Die politische Kultur Russlands. Eine Untersuchung anhand des Konzepts von Almond und Verba


Seminararbeit, 2004
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Politische Kultur Russlands. Eine Untersuchung anhand des Konzepts von Almond und Verba
2.1 Theoretische Vorgehensweise
2.1.1 Annäherung an den Begriff „Politische Kultur“
2.1.2 Das Konzept von Almond und Verba
2.1.3 Politische Kultur innerhalb der Konsolidierungsdebatte
2.2 Anwendung des Konzepts anhand der vier Objekte politischer Orientierung
2.2.1 Politisches System im Allgemeinen
2.2.2 Input-Objekte
2.2.3 Output-Objekte
2.2.4 Selbst als politischer Akteur
2.3 Zusammenfassung und Deutung der Ergebnisse
2.3.1 Typologische Einordnung
2.3.2 Bedeutung für die Konsolidierung Russlands

3 Fazit

4 Literaturangabe

1 Einleitung

Nur wenige Tage nach dem blutigen Geiseldrama in einer Schule im nordossetischen Beslan kündigte Präsident Putin grundlegende Reformen des politischen Systems an. Was vorgelblich dazu dienen soll, den Staat im Kampf gegen den Terrorismus zu stärken wurde von verschiedensten Kritikern weltweit als Versuch gewertet, die letzten Reste eines politischen Pluralismus und demokratischen Wettbewerbs zu tilgen.[1] Fast zeitgleich wurde bekannt, dass die russische Menschenrechtsgruppe Memorial mit einem alternativen Nobelpreis geehrt wurde. Zur Begründung hieß es: „Wir haben die jüngsten Grausamkeiten in Beslan als einen Grund gesehen, warum es wichtig ist, eine solche Organisation auszuzeichnen“[2]. 1988 in Moskau gegründet, um die Schrecken der Arbeitslager unter Stalin zu dokumentieren, kümmert sich diese Organisation heute in erster Linie um die Angehörigen der Opfer der Gulags und half auch in Tschetschenien vor Ort.

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, herauszufinden, ob diese Organisation als Beispiel für eine Zivilkultur in Russland gelten kann, die sich in einer politischen Aktivität großer Teile der Bevölkerung äußert, oder ob mangels staatsbürgerlichem Bewusstsein des Einzelnen, die Regierenden als nahezu einzige politische Akteure auftreten. Die politische Kultur Russlands soll also in der Weise untersucht werden, dass versucht wird herauszufinden, ob es politische Kräfte gibt, die sich der Abkehr von bereits vorhandenen demokratischen Prinzipien entgegenstellt bzw. die den „bestehenden Trend zur ‚gelenkten Oligarchie’“[3] hemmt.

Als Analysemodell der politischen Kultur Russlands soll dabei das Konzept Almond/Verbas dienen wonach es mit der Parochialkultur, der Untertanenkultur und der Partizipationskultur drei Formen politischer Kultur gibt. Das Konzept wird im Folgenden, nachdem der Begriff ‚politische Kultur’ eingeführt wurde, dargestellt. Auch soll die Bedeutung der politischen Kultur innerhalb der Konsolidierungsdebatte beleuchtet werden. In einem weiteren Schritt wird die politische Kultur Russlands anhand des Konzepts von Amond/Verba untersucht, um dann letztendlich zu einer typologischen Einordnung zu gelangen und Konsequenzen für die Konsolidierung Russlands ziehen zu können.

Da ein Großteil der Literatur zur politischen Kultur Russlands noch aus den neunziger Jahren stammt und demzufolge die derzeitige Situation unter Präsident Putin nicht beinhaltet, wurde ein Großteil der statistischen Angaben den Veröffentlichungen der Forschungsstelle Osteuropa im Internet entnommen. Auf ältere Angaben wird zurückgegriffen um Bezüge zur momentanen Lage herstellen zu können.

Zunächst wird aber die theoretische Vorgehensweise dargestellt.

2 Die Politische Kultur Russlands. Eine Untersuchung anhand des Konzepts von Almond und Verba.

2.1 Theoretische Vorgehensweise

Das Konzept der Politischen Kultur als systematischen Forschungsansatz gibt es seit den 50er Jahren. Motiviert durch die vorangegangenen historischen Erfahrungen, versteht sich das Konzept als Antwort der Politikwissenschaft auf die durch diese Erfahrungen neu aufgeworfenen Fragen der politischen Welt des 20. Jahrhunderts. Im Folgenden soll nun, bevor das Konzept Almonds und Verbas dargestellt wird, der Versuch einer Begriffsbestimmung geleistet werden.

2.1.1 Annäherung an den Begriff „Politische Kultur“

In der Politikwissenschaft hat sich Floskel der Politischen Kultur als ‚Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln’ durchgesetzt. Kaase führte diesen Ausdruck in die Wissenschaft ein, indem er ihn einem Hauptseminarreferat von W. Walter entnahm und zum Untertitel seines Aufsatzes über das Konzept der Politischen Kultur machte.[4]

Das Ehepaar Greiffenhagen definiert in seinem Handbuch zur politischen Kultur den Begriff folgendermaßen:

„Politische Kultur (pK) bezeichnet die subjektive Dimension der Politik im Sinne des Verteilungsmusters aller Orientierungen einer Bevölkerung gegenüber dem politischen System. Zur politischen Orientierung zählen Meinungen, Einstellungen und Werthaltungen“[5]

Entwickelt wurde das Konzept mit dem Ziel, ein analytisches Kriterium zu erhalten, mit dessen Hilfe vergleichende Schlussforderungen hinsichtlich der subjektiven Struktur verschiedener politischer Systeme gezogen werden können.

Das bedeutet, dass der Vergleich einerseits den wichtigsten Impuls der Politischen Kulturforschung darstellt und andererseits eine ihrer wichtigsten Methoden liefert. Verglichen werden sowohl verschiedenen Phasen in der Geschichte eines Volkes, als auch verschiedene nationale Kulturen.[6]

Ein weiteres bedeutendes Element des Begriffs ist die Subjektivität. Sämtliche Faktoren, die die Politische Kultur einer bestimmten Gesellschaft ausmachen entstammen dem subjektiven Bereich. Dabei bestimmen aber nicht die politischen Orientierungen des einzelnen, also dessen persönliche Werte, Einstellungen und Meinungen, sondern die Summe aller im Kollektiv vorhandenen Vorstellungen die politische Kultur einer Gesellschaft.

2.1.2 Das Konzept von Almond und Verba

Von Almond und Verba, die für ihre Studie ‚The Civic Culture’ das Konzept der Politischen Kultur systematisch entfalteten, stammt eine Typisierung der bereits angesprochenen politischen Orientierungen. Sie unterscheiden dabei zwischen Orientierungen kognitiver Art, also dem Wissen über das Funktionieren des politischen Systems, affektiver Art, d.h. der emotionalen Bindung an das System und Orientierungen evaluativer Art, womit die Bewertungen von politischen Objekten gemeint sind.[7] Diese Orientierungen beziehen sich auf vier Aspekte des politischen Systems. Das ist zum einen das System im Allgemeinen. Dabei fragen Almond/Verba in bezüglich der politischen Orientierung eines Individuums:

„What knowledge does he have of his nation and of his political system in general terms, its history, size, location, power, „constitutional“ characteristics, and the like? What are his feelings toward these systemic characteristics? What are his more or les considered opinions and judgements of them?”[8]

Die zweite Dimension bezieht sich auf die Input-Objekte, und damit auf die Frage:

„What knowledge does he have of the structures and roles, the various political elites, and the policy proposals that are involved in the upward flow of policy making? What are his feelings and opinions about these structures, leaders, and policy proposals?”[9]

Bei der Output-Dimension geht es ihnen um die Frage:

„What knowledge does he have of the downward flow of policy enforcement, the structures, individuals, and decisions involved in these processes? What are his feelings and opinions of them?”[10]

Und schließlich gibt es als vierte Dimension das Selbst als politischen Akteur. Hier fragen sie:

„How does he perceive of himself as a member of his political system? What knowledge does he have of his rights, powers, obligations, and of strategies of access to influence? How does he feel about capabilities? What norms of participation or of performance does he acknowledge and employ in formulating political judgements, or in arriving at opinions?”[11]

Aus der Kombination der Orientierungen auf der einen Seite und den vier Aspekten des politischen Systems auf der anderen Seite kommen Almond und Verba zu drei Typen der Politischen Kultur: Der Parochialkultur, der Untertanenkultur sowie der Partizipationskultur. Erstere ist durch das „weitgehende Fehlen von Orientierungen jeglicher Art gegenüber allen Objekten des politischen Systems gekennzeichnet“[12]. Bezüglich der Untertanenkultur oder subject political culture schreiben Almond/Verba:

„Here there is a high frequency of orientations toward a differentiated political system and toward the output aspects of the system, but orientations toward specifically input objects, and toward the self as an active participant, approach zero.”[13]

In der Partizipationskultur schließlich sind politische Orientierungen voll ausdifferenziert und umfassen auch eigene Partizipationsmöglichkeiten.[14]

Den für die Stabilität einer modernen Demokratie am funktionalsten Typ der Politischen Kultur sahen die beiden aber nicht in eben dieser Partizipationskultur, sondern in der von ihnen bezeichneten ‚Civic Culture’, einem Mischtyp, den weder sie noch ihre Nachfolger je genauer beschreiben haben.[15]

2.1.3 Politische Kultur innerhalb der Konsolidierungsdebatte

Wie einführend bereits hingewiesen, etablierte sich das Forschungsfeld „Politische Kultur“ in den 50er Jahren. Bereits kurz vor und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg ging es den meisten, wenn nicht allen Sozial- und Politikwissenschaftlern um die Frage:

„Why did democracy survive in Britain an the United States, and why did it collapse on the European continent?“[16]

Tatsächlich bezog sich dieses Problem aber nicht nur auf die Transformation der modernen nichtdemokratischen Staaten Kontinentaleuropas, sondern auch auf die vormodernen, nichtdemokratischen Länder der Dritten Welt, weshalb eine kombinierte Fragestellung aus Demokratie- und Modernisierungstheorie entstand, mit der Zielsetzung, herauszufinden „wie sich in diesen Ländern stabile politische Systeme installieren ließen“[17].

Während die politische Kulturforschung dann in den 80er Jahren ihren Höhepunkt schon hinter sich zu haben schien, erfuhr diese politikwissenschaftlich Subdisziplin in den 90er Jahren, gerade auch im Bezug auf die Transformationsprozesse in den postkommunistischen Staaten des ehemaligen Ostblocks eine Renaissance. Pye hält dazu fest:

„Politische Kultur war damals wie heute der kritische Faktor für das Verständnis der Wandlungsprozesse. So wie sich seinerseits in der Erforschung der Nation Building- Prozesse Kulturanalysen als unabdingbar erwiesen, erfordert auch heute die Erforschung der Trans-formationsprozesse einen dezidierten Blick auf die Kultur.“[18]

Dabei ist sich die Wissenschaft einig, dass die Unterstützung des neuen Politischen Systems durch die Mehrheit der Bürger eine unverzichtbare Voraussetzung für die Konsolidierung der Demokratie in postsozialistischen Gesellschaften bildet.

[...]


[1] Vgl.: Mommsen, M.: Kalter Staatsstreich. S. 11

[2] Uexküll, J. zitiert in: Süddeutsche Zeitung, Jg. 60, Nr. 219, 21.09.2004: „Im Dienst der Ausgebeuteten“. S. 8

[3] Mommsen, M.: Kalter Staatsstreich. S.11

[4] Vgl.: Kaase, M.: Sinn oder Unsinn der Konzepts „Politische Kultur“…. S. 144, sowie Gabriel, O.W.: Politische Kultur aus Sicht der empirischen Sozialforschung. S. 23

[5] Greiffenhagen, M./Greiffenhagen, S.: Politische Kultur. S. 387

[6] Vgl.: Ebd. S. 389

[7] Vgl.: Almond, G. A./Verba, S.: The Civic Culture. S. 14f

[8] Ebd. S. 16f

[9] Ebd. S. 17

[10] Ebd. S. 17

[11] Ebd. S. 17

[12] Westle, B.: Politische Kultur. S. 321

[13] Almond, G. A./Verba, S.: The Civic Culture. S. 19

[14] Vgl.: Ebd. S. 19

[15] Vgl.: Greiffenhagen, M./Greiffenhagen, S.: Politische Kultur. S. 392f

[16] Almond, G. A.: The Itellectual History of the Civic Culture Concept. S. 22

[17] Hildebrandt, M.: Politische Kultur und Zivilreligion. S. 13

[18] Pye, L. W.: Kultur als Schicksal. S. 5

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die politische Kultur Russlands. Eine Untersuchung anhand des Konzepts von Almond und Verba
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs: Einführung in die politischen Systeme Mittel- & Osteuropas
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V62263
ISBN (eBook)
9783638555357
ISBN (Buch)
9783656794257
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultur, Russlands, Grundkurs, Einführung, Systeme, Mittel-, Osteuropas, politische Kultur
Arbeit zitieren
Verena Stockmair (Autor), 2004, Die politische Kultur Russlands. Eine Untersuchung anhand des Konzepts von Almond und Verba, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62263

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