Zu: Tahar Ben Jelloun: "Les yeux baissés"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitendes zum Autor

1. Inhalt, Aufbau und Stil des Werkes

2. Die Blickmetaphorik
2.1. Die islamische Blickkultur
2.2. Blicke in Bezug auf Figuren des Werkes
2.3. Emanzipation der Frau als Thema

3. Die Suche nach der Identität
3.1. Darstellungen von Interkulturalität
3.2. Leben zwischen zwei Welten

Literaturverzeichnis

0. Einleitendes zum Autor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tahar Ben Jelloun wurde am 01.12.1944 in Fès geboren und wuchs in Tanger auf. Er machte 1963 sein Abitur an einem französischsprachigen Gymnasium und studierte ab 1964 Philosophie. Zwischen 1966 und 1968 war er in einem Arbeitslager der Armee wegen der Studentenunruhen von 1965 inhaftiert.1968 begann Ben Jelloun seine Tätigkeit als Lehrer für Philosophie an verschiedenen Gymnasien in Marokko. Seit 1971 lebt und arbeitet er in Paris, wo er außerdem ein Studium der Psychologie absolvierte.

Heute ist Tahar Ben Jelloun einer der bekanntesten Schriftsteller des Maghreb. Seine frühen Gedichte sind stark politisch engagiert. Zu diesen zählen beispielsweise der Lyrikband „Hommes sous linceul de silence“ (1971) oder auch „Cicatrices du soleil“ (1972). Seine Romane sind hauptsächlich in Städten angesiedelt. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören „Harrouda“ (Denoёl 1973), „L’enfant de sable“ (Seuil 1985), „La nuit sacré“ (Seuil 1987) und „Les yeux baissés“ (Seuil 1991). Seit der Veröffentlichung des Buches „Le racisme expliqué à ma fille“ (Seuil 1997), welches an französischen Schulen zur Pflichtlektüre zählt, folgt Ben Jelloun immer wieder gerne Einladungen um mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

In der französischen Sprache als Ausdruck für Literatur fühlt sich Ben Jelloun zu Hause, auch wenn sie ihm als Kolonialsprache aufgezwungen wurde. Jedoch schätzt er auch das Arabische, welches er allerdings nicht gut genug beherrscht um darin schreiben zu können.

Im Allgemeinen stellen Tahar Ben Jellouns Texte ein Gewebe aus diversen Sprachmustern der Mündlichkeit des marokkanischen Dialektarabischen und des Französischen dar.[1] So findet man häufig wörtliche Übersetzungen von umgangssprachlichen oder religiösen Redewendungen oder Sprichwörtern, arabischen Wörtern oder ganze Zitate in Umschrift oder in arabischer Schrift.

„Les yeux baissés“

1. Inhalt, Aufbau und Stil des Werkes

Tahar Ben Jellouns Roman « Les yeux baissés » wurde 1991 in der Édition du Seuil in Paris veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung, „Mit gesenktem Blick“, erschien 1992 im Verlag Rowohlt, Reinbek.

Bei seinem ersten umfangreichen Roman nach dem « Prix Goncourt » bedient sich Tahar Ben Jelloun erstmalig eines Perspektivenwechsels. - Nach drei in Marokko spielenden Texten („L’enfant de sable“, „La nuit sacrée“ und „Jour de silence à Tanger“) spielt „Les yeux baissés“ auf beiden Seiten, in Marokko und Paris.

Inhalt:

Ein Berbermädchen namens Fathma aus einem Dorf in Marokko erfährt, dass sie die Hüterin des Geheimnisses eines verborgenen Schatzes sei. Ihr Dorf, welches die Männer verlassen haben um in Frankreich zu arbeiten, steht unter dem Fluch ihrer Tante, welche den „bösen Blick“ hat. Nachdem die Tante Fathmas kleinen Bruder getötet hat, holt der Vater seine Tochter und seine Frau zu sich nach Frankreich, wo sie im Pariser Araberviertel Goutte-d’Or leben. Fathma lernt lesen und schreiben, aber auch die Liebe und den Rassismus kennen. Verwirrt von den vielen neuen Einflüssen und der dadurch bedingten kulturellen Entwurzelung, flüchtet sie sich in die Welt ihrer Fantasie, die sie immer wieder in ihre Kindheit im Dorf zurückführt. Ein Besuch in ihrer alten Heimat verdeutlicht ihr, dass sie mit ihrer Schulbildung nicht mehr in die archaischen Sozialstrukturen zurückkehren kann. Auch die Heirat mit einem französischen Schriftsteller kann ihre Zerrissenheit zwischen den Kulturen nicht lindern. Sie kehrt ein letztes Mal in ihr Dorf zurück um sich auf die Suche nach dem Schatz zu machen. Zurück in Paris, hat ihr Mann sie verlassen um in Marokko zu leben.

Ben Jelloun beschreibt in „Les yeux baissés“ den Kulturkonflikt, in dem sich die Protagonistin Fathma, bedingt durch die Emigration und damit auch die Entwurzelung, befindet. Sie muss mit dem Leben zwischen zwei Kulturen, dem „entre-deux“[2], zurechtkommen.

Das bi-kulturelle Leben, welches die Protagonistin gezwungen ist zu führen, wird in einer Doppelperspektive beschrieben. Diese kommt in zwei Handlungssträngen zum Ausdruck: Zum einen schildert der Autor die märchenhafte Schatzsuche in Marokko und zum anderen die Emigration von Marokko nach Paris.

Das Leitmotiv des Schwankens zwischen Verzweiflung und Hoffnung erscheint in „Les yeux baissés“ in einer interkulturellen Dimension[3]. Das Heimatdorf Fathmas, welches dem schleichenden Verfall ausgesetzt ist, verkörpert die marokkanische Welt. Diese steht für Aussichtslosigkeit, Leid und Untergang. Das Leben in Frankreich hingegen repräsentiert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Somit gibt es einen thematischen Gegensatz zwischen altertümlichen Landleben und moderner Großstadt. Innerhalb dieser Erzählkoordinaten stehen die Emanzipation der Frauenfigur und ihre Suche nach einer Identität im Mittelpunkt des Werkes.

Ein weiterer wichtiger Themenschwerpunkt in „Les yeux baissés“ ist die Vermittlung des kulturellen Erbes islamisch erzogener Eltern an ihre Kinder. Dabei stellt die Vater-Tochter-Beziehung eine zentrale Handlungsachse des Textes dar.

Die Handlung vollzieht sich in verschiedenen Erzählebenen. Der Lebensweg Fathmas wird immer wieder im Wechsel zwischen Realitäts- und Traumszenen beschrieben. Mit Hilfe ihrer Fantasie erstellt sie so beispielsweise die Figur Victor, die sich in ihr Leben einmischt und sich mit der Zeit sogar verselbstständigt. Er scheint sie regelrecht zu verfolgen:

„Victor est trapu. […] Je ne sais d’où il vient. Un jour que j’étais en train de penser à cette histoire, il est arrivé avec sa chaise pliante et s’est installé sans que personne l’ait invité. Il s’est imposé sans même s’excuser ou parler. Depuis, je ne peux plus l’éviter. […] Il met de l’ordre dans mes pensées.“ (S. 155f.)

Ein Schriftsteller rät Fathma, dass man sich gegen solche Figuren mit Schreiben wehren kann. Sie beginnt somit ein Traumtagebuch zu führen.

Der Text gliedert sich in insgesamt 27 Kapitel, wobei die erste Rückkehr ins Dorf als markante Teilung der Handlung zu sehen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Kindheit und Pubertät Fathmas in recht linearer Weise erzählt. Der Autor nutzt für die Handlung hauptsächlich die Zeitform des passé. So wird der erste Teil, in dem Fathma in ihrem Dorf auf die Rückkehr ihres Vaters wartet bis zum Tod ihres Bruders Driss, kurz und tragisch erzählt. Es ist das Ende ihrer Kindheit. Auch ihr Lebensabschnitt in Frankreich bis zur Rückkehr nach Marokko folgt dieser linearen Erzählweise. Die Zeitform des présent dient bis dahin vor allem Reflexionen. Ab dem vierzehnten Kapitel wird diese Linearität jedoch aufgelöst indem Erzählperspektiven und Handlungsstränge vervielfältigt werden. Peter Stolz redet dabei von einem „fiktionalen Strudel“[4], in den der Leser hineingezogen wird.

Die Erzählinstanz des erlebenden und des erzählenden Ichs scheint nicht mehr überein zustimmen. Der Leser ist bis zum Ende hin verwirrt. Das Rätsel wird allerdings im Epilog gelüftet. - Fathmas Mann, der Autor, dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt hat, hat ihr einen Brief hinterlassen in dem er schreibt:

„Je sais que cette histoire des yeux baissés te fait rire. Ta vie, telle que tu me l’as racontée, m’a ému. Tes combats de fille d’immigrés m’ont plu. Je pensais que tu étais entre deux cultures, entre deux mondes, en fait tu es dans un troisième lieu qui n’est ni ta terre natale ni ton pays d’adoption. “ (S.295f.)

Dieser Autor scheint damit offensichtlich der eigentliche Erzähler zu sein. Er hat die Geschichte nur zum Teil aus der Sicht der Protagonistin erzählt. Diese wird letztendlich jedoch von seiner Perspektive eingeklammert.

2. Die Blickmetaphorik

2.1. Die islamische Blickkultur

Der Titel „Les yeux baissés“ stellt einen konkreten Bezug zum Islam und der damit verbundenen Blickkultur her. Dem Blick kommt in der marokkanischen Gesellschaft eine über alle Schichten verbreitete Bedeutung zu. So Spiller: „Die funktionale Streubreite von Blicken ist überwältigend, das Spektrum erfaßt so verschiedene Bereiche wie die Ästhetik und die Gesetzgebung, sei es im religiösen Leben oder sei es in der Volkskultur.“[5] Der gesenkte Blick steht in dieser patriarchalischen Gesellschaft jedoch besonders für den Ausdruck des Respekts vor allem vor Männern und Eltern. Diesen Schwerpunkt, den Respekt vor den Eltern, legt auch Ben Jelloun in seinem Werk:

„Le respect des parents est une des recommandations d’Allah. Même quand ils ont tort, il est du devoir du musulman de leur obéir. Mon père m’avait expliqué cela alors que j’étais toute petite ; j’avais fait une bêtise, puis j’avais traité ma mère de menteuse. Ce fut pour moi un jour noir. Mon père m’enferma à l’étable et me laissa sans nourriture pendant toute la journée. Je me souviens avoir bu l’eau sale dans une bassine réservée aux animaux. J’eus mal toute la nuit, mais ce n’était pas à cause de l’eau. J’étais blessée – j’avais honte – et, depuis ce jour, je sais qu’il ne faut jamais manquer de respect aux parents." (S. 29)

Dieses Beispiel zeigt, dass es in der arabisch-islamischen Gesellschaft absolut unakzeptabel ist die elterliche Autorität in Frage zu stellen. In der jüngsten Kindheit wird den Kindern uneingeschränkter Gehorsam gegenüber den Eltern anerzogen, was sich besonders darin äußert den Blick zu senken. Dies sorgt für Harmonie in der Familie, indem es beruhigt und aufkeimende Aggressivität kontrolliert.[6] Die Kinder aber besonders auch die Frauen lernen so ihre Reaktionen zu unterdrücken indem sie in Schweigen verfallen.

Die Mutter der Protagonistin wird im gesamten Werk als deutlichste Vertreterin dieser Erziehung dargestellt. Sie ist die Demut in Person. Während des ganzen Romans spricht sie kaum ein Wort. Es scheint, als habe sie keine Meinung. Sie hat es gelernt ihre Reaktionen zu kontrollieren und in absolutes Schweigen zu fallen. Gefühle zu zeigen ist nur im Verborgenen erlaubt. Dies zeigt sich zum einen als ihr Mann beschließt das Heimatdorf zu verlassen und seine Frau und Tochter nach Frankreich mitzunehmen:

„Ma mère ne pouvait pas s’opposer à ce départ précipité. Elle pleurait en cachette, car elle avait peur de l’inconnu. Elle demanda à mon père s’il y avait là-bas des familles berbères avec qui parler. Il lui dit oui, sans trop de précision. Ma mère devait s’arracher à cette terre quelle n’avait jamais quittée. C’était un saut dans le vide, même si mon père la rassurait. “ (S.54)

Sie kann sie mit dem neuen Leben in Frankreich absolut nicht anfreunden. Doch trotzt des unbeschreiblichen Schmerzes, der sie innerlich zu zerfressen scheint, fügt sie sich in ihre Rolle als gute Ehefrau und Mutter:

„Ma mère, rongée par le chagrin, était tombée dans une tristesse infinie, silencieuse et grise. Elle ne se préoccupait pas de s’adapter. Elle allait continuer son travail de femme d’intérieur sans devoir sortir ni affronter le monde en face. Elle ne se mettait même pas à la fenêtre. Cuisinant, lavant, rangeant, essuyant, mangeant peu, ne posant pas de questions, elle laissait les choses se faire et la nouvelle vie dérouler, avec la même indifférence, ses jour et ses nuits. Le reste du temps elle priait, demandait à Dieu de préserver son mari et sa fille du mauvais œil, des gens malfaisants, des envieux et des hypocrites. “ (S. 74)

Auch in Bezug auf ihre Schwägerin wagt sie es nicht aus ihrer Unterwürfigkeit herauszutreten, auch wenn sie ahnt, wozu diese imstande ist. So berichtet die Erzählerin: „Ma mère ne disait rien. Elle évitait l’affrontement avec cette mégère. Elle restait étrangère à la tribu et préférait se taire et ne pas réagir, sachant de quoi était capable sa belle-sœur. “ (S.29)

Trotz dieser Darstellung, beschreibt Ben Jelloun sie jedoch insgesamt als liebenswürdige Mutter und treue Ehefrau. „Il m’arrivait, comme avant, quand j’étais encore petite, de mettre ma tête sur ses genoux. Elle caressait mes cheveux comme si elle y cherchait des poux et chantait doucement un poème d’amour. “ (S. 74), schildert Fathma sie beispielsweise. Und obwohl man als europäischer Leser den Eindruck bekommen könnte, eine islamische Ehe wäre aufgrund der Rolle der Frau generell unglücklich, verdeutlicht Ben Jelloun das Gegenteil. Er beschreibt die Ehe zwischen Fathmas Vater und ihrer Mutter als tiefes und enges Gefühl der Verbundenheit und versucht so dem Leser die Möglichkeit zu geben die islamische Kultur zu verstehen:

„L’amour n’est pas un spectacle. On ne se tient pas la main en marchant. L’homme salue son épouse en lui serrant la main. Le baiser sur le front ou sur la joue ne se donne jamais devant les autres, mêmes pas devant les enfants. Je ne me souviens pas avoir vu un jour mon père poser un baiser sur le visage de ma mère. Et pourtant, leur amour est solide ; sa force est dans cette beauté intérieure, discrète et jamais nommée. Il est tout entier dans un geste : les yeux baissés. “ (S. 146)

[...]


[1] vergl.: Heiler, Susanne: Der maghrebinische Roman. Eine Einführung. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2005; S. 166

[2] vergl.: Heiler, Susanne: Der maghrebinische Roman. Eine Einführung. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2005; S. 176

[3] vergl.: Spiller, Roland: Tahar Ben Jelloun. Schreiben zwischen den Kulturen. (Hrsg. von der Kommission für Romanische Philologie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz). Wiss. Buchges., Darmstadt 2000; S. 243

[4] Heiler, Susanne: Der maghrebinische Roman. Eine Einführung. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2005; S. 177

[5] Spiller, Roland: Tahar Ben Jelloun. Schreiben zwischen den Kulturen. (Hrsg. von der Kommission für Romanische Philologie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz). Wiss. Buchges., Darmstadt 2000; S. 57

[6] vergl.: Lindenlauf, Nelly: Tahar Ben Jelloun. Les yeux baissés. Édition Labor, Bruxelles, 1996 ; S. 124

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zu: Tahar Ben Jelloun: "Les yeux baissés"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Die frankophone Literatur des Maghreb
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V62408
ISBN (eBook)
9783638556521
ISBN (Buch)
9783638922296
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tahar, Jelloun, Literatur, Maghreb
Arbeit zitieren
Ines Rieck (Autor), 2006, Zu: Tahar Ben Jelloun: "Les yeux baissés", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62408

Kommentare

  • Gast am 24.1.2013

    Danke vielmals.

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