstellung zu verzeichnen hatte. Allerdings bleiben Diskussionen dieser Art meines Erachtens Spekulationen, da niemand weiß, wie sich eine Durchführung der Weltausstellung auf die Stadt Wien ausgewirkt hätte. (Häußermann/ Siebel 1993, 21; Schröder 1993, 81ff; Schimak 1993, 112ff).

Die Bildung von Sonderorganisationen (task-force-Organisationen) dient der Polarisierung der Verwaltung. Mit diesen task-force-Organisationen versucht man zum Teil an den demokratischen Arbeitsweisen vorbeizukommen. So werden Kontrollen vereinfacht und die lang anhaltenden Debatten eines administrativen Systems umgangen. Bei einem Beispiel aus München beim Bau der Allianz Arena für die Weltmeisterschaft 2006 zeigte sich aber auch, dass mit diesen Organisationen starke Korruptionsmöglichkeiten geschaffen werden können. Dabei wurden Gelder von der Allianz Arena Stadion GmbH so verschoben, das Firmen, mit Finanznot von Teammitgliedern, der mitwirkenden Organisation mit Geldern aus dem Bau des Stadions unterstützt wurden (Häußermann/ Siebel 1993, 9, 22; Dobel <http://www.ftd.de/sp/6864 .html> 18.11.2005.).

Dass noch unter den Vorteilen der Festivalisierung erwähnte organisieren von Stararchitekten, kann sich im Stadtbild aber auch negativ auswirken. Zwar ist es richtig, dass der Bau von modernen Gebäuden den Tourismus anziehen und das Stadtbild verändern kann, aber dies bringt auch die Möglichkeit mit sich, dass die lokale Identität mit der Errichtung stark zurückgestuft wird. Die Städte gleichen sich immer mehr. Die Kommunen verlieren sehr an der Mitbestimmung über die Entwicklung. Während die Stadtstruktur hierbei immer mehr von den Investoren und Architekten diktiert wird, leidet die Kultur einer Stadt unter der Errichtung von modernen Gebäuden, die im Extremfall überhaupt nicht in das alte Stadtgefüge hineinpassen (Häußermann/ Siebel 1993, 28).

Durch die enorme Medienpräsenz und dem großen Tourismusandrang während eines Großereignisses, kann sich keine Stadt negative Schlagzeilen erlauben. Da derartige Ereignisse gerade wegen dieser enormen Präsenz aber als optimale Plattform für gezielte Anschläge gelten, wurden die Sicherheitsvorkehrungen während der Veranstaltungen in den letzten Jahren immer drastischer erhöht. Immer größere Geldsummen werden in die Sicherheit investiert, um Ereignisse wie bei den Olympischen Spielen in München 1972 zu vermeiden. Hier überfielen acht Palästinenser der Terror-gruppe „Schwarzer September“ im Olympischen Dorf das israelische Mann-schaftsquartier, töteten zwei Sportler und nahmen neun Geiseln. So wurde das von der ganzen Welt mit Aufmerksamkeit beobachtete Festival zu einem Nebenkriegsplatz der israelischpalästinensischen Auseinandersetzung. Bei den Olympischen Spielen in Athen war das Budget im Bereich Sicherheit größer als bei irgendeiner anderen Großveranstaltung zuvor. Der in diesem Bereich mit 650 Millionen Euro angesetzte Etat war damit doppelt so hoch wie bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 oder in Salt Lake City 2002. Es wurde extra eine speziell für die Sicherheit der Zuschauer, Sportler und der olym-pischen Organisation zuständige Abteilung, die „Olympic Games Security Division (OGSD)“ eingerichtet. Das Problem Sicherheit wurde zum Schlüssel-thema der Veranstaltung (Häußermann/ Siebel 1993, 29; Unbekannt <http:// www.griechische-botschaft.de/olympia_2004/olympia3.htm> 18.11.2005; Unbekannt <http://www.olympia72.de/050972a.htm#Oben> 18.11.2005).

3. Die Stadt Gronau – eine Stadt verändert sich

3.1 Die Geschichte der Stadt

Im folgenden Abschnitt soll nun die Geschichte der Stadt Gronau betrachtet werden. So sollen die entwicklungsbedingten Gründe deutlich werden, aus denen sich diese Stadt in ihrer Entwicklung für ein Großprojekt Landesgarten-schau entschieden hat.

Die Stadt Gronau liegt im äußersten Nord-Westen Nordrhein-Westfalens und grenzt direkt an die niederländische Grenze und dem Bundesland Nieder-sachsen. 1371 wurde Gronau das erste Mal unter dem Namen „Slot to Gronowe“ urkundlich erwähnt. Grafschaften aus Bentheim und aus Steinfurt wechselten sich dabei über Jahrhunderte mit der Regierung Gronaus ab. Epe, der direkte Nachbar zu Gronau, umschloss den damaligen Ort vollständig. Die beiden Orte kämpften lange Zeit mit der Glaubensfrage, da sich Epe der katholischen und Gronau hauptsächlich der evangelischen Seite zuwandte. Über die Jahrhunderte kam es häufig zu Kriegen, die die Orte vollständig zerstörten (u. a. der spanisch-niederländische Krieg 1566-1648, der dreißig-jährige Krieg von 1618-1648, der siebenjährige Krieg 1756-1763) (Lippert/ Richters 1998, 37ff).

Bis 1771 verlief die Entwicklung von Gronau und Epe komplett gegensätzlich, aufgrund der verschiedenen Konfessionen und der politischen Zugehörigkeit. Während der folgenden Jahrzehnte unterlagen Epe und Gronau einigen Veränderungen. 1809 vereinigten sich die beiden Orte Gronau und Epe zu einer gemeinsamen Mairie. Der erste Bürgermeister erhielt den Namen gräflicher Rat Boegehold zu Gronau. Ein Jahr darauf unterlagen die beiden Gemeinden dem französischen Kaiserreich, um wiederum 3 Jahre später, nach dem Sieg über Napoleon 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig, dem preußischen Westfalen anzugehören. Die Verwaltung der beiden Orte wurde daraufhin wieder getrennt (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 14f; Lippert/ Richters 1998, 37ff).

Gronau versuchte vergeblich, in den Jahren darauf den Stadtstatus zu erreichen, konnte aber aufgrund der geringen Einwohnerzahl und der Finanzkraft dieses Ziel nicht verfolgen. Am 3. Juni 1844 trat die gemeinsame Landgemeindeordnung in Kraft. Gronau und Epe hoben sich, aufgrund des ersten Auf- und Niedergangs der Textilindustrie seit Beginn des 19. Jahr-hunderts, von der ländlichen Umgebung ab. Aus Platzmangel innerhalb Gronaus, siedelten sich die neuen Fabriken außerhalb an und veränderten das Bild der Gemeinde zunehmend. Die zusammen bestehende Verwaltung stand einige Male auf dem Prüfstand. Dabei versuchte Gronau vergeblich, sich aus dem Amtsverband mit Epe zu lösen (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 13f).

Gronau wurde spätestens 1875 mit der Eröffnung der Bahnlinien von Gronau nach Enschede, Münster und Dortmund zu einem industriellen Zentrum. Dabei erlangten die beiden Brüder Mathieu und Gerrit van Delden eine Vor-machtsstellung mit ihrer Textilindustrie, auf die im Kapitel 3.2 noch genauer eingegangen wird. Mit dieser stark anwachsenden Industrie, wuchs zudem die Einwohnerzahlen der beiden Orte Gronau und Epe. „Gronau, das nun endgültig aus seinen Nähten zu platzen drohte, hatte sich zu einem der bedeutendsten Textilzentren Deutschlands entwickelt“ (Lippert/ Richters 1998, 41). Mit dieser Industrialisierung wurden Ortschaften in ganz Europa der Übergang zu einem Stadtrecht erleichtert, da die ländlichen Verwaltungen dieses organisatorisch nicht mehr bewältigen konnten. So gelangte auch Gronau am 29.12.1897 zu seinem seit Jahren verfolgtem Ziel, das Stadtrecht zu erlagen. Dabei musste beachtet werden, dass genügend Steuerzahler und Industriebetriebe innerhalb dieser Stadt vorhanden sind. Da aber sämtliche Betriebe der Gemeinde Gronau außerhalb des kleinen Ortskern lagen, ließ sich dies nur unter der Zusammenarbeit mit Epe realisieren. Die Bauernschaften Eilermark und Beckerhook der Gemeinde Epe schlossen sich Gronau an. Vertreter der Textilindustrie, die sich auch in der Politik über die Jahre in Epe nach oben gearbeitet haben, waren maßgeblich an der letztendlichen Mitarbeit Epes beteiligt. Gronaus Bevölkerung stieg unter dem Zusammenschluss von 2.191 auf 6.592 Einwohner und die Fläche erweiterte sich von ca. 37 auf 2.956 ha. (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 15; Lippert/ Richters 1998, 41f; Hauff 1998, 152).

Sowohl die Einwohnerzahl, als auch die Industrie in Gronau und Epe wuchsen stetig. Nur während der beiden Weltkriege waren stärkere Rückgänge in beiden Bereichen zu verzeichnen. Nach den Einbußungen des Ersten Welt-krieges gelang es der Industrie Gronaus sich wieder zu rehabilitieren. Mit Einsetzen des 2. Weltkriegs ging es dann - wie in ganz Deutschland - zunehmend abwärts mit der Industrie Gronaus. Die Stadt musste zudem Zerstörungen, die am 20. März 1945 ihren Höhepunkt erreichten, hinnehmen. Dabei starben durch die Bombenangriffe englischer Flugzeuge viele Menschen. Zahlreiche private und öffentliche Häuser wurden zum Teil vollständig zerstört (Kochs 1981, 75ff).

1958 entschlossen sich die Niederlande und Deutschland zu einem Verband „Euregio“. Dabei handelte es sich um eine Zusammenarbeit der beiden Länder über ihre Grenze hinaus. Die Region wird durch die drei Flüsse Rhein, Ems und Ijssel begrenzt und erstreckt sich über einen Durchmesser von bis zu 300 km. Knapp 20 Millionen Menschen leben innerhalb dieses Dreiecks. Mit der Entstehung des Verbandes „Euregio“ zielte man darauf ab, den ökonomischen Erfolg innerhalb des stärksten Industriezweigs, der Textilindustrie, und der Landwirtschaft zu steigern und dabei nicht durch die Grenze zu blockieren. Besser geplante Verbindungen (Straßen, Bahn) über die Grenzen hinaus sprachen für die Kooperation. Sanierungsmaßnahmen sollten dabei verstärkt durchgeführt und Entwicklungsschwerpunkte gefördert werden. Zudem sollte mit dieser Zusammenarbeit die Umwelt in einem intensiveren Maße vor der Industrielast geschützt werden. Als positiven Nebeneffekt erhoffte man sich einen besseren Kontakt zwischen den Bevölkerungen beider Nationen, der vor allem unter dem 2. Weltkrieg stark gelitten hatte (Gabbe 1981, 293f; Springensguth 1979, 12ff).

Die wichtigste kommunale Neuordnung nach Erlangen des Stadtrechts Gronaus, trat dann am 1. Januar 1975 in Kraft, als sich Epe und Gronau, nach mehrmaligem Scheitern, zu einer Gemeinde unter dem Namen Gronau (Westf.) zusammenschlossen. Damit vergrößerte sich die Grundfläche der Stadt von 3.080 auf 7.860 ha und die Bevölkerungszahl stieg um 10.429 auf 40.527 an (Behler 1998, 108ff).

Abb. 4: Wappen der Stadt Gronau (Westf.).

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Die Geschichte der Stadt Gronau (Westf.) spiegelt sich auch in ihrem Wappen wieder. Das neue 1981 verabschiedete Wappen vereinigt Teile der veralteten Wappen der alten Stadt Gronau und der Gemeinde Epe. So sind in diesem Wappen eine Spindel, eine Ähre und ein Schwan zu sehen. Die Spindel steht hier für die bedeutende Rolle Gronaus in der Textilindustrie. Die Ähre verweist auf die Bedeutung der Landwirtschaft. Der Schwan zeigt die frühere territoriale Zugehörig-keit Gronaus zur Herrschaft von Steinfurt. Die Farbe blau war die Stadtfarbe der Gemeinde Epe, während die Farben gelb und grün die Farben Gronaus sind. Grün steht dabei für die ursprüngliche Bezeichnung Gronaus „Grüne Aue“ (Hauff 1998, 170).

Im Folgenden wird die Entwicklung des Stadtbildes der Stadt Gronau aufgezeigt. Dabei werden vor allem die einschneidenden Ereignisse der Stadtgeschichte berücksichtigt, die sehr prägend für Gronau waren. Dazu zählen die Entwicklung der Textilindustrie und die Sanierungsmaßnahmen des Stadtkerns nach dem Zusammenschluss mit Epe in den 80er Jahren. Ferner sollen dadurch die Gründe für eine Bewerbung zur Landesgartenschau 2003 deutlich werden.

3.2 Die Stadtentwicklung Gronaus im Auf- und Niedergang der Textilindustrie

Im gesamten Westmünsterland entstand seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Zentrum für die Baumwollindustrie. Gronau entwickelte sich dabei zu einem Spinnereizentrum. Mathieu und Gerrit van Delden, die mit ihren Unternehmen stark zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen, waren für die städte-bauliche und demografische Entwicklung Gronaus zu einem großen Teil verantwortlich (Hauff 1998, 148).

1840 findet die Textilindustrie in Gronau ihren Ursprung. Dabei haben sich niederländische Betriebe angesiedelt, die anfangs ihren Absatz nur in den Niederlanden fanden. Aufgrund mangelnder Kompetenz der preußischen Arbeiter blieb der ökonomische Erfolg für die niederländischen Betriebe aus. Aus diesem Grund übernahm Mathieu van Delden am 1. April 1854 die Garnschlichterei. Dieser Betrieb sollte später einen Teil der Delden-Gruppe in Gronau einnehmen. In den folgenden Jahren strukturierte Mathieu den Betrieb um und modernisierte diesen so. Diese Industrialisierung hatte aber zunächst noch keinen großen Einfluss auf das Stadtbild oder die Einwohnerzahl. Zu Beginn gab es noch genügend Arbeitskräfte in Gronau, sodass arbeits-orientierte Zuwanderungen ausblieben. Die Einwohnerzahlen Gronaus gingen sogar zurück. Dieser Rückgang ist durch die Strukturveränderungen in der Landwirtschaft zu erklären. Der Verlust vieler Arbeitsplätze in diesem Bereich konnte durch die neue Industrie nicht aufgefangen werden (Döhrmann 1981, 24; Hauff 1998, 149f).

Der Aufstieg der Textilindustrie begann im Jahr 1873. Dabei waren viele Komponenten für diesen Aufschwung verantwortlich. Aufgrund erschwerter Zollpolitik setzte eine zweite Phase der niederländischen Betriebsgründungen ein. 1875 entstanden Bahnverbindungen von Gronau nach Münster, Enschede und Dortmund. Nicht nur Rohstoffe konnten so leichter beschafft werden, sondern auch das aufstrebende Ruhrgebiet bot einen hervorragenden Absatz-markt. Mit den Bahnlinien schaffte man zudem eine direkte Verbindung zu den holländischen Häfen (Döhrmann 1981, 28; Staatsarchiv Münster 1981, 227f).

Nachdem weitere Spinnereien ihren Weg nach Gronau fanden, entwickelte sich das Unternehmen M. van Delden zu einem Großbetrieb. Mit 1.400 Arbeitern beschäftigte M. van Delden ein Sechstel der Bevölkerung Gronaus und wuchs bis 1914 zu einem in Deutschland führenden Unternehmen. 1875 entstand unmittelbar in der Nähe zudem das Unternehmen um seinen Bruder Gerrit van Delden, womit Gronau bis zu Beginn des 1. Weltkriegs die größte Spinnerei Europas besaß (37,5% Spindel-Anteil in der Provinz Westfalen). Weitere Unternehmen wie die Baumwollspinnerei Eilermark, die Baumwoll-spinnerei Gronau, die Westfälische Baumwollspinnerei und die Spinnerei Deutschland setzten auf die Gemeinde Gronau und errichteten dort ihre Unternehmen (Döhrmann 1981, 28; Hauff 1998, 152f).

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Abb. 5: Siedlungsgrundriss der Stadt Gronau.

Abbildung in ieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund der enormen Entwicklung der Textilindustrie in Gronau und die Expansion einzelner Betriebe waren die Unternehmen auf viele Arbeiter angewiesen. Viele Beschäftigte in der Textilindustrie Gronaus waren Niederländer, die nicht in Gronau wohnten, sondern ständig zwischen den angrenzenden Niederlanden und Gronau pendelten. Zwischen 1894 und 1913 stieg die Pendlerzahl aus den Niederlanden von 250 auf 3.700. Doch aufgrund der vielen Arbeitsplätze gab es auch viele Zuwanderer, sodass die Einwohner-zahlen in und rund um Gronau in den Jahren des natürlichen Wachstums enorm anstiegen. Um diesem Ansturm gerecht zu werden, wurden vermehrt Werkswohnungen in Gronau gebaut. Des Weiteren entstanden Rentengüter und zahlreiche Arbeitersiedlungen, die sich vorwiegend östlich und westlich des alten Stadtkerns ansiedelten. Die Unternehmen befanden sich zu einem großen Teil nördlich des Kernbereichs zwischen der Dinkel und Umflut. Der Süden wurde nur recht zer-streut bebaut, da durch die Dinkel- und Umflutwiesen ein hoch-wassergefährdetes Ge-lände die Bebauung erschwer-te. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erweiterte sich der Osten und Westen Gro-naus in Richtung Norden und Süden. So entstanden zwei rautenförmige Arbeitersied-lungen, die im Kernstadtbereich aufeinander treffen (=> Abb. 5). Durch diese Bebauung kommt es zu der länglichen Form Gronaus, bei der die Ost-West-Ausdehnung die Nord-Süd-Ausdehnung um das Vierfache überbietet (Hauff 1998, 153f).

Während des ersten Weltkriegs (1914-1918) kam es aufgrund einiger Verbote und eines immer geringer werdenden Bauwollimports zum Erliegen der Textilindustrie. Zwangsläufig kam es zur Massenarbeitslosigkeit, die zunächst hauptsächlich auf der niederländischen Seite lag, da die deutschen Arbeit-nehmer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Die Einwohnerzahl Gronaus nahm während dieser Zeit stetig ab (Hauff 1998, 154f).

Nach Ende des 1. Weltkriegs setzte durch den starken Holländischen Gulden und der aufblühenden Region Twente ein umgekehrtes Pendlertum ein. Viele Deutsche arbeiteten nun auf niederländischer Seite. Trotzdem blieben auch Niederländer in Deutschland beschäftigt und erhielten, aufgrund der Ent-wertung der Deutschen Mark, von ihrer Regierung Entschädigungen, an die sich später auch die Gronauer Unternehmen beteiligten. Trotzdem nahmen die Pendler stetig ab, wodurch in Gronau ein Beschäftigungsmangel auftrat. Aufgrund von weiteren Anwerbungen stiegen bis 1924 die Beschäftigten-zahlen auf 5.600, was daraufhin die Einwohnerzahlen bis 1925 auf 4.675 Personen steigerte. Weitere 433 einstöckige zweifamilien Arbeiterwohnungen wurden aus einer textilgemeinschaftlichen Wohnungsbaugesellschaft (Gronauer-Textil-Wohnungs-Gesellschaft GmbH) errichtet. Ab 1920 war Gronau mit einer großen Bautätigkeit gekennzeichnet. Eines der größten Projekte war die Morgenstern-Siedlung mit 200 neuen Wohnungen, die nach dem Konzept der Gartenstadtbewegung errichtet wurden. Die beiden Rauten im Osten und Westen von Gronau vergrößerten sich und kesselten immer mehr die Produktionsstätten von Mathieu und Gerrit van Delden ein. So entwickelte sich Gronau immer mehr zu einer (Mono-) Industriestadt. Dabei war die Morgenstern-Siedlung der einzige Stadtteil, der Versorgungseinrichtungen des täglichen Bedarfs besaß (Hauff 1998, 154ff).

Die Textilindustrie in Gronau verlor ab 1913 im prozentualen Anteil einzelner Textilstädte des Münsterlandes. Dennoch war Gronau die größte Textilstadt, obwohl sie auf einem recht konstanten Level blieb während andere Städte wuchsen. Aufgrund einiger Tiefpunkte (Wirtschaftskrise, Schwierigkeiten der Rohstoffversorgung, ab 1939 der 2. Weltkrieg), die die Stadt in den 1930er Jahren durchlebte, blieben weiterhin 6.500 Arbeiter (2.700 bei Gerrit und 1.400 bei Mathieu van Delden) beschäftigt. Durch die hohen Geburtenraten stieg die Einwohnerzahl auf 18.823 (1939) an, was zur Folge hatte, dass weitere Siedlungen gebaut werden mussten. Hinzu kam die Grenzlandsiedlung Freiheit (Hauff 1998, 155ff).

Wie schon während des Ersten Weltkriegs sanken die Arbeitnehmerzahlen im Zweiten Weltkrieg durch Einberufungen und Versetzungen in kriegswichtigere Industrien. 1945 kam die Produktion vollständig zum Stillstand, da es neben den Arbeitskräften auch an Rohstoffen mangelte. Bei dem schon erwähnten Luftangriff auf Gronau im Mai 1945 wurden 30% der Produktionsstätten van Deldens und Teile der Bahnanlagen in der Nähe des Stadtkerns vollständig zerstört. Die anfangs noch langsame Wiederinstandsetzung und Produktions-aufnahme verbesserte und beschleunigte sich, um dann 1950 vollständig abgeschlossen zu sein. Trotzdem blieb die Konkurrenz aus Twente nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Vormarsch und immer mehr Deutsche pendelten nach Holland, da hier die Löhne weit über denen des Münsterlandes lagen. Gronau ersetzte die fehlenden Kräfte durch 4.042 Flüchtlinge (bis 1950) und hob damit die Einwohnerzahlen auf 24.403 an (Hauff 1998, 157f).

Die extensive Urbanisierungsphase (=> Kap. 2.2.1) zeigte sich also auch in Gronau. Die Arbeiterzahlen in den fünf größten Betrieben stieg so auf 7.043 an, wobei allein 4810 Arbeitnehmer in den Betrieben der Brüder van Delden beschäftigt wurden. Nach 1950 hatte die Textilindustrie immer wieder mit Krisen wie Absatzschwierigkeiten im Ausland und verstärkte Preiskonkurrenz zu kämpfen. Trotz des Versuchs Gerrit van Delden, Verfahrens- und Produkt-innovationen in die Textilindustrie einzubringen, mussten in den Jahren 1957-1959 500 Arbeitsplätze abgeschafft werden.

In den folgenden Jahren verkauften alle Textilindustrien in Gronau große Teile ihres Wohnungsbestands. Die Einwohnerzahlen stiegen bis Ende der 1960er Jahre nur noch gering an, da durch den Beschäftigungsrückgang keine weiteren Arbeiter nach Gronau gelockt wurden. Dabei stand dem negativen Trend der Abwanderung durch Arbeitslosigkeit der positive Trend des hohen Geburtenüberschusses gegenüber. Aufgrund der Zentralitätssteigerung der Grenzstadt Enschede und die Abwanderung der jungen Bevölkerung, stand Gronau in den 60er Jahren vor dem Problem, ein neues Stadtentwicklungs-konzept zu erstellen.

Viele Probleme charakterisierten die Stadt Gronau, sodass 1965 mit der einsetzenden intensiven Urbanisierungsphase (=> Kap. 2.2.2) eine Stadter-neuerungsmaßnahme beschlossen wurde. Diese Sanierungsmaßnahmen werden im Folgenden näher erläutert (Hauff 1998, 158ff).

Die Firma um Gerrit van Delden wuchs zwischen 1965 und 1974 durch die nun greifenden Innovationen enorm an und wurde zur größten europäischen Textilindustrie. „Den Hintergrund für die konsequente Wachstumspolitik […] bildete die Unternehmensphilosophie der „Größe“, die davon ausging, dass in der Textilindustrie auf Grund steigender Lohnkosten und damit verknüpft der Notwendigkeit zur Kapitalintensivierung eine zwangsläufige Entwicklung zu größeren Unternehmenseinheiten eintreten würde“ (Hauff 1998, 160f). Gerrit van Delden übernahm von 1959 bis 1974 mehrere Textilbetriebe, die sich in Gronau niedergelassen hatten, u. a. auch die seines Bruders Mathieu. 1974 beschäftigte Gerrit van Delden 6.295 Arbeiter und erreichte 1976 einen Umsatz von 756 Millionen DM. Nachdem bereits 1977 eine neue erste Krise aufgrund eines fehlenden Arbeitsmarktes anstand, folgte 1978 eine Verschuldung, die von der nordrhein-westfälischen (85 Mio. DM) und von der niedersächsischen Regierung (20 Mio. DM) aufgefangen werden mussten. Dieses Geld wurde zur Sicherung von 3.000 Arbeitsplätzen, für die struktur-schwache Grenzregion und für die hohe wirtschaftliche Relevanz des Betriebes, aufgebracht. Damit blieb dem Betrieb nichts anderes übrig, als die Unternehmensgrundsätze zu verändern. Durch eine Produktionsumstellung verloren 400 Angestellte ihren Arbeitsplatz. Nach mehreren vergeblichen Versuchen den Betrieb vor dem Konkurs zu sichern, verloren zwischen 1980 und 1982 weitere 2.100 Personen ihren Job. Lediglich 80 Arbeitsplätze konnten aufgrund von neu gegründeten Unternehmen bestehen bleiben. Nicht nur Gronau war von dieser Insolvenz-Welle betroffen. In ganz Nordrhein-Westfalen schlossen mit der Desurbanisierungsphase (=> Kap. 2.2.3) zwischen 1980 und 1985 zahlreiche Betriebe. Für Gronau war der Moment der Firmenschließungen 1981, v. a der Schließung des van Delden-Konzerns von großer Bedeutung, da sie städtebauliche, wirtschaftliche und demografische Folgen mit sich brachten (Döhrmann 1981, 24; Hauff 1998, 160ff).

Das eklatanteste Problem nach der Schließung der Firma van Delden, war die zurückgebliebene 20 ha große Industriebrache. Sie blieb direkt im Norden an den Stadtkern anschließend bestehen. Die Bebauung des Stadtzentrums wurde vollkommen unattraktiv für den Wohn- und Einzelhandelsstandort und das Image der Stadt verschlechterte sich. Durch verschiedene Sanierungs-maßnahmen und durch die letztendliche Sanierung der Industriebrache durch die Durchführung der Landesgartenschau versuchte die Stadt Gronau, dieses Image wieder aufzupolieren und die Stadt attraktiver werden zu lassen (Hauff 1998, 164).

Mit der Schließung der Firma stiegen die Arbeitslosenzahlen, die 1983 ihren Höhepunkt erreichten. Nirgendwo in Nordrhein-Westfalen gab es vergleichbar viele arbeitslose Bürger. Die starken Einkommensverluste der Bürger zogen negative Auswirkungen für Handel und Gewerbe mit sich. So spiegelte sich dieser Verlust auch im Einzelhandel wieder. Der Imageverlust für Gronau war verheerend und auch noch bestehende Firmen nutzten diesen Missstand aus. Aufgrund der schlechten Marktlage wurden z.B. Weihnachtsgeld, Sozialab-gaben usw. gestrichen (Hauff 1998, 167f).

Ein starker Rückgang der Einwohnerzahlen wurde zwischen 1981 und 1985 verzeichnet. Dabei verließen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Vor-aussetzungen 1.860 Einwohner die Stadt. Vor allem wanderten viele im Zuge des industriellen Aufschwungs zugewanderte Ausländer in andere Städte und die Migrantenquote sank von 11,3% auf 7,5%. Zudem warben viele süddeutsche Textilbranchen um qualifizierte Facharbeiter, was dazu führte, dass viele Arbeitersiedlungen mit Leerständen zu kämpfen hatten (Hauff 1998, 166f).

Mit Unterstützung der Regierung Nordrhein-Westfalens wurden im Zeitraum der Schließung bis 1988 drei neue Industrie-/ Gewerbegebiete in Gronau und Epe umgesetzt, die 3.000 neue Arbeitsplätze schafften. Die Verluste von 7.000 Arbeitsplätzen konnten aber seit dem Zweiten Weltkrieg bis dahin nicht dezimiert werden. Trotz des Konkurses von Gerrit van Delden blieb die Textilindustrie immer noch zweitgrößter Industriezweig Gronaus. Hier wird die Vormachtstellung der Textilindustrie in Gronau bzw. die Monoindustrie Gronaus bis zur Schließung des van Delden-Konzerns nachhaltig deutlich (Hauff 1998, 170).

Die Textilindustrie, die Landwirtschaft und der Bergbau waren nach dem Zweiten Weltkrieg die bestimmenden Faktoren für den Aufschwung in Deutschland. Seit den 80er Jahren haben diese Bereiche zwar nicht voll-ständig, aber recht drastisch an Bedeutung verloren. Der Begriff Struktur-wandel gewinnt für Unternehmen dieser Branche immer mehr an Bedeutung (Dickmanns 1998, 172).

Gronau hatte zu Beginn der 1980er Jahre trotz der noch bevorstehenden Textilkrise eine Arbeitslosenquote von 10,8%. Nach der Schließung stieg diese Quote auf 18%. Viele Firmen ließen sich in Gronau nieder, wodurch die Zahl der Erwerbslosen niedriger wurde als vor der Textilkrise. Anfang der 1990er Jahre setzte sich dieser Trend fort. Vor allem der Dienstleistungssektor breitete sich immer weiter aus. Aufgrund dieser positiven Entwicklung gab es wieder viele Zuwanderungen, sodass die Einwohnerzahl Gronaus anstieg. Doch mit diesem Anstieg erhöhte sich zwangsläufig auch die Arbeitslosenquote wieder. Es zeigt sich also, dass Gronau seit der Textilkrise einen stetigen Wandel der Wirtschaftsstrukturen durchgemacht und dabei Höhen und Tiefen erlebt hat (Dickmanns 1998, 173ff).

3.3 Sanierung der Kernstadt Gronaus

Mitte der 60er Jahre begannen die Planungen der Stadt Gronau für eine Sanierung des Stadtkerns. Diese Sanierung fand, nach dem Zusammenschluss mit Epe (1975), Anfang der 80er Jahre ihren Abschluss. Dem so genannten Sanierungsplan I folgte später noch eine weitere Sanierung, der Sanierungs-plan II, der sich auf Epe bezog. Aufgrund keiner direkten Teilnahme des Stadtteils Epe an der Landesgartenschau Gronau/ Losser ist der Sanierungs-plan II für diese Arbeit nicht von Bedeutung. Auf ihn und seine Umsetzung wird daher im Folgenden nicht eingegangen.

Gronau strebte mit dem Sanierungsplan I ein neues Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungszentrum im Stadtkern an. Ziel für diesen Bereich war eine Verdichtung und die Attraktivitätssteigerung. So sollte die Kaufkraft an den Ort gebunden werden und ein Stadtkern entstehen, der zudem in der Lage ist, die zukommende erweiterte Versorgungsfunktion zu leisten. Mit Hilfe von umfangreichen Einzeluntersuchungen und Befragungen der Bevölkerung sollten dabei die Bedürfnisse der Einwohner in den Planungen berücksichtigt werden. Zudem versuchte man die Bevölkerung immer auf dem neusten Stand der Sanierungsarbeiten zu halten und diese mit in die Planungen einzubinden, um sämtlichen Interessenslagen einzelner Gruppen gerecht zu werden (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 21ff).

Das größte Problem der Altstadt war die Enge. Entwicklungs- und Erweiterungsmöglichkeiten des Stadtkerns wurden im Süden durch den großflächigen Stadtpark und im Norden durch die noch bestehende Industrie verhindert. Auch nach Westen und Osten gab es keine Erweiterungs-möglichkeiten, da hier die Arbeitersiedlungen den Stadtkern einschlossen. Städtebauliche Mängel forderten ihren Tribut einer funktionsgerechten Nutzung aufgrund der rundherum zugebauten Kernstadt. Da zudem während der beiden Weltkriege die Gronauer Altstadt, im Gegensatz zu den Industrie-anlagen, wenig zerstört wurde, kämpfte man mit einer Überalterung der Gebäude. Um das Stadtzentrum an die Gegenwart anzupassen, beschloss man in den 1960er Jahren, die Struktur des Stadtkerns zu erneuern und zu verbessern (Grabowski 1982, 19ff).

Mit der Verbesserung der Wohnfunktion sollte der Stadtkern auch intensiver genutzt werden. Das Ziel war es, die Einwohnerzahl Gronaus zu vervier-fachen. Dies konnte durch bessere Ausnutzung der Fläche und durch höhere Gebäude umgesetzt werden. Außerdem sollten die gewerblichen Flächen vergrößert werden und ein neues Warenhaus entstehen. Vor Beginn der Sanierung waren die Neustraße und die Bahnhofstraße die einzigen Träger des Einzelhandels und zudem Hauptverkehrsstraßen. Der gesamte grenzüber-schreitende Verkehr in ostwestlicher Richtung wurde bei teilweise nur 3,50 m Straßenbreite direkt durch den Altstadtkern gelenkt und machte ein ruhiges Einkaufen unmöglich. Daher war eine Verkehrsentlastung für den Kern von großer Bedeutung. Der Einzelhandel sollte im Zuge des Sanierungsplans I auf den gesamten Innenstadtbereich verteilt und vom Verkehr getrennt werden (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 21ff; Grabowski 1982, 40ff).

3.3.1 Umsetzung der Stadtsanierung

Die Sanierung des Stadtkerns zeigt sich an der vollständigen Veränderung der Siedlungsstruktur. Dabei wurden nicht nur einzelne Teile des Stadtkerns aufgewertet, sondern die gesamten 12 ha des sanierten Bereichs.

Eine Totalsanierung birgt immer das Problem einer zwangsläufigen Um-siedlung der Bewohner. In Gronau konnte dies optimal gelöst werden, da Ersatzwohnungen in unmittelbarer Nähe zum Sanierungsgebiet, direkt am Stadtpark, errichtet werden konnten. Außerdem befand sich Gronau in der komfortablen Ausgangssituation, dass über 50% (6,12 ha) der Gesamtfläche (12 ha) Stadteigentum und nicht etwa Privatbesitz waren. Diese waren zudem größtenteils unbebaut. So konnte Gronau zunächst durch die Bebauung der Freiflächen die Umsiedlung der Anwohner vorbereiten und dann mit der Umgestaltung des alten Stadtkerns beginnen. Da 90% der neu errichteten Wohnungen mit öffentlichen Mitteln gedeckt werden konnten, blieb die Belastung für die Mieter sehr niedrig und machte die Umsiedlung unproble-matisch (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 22f; Grabowski 1982, 39).

Eine weitere Schwierigkeit bei einer Totalsanierung ergibt sich neben der Umsiedlung der Bewohner durch die Besitzer von emissionsträchtigem Gewerbe. Sie mussten überzeugt werden, ihre Betriebe in außerhalb des Stadtkerns liegende Gewerbegebiete umzusiedeln. Durch die starke Unter-stützung der Stadt verlief aber auch dies recht unproblematisch. So gelang es der Stadt Gronau, sämtlichen Sanierungsbetroffenen neue Grundstücke zu-kommen zu lassen (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 51f).

Eines der großen Ziele, die die Stadt Gronau umsetzte, war der Bau eines Marktplatzes als Zentrum. In diesem Bereich bot es sich in Zukunft an, einen Wochenmarkt durchzuführen und die Fläche für verschiedene Arten von Veranstaltungen zu nutzen. Die komplette Verwaltung entstand in unmittel-barer Nähe. Das Rathaus, mit 200 Arbeitsplätzen und mehreren Sitzungs-räumen, wurde dafür neu gebaut und fasste sämtliche öffentliche Ein-richtungen zusammen. Der neu entstandene Platz (Kurt-Schumacher-Platz) im Zentrum wird von allen Seiten mit Gebäuden fest umschlossen. Mit Fuß-gängerpassagen erschloss man diesen Platz. Im Westen entstand eine über-dachte Passage, um die Attraktivität auch bei schlechtem Wetter zu erhalten. Um einen fußgängerfreundlichen Übergang zur vorherigen Hauptgeschäfts-straße Neustraße zum neuen ausgewiesenen Geschäftszentrum zu schaffen, wurde der gesamte Innenstadtbereich vom öffentlichen Verkehr befreit. Durch neu angelegte Parkplätze in Zentrumsnähe blieb dieser Bereich für die Öffentlichkeit weiterhin gut erreichbar. Eine Tiefgarage mit 200 Stellplätzen wurde unter dem Marktplatz mit direkter Anbindung an die Stadt gebaut. Weitere und ausreichende Parkplätze wurden in unmittelbarer und fußläufiger Entfernung errichtet. Mit bis zu sechsgeschossigen Gebäuden an den Haupteinkaufsstraßen wurde die Möglichkeit geschaffen, dass sich Geschäfte im Erdgeschoss und Wohnungen bzw. Anwalts-, Arztpraxen oder sonstige Büroräume in den darüber liegenden Geschossen niederlassen können. Um eine komplette Entleerung der Innenstadt nach Geschäftsschluss zu ver-hindern, wurden Wohnungen und Gewerbe im neuen Geschäftszentrum ver-mischt (Der Stadtdirektor der Stadt Gronau 1982, 23ff; Grabowski 1982, 42).

[...]


[1] Die vorliegende Arbeit wurde nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst. Es sei darauf hingewiesen, dass allenfalls in der direkten Zitierweise von diesen Regeln abgewichen wird.

Ende der Leseprobe aus 143 Seiten

Details

Titel
Stadtentwicklung durch Landesgartenschau? Das Beispiel Gronau
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
143
Katalognummer
V62042
ISBN (eBook)
9783638553643
Dateigröße
1596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtentwicklung, Landesgartenschau, Beispiel, Gronau
Arbeit zitieren
Tim Graben (Autor), 2006, Stadtentwicklung durch Landesgartenschau? Das Beispiel Gronau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62042

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