Periodische Presse und Aufklärung - Die Entwicklung von Zeitung, Zeitschrift und Intelligenzblatt im 18. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufklärung und Kommunikation

3. Die Entwicklung der periodischen Presse
3.1 Die Zeitung
3.2 Die Zeitschrift
3.3 Das Intelligenzblatt

4. Voraussetzungen für die Presseentwicklung
4.1 Etablierung der deutschen Volkssprache
4.2 Alphabetisierung
4.3 Leserevolution
4.4 Bildung als Faktor des sozialen Aufstiegs

5. Resümee

6. Literatur

1. Einleitung

Das 18. Jahrhundert ist geprägt von Umbrüchen: es ist das Jahrhundert der großen politischen Krisen und Revolutionen, die die letzten unbeschwerten Jahre des Absolutismus in Europa einläuten. Es ist ebenso das Jahrhundert, in dem die starre Ständeordnung durchlässig und zunehmend brüchig wurde und so den Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft möglich macht. Ebenso wie die letzten Ausläufer des Barock beherbergt das 18. Jahrhundert Schiller und Goethe und mit ihnen die Hochzeit der deutschen Klassik. Und nicht zuletzt bildet es den zeitlichen Rahmen für die Bewegung der Aufklärung, die das 18. Jahrhundert entscheidend bestimmt hat und bis in unsere Gegenwart nachwirkt. Das 18. Jahrhundert kann kaum losgelöst von der Aufklärungsbewegung betrachtet werden: denn auch wenn die Aufklärung beinahe ausschließlich von gebildeten bürgerlichen Eliten getragen wurde, so löste sie doch Wandlungsprozesse aus, die sich auf die ganze Gesellschaft auswirkten.

Es ist aber auch das Jahrhundert, in dem sich für unsere heutige Presselandschaft entscheidende Entwicklungen vollzogen haben. Durch den sich beschleunigenden Übergang von der mündlich vermittelten zur schriftlich fixierten und in Form der Medien institutionalisierten Öffentlichkeit wurden die traditionellen Formen der Informationsvermittlung nicht völlig abgelöst, aber doch zunehmend in den Hintergrund gedrängt. „In allen sozialen Lebensbereichen und Räumen wurde personale Interaktion in zunehmendem Maße durch schriftliche Kommunikation ersetzt.“[1] beschreibt Jürgen Wilke diesen Prozess. Und Ernst Fischer sieht im 18. Jahrhundert „…erstmals ein allgemeines Bewusstsein von der Macht und der gesellschaftsverändernden Wirkung von Medien…“[2] verwirklicht.

Die Hausarbeit möchte die wechselseitige Wirkung von periodischer Presse und Aufklärung aufeinander herausarbeiten und stellt sich dazu folgende Fragen: Welche generellen Tendenzen lassen sich in der Entwicklung der periodischen Presse im 18. Jahrhundert feststellen? Auf welche Bedürfnisse des Publikums geht die periodische Presse des 18. Jahrhunderts ein? In welchem Kontext steht die Entwicklung der periodischen Presse zur Aufklärungsbewegung?

Diese Fragen sollen anhand der drei wichtigsten Gattungen dieser Epoche, Zeitung, Zeitschrift und Intelligenzblatt, behandelt werden.

Die Literatur zur Entwicklung der Presse ist sehr umfangreich, wird aber noch übertroffen von der Auswahl, die zur Aufklärung zur Verfügung steht. Es konnte daher nur ein kleiner Teil für die Hausarbeit berücksichtigt und ins Literaturverzeichnis aufgenommen werden.

2. Aufklärung und Kommunikation

Nach Jürgen Habermas entstand im 18. Jahrhundert, begünstigt durch ein steigendes Bildungsniveau, den Ausbau der Verwaltungsapparate und dem damit verbundenen sozialen Aufstieg bürgerlicher Eliten, die Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit, welche sich über „das öffentliche Räsonnement“ mit politischen Fragen auseinandersetzte.[3] Dieses gebildete, argumentierfähige und an gesellschaftlichen Problemen und politischen Fragestellungen interessierte Bürgertum ließ das 18. Jahrhundert zum Zeitalter der Aufklärung werden. Dabei nahmen die Medien eine wichtige Rolle ein. Die über ganz Europa verstreuten Vordenker der Aufklärungsbewegung trugen ihre Diskurse hauptsächlich in den rasant an Bedeutung gewinnenden Zeitschriften aus. Auch der persönliche Briefwechsel wurde intensiv gepflegt. Wie Hans Erich Bödeker überzeugend dargestellt hat, verstand sich die Aufklärung als Kommunikationsprozess.[4] Vor allem im öffentlichen Austausch von Ideen wird Aufklärung wirksam. Dies begründet sich damit, dass der Leitbegriff der Aufklärung, die Vernunft, nicht als festes Wissen, sondern als eine bestimmte Erkenntnisweise verstanden wird. Diese kann aber nur im intellektuellen Austausch mit anderen wirksam werden. Vernunft ist also ein Prozess, der der Interaktion bedarf. Da die Aufklärung hauptsächlich von den bürgerlichen Bildungseliten in ganz Europa getragen wurde, bedurfte es der Vermittlung von Medien zum Ideenaustausch.

Auch beim Bildungsbegriff der Aufklärung hat Kommunikation eine wichtige Funktion. Bildung galt nur dann als sinnvoll, wenn sie zum Nutzen des Gemeinwohls, ebenfalls ein Leitbegriff der Aufklärung, eingesetzt werden konnte. Wissen sollte nicht Selbstzweck sein, sondern zum Wohl der ganzen Gesellschaft beitragen. Nicht der einsam in seiner Stube studierende, hochspezialisierte Gelehrte, sondern der aktiv am Gesellschaftsleben teilnehmende und auf vielen Gebieten gebildete Bürger wurde zum Idealtypus. Aufklärung sollte kein interner, innerhalb der aufgeklärten Schichten stattfindender Vorgang sein, sondern die ganze Gesellschaft einbeziehen. Um Wissen aber publik zu machen, bedarf es der medialen Öffentlichkeit. „Aufklärung“, so formulierte Bödeker, „erforderte vor allem die Verbreitung von Meinungen und Ideen.“[5]

Kommunikation und Öffentlichkeit sind also Grundvoraussetzungen dafür, dass Aufklärung stattfinden kann. Medien, und speziell die der periodische Presse, trugen entscheidend zum Entstehen eines überterritorialen, über Ländergrenzen hinweg gehenden Diskurses der Aufklärer untereinander wie auch zur Verbreitung der Ideen der Aufklärung überhaupt bei. Inwiefern dies zu Strukturveränderungen der Presse geführt hat, wird im Folgenden zu untersuchen sein.

3. Die Entwicklung der periodischen Presse

In der Presseentwicklung des 18. Jahrhunderts sind vor allem zwei Tendenzen bestimmend: die qualitative und quantitative Ausweitung sowie die typologische Ausdifferenzierung der Presse. Während also Titelzahl, Auflagenhöhe, Umfang, Häufigkeit des Erscheinens, regionale Dichte und Reichweite stark anstiegen, differenzierten sich vor allem die Zeitschriften in die verschiedensten Wissensgebiete aus. Das Intelligenzblatt kam als neue Gattung hinzu. Als wichtigste Pressetypen soll hier kurz auf die Entwicklung von Zeitung, Zeitschrift und Intelligenzblatt im 18. Jahrhundert eingegangen werden.

3.1 Die Zeitung

Nach Wilke stieg die Zahl der Zeitungen, wenn auch nicht kontinuierlich, von ca. 50 Titeln im Jahr 1700 auf über 200 im Jahr 1795.[6] Diese Steigerung erfuhr eine besondere Dynamik während der großen politischen Krisen des Jahrhunderts, dem Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763, dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776 bis 1783 und der Französischen Revolution 1789. In dieser Zeit war das Bedürfnis nach aktuellen Informationen besonders groß, und das Angebot stieg mit der Nachfrage. Ebenfalls lässt sich feststellen, dass die regionale Zeitungsdichte stark zunahm. In vielen kleineren Städten erschienen nun eigene Zeitungen, in den Zentren der deutschen Zeitungsproduktion – unter anderem Hamburg, Berlin, Köln und Nürnberg – konnten durchaus mehrere Zeitungen existieren. Sie umfassten meist 4 Seiten im Quartformat und erschienen in den größeren Städten drei- bis viermal wöchentlich, in den kleineren Orten ein- bis zweimal wöchentlich. Ein wichtiger Grund für die steigende Verbreitung von Zeitungen war der Preis: ein Abonnement wurde zunehmend finanzierbarer. So konnten durch gesteigerte Auflagen und das Abdrucken von Anzeigen die Preise gesenkt wurden.

Inhaltlich dominierte in den meisten Zeitungen die politische Berichterstattung.[7] Besonders während politischer Krisen erreichte sie einen Anteil von bis zu 75% an der Gesamtbericherstattung. Dabei ist hervorzuheben, dass der Anteil an lokalen Nachrichten bei unter 1 Prozent liegt. Es überwogen internationale Nachrichten, gefolgt von solchen, die sich auf das Deutsche Reich bezogen. Dieses Ungleichgewicht ist zum einen der mündlichen Verbreitung von lokalen Nachrichten als auch der zum Teil strengen inländischen Zensur geschuldet, die Berichterstattung über den eigenen Landesherren, insbesondere solche, die für diesen nachteilig war, ablehnte. In politisch weniger bedeutenden Jahren wurde die Berichterstattung vor allem bestimmt durch Gesellschaftsnachrichten, Sensationsmeldungen und, nachgeordnet, Wirtschaft.

Mit der stetigen Zunahme an Zeitungstiteln erhöhte sich der Druck auf die Verleger, ihr Blatt von anderen Titeln abzugrenzen. So differenzierten sich neue Zeitungstypen heraus, die sich verstärkt auf Unterhaltung des Publikums bzw. auf untere und bäuerliche Schichten konzentrierten. Ein Beispiel für diese neue inhaltliche Ausrichtung ist die „Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insonderheit für die lieben Landleute“, die der Pfarrer Hermann Werner Dietrich Braess ab 1786 in Wolfenbüttel herausgab. Braess wollte auch den unteren, kaum oder gar nicht gebildeten Schichten Zugang zu aktuellen Informationen verschaffen und half beim Verständnis mit Erläuterungen und abgedruckten Landkarten.

Darüber hinaus änderte sich das Selbstverständnis der Verleger und Zeitungsschreiber hin zu einer selbstbewussteren, auf mehr Einfluss bei der Gestaltung des Blattes bestehenden Position. Enthielten die Zeitungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts größtenteils neutrale und unkommentierte Nachrichten, wurden sie im Verlauf der weiteren Entwicklung mit Kommentaren und persönlichen Einschätzungen versehen. Das dies oft zu Konfrontationen mit den staatlichen Zensurbehörden führte, insbesondere bei regierungskritischen Kommentaren, zeigt das Beispiel von Christian Friedrich Daniel Schubart, der ab 1773 die kommentierende Zeitung „Deutsche Chronik“ herausgab und für seine kritischen Beiträge für zehn Jahre in Württemberg inhaftiert wurde.

Neben typologischer Ausdifferenzierung und zunehmender Kommentierung verbreiterte sich auch das Spektrum der verwendeten literarischen Gattungen: so fanden Fabeln, Gedichte, Anekdoten und Dialoge Verwendung in vielen Blättern.

Im Vergleich zum 17. Jahrhundert stellt Wilke eine Ausweitung der Rezipienten um ca. das Zehnfache fest.[8] Bei einer annähernden Titelanzahl von 200 Stück zum Ende des 18. Jahrhunderts nimmt er eine geschätzte wöchentliche Gesamtauflage von 300 000 Stück an, die über Wirtshäuser, Lesegesellschaften, Gemeinschaftsabonnements, Pfarrer und Schulmeister ca. 3 Millionen Leser erreicht haben dürften. Dabei ist das Interesse an Zeitungslektüre keineswegs auf die Oberschichten beschränkt: schon im 17. Jahrhundert war das Zeitung lesen bzw. Vorlesen auch bei der ländlichen Bevölkerung verbreitet.[9] Ende des 17. Jhds. zog sich das Interesse an Zeitungslektüre durch alle Schichten, mit Ausnahme des absolut ärmsten Teils der Bevölkerung. Ort der Lektüre war im 18. Jahrhundert das städtische Kaffeehaus, in dem sich gebildetes Bürgertum und in Residenzstädten teilweise auch der Hofadel zur Lektüre einfanden. In einfachen Gasthäusern trafen sich die unteren Schichten zur Zeitungslektüre. Aber auch auf dem Land war das Zeitung lesen beliebter den je: oft hielt der Pfarrer oder der Dorfschulmeister ein Abonnement und las wöchentlich im Wirtshaus daraus vor.[10] Andreas Gestrich schreibt zur Entwicklung der Zeitung im 18. Jahrhundert: „Noch nie zuvor jedenfalls hatten so viele Leser oder Hörer so billig so viele regelmäßige Informationen über so viele Ereignisse und Länder erhalten.“[11]

[...]


[1] Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. S. 154.

[2] Fischer; Haefs; Mix: Von Almanach bis Zeitung. S. 9.

[3] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. S. 86. Habermas These vom Übergang von der „repräsentativen“ Öffentlichkeit zur „bürgerlichen“ Öffentlichkeit ist umstritten, soll hier aber nicht näher thematisiert werden.

[4] Bödeker, Hans Erich: Aufklärung als Kommunikationsprozeß.

[5] Bödeker, Hans Erich: Aufklärung als Kommunikationsprozeß. S. 94.

[6] Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. S. 79.

[7] Vgl. dazu die Tabelle bei Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. S. 85. Wilke vergleicht hier den Inhalt des „Hamburgischen unpartheyischen Coresspondenten“, des „Relations Courier“, der „Berlinischen Privilegirten Zeitung“ und weiterer Blätter.

[8] Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. S. 93.

[9] Welke, Martin: Gemeinsame Lektüre und frühe Formen von Gruppenbildungen im 17. und 18. Jahrhundert: Zeitungslesen in Deutschland. S. 36.

[10] Diese Art der ländlichen Zeitungslektüre ist bereits für das 17. Jahrhundert belegt. Vgl. dazu Gestrich, Andreas: Absolutismus und Öffentlichkeit. S. 131.

[11] Gestrich, Andreas: Absolutismus und Öffentlichkeit. S. 177.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Periodische Presse und Aufklärung - Die Entwicklung von Zeitung, Zeitschrift und Intelligenzblatt im 18. Jahrhundert
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte der periodischen Presse
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V62344
ISBN (eBook)
9783638556057
ISBN (Buch)
9783640330546
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Periodische, Presse, Aufklärung, Entwicklung, Zeitung, Zeitschrift, Intelligenzblatt, Jahrhundert, Geschichte
Arbeit zitieren
Anja Riedeberger (Autor), 2006, Periodische Presse und Aufklärung - Die Entwicklung von Zeitung, Zeitschrift und Intelligenzblatt im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62344

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