Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einige jiddisch-deutsche Sprichwörter vorzustellen und sie daraufhin zu untersuchen, ob sich in ihnen Motive finden, die eine kulturelle, politische und religiöse Sonderstellung der Juden Europas widerspiegeln. Haben sich die Einflüsse der griechisch-lateinischen Antike ebenso in den jüdischen Sprichwörtern niedergeschlagen, wie sie es in denen der christlichen Bevölkerung Europas taten? Welche Geistesströmungen beeinflussten die Inhalte, die in den jüdischen Sprichwörtern kolportiert werden? Ist diese volkstümliche Spruchgattung überwiegend vom Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung beeinflusst oder hat sich in den Sprichwörtern so etwas wie eine jüdische Parallelkultur manifestiert, die Diaspora, Ghettoisierung, Pogrome, Assimilation, Emanzipation und andere Erlebnisse des Judentums in ihrem Sprichwörterschatz verarbeitet hat? Dies sind im Wesentlichen die Fragen, denen in dieser Untersuchung nachgegangen werden soll.
Zunächst werden einige Definitionen des Sprichworts vorgestellt und erläutert und das Sprichwort dabei von anderen Spruchgattungen abgesetzt. Neben Sprichwörtern wird sich diese Arbeit auch in geringerem Maße mit Sprichwörtlichen Redensarten beschäftigen. Im Anschluss werden einige Ergebnisse der allgemeinen Sprichwörterforschung dargestellt. Diese Basisinformationen sollen helfen, gegebenenfalls Besonderheiten der jüdischen Sprichwörter aufzufinden.
Als Nächstes folgt eine kurze Einführung in die jiddische Sprache und Literatur, die die Lektüre und Interpretation der Sprichwörter unterstützen soll. In dem darauf folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Strömungen des jüdischen Geisteslebens vorgestellt. Wesensmerkmale von Bewegungen wie Kabbalistik und Chassidismus fanden nicht selten Eingang in jüdische Sprichwörter. Die Kenntnis ihrer Grundzüge erscheint für die Interpretation der in dieser Arbeit besprochenen Sprichwörter von Vorteil. Als Nächstes werden die unterschiedlichen Quellen der jüdischen Sprichwörter und einige Sprichwörtersammlungen und Monographien zu jüdischen Sprichwörtern vorgestellt. Im nächsten Kapitel wird eine Auswahl von Sprichwörtern dargeboten, die einen spezifisch jüdischen Gehalt aufweisen. Im abschließenden Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Das Sprichwort
2.1. Was ist ein Sprichwort und in welchem Verhältnis steht es zu anderen Spruchgattungen?
2.2 Ergebnisse der allgemeinen Sprichwörterforschung
3. Die jiddische Sprache und Literatur
3. 1. Die jiddische Sprache
3.2 Die jiddische Literatur
4. Die wichtigsten Strömungen des jüdischen Geisteslebens
4.1. Kabbala
4.2. Messianismus und Pseudomessianismus
4.3. Chassidismus
4.4. Haskalah
5. Das jüdische Sprichwort
5. 1. Sprichwörtersammlungen und Monographien zu jüdischen Sprichwörtern
5. 2. Die Quellen der jüdischen Sprichwörter
5. 3. Jüdische Sprichwörter und Sprichwörtliche Redensarten als Ausdruck der kulturellen und religiösen Sonderstellung der Juden Europas
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht jiddisch-deutsche Sprichwörter daraufhin, inwieweit sie die kulturelle, politische und religiöse Sonderstellung der europäischen Juden widerspiegeln, wobei sie insbesondere die Einflüsse spezifisch jüdischer Geistesströmungen und die Verarbeitung der Lebenswirklichkeit in der Diaspora analysiert.
- Analyse der jiddischen Sprache und Literatur im Kontext der Sprichwortüberlieferung.
- Einfluss jüdischer Geistesströmungen wie Kabbala, Messianismus, Chassidismus und Haskalah.
- Untersuchung von Quellen und Sammlungen jüdischer Sprichwörter.
- Darstellung der Verbindung von Sprichwörtern mit der jüdischen Lebenswirklichkeit und religiösen Sonderstellung.
- Abgrenzung des Sprichworts von anderen Spruchgattungen.
Auszug aus dem Buch
4.3. Chassidismus
Beim Chassidismus handelt es sich um eine mystisch-religiöse Bewegung innerhalb des östlichen Judentums, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand. Ausgehend von ihrem Entstehungsgebiet, Südostpolen, verbreitete sich die chassidische Mystik in der Ukraine, Galizien, Zentralpolen, Weißrussland, Ungarn und in geringerem Maße in Litauen. Für Eugen Ludwig Rapp ist „[d]er Chassidismus [...] der Urgrund des religiösen Empfindens der meisten Südostjuden und auch der Boden, auf dem die jiddischen Sprichwörter stehen“. Es können mehrere Faktoren ausgemacht werden, die zur Entstehung dieser geistigen Strömung führten und ihre rasche Ausbreitung über breite Schichten der jüdischen Bevölkerung der oben genannten Länder begünstigten.
Zu den äußeren Lebensumständen, die die Bevölkerung als drückend empfand und die sie in diese tröstliche Mystik sich flüchten ließen, gehörten zweifellos die große Armut, die durch häufige kriegerische Auseinandersetzungen und Kosakeneinfälle in diesen Regionen entstanden war, die damit verbundenen Verfolgungen und die beginnende Aufspaltung Polens in dieser Zeit. Hinzu kam, dass viele Juden von den pseudomessianischen Bewegungen, wie sie sich um Zabbatai Zewi und Jakob Leib Frank gebildet hatten, enttäuscht waren, und auch das nüchterne, der Buchgelehrsamkeit verpflichtete Rabbinertum ihnen keinen Trost bieten konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einführung in die Forschungsfrage, ob jüdische Sprichwörter die kulturelle und religiöse Sonderstellung der Juden Europas widerspiegeln.
2. Das Sprichwort: Diskussion verschiedener Definitionen des Sprichworts sowie dessen Abgrenzung zu anderen Spruchgattungen und Ergebnisse der allgemeinen Sprichwortforschung.
3. Die jiddische Sprache und Literatur: Überblick über die historische Entwicklung des Jiddischen als Komponentensprache sowie eine kurze Einführung in das traditionelle und moderne jiddische Schrifttum.
4. Die wichtigsten Strömungen des jüdischen Geisteslebens: Darstellung der prägenden Strömungen Kabbala, Messianismus, Chassidismus und Haskalah als Grundlagen für die Interpretation jiddischer Sprichwörter.
5. Das jüdische Sprichwort: Vorstellung maßgeblicher Sammlungen und eine detaillierte inhaltliche Analyse der Motive, Quellen und der Bedeutung von Sprichwörtern für das jüdische Leben.
6. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach neben außerjüdischen Einflüssen vor allem genuin jüdische Motive, die mit dem Glauben und der Diaspora-Erfahrung verknüpft sind, in den Sprichwörtern dominieren.
Schlüsselwörter
Jiddisch, Jüdische Sprichwörter, Diaspora, Kabbala, Chassidismus, Haskalah, Tendlau, Bernstein, Jüdische Identität, Assimilation, Sprichwortforschung, Jüdische Geistesgeschichte, Ostjudentum, Schrifttum, Volksglaube.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich die kulturelle, politische und religiöse Sonderstellung der europäischen Juden in jiddischen Sprichwörtern widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der jiddischen Sprache und Literatur, der Bedeutung jüdischer Geistesströmungen wie Kabbala und Chassidismus sowie der Rolle der Diaspora-Erfahrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, jiddisch-deutsche Sprichwörter zu analysieren, um Motive zu finden, die die jüdische Sonderstellung in Europa manifestieren oder verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Herangehensweise, indem sie maßgebliche Sprichwörtersammlungen analysiert und in den historischen sowie geistesgeschichtlichen Kontext des Judentums einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zum Sprichwort, die Sprach- und Literaturgeschichte des Jiddischen, eine Exkursion zu jüdischen Geistesströmungen und eine detaillierte inhaltliche Analyse der Sprichwörter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentral sind Begriffe wie Jiddisch, Jüdische Sprichwörter, Diaspora, Chassidismus, Haskalah und Jüdische Identität.
Warum spielt die Kabbala für das Verständnis der Sprichwörter eine Rolle?
Die Kabbala hat die jüdische Glaubenswelt tief beeinflusst; ihre mystischen und magischen Motive, wie etwa die Symbolik von Zahlen und Buchstaben, sind in viele Sprichwörter eingegangen.
Wie unterscheidet sich die Haskalah von anderen Strömungen in Bezug auf Sprichwörter?
Während traditionelle Strömungen wie der Chassidismus tief in der jüdischen Volkskultur verwurzelt waren, war die Haskalah eine Aufklärungsbewegung, die das Jiddische oft ablehnte, aber dennoch Themen wie Assimilation in die Sprichwortkultur einbrachte.
- Quote paper
- Nathalie Kónya-Jobs (Author), 2004, Das jüdische Sprichwort, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62598