Balzacs Realismuskonzeption im Kontext von Père Goriot


Seminararbeit, 2004

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot
2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner „Artenvielfalt“
2.2 Physiognomie als Hinweis auf den Charakter der Figur
2.3 Die gesellschaftliche Umgebung als „Espèce Sociale“

3. Dynamik der Schichten und Figuren
3.1 Soziologische Dynamik in den Gesellschaftsschichten
3.2 Mystische Dynamik durch „Enérgie“ und „Hasard“

4. Balzacs Autorenkonzept vom visionären Sekretär
4.1 Realistische Elemente „habitudes“ und der „mœurs“
4.2 Der voyant und wertender secrétaire

5. Schluss: Père Goriot als ein Amalgam aus Soziologie und Mystik

6. Bibliografie

1. Einleitung

Der literarische französische Realismus unter Stendhal, Balzac und Flaubert versteht sich als „littérature du vrai“[1]. Diese Forderung des Realismus, die gesamte Wirklichkeit in all ihren Spielarten zu erfassen und darzustellen bildet das Gegenteil zu den romantischen Richtlinien.

Friedrich bezeichnet Balzac als den größten Gesellschaftsanalytiker der Restaurationszeit und der Julimonarchie[2]. Balzac fasst bezeichnenderweise seine Romane der Comédie Humaine unter dem Überbegriff Etudes sociales zusammen, der die Etudes de mœurs (zu deren Scènes de la vie privée Père Goriot gehört) , die Etudes philosophiques und die Etudes analytiques einschließt. Figuren, Handlungen und Zustände werden in Père Goriot nicht nur durch Balzacs individuelle Biografie geprägt (Rastignacs Lebenslauf besitzt große Ähnlichkeit mit Balzacs[3]), sondern auch durch den engen Bezug zu zeitgenössischen herrschenden wirtschaftliche, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich mit der Französischen Revolution 1789 entscheidend zugunsten des Bürgertums und zu Lasten des Adels gewandelt haben.

Der Dynamismus dieses gesellschaftlichen Wandlungsprozesses in der nachrevolutionären demokratischen Epoche und seine Auswirkungen übt nach Friedrich (83) einen großen Reiz auf die literarische Schaffenskraft eines Balzac aus.

Balzac verankert seinen Realismus, den er als eine histoire des moeurs versteht, fest in der Wirklichkeit. „All is true“[4], proklamiert er in Père Goriot. Dass er sein Werk nicht als Fiktion verstanden wissen will „ce drame n’est ni une fiction, ni un roman“ (PG 22), zeigt deutlich sein Interesse an der Wahrhaftigkeit seiner Darstellungen. Père Goriot (1835) bildet eine eigenständige gesellschaftliche Wirklichkeit und stellt die zeitgenössische französische Gesellschaft besonders durch die vorkommenden Charaktere idealtypisch dar. Noch heute ist der Roman für Historiker und Soziologen interessant, als äußerst komplexes Amalgam aus einer detaillierten Beschreibung zeitgenössischer Lebensumstände und der Behandlung sozialer Problematiken. Im Gegensatz zu Stendhal haben wir es bei Balzac nicht mit einer „engen“ literarischen Spiegelung der Wirklichkeit zu tun, sondern einem „Paralleluniversum“ und einem eigenen „Stück Wirklichkeit“[5]. Eine rein soziologische Lesart von Balzacs Père Goriot als bloße „Milieustudie“ schließt sich jedoch aus, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.

2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot

Balzac zeigt seine Faszination für alle Formen des menschlichen Lebens in seinem Anspruch, die Gesellschaft in ihrem Ganzen darzustellen, „La réalite complète dans la complète fiction“[6]. Durch die Widmung des Père Goriot an Saint-Hilaire betont Balzac gerade diesen Anspruch auf eine universelle Erfassung der Gesellschaft, denn Saint-Hilaires Lehre von der „unité de composition“[7] spricht von einer mystischen Ursubstanz, die sich in der gesamten Gesellschaft widerspiegelt. Dieser Ursubstanz nachzuspüren ist Balzacs erstes Ziel als Schriftsteller. Die Vorstellung von einer Urmaterie, durch die im Verlauf ihrer Bewegung das Produkt der Gesamtheit der Schöpfung entstanden ist, und auch die von Balzac favorisierte Lehre vom theosophischen Illuminismus, in der der Mensch als energiegeladene Figur dargestellt wird, widerspricht der christlichen Schöpfungslehre. Balzac als überzeugter Katholik vereinbart unvereinbare Glaubensrichtungen miteinander. So auch sein Realismus, der gleichermaßen von soziologischen, wissenschaftlichen, wie mystischen Vorstellungen beeinflusst wird (nach Heitmann 44).

2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner „Artenvielfalt“

In Père Goriot symbolisiert die Pension Vauquer die gesellschaftliche „masse bourgeoise“, die durch Victorine Taillefer und Eugène de Rastignac mit der „masse aristocratique“ verbunden ist. Der Erzähler kommentiert es in Père Goriot folgendermaßen: „Une réunion semblable devait offrir et offrait en petit les élèments d’une société complète (PG 40)“. Diejenigen, die sie verlassen, sind gesellschaftlich entweder auf- oder abgestiegen. Gesellschaftlich in das höhere aristokratische Milieu aufgestiegen sind am Ende Victorine und Eugène de Rastignac, Absteiger, zumindest im gesellschaftlichen Ansehen, sind die Verräter Poiret und Michonneau. Vautrin nimmt als verratener Unhold eine Sonderstellung ein.

Die Individuen der Gesellschaft selbst untergliedert Balzac ähnlich der Tierwelt in typische Arten.

Les différences entre un soldat, un ouvrier, un administrateur, un avocat, un oisif, un savant, un homme d’État, un commerçant, un marin, un poète, un pauvre, un prêtre, sont, quoique plus difficiles à saisir, aussi considérables que celles qui distinguent le loup, le lion, l’âne, le corbeau, le requin, le veau marin, la brebis, etc. (AP 8).

Die Bewohner sind auf den ersten Blick dementsprechend kolportagenhafte Typen mit oft der Tierwelt zugeordneten Eigenschaften. Es gibt die verschlagene Wirtin Vauquer, die einen Elsterblick („œil de pie“ (PG 42)) besitzt, den obrigkeitshörigen truthahnhalsigen (PG 34) Beamten Poiret, die hinterhältige „Fledermaus“ (PG 81) Michonneau, die durch Unglück verarmte Adlige Victorine, den aufstrebenden luchsäugigen (PG 141) Studenten Eugène de Rastignac, den Kriegsgewinnler Goriot. Doch abgesehen von Victorine entwickeln sich aus den Typen komplexe Charaktere, unverwechselbare Individuen. Victorine stellt den idealisierten Typus der tugendhaften, unter den ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen leidenden Frau dar, in ihrer passiven Anmut, Güte und Großherzigkeit die Verkörperung des „Angel in the House“ (nach Coventry Patmore). An Victorine wird fallbeispielhaft aufgezeigt, wie sehr Eugène in seiner Entschlusskraft wankt. Aus enttäuschter Liebe wirbt er um Victorine und steht kurz davor, die von Vautrin vorgeschlagenen Mordintrige zu billigen. Dass gerade Victorines „reinen Seele“ erst durch Mithilfe des Bösen in der Person Vautrins zu Gerechtigkeit verholfen wird, muss als starke Gesellschaftskritik aufgefasst werden. Vautrins Charakter ist schwer fassbar, er wird oft als Fabelwesen „Sphinx“ tituliert (PG 142, 143), da gerade er durch unmoralische Taten Gutes bewirkt. Hier gerät die Vorstellung vom Idealtypus bereits an seine Grenzen. Denn Vautrin ist ebenso wenig die rein diabolische Vice-Figur wie Rastignac der moralisch Überlegene, dazu wird seine Figur mit zu großer akribischen Hingabe gezeichnet. Rastignac ist der Typus des aufstrebenden Studenten, wie er uns in Stendhals „Le Rouge et le Noir“ in der Person Julien Sorels begegnet. Im Gegensatz zu ihm besitzt Eugène dank seiner adligen Abstammung die Möglichkeit, durch Beziehungen gesellschaftlich aufzusteigen, das Stendhalsche „Genie“ des rücksichtslosen Emporkömmlings fehlt ihm anfangs, vielmehr hadert er oft mit seinen Entschlüssen, ist bei manchen Gelegenheiten verunsichert, kurz, er entspricht mehr dem romantischen „Werther“ Goethes. Er strotzt anfangs noch vor Idealismus, auch Liebesidealismus, den er aber im Laufe der Erzählung zusammen mit seiner Naivität ablegt. Sein Erfolg bestätigt ihn darin: Indem er Mutter und Schwester der Ersparnisse „beraubt“, was er anschließend kurz bereut, gelingt ihm der Einstieg in die höhere Aristokratie. Er verwandelt sich vom „oiseau naguère“ zum „chien qui dérobe un os à travers mille périls“ (PG 139). Nicht nur sein komplexer Entwicklungsprozess distanziert die Figur Rastignac vom Kolportagenroman, sondern seine realistisch-unvollständige Durchdringung der gesellschaftlichen Prozesse und seine Fehlinterpretation von Verhalten. Er erkennt Delphines Naivität nicht als gespielt, ihre Vaterliebe nicht zum großen Teil als geheuchelt. Das macht ihn zu einem komplexen, realistischen Charakter. Balzac lässt, was Delphine betrifft, viele Elemente im Dunkeln. Nur selten tritt ihre zu Teil bösartig-eitle Natur für den Leser klar zutage, wenn sie ihrem Vater die Schuld an ihrem Unglück gibt oder aus Eitelkeit nicht weint (PG 329). Diese meist auf Rastignac beschränkte Perspektiventechnik reduziert das Wissen des Lesers über andere Figuren auf deren Aussagen, oder Aussagen anderer über sie. Der Erzähler verschweigt häufig, welchen Wahrheitsgehalt die Aussagen besitzen. So liegt es am Leser, inwieweit er Delphine als Heuchlerin einstuft, besonders nach ihren falschen Tränen, die schließlich eitel zurückgehalten werden. Doch gerade diese Unsicherheit des Publikums erzeugt einen hohen Grad an Realismus, da Gedankengänge wie in der Realität meist vor dem Beobachter verschlossen bleiben. Delphines Schwester ähnelt ihr, doch ist Anastasie ein launenhafteres und direkteres „cheval de pur sang“ (PG 60), aber auch diejenige, die zum Totenbett ihres Vaters kommt. Die Diabolisierung der Schwestern wird zusätzlich durch Goriots Erklärung verhindert, dass ihre Charaktereigenschaften von seiner schlechten Sozialisierung, bzw. Erziehung stammen.

Der soziale Abstieg Goriots wird ironischerweise durch den

etagenmäßigen Aufstieg in der Pension Vauquer von der Bell-Etage bis in das oberste Stockwerk symbolisiert. Er, der Typus des bürgerlichen König Lear, kam während der Lebensmittelknappheit 1789 zu einem Vermögen, das er seinen Töchtern opfert. Rastignac, der noch nicht über diese fatale Vaterliebe Bescheid weiß, bezeichnet ihn als „vieux rat sans queue“ (PG 98). Ein Pensionsgast nennt ihn „Schnecke“ (PG 55). Dass der „Schwätzer“ Poiret sich neben Goriot wie ein Adler ausnehme (PG 55) muss als ironischer Kommentar verstanden werden.

Heitmann und Friedrich ignorieren einen weiteren Typus, den Balzac mit Bianchon geschaffen hat. Er hebt sich als vornehmlich leidenschaftsloser und kühler Logiker und Wissenschaftler ganz von Rastignac, und somit Balzac, ab. Dabei ist er der moralisch Überlegene, würde den im entlegenen China lebenden Mandarin zum eigenen Fortkommen nicht töten. Bianchon ist eine normsetzende Leitfigur. Seine Diagnosen erweisen sich stets als richtig, selbst die im Scherz geäußerte Analyse des Goriot („ewiger Vater“ (PG 121)) stimmt mit der Realität überein. Er stellt kühle Diagnose auf, interessiert sich für Personen vornehmlich als „Fälle“, obwohl er Rastignac widerspricht, als dieser ihm Herzlosigkeit vorwirft. Er interessiere er sich sehr wohl noch für die kranke Person selbst (PG 339). Er bietet keine Heilung, aber in gewisser Weise Halt (WZ 11). Was Flaubert impersonnalité und impassibilité nennt, Balzac im Avant-Propos als impartialité (AP 15) als persönliche Eigenschaft ablehnt, ist ein „Relikt“ der Aufklärung und ihrer Forderung nach rein empirischen Erkenntnissen. Die sonst emotionalen „Riesen“ respektieren die Macht der reinen Analytiker (wie Vautrin Bianchons Analyse von Michonneaus Verräterstirn ernst nimmt, und Rastignac Bianchons Diagnose von Goriots Zustand). Balzac zeigt sich fasziniert von diesen Nur-Logikern, die ganz außerhalb seines eigenen sensitiven Bereichs liegen.

[...]


[1] Klaus Heitmann: Der französische Realismus von Stendhal bis Flaubert. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1979, S. 7. Das Werk wird im folgenden unter Heitmann zitiert.

[2] Hugo Friedrich: Drei Klassiker des Französischen Romans. 5., verbesserte Auflage. Frankfurt: Klostermann 1973, 75. Das Werk wird im folgenden unter Friedrich zitiert.

[3] Rastignac ist im gleichen Jahr wie Balzac geboren, sein Ankunftsjahr in Paris ist ebenfalls mit dem Balzacs identisch, beide brechen das angefangene Jurastudium ab, wollen in der Gesellschaft reüssieren und besitzen eine Schwester mit Namen Laure.

[4] Honoré de Balzac: Le Père Goriot. Paris: Editions Gallimard 1971, 22. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle PG zitiert.

[5] Klaus Podak: „Glühendes Leben“. SZ vom 15.05.1999.

[6] Wolfzettel, Friedrich (Hrsg.): 19. Jahrhundert: Roman. Tübingen: Stauffenburg 1999, 118. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle WZ zitiert.

[7] Honoré de Balzac: „Avant-Propos de ,La Comédie humaine‘“ in La Comédie humaine. Band 1. Paris: Éditions Gallimard 1976, 7. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle AP zitiert.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Balzacs Realismuskonzeption im Kontext von Père Goriot
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Französische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Der Roman des Französischen Realismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V62563
ISBN (eBook)
9783638557795
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Balzac verankert seinen Realismus, den er als histoire des moeurs versteht, fest in der Wirklichkeit. 'All is true' , proklamiert er in Père Goriot. Im Gegensatz zu Stendhal haben wir es bei Balzac dennoch nicht mit einer 'engen' literarischen Spiegelung der Wirklichkeit zu tun, sondern einem 'Paralleluniversum' und einem eigenen 'Stück Wirklichkeit'.
Schlagworte
Balzacs, Realismuskonzeption, Kontext, Père, Goriot, Proseminar, Roman, Französischen, Realismus
Arbeit zitieren
Sabine Friedlein (Autor), 2004, Balzacs Realismuskonzeption im Kontext von Père Goriot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62563

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