Zunehmende sozialräumliche Segregation und wachsende Ungleichheit in Deutschland - die soziale Stadt in der Krise


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die soziale Stadt
1.1. Die Geschichte der sozialen Stadt
1.2. Die Krise der sozialen Stadt
2. Städtische Segregation
2.1. Was ist Segregation in der Stadt?
2.2. Konsequenzen der sozialen Segregation
3. Lösungsansätze
3.1. Theorie
3.2. Praxis: Das Beispiel Weingarten-Ost

III. Schlussbemerkung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In deutschen Städten nimmt seit dem Ende von Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung in den 1970er Jahren die soziale Ungleichheit und sozialräumliche Segregation beständig zu, und das Streben nach Wirtschaftlichkeit bestimmt mehr und mehr das politische Handeln. In den Städten ist dieser Trend ebenfalls zu spüren: immer mehr öffentliches Eigentum wird privatisiert. Davon sind in verstärktem Maße die städtischen Mietwohnungen betroffen; auch in Freiburg sollen alle stadteigenen Wohnungen an private Investoren verkauft werden. Soziale Zielsetzungen, die noch bis in die 1970er Jahre maßgebliche Handlungskoordinaten städtepolitischen Vorgehens waren, geraten damit zunehmend ins Hintertreffen zugunsten unternehmerischer Prioritäten.

In meiner Arbeit gehe ich der Frage nach, welche Folgen dieses Vorgehen für die Städte hat. Um die Frage beantworten zu können, zeichne ich im ersten Kapitel die Entwicklung und die Krise der sozialen Stadt nach. Entstanden in den 1920er Jahren, wurde das Konzept einer vorwiegend auf sozialen Ausgleich ausgerichteten Stadt durch wirtschaftliche Strukturkrisen und -veränderungen zunehmend in Frage gestellt. Folgen der ab diesem Zeitpunkt verstärkt auf wirtschaftliche Zielsetzungen fokussierten Politik ist eine zunehmende sozialräumliche Segregation in den Städten. Im zweiten Kapitel setze ich mich daher mit dem Phänomen der städtischen Segregation und deren Konsequenzen auseinander. Besonders interessiert mich dabei, ob die zunehmende sozialräumliche Segregation unvermeidlich negative Folgen für unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen mit sich bringt und ein benachteiligtes Gebiet zwangsläufig auch zum benachteiligenden wird. Im letzten Kapitel befasse ich mich mit Lösungsstrategien, die einer Abwärtsentwicklung benachteiligter Stadtteile entgegenwirken können. Zunächst beschäftige ich mich dabei mit theoretischen Ausführungen und danach mit der Entwicklung von Weingarten-Ost, einem Freiburger Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele einkommensarme Haushalte leben.

Grundlegend ist in Anbetracht der heutigen Tendenzen die Frage, ob eine auf sozialen Ausgleich bedachte Stadtpolitik in Zeiten zunehmender sozialer Kürzungen seitens des Staates bei gleichzeitigem Anstieg von Armut noch verfolgt werden kann und ob eine solche sozialpolitische Zielsetzung überhaupt noch angestrebt wird. Mit anderen Worten: hat die soziale Stadt noch eine Zukunft?

II. Hauptteil

1. Die soziale Stadt

1.1. Die Geschichte der sozialen Stadt

Um die heutige Problematisierung der zunehmenden sozialräumlichen Segregation in deutschen Städten verstehen zu können, gebe ich in diesem Kapitel einen kurzen Überblick über die Geschichte der sozialen Stadt und deren zunehmende Krise seit den 1970er Jahren.

Das Konzept einer auf sozialen Ausgleich bedachten Stadt lässt sich bis ins Hochmittelalter zurückverfolgen. Hartmut Häußermann und Andreas Kapphan verdeutlichen diese soziale Funktion vor allem im Vergleich zwischen Städten und deren Umland: die Stadtgesellschaft war zur Versorgung der ärmsten BewohnerInnen aufgerufen, die Städte waren trotz ständischer Gliederung Orte der politischen und sozialen Selbstbestimmung im Gegensatz zum feudal strukturierten Land (Häußermann/Kapphan 2004, 205). Um der sozialen Ungleichheit entgegenzuwirken, waren die Städte seit Beginn des 19. Jahrhunderts zur Armenfürsorge verpflichtet, deren Ausgestaltung jedoch relativ freigestellt war.

Mit Beginn der Industrialisierung nahm die schon immer in Städten vorhandene soziale Ungleichheit jedoch neue Ausmaße an und zeigte sich zunehmend in räumlicher Segregation; zahlreiche Auseinandersetzungen mit dem Thema wurden veröffentlicht, die „‚Wohnungsfrage’ [...] war ein Kernbestandteil der übergreifenden ‚sozialen Frage’“ (Häußermann 2000, 16). Die Konzentration der Arbeiter in Arbeiterkasernen wurde zunehmend als problematisch wahrgenommen und verängstigte das Bürgertum nicht nur aufgrund der Entstehung einer spezifischen Arbeitersubkultur mit eigener Theorie (Marxismus) und der Möglichkeit zur politischen Organisation, sondern auch wegen erhöhter Seuchengefahr in den eng und unter mangelnden hygienischen Vorkehrungen bebauten Quartieren. Verstärkt durch die teilweise katastrophalen Zustände wanderten Teile des Bürgertums und etwas später auch der Mittelschichten ins Umland ab. Der später häufig kritisierte Prozess der Suburbanisierung hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert: soziale Distanzen wurden zunehmend in räumliche Distanzen umgesetzt (Häußermann/Siebel 2000, 138; Häußermann/Kapphan 2004, 209; Saldern 2000, 80).

Die negative Entwicklung in den Städten, in denen Menschen nun auf sehr engem Raum sehr begrenzt und unter unhygienischen Bedingungen miteinander leben mussten, führte zu einer städtereformerischen Bewegung, die sich für mehr soziale Integration einsetzte. Zu einem grundlegenden Wandel kam es jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg, ausgelöst durch eine allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen. In der Weimarer Republik setzten sich nun Staat und Stadt ab den 1920er Jahren intensiv im Wohnungsbau und der Stadtentwicklung ein – anders als vor dem Ersten Weltkrieg, als der Wohnungsbau fast ausschließlich in der Hand privater Investoren lag, die der starken Segregation nicht entgegengewirkten. Ab den 1930er Jahren wurde das Schaffen kostengünstiger, qualitativ hochwertiger Wohnungen durch den sozialen Wohnungsbau schließlich verwirklicht. Ziel war es, die negative Kopplung von Arbeits- und Wohnungsmarkt zu unterbinden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Städte aufgrund der gravierenden Wohnungsnot den Bau von Wohnungen ins Zentrum ihres Aufgabenfeldes. Dabei machte der soziale Wohnungsbau einen Großteil der Neubauten aus, 1951 betrug dieser 70 % der gesamten fertiggestellten Wohnungen. Da innenstadtnahe Gebiete zu teuer waren, wurden diese Siedlungen - überwiegend Hochhäuser - meist an die Stadtränder gebaut. Anfänglich war der soziale Wohnungsbau - wie im Zweiten Wohnungsbaugesetz von 1956 verankert - für „breite Schichten der Bevölkerung“ gedacht und sollte eine quantitativ und qualitativ hochwertige Ausstattung mit Wohnraum gewährleisten. Der Einzug in Wohnungen des sozialen Wohnungsbaus bedeutete für viele Haushalte zunächst einen sozialen Aufstieg. In den 1960er Jahren entstanden zahlreiche flächen- und kostensparende, hochgeschossige Großsiedlungen. Die zukünftigen Probleme, die in den monotonen Großsiedlungen schon angelegt waren, da sie – wie Häußermann und Siebel hinweisen - unter den Bedingungen von Wohlstand und Vollbeschäftigung konzipiert und nur unter diesen Umständen auch funktionieren konnten, wurden dabei nicht berücksichtigt (Häußermann/Siebel 2000, 132; Harlander 1999, 313).

1.2. Die Krise der sozialen Stadt

Das Konzept der sozialen Stadt geriet in den 1970er Jahren zunehmend in die Krise, die durch drei miteinander zusammenhängende Veränderungen ausgelöst wurde: den globalen wirtschaftlichen Strukturwandel, einen internen Strukturwandel innerhalb der BRD und dadurch bedingt auch einen Strukturwandel der Städte. Die zunehmende globale Vernetzung der Wirtschaft und eine tiefgreifende Veränderung der weltweiten Arbeitsteilung hatten zur Folge, dass die nationalen Volkswirtschaften, aber auch Regionen und Städte zunehmend in Konkurrenz um Produktionsstandorte traten.

Der bis dahin vorherrschende unbändige wirtschaftliche Fortschrittsoptimismus wurde Mitte der 1970er Jahre durch eine weltweite Wirtschaftskrise gebremst; auch in Deutschland zeichnete sich das Ende von Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum ab. Durch den internen Strukturwandel der BRD, die steigende Arbeitslosigkeit und dadurch bedingte wachsende Spaltung der Gesellschaft, die zunehmende ethnisch-plurale Zusammensetzung der Bevölkerung und den Rückzug des Staates aus sozialen Leistungen veränderte sich auch das Gesicht der Städte; zusätzlich belastend wirkte sich die Abwanderung zahlreicher einkommensstarker Haushalte in das Umland aus, wodurch die Steuereinnahmen der Städte stark zurückgingen.

Während noch in den 1960er Jahren der Focus der städtischen Politik auf sozialem Ausgleich lag, verlagerte sich dies zunehmend zugunsten wirtschaftlicher Zielsetzungen: „In der Bewältigung dieses Strukturwandels auf der Seite der ‚Gewinner’ zu sein, wurde im Zuge verschärfter Standortkonkurrenz immer deutlicher zum eigentlichen Kernziel kommunalpolitischer Anstrengungen in den achtziger Jahren“ (Harlander 1999, 345). Dadurch gewann auch die Anerkennung weicher Standortfaktoren - wie Wohnqualität und Freizeitwert, die Sicherheit oder das Image einer Stadt - an Bedeutung und die Innenstädte wurden durch Sanierungsmaßnahmen als Wohnstandorte aufgewertet („Gentrifikation“); diese „Yuppiefizierung“ (Harlander 1999, 375) steigerte zwar die Attraktivität der Innenstädte, führte jedoch auch zu problematischen Verdrängungsprozessen einkommensschwacher Haushalte, die sich nun vermehrt in unsanierten innerstädtischen Altbaugebieten oder Großsiedlungen am Stadtrand konzentrierten.

In den Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus hatten sich jedoch schon in den 1960er Jahren erste Anzeichen problematischer Entwicklungen gezeigt. Durch das unbändige wirtschaftliche Wachstum und die steigenden Einkommen vieler Beschäftigter setzte eine starke Fluktuation ein: Wer es sich leisten konnte, verließ die Großsiedlungen. Problematisch wurde diese Entwicklung vor allem durch die staatliche Wohnpolitik, welche die Fördermittel des sozialen Wohnungsbaus ab den 1970er Jahren nun vor allem auf Problem- und Randgruppen beschränkte: die soziale Entmischung dieser Quartiere verstärkte sich zunehmend. Der Einzug in eine Sozialwohnung bedeutete nicht mehr sozialen Aufstieg, sondern wurde zunehmend stigmatisiert. In vielen Gebieten setzte durch den Wegzug der Wohlhabenderen und den Nachzug von Rand- und Problemgruppen eine Abwärtsspirale ein, die einige dieser Siedlungen zu sozialen Brennpunkten werden ließ; die räumliche Spaltung der Gesellschaft, die durch den sozialen Wohnungsbau überwunden werden sollte, kehrte zurück und wurde durch die im sozialen Wohnungsbau angelegten Maßnahmen geradezu verstärkt.

Ab den 1980er Jahren wurde der soziale Wohnungsbau nicht mehr gefördert und viele Wohnungen an private Großinvestoren verkauft, um die städtischen Haushalte (kurzfristig) zu konsolidieren. Die Bestände schrumpften, obwohl die Nachfrage anstieg; der Wohnungsmarkt wurde somit zunehmend Marktprozessen überlassen. Die Städte verfügen dadurch über immer weniger regulative Mittel, um der sozialräumlichen Spaltung der Stadtbevölkerung entgegenzuwirken. Die Gefahr, dass aus benachteiligten Gebieten benachteiligende werden, ist somit immer stärker gegeben: „diese stehen deshalb in Gefahr, die Ghettos des 21. Jahrhunderts zu werden“ (Häußermann/Kronauer/Siebel 2004, 32).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zunehmende sozialräumliche Segregation und wachsende Ungleichheit in Deutschland - die soziale Stadt in der Krise
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V62481
ISBN (eBook)
9783638557139
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zunehmende, Segregation, Ungleichheit, Deutschland, Stadt, Krise
Arbeit zitieren
Friederike Stoller (Autor), 2006, Zunehmende sozialräumliche Segregation und wachsende Ungleichheit in Deutschland - die soziale Stadt in der Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62481

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