Der Mann in der Menge - Filmische Paranoia als dialektisches Trauma


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung – Paranoia als amerikanisches Trauma?

2 Der Einzelne vs. die Masse
2.1 Die Figur des Karl Koch in Hans-Christian Schmids
2.2 Die Masse als Bedrohung der individuellen Freiheit

3 Freiheit, Ordnung und die Dialektik der Aufklärung
3.1 Pi – Die Suche nach der Ordnung im Chaos

4 Schlussbetrachtung – Paranoia als postmodernes Trauma

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung - Paranoia als amerikanisches Trauma?

Paranoia bezeichnet streng genommen jede Form einer Wahnerkrankung. Das Wort leitet sich her von den griechischen Wörtern para = neben und nous = Verstand, bedeutet also so etwas wie "neben dem Verstand seiend". Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff jedoch längst synonym mit einer speziellen Form des Wahns, dem Verfolgungswahn. Diese Konnotation scheint zunächst eindeutig amerikanisch geprägt. Zwar waren es im 19. Jahrhundert deutsche Psychiater wie Karl Ludwig Kahlbaum und Emil Kraeplin und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann prominente Figuren wie Sigmund Freud und Heinrich Schulte, die sich mit dem medizinischen Phänomen beschäftigten, doch hat sich der Begriff der Paranoia mittlerweile längst aus seinem medizinischen Kontext gelöst und wird soziologisch, politisch und kulturell verwendet – und dies besonders im amerikanischen Raum. So sind es heute gerade die amerikanischen conspiracy thrillers, also politische Verschwörungsfilme, die den Begriff der Paranoia in das zeitgenössische kulturelle Gedächtnis eingebrannt haben. Dieser Umstand hat seine Ursprünge in der speziellen amerikanischen Kultur und Geschichte, wie Gerárd Naziri zeigt:

Robert Alan Goldberg bemüht sich darum zu verdeutlichen, daß der paranoide Stil nicht als krankhafte Störung begriffen werden darf, (...) sondern erklärt das Phänomen betont aus seinen historischen, sozialen und politischen Zusammenhängen. (...) Das conspiracy thinking, so der von Goldberg verwendete Begriff, habe in der amerikanischen Kultur Tradition. Bereits die ersten Kolonialisten begegneten ihren Nachbarn mit Mißtrauen und vermuteten geheime Pläne gegen sich. Das Reservoir möglicher Konspiranten erweiterte sich mit jedem weiteren Immigranten.[1]

Doch nicht nur die Ausgangssituation der amerikanischen Nation, sondern auch der Verlauf ihrer Geschichte, speziell im 20. Jahrhundert, bietet eine Erklärung für den amerikanischen Hang zur Paranoia. Naziri

veranschaulicht, wie das nationale Selbstverständnis allmählich deutliche Risse bekam und der Glaube in die eigenen fundamentalen Institutionen schließlich gebrochen wurde. Ein ungeklärter Präsidentenmord, ein Krieg, der eine Kluft zwischen dem hohen moralischen Anspruch und den tatsächlichen Handlungen westlicher Selbstgerechtigkeit riß, ein Präsident, der die konstituierenden Grundrechte einer Demokratie verletzte und deren Institutionen mißbrauchte, erweckten die Angst vor einem Faschismus von innen, durch die Undurchschaubarkeit des Systems zur Paranoia gesteigert.[2]

Es verwundert also nicht, dass der Paranoiafilm ein typisch amerikanisches Phänomen ist. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass Paranoia als kulturelle Erscheinung nicht nur ein spezielles Produkt der amerikanischen Kultur ist, sondern vielmehr ein allgemeines Produkt der Moderne, welches schließlich in der Postmoderne zur vollen Reife gelangt ist. So speist sich die Paranoia aus dem ewigen Spannungsfeld des modernen Freiheitsbegriffes, der mit einem immer rigider scheinenden Ordnungsdrang/Ordnungszwang im Widerspruch steht. Damit ist der Begriff der Paranoia eng verbunden mit dem Begriff der Aufklärung, bzw. der von Horkheimer und Adorno postulierten Dialektik der Aufklärung[3]. Darüber hinaus ist die Ausprägung der Paranoia im Medium Film die ästhetische Repräsentation einer unüberschaubar gewordenen globalisierten Welt des Spätkapitalismus und entspricht damit der kulturellen Dominante der Postmoderne.[4]

Meine Untersuchung soll anhand einiger weniger prägnanter Filmbeispiele dargelegt werden. Es handelt sich dabei weniger um die klassischen Verschwörungsfilme, also Politthriller und Spionagefilme wie etwa "The Manchurian Candidate" (1962 und 2004), "Three Days Of The Condor" oder "JFK", sondern vielmehr um Filme, die sich auf das Innenleben ihrer Protagonisten und ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt konzentrieren. Zunächst soll ein wesentliches Element der Paranoia herausgearbeitet werden, nämlich ihre Eigenschaft, den Einzelnen von der Masse zu separieren. Davon ausgehend soll untersucht werden, inwieweit Paranoia als kulturelle Ausprägung des dialektischen Spannungsverhältnisses zwischen diesen beiden Kräften gesehen werden kann. Schließlich soll die Paranoia als eine Reaktion auf die vom Menschen geschaffene, unüberschaubare Welt der Postmoderne untersucht werden, in der alles mit allem irgendwie in Verbindung zu stehen scheint.

2 Der Einzelne vs. die Masse

In der Psychiatrie gilt der Verfolgungswahn als spezielle Ausprägung einer Wahnerkrankung, fällt also in den Bereich der so genannten „inhaltlichen Denkstörungen“. Darüber hinaus verfügt die Paranoia aber auch über eine soziale Bedeutung: Der Paranoiker sieht sich gegenüber einer Gruppe von Menschen, die seine Sicht auf die Realität nicht teilen und ihm stattdessen ihre eigene Weltsicht aufdrängen wollen. Da der Paranoiker im Allgemeinen der einzige Anhänger seiner speziellen Weltsicht ist, ist die ihm gegenüberstehende Gruppe naturgemäß sehr groß – streng genommen umfasst sie alle anderen Menschen auf der Welt.

Der deutsche Psychiater Heinrich Schulte entwickelte gemeinsam mit Max Wertheimer einen gestalttheoretischen Ansatz zur Erklärung der Paranoia, der dieser sozialen Konstellation Rechnung trägt. Nach Schultes Theorie ist der Grund für eine paranoische Wahnerkrankung in einem gestörten Ich-Wir-Verhältnis zu suchen:

Es kann nun dazu kommen, daß ein Mensch, der sich in einer Situation befindet, die ein Wir erfordert, aus irgendeinem Grunde doch nicht recht als Wir-Teil da sein, nicht in einem Wir handeln, sich nicht in einem Wir fühlen kann […] Immer wieder diese Tendenzen zu haben, ohne daß sie sich erfüllen können, ist auf Dauer nicht erträglich. Man ist gedrängt zu Handlungsweisen im Sinne des Wir-Teils, kann sie aber nicht realisieren, weil entweder die anderen sich nicht so verhalten oder sonst eine Hemmung im Wege steht. […] Weil jener Zustand nicht lebbar ist, tritt folgender Vorgang ein: […] In den Vordergrund tritt die „Kluft“tatsache. Die Aufmerksamkeit, die beim Bestehen einer Wir-Haftigkeit in erster Linie auf die gemeinsamen oder doch ineinandergreifenden Handlungen gerichtet ist, […] richtet sich auf die Kluft, auf dieses Klaffen, Nichtansprechen, Nichtantwortfinden: dieser Sachverhalt wird wichtig und bestimmend. Eine Indifferenz gegenüber solcher Klufttatsache ist auf Dauer nicht möglich. […] So wie bei einer Wunde biologische Prozesse einsetzen, diese irgend zu schließen, setzen nun Operationen ein, dieses Unlebbare in ein Lebbares zu verwandeln, irgendwie. […] So wird ein lebbarer Zustand hergestellt durch das Surrogat einer bloß subjektiven Umbildung mit Setzen von Beziehungen, wo diese nicht sind, mit Umdeutungen, Umschauungen. Damit wird aus dem realen „Ich und die anderen“ ein doch irgend „mit den andern“ im Sinne von „sie irgend gegen mich“.[5]

Wie wir im Folgenden sehen werden, lässt sich auch der Paranoiafilm in einem solchen gestalttheoretischen Kontext darstellen.

[...]


[1] Naziri 27

[2] Naziri 25f.

[3] Vgl. Horkheimer/Adorno, 1969

[4] Meteling 6

[5] Stemberger 29-32

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Mann in der Menge - Filmische Paranoia als dialektisches Trauma
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften)
Veranstaltung
Paranoia im Film
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V62361
ISBN (eBook)
9783638556194
ISBN (Buch)
9783638753128
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mann, Menge, Filmische, Paranoia, Trauma, Paranoia, Film
Arbeit zitieren
Thorsten Felden (Autor), 2005, Der Mann in der Menge - Filmische Paranoia als dialektisches Trauma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62361

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