Schulabsentismus am Gymnasium


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definitionen und Abgrenzung der Fachbegriffe

3. Einflussfaktoren
3.1 Allgemeines
3.2 Einflussfaktor Gesellschaft
3.3 Familie und soziales Umfeld als Einflussfaktor
3.4 Schule als Einflussfaktor
3.5 Personelle Ressourcen als Einflussfaktor

4. Interventionsmöglichkeiten
4.1 Allgemeines
4.2 Das Schulverweigerer Projekt der Jean-Piaget-Oberschule
4.3 Eignung des Projekts für Intervention am Gymnasium

5. Schlusswort

6. Literatur

1. Einleitung

Seit der PISA – Studie, deren Ergebnisse im Jahr 2001 großes Entsetzen in Deutschland ausgelöst haben, ist die Bildungspolitik wieder sehr viel mehr in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung gerückt. Wenn auch die Thematisierung und Präsentation der Problemlagen im deutschen Bildungssystem häufig an Auflagezahlen oder Einschaltquoten gebunden sind, so rücken dennoch wieder Themen in den Vordergrund, die über Jahre nicht, oder nur von Fachleuten und Betroffenen, als Problem wahrgenommen wurden. Eines dieser Themen ist der vermehrte vorzeitige Ausstieg von Schülern aus dem System Schule, der im Folgenden mit dem Begriff Schulabsentismus beschrieben wird. Eine genaue Abgrenzung der Begriffe Schwänzen, Schulverweigerung etc. wird im folgenden Kapitel vorgenommen.

Im Jahr 1998, also einige Jahre vor dem „PISA – Schock“, beendeten 83000 Schüler ihre Vollzeitschulpflicht ohne einen Hauptschulabschluss, das entspricht nahezu einem Viertel (25,3 %) der damaligen Schulabgänger.[1] Diese Zahl scheint alarmierend, dennoch dürfte eine breite Öffentlichkeit sich dieses Problems nicht bewusst gewesen sein. Die meisten dieser Schüler sind Haupt- bzw. Sonderschüler, aber nicht alle. Auch die einschlägige Fachliteratur beschäftigt sich überwiegend mit diesen Schultypen, ebenso, wie Interventionsprogramme bzw. -projekte, die in wachsender Zahl entstanden sind und entstehen. Diese Fokussierung ist einerseits verständlich, da diese Schulen den höchsten Anteil der schulabsenten Schüler haben. Andererseits besuchen über die Hälfte der deutschen Schüler einen anderen Schultyp, wie die Gesamt- oder Realschule, oder aber das Gymnasium.

Zudem sind häufig Schüler, die eine „Abstiegskarriere“ vom Gymnasium oder der Realschule hinter sich haben anteilig in den Zahlen der schulabsenten Schüler, die die Haupt- oder Sonderschule besuchen, enthalten. Diese Arbeit wird sich vor allem mit der Problematisierung von Schulabsentismus am Gymnasium befassen und dahingehend untersuchen, inwiefern auch an diesem Schultyp eine Intervention Sinn macht, um Absentismusverhalten zu verhindern. Offizielle Zahlen zum Anteil der absenten Schüler vom Gymnasium gibt es meines Wissens nicht, eine Studie dazu ist in der mir zugänglichen Literatur nicht vorhanden. Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch diese Lücke zu schließen bzw. die Problematik erschöpfend zu behandeln. Es sollen vor allem Erklärungs- und Interventionsmöglichkeiten auf ihre Gültigkeit hinsichtlich der Schüler am Gymnasium untersucht werden.

Im Folgenden werden unter dem Begriff Schüler männliche als auch weibliche Schüler verstanden.

2. Definitionen und Abgrenzung der Fachbegriffe

Eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema Schulabsentismus macht deutlich, dass in der Fachliteratur verschiedene Begriffe verwendet werden, die ähnliche oder gleiche Inhalte besetzen. Es ist häufig von aktiver bzw. passiver Schulverweigerung, Schulunlust, Schulmüdigkeit, Schulvermeidung, Schulschwänzen, Schulflucht oder Schulablehnung die Rede. Die einzelnen Definitionen der Experten bedingen sich oft gegenseitig, es kann jedoch auch vorkommen, dass ein Begriff von unterschiedlichen Fachleuten verwendet wird um unterschiedliche Phänomene zu beschreiben. Daher soll an dieser Stelle zunächst eine Abgrenzung der Begriffe vorgenommen werden, die deutlich macht, welcher Begriff in dieser Arbeit wie verwendet wird.

Zunächst zum Begriff Schulabsentismus, der bedingt durch die thematische Ausrichtung der Arbeit stark im Mittelpunkt der Betrachtungen steht. Der Begriff selbst ist angelehnt an die Verwendung, die Heinrich Ricking und Heinz Neukäter in einem Forschungsbeitrag vornehmen.[2] Sie erfassen unter dem Begriff „alle Formen des unerlaubten Fernbleibens von der Schule.“[3] In anderer Literatur wird dafür meist der Begriff des Schulschwänzens verwendet. Doch dieser Begriff ist geprägt durch das Bild des sich auflehnenden Schülers. Das Schulschwänzen ist natürlich eine Form des Schulabsentismus, doch häufig wird es nur als „Kavaliersdelikt“[4] betrachtet und ist meist ein nur temporal auftretendes Problem.

So werden das Fehlen einzelner Stunden oder Tage mit diesem Begriff zumeist beschrieben, Schulabsentismus jedoch schließt auch ein verfestigtes, dauerhaft auftretendes Verhalten des Schülers ein, der also die Schule über größere Zeiträume (Monate, in manchen Fällen sogar Jahre) nicht besucht.

Schulabsentes Verhalten tritt jedoch nicht plötzlich auf, ein Schüler entscheidet sich nicht von einem Tag auf den anderen nicht mehr in die Schule zu gehen. Diesem Verhalten geht zumeist ein Prozess voraus, an dessen Ende dann der Schule zeitweise, häufig jedoch dauerhaft ferngeblieben wird. Die Fachliteratur besetzt dieses Fernbleiben teilweise auch mit dem Begriff der aktiven Schulverweigerung.[5] Dies wird hier im Folgenden nicht geschehen, dennoch spielt der Begriff Schulverweigerung eine zentrale Rolle, daher muss auch er für den weiteren Gebrauch näher definiert werden. Schulverweigerung wird einerseits von Ricking und Neukäter als Symptom einer emotionalen, internen Störung beschrieben, die nach psychiatrischer Diagnose therapiert werden muss.[6] Im Folgenden wird jedoch von dieser Definition Abstand genommen. Der Begriff Schulverweigerung wird hier verstanden als ein Verhalten, das den Prozess beschreibt an dessen Ende der Schulabsentismus steht. Verweigerung beginnt also nicht erst durch die Abwesenheit des Schülers, sondern ist schon vorher zu beobachten. Gemeint ist ein verfestigtes Verhalten, das der Schüler im Unterricht an den Tag legt. Gekennzeichnet ist dieses zum einen von Passivität, die häufig als „Träumen“ oder „Nichtaufpassen“ von den Lehrkräften wahrgenommen wird. Nicht jeder Schüler der im Unterricht nicht aufpasst, ist als Schulverweigerer einzustufen, doch es gibt einen Anteil von Schülern, die mental beständig aus dem Unterricht aussteigen und sich somit entziehen. Dies wird von den Lehrkräften oft sehr viel weniger wahrgenommen als eine aktive Verweigerung, die mit den Unterricht störendem Verhalten einhergeht.

Der Schüler bringt also seine Verweigerung dem Lehrer und damit der Schule sehr offen zum Ausdruck, indem er den Unterrichtsverlauf durch provozierendes oder aggressives Verhalten massiv negativ beeinflusst.

3. Einflussfaktoren

3.1 Allgemeines

Die Frage, warum ein Schüler ein schulabsentes Verhalten entwickelt, ist nicht einfach zu beantworten. Daher wird an dieser Stelle auch nicht von Ursachen, Gründen oder Auslösern gesprochen, da diese Begriffe den Weg für monokausale Erklärungsmuster ebnen. In den meisten Fällen gibt es jedoch nicht den einen Grund, oder die auslösende Ursache. Gerade die Betroffenen, also der Schüler, dessen Eltern und auch die Lehrkräfte neigen häufig zu eindimensionalen Erklärungen, die nicht selten in Schuldzuweisungen enden, die jedoch keine Hilfe bringen und eine konstruktive Lösung eher behindern als fördern.

Sehr viel sinnvoller ist es, davon auszugehen, dass viele Faktoren das absente Verhalten begünstigen und dieses auslösen.

Es gibt verschiedene Ebenen von den Einflussfaktoren ausgehen können, wobei auch hier wieder beachtet werden sollte, dass eine zu scharfe Abgrenzung unlogisch ist, da es immer Interdependenzen zwischen den einzelnen Ebenen gibt. Für eine strukturierte Darstellung ist eine formale Abgrenzung aber durchaus nützlich. Es wird davon ausgegangen, dass als übergeordnete Ebene zunächst einmal die weitere Umwelt, also die Gesellschaft Einfluss haben kann auf das Verhältnis des Schülers zur Schule.

[...]


[1] Schreiber-Kittl, Maria. Alles Versager? Schulverweigerung im Urteil von Experten. München: Deutsches Jugendinstitut, Arbeitspapier 1/2001.

[2] Ricking, Heinrich & Heinz Neukäter. Schulabsentismus als Forschungsgegenstand. In: Heilpädagogische Forschung, Bd. 23/2, 1997.

[3] Ebd. S. 51

[4] Thimm, Karlheinz. Schulverdrossenheit und Schulverweigerung: Phänomene – Hintergründe und Ursachen – Alternativen in der Kooperation von Schule und Jugendhilfe. Berlin, 1998.

[5] Schreiber-Kittl, 1/2001, S. 18

[6] Ricking & Neukäter,, S. 50

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Schulabsentismus am Gymnasium
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
HS Verhaltens- und Entwicklungsstörungen im Jugendalter
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V62617
ISBN (eBook)
9783638558280
ISBN (Buch)
9783656111610
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht Entstehungsbedingungen von Schulverweigerung und die Anwendung eines Interventionsprojektes einer Hauptschule für Gymnasien.
Schlagworte
Schulabsentismus, Gymnasium, Verhaltens-, Entwicklungsstörungen, Jugendalter
Arbeit zitieren
Bettina Nolde (Autor), 2004, Schulabsentismus am Gymnasium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62617

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