Walt Whitmans Amerikabild


Seminararbeit, 2003
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Europas Funktion bei der Entwicklung eines amerikanischen Selbstbildes

3. Vom Schmelztiegel zur neuen Nation und zum politischen Gegenentwurf zu Europa

4. Neue Ideale – die triadische Denkfigur des Transzendentalismus
4.1 Self: Amerika, Verkörperung von Unabhängigkeit und Individualität
4.2 Nature: Naturreichtum und Natürlichkeit
4.3 Over-Soul: Amerika als „ungereimte Poesie“

5. Demokratie als Whitmans und Amerikas neue Religion
5.2 Whitman als Prophet der Freiheit und Erlöser aus Fremdherrschaft

6. Schluss: Whitmans Amerikabild im historischen Kontext

7. Bibliographie

1. Einleitung

Auf die Weigerung Deutschlands und Frankreichs, sich an Amerikas militärischen Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 zu beteiligen, verkündet US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dies sei das „alte Europa“. „You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.“[1] Rumsfeld greift mit der Bezeichnung „altes Europa“ auf ein amerikanisches Europabild zurück, das sich aus der Invertierung des europäischen Amerikabildes von der „Neuen Welt“ herleitet.

Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1776 hat diese zur Abgrenzung und Identifizierung mit dem neuen Staat wichtige Polarisierung von „altem“ Europa und „neuem“ Amerika eine Rolle gespielt. Im 19. Jahrhundert wird die Notwendigkeit einer kulturellen Identität Amerikas von Ralph Waldo Emersons klar formuliert. Seine berühmt gewordene Ansprache an Harvard The American Scholar (1837) bezeichnet O.W. Holmes als „our intellectual Declaration of Independence“.[2] 1855 fasst Walt Whitman Emersons Lehre in die freien Verse der Leaves of Grass. Whitman entwirft darin und in seinem übrigen Werk ein umfassendes Autostereotyp von Amerika, indem er als typisch amerikanisch empfundene Strukturen wie Multinationalität, Demokratie, Reichtum an Natur und Natürlichkeit in die mystifizierende Lehre des Transzendentalismus bettet, sich dabei von europäischen Einflüssen löst.

Es soll in dieser Seminararbeit ein allgemeiner Überblick über Whitmans Amerikabild gegeben werden, wobei aus Gründen der Stoffbegrenzung die Befassung mit Whitmans Sklaven-, Frauen-, und Indianerbild ausgeklammert werden soll. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, wie Walt Whitmans Amerikabild von zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt wird, diese innovativ nutzt, und wie Rumsfelds Bemerkung vom „Alten Europa“ vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse zu bewerten ist.

2. Europas Funktion bei der Entwicklung eines amerikanischen Selbstbildes

Amerika wird seit den ersten Kolonisierungen vielfältig von Europa beeinflusst. Besonders Großbritannien als Mutterland der dreizehn Kolonialstaaten prägt bis ins 19. Jahrhundert hinein Amerikas politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Charakter. Die Amerika-Einwanderer kommen aus allen Teilen Europas, vornehmlich England, Spanien, den Niederlanden, Irland und Deutschland. Whitman selbst ordnet seinen Charakter neben dem Geburtsort Long Island seiner niederländischen und englischen Herkunft zu[3], fühlt sich demnach maßgeblich von den entsprechenden zugeschriebenen Landescharakteristika geprägt.

Der den US-Amerikanern zugeschriebene Demokratie-Missionseifer findet seine Wurzeln unter anderem in den zahlreichen Flüchtlingen, die seit 1620 aus religiösen Gründen nach Amerika einwandern, um dort ihre Konfession frei auszuüben. Auch der Freiheitsgedanke und andere demokratischen Grundsätze der Declaration of Independence von 1776 stützen sich zum großen Teil auf europäisches Gedankengut der Aufklärung und angelsächsische Rechtstraditionen. Die philosophisch-literarische Bewegung der Transzendentalisten wird geprägt durch die Transzendentalphilosophie des deutschen Idealismus Kants und Einflüsse der englischen Romantik.

Hegel bezeichnet 1837 Amerika als „Land der Zukunft“[4], als Vorwegnahme der Zukunft Europas. Tatsächlich wird Amerika zum „Probierfeld europäischer Existenzentwürfe“[5], auf das philosophische, politische, religiöse Modelle projiziert werden. Besonders das Ideal des „free country“, des freien Landes, einer reinen Demokratie der persönlichen, angeborenen Rechte des Individuums sieht man in Amerika verwirklicht.[6]

Ferdinand Kürnberger schreibt in seinem Roman Der Amerika-Müde (1855) über den ideologischen USA-Kult: „Der Liberalismus der Restaurationsepoche fand in Wort und Schrift über Amerika eines seiner wenigen erlaubten Ausdrucksmittel. Er benutzte es eifrig. Er feierte die Sternenbannerrepublik als die praktische Verwirklichung seines geächteten Ideals.“[7] Das deutsche Amerikabild spiegelt eher die Situation Deutschlands wider als dass es eine realistische Darstellung der amerikanischen Zustände wäre. Mit dem Scheitern der Revolutionen von 1848 flüchtet sich Deutschland in das auf Amerika projizierte Ideal.

Nicht nur politische, sondern auch geistig-kulturelle Projektionen beeinflussen das europäische Amerikabild stark. Die unerschlossene amerikanische Landschaft bietet in der romantischen Bewegung das ideale Projektionsfeld. „Urwälder und Wildnisse der Neuen Welt“ sollen „Heilung und Erlösung von europäischen Zivilisationsschäden“[8] bringen. Das jungfräuliche Amerika, noch nicht verdorben vom Menschen, bietet die Chance für einen Neuanfang.

Bereits Kolumbus meint in Amerika das „irdische Paradies“ entdeckt zu haben.[9] Die Paradies-Metapher wirkt bis ins 19. Jahrhundert hinein. Viele Auswanderer teilen ein bereits vorgefertigtes Bild von Amerika, bestehend aus vagen Informationen, dem Mythos von einem paradiesischen Land des Überflusses, und anderen projizierten Hoffnungen. G. Dudens Auswanderer-Ratgeber „Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerika‘s“ bedient sich euphorisch der institutionalisierten Mythen und Projektionen.[10] Erfahrungs- und Erwartungshorizont klaffen im 19. Jahrhundert weit auseinander.[11]

Im frühen 19. Jahrhundert beschreibt J.F. Cooper in Romanen wie „The Pioneer“ und „The Spy“ ein demokratisches, archaisch-patriarchalisches Amerika der Abenteurer, voll von unerschöpflichen Naturressourcen. Cooper re-importiert hier ein heterostereotypes Amerika-Bild der europäischen Romantik und gestaltet es zu einem Autostereotyp um, indem er es schlicht um realistische Details vervollständigt[12]. Ein evidenter Beleg für den Einfluss, den Europa bei der Formung eines Selbstbildes Amerikas hatte.

3. Vom Schmelztiegel zur neuen Nation und zum politischen Gegenentwurf zu Europa

Für Whitman und sein Amerikabild ist die Vereinigung der vollkommen unterschiedlichen Einwanderernationen zu einem zusammengehörigen Volk von großer Wichtigkeit. Whitman bezeichnet Amerika als „nation of nations“,[13] eine alle Nationen in sich vereinende Nation.

Of course, we shall have a national character, an identity [...]. With Ohio, Illinois, Missouri, Oregon – with the states around the Mexican sea – with cheerfully welcomed immigrants from Europe, Asia, Africa – with Conneticut, Vermont, New Hampshire, Rhode Island – with all varied interests, facts, beliefs, parties, genesis – there is being fused a determined character, fit for the broadest use for the freewomen and freemen of The States, accomplished and to be accomplished, without exception whatever – each indeed free, each idiomatic, as becomes live states and men, but each adhering to one enclosing general form of politics, manners, talk, personal style, as the plenteous varieties of the race adhere to one physical form.[14]

Dabei wird Amerika nicht nur zum Schmelztiegel der Kulturen, sondern erschafft in der Fusion den neuen, spezifisch amerikanischen Charakter („determined character“), ein amerikanisches Bild, in der die Bevölkerung gemeinsame Politik, Verhaltens-, Redeweisen und Stil besitzen. Alle Amerikaner werden trotz der originären kulturellen Unterschiede, vereint zu einer neuen Über-Kultur, bzw. Identifikationskultur. In diese vollkommen neue Nation wird alles aufgenommen, und dann im eigenen amerikanischen Stil wiedergegeben. „I reject none, accept all, then reproduce all in my own forms.“[15] Hier klingt das amerikanische Staatsmotto des 18. beziehungsweise 19. Jahrhunderts “E pluribus unum” (Einheit aus der Vielfalt) an.[16] Wichtig ist der unverwechselbare eigene Stil „America brings builders, and brings its own styles.“[17] Whitman gibt dem Bedürfnis Ausdruck, die amerikanische Bevölkerung nicht als bloßes Sammelsurium europäischer, asiatischer und afrikanischer Völker zu betrachten, sondern als Volk mit spezifischen, individuellen Eigenschaften, losgelöst von jeglicher „Vorlage“: „What is to be done is to withdraw from precedents.“[18]

Zusammengehörigkeitsgefühl und Nationalstolz sind für Whitman die Grundvoraussetzungen für eine Nationalliteratur. „What are now deepest wanted in the States as roots for their literature are Patriotism, Nationality, Ensemble, or the ideas of theses, and the uncompromising genesis and saturation of these”[19]. Durch den amerikanischen Bürgerkrieg habe sich ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, ein neues Selbstbewusstsein, das allen Notlagen mutig begegnete: ”Down in the abysms of New World humanity there had form’d and harden‘d a primal hard-pan of national Union will, determin’d and in the majority, refusing to be tamper’d with or argued against, confronting all emergencies, beaking [sic!] out like an earthquake.[20] Er bezeichnet diese Erfahrung des Zusammenhalts als die wertvollste Lehre seines Jahrhunderts oder Amerikas: „It is, indeed, the best lesson of the century, or of America, [...][21]. Für Whitman keine Übertreibung, sah er doch die Zusammengehörigkeit als eine Grundvoraussetzung für die Bildung einer amerikanischen Nation an.

Durch Rumsfelds sofortigen Zusatz „If you look at the entire NATO Europe today, the centre of gravity is shifting to the east and there are a lot new members [...]“[22] erhält seine Bemerkung vom „alten Europa“ einen differenzierten Sinngehalt: Er kritisiert die deutsch-französischen Antikriegshaltung nicht, eher misst er ihr nur keinerlei politisches Gewicht bei und demonstriert somit seine Gleichgültigkeit. Dieser isolationistische Ansatz ist nicht neu. Bereits 1796 empfahl George Washington, dauerhafte Bündnisse mit der Außenwelt zu vermeiden. Angesichts der damaligen Machtverhältnisse, der außenpolitischen Schwäche, der auf Großbritannien ausgerichteten Handels- und Wirtschaftsinteressen war Isolationismus eine Frage des Selbsterhalts.[23]

Die als Monroe-Doktrin bekannte Erklärung von 1823 verdeutlicht Amerikas Anspruch auf politische Autonomie von Europa. Diese Erklärung ist Ausdruck eines gewachsenen amerikanischen Selbstbewusstseins, das sich auf die Behauptung und Festigung der jungen Republik gründet.[24]

Whitman fordert die radikale Abkehr von Europa. Die antidemokratische europäischen Pro-Südstaatenhaltung während des Bürgerkriegs 1861-65 bietet ihm einen Grund dafür.

We are all too prone to wander from ourselves, to affect Europe, and watch her frowns and smiles. We need this hot lesson of general hatred, and henceforth must never forget it. Never again will we trust the moral sense nor abstract friendliness of a single government of the old world.[25]

Die extremen Formulierungen verdeutlichen Whitmans Europabild von der missbilligenden „Mutter“, der sich ihr „Kind“ Amerika gegenüber rechtfertigen zu müssen glaubt. Whitman aber sucht in der Distanz von den „unamerikanischen“ Moralvorstellungen und Verhaltensmustern den Weg zu einem eigenen Amerikabild. Whitmans Europa ist nicht alt bezüglich seines Entwicklungsstandes – immerhin geht die industrielle Revolution von England und Frankreich aus – sondern alt in Bezug auf tradierte Moralvorstellungen, Verhaltensmuster, Regierungsformen und Machtstrukturen.

[...]


[1] AM-Rumsfeld dismisses France and Germany as ‚old Europe’. 23. Jan. 2003. 10. Sept. 2003. <http://www.abc.net.au/am/s768388.htm>

[2] Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. Metzler 1996, S. 101.

[3] Walt Whitman: „Specimen Days“The Portable Whitman. Mark van Doren (Hrsg.). New York 1977, S. 405.

[4] Peter Brenner: Reisen in die Neue Welt. Die Erfahrung Nordamerikas in deutschen Reise- und Answandererberichten des 19. Jahrhunderts. Tübingen 1991, S. 330.

[5] Sigrid Bauschinger: Amerika in der deutschen Literatur. Stuttgart 1975, S. 97.

[6] Nach Gottfried Berger: Amerika im XIX. Jahrhundert. Wien 1999, S. 85f.

[7] Ferdinand Kürnberger: Der Amerika-Müde, Leipzig 1855, S. 85.

[8] Rüdiger Steinlein: „Ferdinand Kürnbergers Der Amerikamüde. Ein ,amerikanisches Kulturbild‘ als Entwurf einer negativen Utopie“ in Amerika in der deutschen Literatur, Sigrid Bauschinger (Hrsg.) et al. Stuttgart 1975, S. 154.

[9] Vorlage für diese Vorstellung waren traditionelle Mythen vom Sitz des Paradieses im Osten. Da Kolumbus die Westpassage nach Osten gefunden zu haben glaubte, konnte er den Mythos sehr gut mit seiner Vorstellung verbinden. Nach Brenner, Reisen in die Neue Welt, S. 96.

[10] Nach Brenner, Reisen in die Neue Welt, 102.

[11] Nach ebd., S. 27f.

[12] Nach ebd., S. 100.

[13] Walt Whitman, „Preface to Leaves of Grass: 1855“The Portable Walt Whitman, S. 5.

[14] Walt Whitman, “Whitman to Emerson, 1856” Leaves of Grass (A Norton Critical Edition). Bradley, Sculley; Blodgett, Harold W. (Hrsg.). New York 1973, S. 740f.

[15] Walt Whitman, “By Blue Ontario’s Shore” Leaves of Grass (A Norton Critical Edition), S. 340.

[16] Rainer Prätorius, In God We Trust. Religion und Politik in den USA. München 2003, S. 44.

[17] Ebd., S. 342.

[18] Walt Whitman: “Whitman to Emerson, 1856” Leaves of Grass (A Norton Critical Edition), S. 735.

[19] Whitman, Complete Poetry and Collected Prose. Justin Kaplan (Hrsg.), S. 1261.

[20] Walt Whitman: “Specimen Days” The Portable Walt Whitman, S. 406.

[21] Ebd., S. 406.

[22] AM-Rumsfeld dismisses France and Germany as ‚old Europe’. 23. Jan. 2003. 10. Sept. 2003. <http://www.abc.net.au/am/s768388.htm>

[23] Nach Dippel, Geschichte der USA, S. 34.

[24] Nach ebd., S. 40f.

[25] Whitman: “Specimen Days” The Portable Walt Whitman, S. 462.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Walt Whitmans Amerikabild
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Nationale Selbst- und Fremdbilder
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V62484
ISBN (eBook)
9783638557153
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1776 hat die zur Abgrenzung und Identifizierung mit dem neuen Staat wichtige Polarisierung von 'altem' Europa und 'neuem' Amerika eine Rolle gespielt. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, inwieweit Walt Whitmans konstruiertes Amerikabild in Vers und Prosa von zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt wird und diese innovativ nutzt.
Schlagworte
Walt, Whitmans, Amerikabild, Nationale, Selbst-, Fremdbilder
Arbeit zitieren
Sabine Friedlein (Autor), 2003, Walt Whitmans Amerikabild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62484

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