Das mittelhochdeutsche Verb "tihten": eine Wortgeschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Etymologie
2. Grundbedeutung
3.1. Verwendungsweisen von tihten im Mhd
3.1.2. Exkurs I: Der mittelalterliche Autor
3.2. Verwendungsweisen von tihtaere im Mhd
3.2.1. Exkurs II: tihtaere und meister
4. Bedeutungswandel zum Nhd
4.1. ‚verfassen, abfassen’
4.2. ‚schaffen, erdenken, aussinnen, anordnen’
4.3. weitere Bedeutungen

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Gerade als StudentIn der Germanistik wird man im Laufe seines Studiums nicht um die deutschen Dichter und Denker herumkommen. Doch so unumgänglich dieses Thema ist, desto interessanter ist es auch zu untersuchen, wie sich die Semantik des Wortes Dichter über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Schnell lässt sich in Erfahrung bringen, dass ihm das mhd. Verb tihten vorausgegangen ist und von hier aus möchten wir unsere Reise starten.

Im Laufe dieser Arbeit werde ich versuchen, meine Rolle der Studentin immer wieder mit der eines Detektivs zu tauschen. Ich möchte versuchen, dass Verb tihten bis in den kleinsten Winkel zu beleuchten, ihm eine Geschichte zu geben. Ich werde Indizien in Form von Belegstellen aus der Mittelhochdeutschen Begriffsdatenbank zusammenstellen und versuchen, aus ihnen Schlüsse bzgl. der Verwendungsweise zu ziehen. Dabei möchte ich immer wieder einen gewissen Bezug zu der Art und Weise herstellen, wie Verfasser im Mittelalter gearbeitet haben und andeutend darstellen, wie Verfasserschaft zur damaligen Zeit definiert wurde. Abschließend werde ich natürlich das Konzept von tihten mit unserem nhd. Verb dichten vergleichen. Ich werde in dieser Arbeit semasiologisch vorgehen, also von dem sprachlichen Ausdruck tihten nach der Bedeutung fragen. Manche Punkte werden hypothetisch bleiben müssen, da selbst der beste Detektiv manchmal nicht genug Indizien findet.

II. Hauptteil

1. Etymologie: Der Einfluss von dictāre, dihtjanund tīchen auf das mhd. tihten

Die Forschung sieht den Ursprung des mittelhochdeutschen Verbes tihten im lateinischen dictāre ‚wiederholt sagen, zum Nachschreiben vorsagen, diktieren’[1]. Dictare wiederrum steht in einem engen Zusammenhang mit dem ebenfalls lateinischen dicere ‚sagen’ und stellt sein Intensivum dar. Kluge u.a. sehen das ahd. dihtōn bzw. tihtōn ‚schriftlich abfassen, ersinnen’ also als Entlehnung aus dem Lateinischen an. Weddige betont die Bedeutung des Lateinischen, das durch einen intensiven Kontakt zur deutschen Sprache deren Entwicklung geprägt habe: „Zuerst während der römischen Vorherrschaft über Teile Germania, dann durch die Christianisierung und schließlich im Zusammenhang mit der Wissensaneignung der Laien bes. im Spätmittelalter“[2] habe das Lateinische eine große Wirkung auf die deutsche Sprache ausgeübt.

Soertemann hingegen vertritt eine andere These. Er stimmt zwar damit überein, dass dihtōn oder tihtōn dem lat. dictāre entsprechen, aber macht auf die Existenz des einheimischen, germanischen Wortes dihtjan ‚bilden, gestalten’ aufmerksam, das in keinem Zusammenhang zu dictāre stand. Es existieren also zwei Verben, die sowohl lautlich als auch semasiologisch ähnlich sind. Durch diese Ähnlichkeiten fallen laut Soertemann das germ. dihtjan mit dem ahd. dihtōn (als Verdeutschung von lat. dictāre) im 9. Jahrhundert zusammen. Während Soertemann die semasiologische Ähnlichkeit beider Worte betont, darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass zwei unterschiedliche Konzepte in dihtjan und dihtōn verwirklicht werden: Im germ. dihtjan dominiert die gestalterische Komponente; es kann ebenfalls ‚ordnen’ oder ‚herrichten’ bedeuten. Das ahd. dihtōn hingegen basiert auf dem Konzept der Schriftlichkeit. Es drückt aus, dass etwas niedergeschrieben wird, dass etwas ‚verfasst’ wird. Ein Verschmelzen dieser beiden Konzepte suggeriert also die Bedeutung ‚etwas aufschreiben und in eine bestimmte Ordnung bringen’.

Soertemann führt neben dem Einfluss von germ. dihtjan auch noch den Einfluss des mhd. tīchen an, das das ‚Hervorbringen von etwas’ in einem musikalischen, dichterischen oder bildnerischen Sinne ausdrückt. Es scheint also fast so, dass lat. dictāre das ahd. dihtōn in dem Maße bestimmt hat, dass es seine „Grundtätigkeit“, das ‚Aufschreiben und Verfassen von etwas’, festgelegt hat. Das germanische dihtjan und das mhd. tīchen hingegen modifizieren es dahingehend, dass sie bestimmen, wie (‚geordnet’) bzw. was (‚etwas Dichterisches, Musikalisches’ etc.) aufgeschrieben wird. Damit relativiert Soertemann die Bedeutung des lat. dictāre und wertet den Einfluss von germ. dihtjan und mhd. tīchen auf.

Weicht man einmal kurz von der semasiologischen Methode ab und schlägt in einem lateinisch-deutschen Wörterbuch[3] nach, wird deutlich, dass das vom Lateinischen abgeleitete diht ōn in der Tat zunächst eine ausschließlich schreibende Tätigkeit auszudrücken scheint. Vom Dichten im Sinne von ‚erfinden’ oder ‚schaffen von Literatur’ kann noch keine Rede sein; dafür gibt es im Lateinischen weitaus passendere Ausdrücke wie pangere ‚als Dichter verfertigen’ oder condere und componere. Hätte man damals also schon unser heutiges Verständnis von Dichten ausdrücken wollen, hätte man sicherlich ein anderes Wort als dictāre entlehnt.

Das mhd. tihten ist im 12. Jahrhundert fest im deutschen Wortschatz etabliert, was man an den reichlich belegten Präfixbildungen wie betihten oder voltihten erkennen kann. Das verfasste Werk wird getiht genannt und der Verfasser wird durch das nomen agentis tihtære bezeichnet. Die Bedeutungen und Verwendungsweisen von tihten werden im Abschnitt 3.1 näher erläutert und analysiert.

2. Grundbedeutung: ‚schriftlich gestalten und hervorbringen’

Meiner Meinung nach ist die Grundbedeutung von tihten ‚schriftlich hervorbringen’. Die schriftliche Komponente basiert auf lat. dictāre, das immer ein ‚Niederschreiben’ impliziert. Sie lässt sich ebenfalls mit dem ahd. dihtjan ‚bilden’ vereinbaren, da diese Verschriftlichung stets den Endpunkt von tihten, also etwas ‚Gebildetes’ oder etwas ‚Hergerichtetes’, darstellt. Die Komponente des ‚Hervorbringens’ steckt in dem Wort, das mhd. tīchen lautet und welches dihtjan sehr nahe stand. Interessant ist auch Soertemanns Beobachtung, dass der Wortstamm von tihten sehr nah mit dem lat. Verb fingere verbunden ist, was wiederum ‚gestalten, darstellen’ heißt.[4] Hier fällt natürlich die große Nähe zu tīchen auf, das ebenfalls ‚gestalten’ bedeuten kann. Um dieser Bedeutungsnuance einen Platz einzuräumen, könnte man deshalb die Grundbedeutung von tihten als ‚schriftlich gestalten und hervorbringen’ definieren.

3.1 Verwendungsweisen von im Mhd.

Zwar ist es eine durchaus interessantes Feld, zu erforschen, woher das Wort tihten stammt, aber mindestens genauso spannend scheint die Aufgabe, die Verwendungsweisen des Verbes zu untersuchen. Denn in der Tat gibt es keine Eins-zu-Eins-Übersetzung, sondern ein breites Spektrum von Übersetzungsmöglichkeiten und –varianten. Um die Verwendungsweisen eines mittelhochdeutschen Wortes zu untersuchen, bietet die Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank ein reichhaltiges Archiv an mittelhochdeutschen Texten. Da es nicht genügt, ein Wort isoliert zu betrachten, bildet die Begriffsdatenbank eine optimale Basis, bestimmte Wörter in ihrem Kontext zu betrachten und zu untersuchen.

Insgesamt findet sich das Wort tihten 285 Mal in dem Archiv wieder. Um Überblick über die doch beachtliche Anzahl zu behalten, habe ich das Verb zunächst jeweils im Kontext seiner Verszeile betrachtet. Dabei stellte sich bereits schnell heraus, welche Substantive häufig als Akkusativobjekte zu tihten fungieren oder welche anderen Verben gerne mit tihten kombiniert werden; doch dazu später mehr. Als nächsten Schritt habe ich unter Berücksichtigung dreier Verszeilen vor und nach dem Lemma tihten versucht, die semantischen Unterschiede des Verbes in größere Kategorien einzuteilen. Natürlich nehme ich dabei nicht in Anspruch, tatsächlich alle 285 Beispiele berücksichtigt zu haben, aber gewisse Tendenzen lassen sich wohl dennoch ablesen, was die Häufigkeit der jeweiligen Verwendungsweise angeht. Das Hauptaugenmerk soll dabei vor allen Dingen auf die breitgefächerten Verwendungsweisen von tihten gelegt werden und nicht darauf, dass tatsächlich jedes existierende Textbeispiel von tihten tatsächlich einer Kategorie zugeordnet wird.

[...]


[1] Georges, Karl Ernst, Ausführliches latein-deutsches Handwörterbuch, 11. Auflage, 1. Band, Hannover 1962, hier S. 2189.

[2] Weddige, Hilkert, Mittelhochdeutsch: eine Einführung, München 1996, hier S. 89f.

[3] Georges, Karl Ernst, Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch, Neunte Auflage, Darmstadt 1969, S. 368.

[4] Soertemann, C., „Dichten, Dichter, Dichtung. Die Geschichte eines Wortstammes“, in: Festgabe für L.L. Hammerich, aus Anlass seines siebzigsten Geburtstags, Kopenhagen 1962, S. 271-280, hier S. 275f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das mittelhochdeutsche Verb "tihten": eine Wortgeschichte
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V62224
ISBN (eBook)
9783638555036
ISBN (Buch)
9783638668477
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verb, Wortgeschichte
Arbeit zitieren
Maren Volkmann (Autor), 2005, Das mittelhochdeutsche Verb "tihten": eine Wortgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62224

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