Diese Proseminararbeit widmet sich der Aufgabe, mystische Aspekte in Texten des Wienhäuser Liederbuches aufzuzeigen und diese dann in Bezugnahme auf historische und kulturelle Hintergründe auszuwerten. Dazu wird zunächst kurz in Kapitel zwei ein Überblick über das Kloster Wienhausen und dessen Nachlass aus dem Mittelalter gegeben, um dann direkt zum Wienhäuser Liederbuch überzuleiten. In diesem folgendem Paragrafen wird das Liederbuch als Gesamtwerk betrachtet.
Bevor es zu einem direkten Bezug zum Inhalt kommt, ist eine allgemeine terminologische Definition der Begriffe ‚Lied’ und vor allem von ‚Mystik’ notwendig. Da das Verständnis dieser Begriffe im Laufe der Zeit einen terminlogischen Wandel durchgemacht hat, ist es wichtig herauszufinden, wie diese Begriffe im Zeitalter der Abfassung des Wienhäuser Liederbuchs zu verstehen waren. Deshalb wird Abschnitt vier komplett der Erklärung dieser beiden Begriffe gewidmet. Dadurch besteht die Möglichkeit in Kapitel fünf die Grundlage für die entsprechende Interpretation für das Lied „der himmlische Bräutigam“ zu bekommen.
Dieses Lied wurde gewählt, weil es schon der Titel mystische Aspekte zu tragen scheint. Ob dies wirklich der Fall sein wird, ergibt sich aus der näheren Betrachtung desselben. Die Literatur aus dem Mittelalter, insbesondere Literatur aus (Frauen)Klöstern, ist in den meisten Fällen immer ein unzertrennbares Gemisch aus Theologie, Alltag und Literaturwissenschaft. Gerade auch, weil die meisten Frauen schon in Kindertagen in ein Kloster gingen und dort mit dem Glauben erzogen wurden und heranwuchsen, soll versucht werden, inwieweit der Aspekt der Mystik im Wienhäuser Liederbuch auch außerhalb der theologischen Basis eine Rolle spielt und ob dies überhaupt möglich ist. In der Auslegung des Textes ‚Der himmlische Bräutigam’ wird es also vorrangig um eine
literaturwissenschaftliche Analyse des Textes gehen und der daraus resultierenden Deutungsmöglichkeiten.
Die Mystik war da Ergebnis einer persönlichen Frömmigkeit und der Eigeninitiative seinen christlichen Glauben aktiv zu gestalten. Dies wurde nicht nur von Schwestern und Brüdern gelebt, sondern teilweise auch vom gemeinen Volk. Lieder spielten dabei eine sehr große Rolle, weil diese von den meisten Personen, auch ohne Buchstaben- bzw. Lesekenntnisse leicht zu behalten waren, sobald sie mehrmals in einer Gruppe rezitiert wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Struktur und methodischem Vorgehen
2. Einführung ins Kloster Wienhausen und dessen Nachlass
3. Das Wienhäuser Liederbuch
4. Definition von Lied und Mystik
4.a Definition von ‚Lied’
4.b Terminologische Problematisierung von ‚Mystik’
5. „Der himmlische Bräutigam“ - eine exemplarische Interpretation
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, mystische Aspekte in den Texten des Wienhäuser Liederbuchs aufzuzeigen und diese im Kontext der historischen und kulturellen Rahmenbedingungen eines Frauenklosters zu analysieren, wobei insbesondere die literaturwissenschaftliche Deutung des Liedes „Der himmlische Bräutigam“ im Vordergrund steht.
- Untersuchung des Wienhäuser Liederbuchs als kulturelles und religiöses Medium
- Terminologische Klärung der Begriffe „Lied“ und „Mystik“ im mittelalterlichen Kontext
- Analyse der Braut- und Christusmystik innerhalb der Klosterliteratur
- Exemplarische literaturwissenschaftliche Interpretation des Liedes „Der himmlische Bräutigam“
- Reflektion über die Rolle und Lebenswelt von Frauen in spätmittelalterlichen Konventen
Auszug aus dem Buch
5. „Der himmlische Bräutigam“ - eine exemplarische Interpretation
Der hier vorliegende Text ist in 19 Strophen unterteilt. Ein regelmäßiges Reimschema ist jedoch nicht zu finden. Zwar kommen immer mal wieder Wörter vor, die sich reimen, jedoch ist nicht erkennbar, ob dies bewusst gesetzt wurde oder ob es sich um Zufall handelt. In Strophe zwei reimt sich lediglich „wyl“ auf „spel“, beziehungsweise „varen“ mit „waren“.
In Strophe eins ist kein Reim feststellbar. Kreuzreime sind augenscheinlich in den Strophen zwei, fünf, sechs, acht, neun, zehn, elf, 13, 14, 15 und 19. Diese Strophen bestehen dann allerdings nicht aus reinen Kreuzreimen, sondern nur zwei der 4 Zeilen reimen sich auf Kreuz. Die anderen zwei Zeilen haben keine reimschematische Verbindung. Der Kreuzreim geht demnach nicht auf. Wie man sieht, besitzen zwar elf der 19 Strophen einen Kreuzreim, aber da auch in der Setzung dieser Kreuzreime, innerhalb dieser 19 Strophen, keine Ordnung zu erkennen ist, lässt sich ableiten, dass bei der Entstehung des Liedes nicht so sehr auf Form, sondern eher auf den Inhalt geachtet wurde. Jedoch sollte man den Aspekt von Peter Kaufhold nicht außer Acht lassen, dass das Lied einen niederländischen Ursprung hat.
Selbst wenn das niederländische „Original“ ein exaktes Reimschema aufgewiesen hätte, muss dies nicht zwangsläufig ins Niederdeutsche mit übertragen worden sein. Es bestand eventuell ein so genanntes „Übersetzungsproblem“, in der Tatsache, dass ein gleichzeitiges Übertragen in ein einheitliches Reimschema nicht möglich war, ohne den Inhalt zu verfälschen.
Inhaltlich beschreibt das Lyrische Ich auf sehr innige Weise ihre Sehnsucht zu ihrem himmlischen Bräutigam Jesus.
Aufteilen kann man das Lied in vier Sinnabschnitte. Bis Strophe vier erzählt das LI wie tief ihre Liebe zu Jesus ist und ihr Verlangen diesen zu kosen. Für ihn würde sie alles auf der Welt zurücklassen, weil er die „Rose ist, die allezeit blüht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Struktur und methodischem Vorgehen: Dieses Kapitel erläutert den Aufbau der Arbeit und legt die methodische Vorgehensweise bei der Untersuchung der mystischen Aspekte im Wienhäuser Liederbuch dar.
2. Einführung ins Kloster Wienhausen und dessen Nachlass: Hier wird ein Überblick über die Gründung des Klosters im 13. Jahrhundert und die Entdeckung des Liederbuchs im Klosterarchiv gegeben.
3. Das Wienhäuser Liederbuch: Dieses Kapitel liefert eine inhaltliche Übersicht über den Codex, seine formale Beschaffenheit sowie die Verteilung der geistlichen und weltlichen Lieder.
4. Definition von Lied und Mystik: Es werden die Begriffe „Lied“ und „Mystik“ terminologisch definiert und deren Bedeutungswandel im historischen Kontext sowie ihre Bedeutung für das Klosterleben untersucht.
5. „Der himmlische Bräutigam“ - eine exemplarische Interpretation: Das Kapitel widmet sich einer detaillierten literaturwissenschaftlichen Analyse des Liedes unter Berücksichtigung mystischer Motivik und formaler Merkmale.
6. Schlussfolgerung: Die Arbeit fasst zusammen, welche Rolle das Liederbuch im klösterlichen Alltag einnahm und wie es den Schwestern als Medium zur persönlichen Identifikation und spirituellen Praxis diente.
Schlüsselwörter
Wienhäuser Liederbuch, Kloster Wienhausen, Mystik, Brautmystik, Christusmystik, Mittelalter, Frauenkloster, Literaturwissenschaft, Interpretation, geistliche Lieder, unio mystica, Frömmigkeit, Ordensleben, Handschrift, Niederdeutsch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht mystische Elemente in den Texten des spätmittelalterlichen Wienhäuser Liederbuchs und ordnet diese in den historischen Kontext klösterlicher Frauenkultur ein.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Geschichte des Klosters Wienhausen, die Analyse der Liedtexte sowie die terminologische Auseinandersetzung mit mystischen Begriffen wie der unio mystica.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie mystische Aspekte im Liederbuch reflektiert werden und inwiefern diese Texte als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit und Identifikation für die Nonnen dienten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die terminologische Definitionsarbeit mit einer exemplarischen Textinterpretation kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einführung, eine Bestandsaufnahme des Liederbuchs, eine Begriffsbestimmung der zentralen Konzepte sowie eine detaillierte Interpretation des Liedes „Der himmlische Bräutigam“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Wienhäuser Liederbuch, Mystik, Brautmystik, Frauenkloster und literaturwissenschaftliche Analyse.
Warum wird im Rahmen der Interpretation das Lied „Der himmlische Bräutigam“ besonders hervorgehoben?
Das Lied wurde gewählt, weil sein Titel bereits explizit auf mystische Aspekte hindeutet und es somit eine hervorragende Grundlage für die Untersuchung der Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und Christus bietet.
Welche Rolle spielte das Zölibat bei der Entstehung der mystischen Texte im Liederbuch?
Die Autorin argumentiert, dass das Zölibat die Entstehung von Brautmystik beeinflusste, da das Verlangen nach körperlicher Nähe metaphorisch auf die spirituelle Verbindung zu Christus projiziert wurde.
Was ist das besondere Fazit der Untersuchung?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das Liederbuch für die Schwestern ein essenzielles Medium war, um ihren Glauben zu interpretieren und ein Identifikationsangebot für ein Leben im klösterlichen Kontext zu schaffen.
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- Vanessa Noll (Author), 2005, Das Kloster Wienhausen und das Wienhäuser Liederbuch - Unter der Beobachtung von Einflüssen der Mystik im Wienhäuser Liederbuch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62604