In deutschen Städten nimmt seit dem Ende von Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung in den 1970er Jahren die soziale Ungleichheit und sozialräumliche Segregation beständig zu, und das Streben nach Wirtschaftlichkeit bestimmt mehr und mehr das politische Handeln. In den Städten ist dieser Trend ebenfalls zu spüren: immer mehr öffentliches Eigentum wird privatisiert. Davon sind in verstärktem Maße die städtischen Mietwohnungen betroffen; auch in Freiburg sollen alle stadteigenen Wohnungen an private Investoren verkauft werden. Soziale Zielsetzungen, die noch bis in die 1970er Jahre maßgebliche Handlungskoordinaten städtepolitischen Vorgehens waren, geraten damit zunehmend ins Hintertreffen zugunsten unternehmerischer Prioritäten.
In meiner Arbeit gehe ich der Frage nach, welche Folgen dieses Vorgehen für die Städte hat. Um die Frage beantworten zu können, zeichne ich im ersten Kapitel die Entwicklung und die Krise der sozialen Stadt nach. Entstanden in den 1920er Jahren, wurde das Konzept einer vorwiegend auf sozialen Ausgleich ausgerichteten Stadt durch wirtschaftliche Strukturkrisen und -veränderungen zunehmend in Frage gestellt. Folgen der ab diesem Zeitpunkt verstärkt auf wirtschaftliche Zielsetzungen fokussierten Politik ist eine zunehmende sozialräumliche Segregation in den Städten. Im zweiten Kapitel setze ich mich daher mit dem Phänomen der städtischen Segregation und deren Konsequenzen auseinander. Besonders interessiert mich dabei, ob die zunehmende sozialräumliche Segregation unvermeidlich negative Folgen für unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen mit sich bringt und ein benachteiligtes Gebiet zwangsläufig auch zum benachteiligenden wird. Im letzten Kapitel befasse ich mich mit Lösungsstrategien, die einer Abwärtsentwicklung benachteiligter Stadtteile entgegenwirken können. Zunächst beschäftige ich mich dabei mit theoretischen Ausführungen und danach mit der Entwicklung von Weingarten-Ost, einem Freiburger Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele einkommensarme Haushalte leben.
Grundlegend ist in Anbetracht der heutigen Tendenzen die Frage, ob eine auf sozialen Ausgleich bedachte Stadtpolitik in Zeiten zunehmender sozialer Kürzungen seitens des Staates bei gleichzeitigem Anstieg von Armut noch verfolgt werden kann und ob eine solche sozialpolitische Zielsetzung überhaupt noch angestrebt wird. Mit anderen Worten: hat die soziale Stadt noch eine Zukunft?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Die soziale Stadt
1.1. Die Geschichte der sozialen Stadt
1.2. Die Krise der sozialen Stadt
2. Städtische Segregation
2.1. Was ist Segregation in der Stadt?
2.2. Konsequenzen der sozialen Segregation
3. Lösungsansätze
3.1. Theorie
3.2. Praxis: Das Beispiel Weingarten-Ost
III. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen zunehmender sozialräumlicher Segregation, wachsender Ungleichheit in deutschen Städten und der Krise der sozialen Stadt, wobei insbesondere die Auswirkungen von Privatisierungen städtischer Wohnungen kritisch beleuchtet werden.
- Geschichte und Krise des Konzepts der sozialen Stadt
- Phänomenologie und Ursachen städtischer Segregation
- Soziale und ökonomische Konsequenzen der Segregation für Quartiere
- Theoretische Ansätze zur Quartiersaufwertung und Stabilisierung
- Fallbeispiel: Sanierungsmaßnahmen und Bürgerbeteiligung in Freiburg Weingarten-Ost
Auszug aus dem Buch
2.2. Konsequenzen der sozialen Segregation
Beschäftigt man sich mit den Formen der sozialen Segregation, kommt schnell die Frage auf, ob diese nicht nur soziale Ungleichheit räumlich widerspiegelt, sondern sie auch verstärkt und sich benachteiligte Quartiere benachteiligend auf die Bewohnerschaft auswirken können. Die Frage, ob sich Segregation, v.a. die sozialräumliche Segregation unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen, positiv oder negativ auf die BewohnerInnen eines Stadtgebietes auswirkt, ist in der Forschung umstritten. So warnte beispielsweise schon Friedrich Engels in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts vor den negativen Folgen der (Arbeiter-)Gebiete. Er wies dabei vor allem auf die geringere Lebenserwartung und demoralisierende Einflüsse durch die Sozialisation hin:
„Hier wohnen die Ärmsten der Armen, die am schlechtesten bezahlten Arbeiter [...] und diejenigen, die selbst noch nicht in dem Strudel moralischer Verkommenheit, der sie umgibt, untergegangen sind, sinken doch täglich tiefer, verlieren täglich mehr und mehr die Kraft, den demoralisierenden Einflüssen der Not, des Schmutzes und der schlechten Umgebung zu widerstehen“ (Marx/Engels 1962, 260).
Die negativen Effekte einer auf eine (unterprivilegierte) Bevölkerungsgruppe eingeschränkten Sozialisation werden auch heute noch als wichtiges Argument gegen Segregation von benachteiligten Bevölkerungsgruppen in die Diskussion eingebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die zunehmende soziale Ungleichheit und Segregation in deutschen Städten seit den 1970er Jahren und stellt die Forschungsfrage, ob eine soziale Stadtpolitik trotz staatlicher Kürzungen noch eine Zukunft hat.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der sozialen Stadt, erläutert die verschiedenen Formen und Konsequenzen städtischer Segregation und diskutiert theoretische sowie praxisbezogene Lösungsansätze anhand des Beispiels Weingarten-Ost.
1. Die soziale Stadt: Dieses Kapitel zeichnet die Geschichte der sozialen Stadt vom Mittelalter bis zur Krise ab den 1970er Jahren nach, welche durch den wirtschaftlichen Strukturwandel und den Rückzug des Staates aus der Wohnungsbauförderung ausgelöst wurde.
2. Städtische Segregation: Hier wird der Begriff der Segregation definiert und die Prozesse analysiert, die dazu führen, dass sich bestimmte soziale Gruppen in räumlich begrenzten Gebieten konzentrieren und dadurch Lebenschancen ungleich verteilt werden.
3. Lösungsansätze: Dieses Kapitel stellt Strategien zur Aufwertung benachteiligter Quartiere vor, wobei der Fokus auf Bewohnerbeteiligung und quartiersorientierter Entwicklung liegt, und veranschaulicht dies durch den erfolgreichen Sanierungsprozess in Freiburg Weingarten-Ost.
III. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst zusammen, dass soziale Desintegration durch eine wirtschaftsorientierte Politik gefördert wird, und betont die Notwendigkeit von sozialem Ausgleich und politischer Verantwortung zur Bewahrung des sozialen Friedens.
Schlüsselwörter
Sozialräumliche Segregation, soziale Ungleichheit, soziale Stadt, Stadtentwicklung, Privatisierung, Mietwohnungen, Wohnungsbau, benachteiligte Quartiere, Bürgerbeteiligung, Weingarten-Ost, Stigmatisierung, Strukturwandel, Stadtpolitik, sozialer Zusammenhalt, Gentrifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Zunahme von sozialräumlicher Segregation und Ungleichheit in deutschen Städten sowie die damit verbundene Krise des Konzepts der „sozialen Stadt“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Wohnungsbaupolitik, die Ursachen und Folgen städtischer Segregation sowie Möglichkeiten zur Stabilisierung benachteiligter Stadtviertel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob eine auf sozialen Ausgleich ausgerichtete Stadtpolitik in Zeiten staatlicher Sparmaßnahmen und zunehmender Armut noch realisierbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer Fachliteratur (u.a. Häußermann, Siebel, Bourdieu) sowie der Analyse eines praktischen Fallbeispiels.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der sozialen Stadt, eine theoretische Diskussion über Segregationsprozesse und die Untersuchung von Lösungsansätzen anhand des Projekts Weingarten-Ost.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Segregation, soziale Ungleichheit, Stadtsanierung, Bürgerbeteiligung und Privatisierung geprägt.
Warum wird das Beispiel Weingarten-Ost detailliert betrachtet?
Weingarten-Ost dient als exemplarisches Fallbeispiel, um zu zeigen, wie durch bürgerschaftliches Engagement und vernetzte politische Maßnahmen eine drohende Abwärtsspirale in einem benachteiligten Quartier aufgehalten werden kann.
Welche Bedenken äußert die Autorin bezüglich der Privatisierung städtischer Wohnungen?
Die Autorin warnt, dass der Verkauf städtischer Wohnbestände an private Investoren langfristig zu Mietpreissteigerungen, Verdrängung einkommensschwacher Haushalte und einer Verschärfung der sozialen Segregation führen kann.
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- Friederike Stoller (Author), 2006, Zunehmende sozialräumliche Segregation und wachsende Ungleichheit in Deutschland - die soziale Stadt in der Krise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62481