Tancredi und Clorinda, Canto XII, Gerusalemme Liberata


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

I Vorwort

II Einflussnehmende Faktoren in Tassos Werk
2.1. Entwicklungsgeschichte des poema eroico
2.2. Tassos Theorie zur möglichen Vermischung von Stilebenen

III Die Protagonisten von Canto XII
3.1. Clorinda
3.2. Tancredi

IV Bedeutung von Canto XII in der Gesamtheit der Gerusalemme Liberata

V Kurzer Ausblick auf Tancredis weiteren Fortgang in der Gerusalemme Liberata

Literaturverzeichnis

I Vorwort

Im Folgenden befasse ich mich mit Canto XII aus Torquato Tassos G erusalemme Liberata. Ich möchte an diesem Gesang beispielhaft Grundzüge des von Tasso entwickelten poema eroico erläutern.

Die Quellen, von denen ich viele Ansätze und Gedanken der Literaturtheorie übernehme, sind Werke von Güntert[1], Regn[2] und Migiel[3]. Als weiterführende Literatur habe ich ebenso Ausschnitte aus dem Werk von Raimondi[4], Petrocchi[5], Bruni[6], Zatti[7] und Looney[8] verwendet. Dabei handelt es sich um Autoren, die Tasssos Gerusalemme Liberata auf Einzelphänomene wie deren Thematik, Hauptcharaktere, ideologische Ausrichtung und stilistische Ebene untersucht haben. Grundsätzlich beziehe ich mich hinsichtlich einer möglichen Vermischung von Stilebenen auf Tassos eigenes Werk[9]. In meiner Arbeit beziehe ich mich bei der Beschreibung der beiden Protagonisten überwiegend auf die Forschungsergebnisse von Migiel, Petrocchi und Güntert, die bereits umfassende Analysen zu Tassos Werk und unter anderem zu den Geschehnissen des Canto XII der Gerusalemme Liberata vorgelegt haben.

Im Folgenden werde ich zuerst auf Tassos literaturtheoretischen Ansatz eingehen, dazu die wichtigsten Merkmale des poema eroico besprechen und im Anschluss daran auf die Position des von mir behandelten Canto in der Gesamtheit der Gerusalemme Liberata eingehen. In diesem Kontext habe ich versucht, eine umfassende Analyse der Protagonisten des 12. Gesanges und ihrer figurativen Rolle in Tassos Werk abzugeben. Dazu möchte ich einige, mir bedeutsam erscheinende, Stellen aus dem Gesamtwerk herausnehmen, die meine Analysethesen belegen und darüber hinaus auch Hinweise auf den Fortgang des Helden im Gesamtwerk liefern.

II Einflussnehmende Faktoren in Tassos Werk

2.1. Entwicklungsgeschichte des poema eroico

Torquato Tasso lebte zu einer Zeit, in der eine heftige Diskussionen über eine mögliche Wiederbelebung antiker Literaturtheorien, wie etwa Aristoteles´ Poetik oder Horaz´

Ars poetica, entbrannte. Der junge Tasso ließ sich anfangs stark von berühmten Schriftstellern seiner Epoche beeinflussen, darunter Ariost, Pulci, Castiglione und nicht zuletzt von seinem eigenen Vater Bernardo Tasso, dessen literarischen Tendenzen er zu folgen versuchte. Bernardo Tasso hatte ein bekanntes poema cavalleresco mit dem Namen „Amadigi“ verfasst.[10] Sein Sohn, der junge Tasso, verfasste, um seinem Vater nachzueifern, einen reformierten romanzo cavalleresco, den Rinaldo von 1562, der die oppositiven Heldenkonzepte vorhergehender Literaturtraditionen wiederspiegelte. Der Rinaldo birgt sowohl die Einflüsse des roman courtois, als auch die Prägung der chanson de geste.[11]

Jedoch änderte Tasso nach einer Weile seinen literarischen Kurs und entwickelte, zu einem Teil basierend auf den Lehren der klassischen Meister Homer (Illias), Vigil (Aenäis), Aristoteles und Horaz, seine eigene Gattungsform, das poema eroico.

„Poco dopo, il Tasso precisa il significato delle sue riserve sull´ antichità e i classici.

Il poeta deve rispettare il ¢decoro dei costumi¢ (e quindi deve evitare l´introduzione di usanze antiche), ma non rinuncia al patrimonio della classicità, che rimane estraneo al trascorrere del tempo e conserva intatta, nei secoli, la sua validità.”[12]

In seiner literaturtheoretischen Schrift Discorsi dell´arte poetica e del poema eroico erläuterte er, in welchen Punkten man den klassischen Vorbildern zustimmen könne, wie zum Beispiel der aristotelischen Vorgabe der Handlungseinheit, einer thematischen Fokusierung auf die Erfüllung der Gemeinschaftsaufgabe des epischen Helden, einer geschichtlich fundierten Authentizität des Stoffes und der Vorgabe des horazischen Dictums des simplex et unum[13].

Tasso erläuterte aber auch, in welchen Punkten er zugunsten der Lesererwartung seiner Epoche abweichen wolle, um Elemente des beliebten romanzo cavalleresco, wie etwa die Betonung von individuellen Interessen, der thematischen Verlagerung auf Liebesabenteuer und der Adaption des typischen Verlaufsmusters des cavalier errante mit seinem Element des Wunderbaren aufzugreifen[14]. In der Liberata birgt das Wunderbare allerdings nicht nur den sinnerfüllten Zufall der Aventüren des fahrenden Ritters[15] eines Ariost, sondern wandelt sich in das meraviglioso cristiano, welches zwar ungewöhnlich, aber durchaus glaubhaft für den Leser ist, der von Gottes Allmacht überzeugt ist.

In Tassos Spätwerk Gerusalemme Liberata versucht der Autor die in den Discorsi beschriebene Theorie in die Praxis umzusetzen. Grundsätzlich ist das Werk thematisch und strukturell so angelegt, wie es insbesondere Aristoteles für richtig befunden hätte[16]. Die Liberata verarbeitet einen geschichtlich fundierten Stoff, den ersten Kreuzzug der Christen zur Befreiung des heiligen Grabes in Jerusalem unter der Führung von Gottfried von Bouillon(1099).

„L´azione del poema eroico deve essere, oltre che unitaria storica nel suo fondamento.”[17]

Eine solche hohe Materie passt zu den von Aristoteles postulierten Maßgaben für das Epos und deckt sich mit Tassos Ansicht, der Stoff dürfe weder zu weit in der Vergangenheit liegen – da der Stoff dann den Status eines Mythos bekäme -, noch dürfe er zu nah an der Gegenwart sein, da Tasso sonst keine fantastischen Episoden hätte hinzudichten können.

„L´argomento del poema deve essere noto per fama, ma solo nelle sue linee generali,

affinché il poeta possa senza alterare sostanzialmente l´andamento dei fatti

inserirvi le sue invenzioni.”[18]

Tasso hält es mit dem Schreiben wie Vergil, der meint, dass es nicht nur auf die wahren Dinge ankommt, sondern auf die beste Version der Wahrheit[19]. Denn während die Geschichtsschreibung auf die bloße Wiedergabe der Wahrheit abzielt, ist es auch Zielsetzung der Dichtung, Vergnügen zu bereiten[20]. Jedoch ist es laut Tasso bei all diesen liberalen Argumenten ebenso von Bedeutung, das echte Ende nicht umzudichten[21]. Allerdings hat der Autor das Recht, den Weg, der zu dem bereits vorbestimmten Ende führt, nach seinem Gutdünken gestalten; denn die Kunst besteht in der Zusammenstellung der Einzelteile zu einer guten Geschichte mit Spannungsbogen[22]. Der Stoff sollte in seinen Grundzügen bekannt sein, aber die Hindernisse und kleinen Episoden, die der Autor dazufügt, sollten neuer Prägung sein, so dass die Geschichte auf eine neue Art und Weise dargestellt wird.[23]

Insgesamt 20 Canti beschreiben den Verlauf des Kreuzzugs und das Schicksal einiger beteiligten Personen, denen Tasso besondere Bedeutung zukommen lässt. Diese Einzelschicksale werden unterschiedlich intensiv abgehandelt. Während der Geschichte von Olindo und Sofronia nur eine Episode in Canto II zukommt, entwickeln andere Geschichten sich über einige Canti und kulminieren in der Mitte des Gesamtwerkes, so wie bei Tancredi, oder auch erst gegen Ende der Liberata, wie Rinaldos Geschichte . Eine dieser intensiver abgehandelten Geschichten ist das verhängnisvolle Aufeinandertreffen des christlichen Ritters Tancredi und der heidnischen Kriegerin Clorinda, auf das ich im Nachfolgenden eingehen möchte.

[...]


[1] Güntert, Georges, Festschrift für Dieter Kremers: “l´eccelsa torre in fiamme – il combattimento di Tancredi e Clorinda”, in : Susanne Knaller und Edith Mara (Hg.), Das Epos in der Romania (Tübingen 1986).

[2] Regn, Gerhard, “Restituierte Idealität. Einheitspoetik und Paradigmatisierung der Geschichtsebene in Torquato Tassos Rinaldo“ in K. Hempfer (Hg.): Ritterepik der Renaissance. Akten des deutsch-italienischen Kolloquiums in Berlin vom 30.3.-2.4.1987, (Stuttgart 1989).

[3] Migiel, Marilyn, Gender and Genealogy in Tassos Gerusalemme Liberata, (Lewistown US, 1993).

[4] Raimondi, Ezio, Poesia come retorica, (Firenze 1980).

[5] Petrocchi,Giorgio, I Fantasmi di Tancredi, (Caltanissetta-Roma 1972).

[6] Bruni, Francesco, Prospettive sul Tasso, (Napoli 1969).

[7] Zatti, Sergio, L´ombra del Tasso – epica e romanzo nel Cinquecento, (Milano 1996).

[8] Looney, Dennis , Compromising the Classics, (Michigan US, 1996).

[9] Tasso, Torquato, Discorsi dell´arte poetica e del poema eroico, a cura di Luigi Poma (Bari 1964).

[10] Vgl. Bruni: 22.

[11] Vgl. Regn: 299.

[12] Bruni:38.

[13] Vgl. Tasso Discorsi: 128.

[14] Vgl. Tasso Discorsi: 130 ff.

[15] Vgl. Regn: 310.

[16] Vgl. Tasso Discorsi: 127, 129.

Strukturelle Einheit ist notwendig. Eine gute Geschichte braucht einen richtigen Anfang, Mittepunkt und ein richtiges Ende. Einheit bedeutet nach Aristoteles perfezione, welche zu grandezza führt, die dem Epos vorbehalten ist.

[17] Bruni: 36.

[18] Bruni: 37.

[19] Vgl. Tasso Discorsi: 118.

[20] Vgl. Tasso Discorsi: 117-118.

[21] Vgl. Tasso Discorsi: 119.

[22] Vgl. Tasso Discorsi 121.

[23] Vgl. Tasso Discorsi: 40,43.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Tancredi und Clorinda, Canto XII, Gerusalemme Liberata
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V62496
ISBN (eBook)
9783638557269
ISBN (Buch)
9783656381228
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tancredi, Clorinda, Canto, Gerusalemme, Liberata
Arbeit zitieren
Stefanie Deutzer (Autor:in), 2005, Tancredi und Clorinda, Canto XII, Gerusalemme Liberata, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62496

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