Physiognomik und Literatur bei Friedrich Schiller


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
32 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Menschenkenntnis des 18. Jahrhunderts

3. Schillers Schriften zur Physiognomik
3.1 Versuch ueber den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen
3.2 Ueber Anmuth und Würde
3.2 Schiller zwischen Lavater und Lichtenberg

4. Physiognomik im literarischen Text
4.1 Die Räuber
4.1.1 Entstehung und Quellen
4.1.2 Die Vorrede
4.1.3 Die Genese und Ursachen des Verbrechens
4.2 Der Verbrecher aus verlorener Ehre
4.2.1 Entstehung und Quelle
4.2.2 Die Vorrede
4.2.3 Die Genese und Ursachen des Verbrechens

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Arbeit gibt in einem ersten Schritt einen kurzen Überblick über die „Anthropologie“ des 18. Jahrhunderts und die Einflüsse, unter denen Schiller in der Zeit der Hohen Karlsschule, einer Militärakademie stand.

Im zweiten Schritt werden Schillers medizinische und philosophische Texte, die sich mit dem Zusammenhang von Leib und Seele beschäftigen, vorgestellt und analysiert. Schillers Auffassung von Physiognomik und Pathognomik wird dann abschließend verglichen mit den Ansichten der „physiognomischen Autorität“ Johann Caspar Lavater und seinem vielleicht größten Kritiker zu der Zeit, Georg Christoph Lichtenberg.

Damit sind die Grundlagen geklärt, die Schillers literarische Texte wiedergeben.

Im dritten Schritt werden exemplarisch zwei literarische Texte Schillers untersucht, die sich im Hinblick auf die Thematik und Herangehensweise ähneln.

Am Beispiel des Verbrechers im Drama Die Räuber und in der Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre soll der Einfluss auf Literatur des allgemein gängigen Wissens über Physiognomik, das alle Lebensbereiche bis hin zur Rechtsprechung durchzog, und Schillers eigener Überlegungen deutlich werden. Dabei werden auch Abweichungen zu erkennen sein und das Medium Literatur wird als Plattform für die Forderung nach Reformen in der Ursachenforschung in der Literatur, der Justiz, der Physiognomik und in der gängigen Meinung über gewisse Menschenbilder genutzt.

2. Die Menschenkenntnis des 18. Jahrhunderts

Friedrich Schillers nicht- literarische Schriften durchziehen ein einheitliches Forschungsinteresse: das Erforschen des Menschen und seiner Natur, das sich auch in seinem literarischen Werk niederschlägt. Sein medizinisch- psychologisches Interesse und Wissen ist für sein frühes Werk, um das es in dieser Arbeit gehen wird, von ähnlicher Bedeutung, wie sein geschichtsphilosophisches für sein klassisches.[1]

Schiller ist vom Januar 1773 bis zum Dezember 1780 Eleve an der Hohen Karlsschule in Stuttgart. Sein Medizinstudium fällt in die Jahre 1776 bis 1780. Die Eleven der Karlsschule erhalten durchweg neben ihrem eigentlichen Berufsstudium eine fundierte allgemeine Ausbildung. Die Philosophie spielt dabei eine herausragende Rolle. Auch die Mediziner, die an der Hohen Karlsschule unterrichten, zeichnen sich durch weitreichende philosophische Kenntnisse aus. Dies kommt der Forderung der Zeit, dass ein Arzt auch Philosoph sein müsse (und umgekehrt) nach.[2]

Zu Schillers Zeit sind Philosophie und Medizin nicht so klar voneinander getrennt. Der Mensch ist aus dem Leib- Seele Zusammenhang nicht heraus zu denken. So genannte „philosophische Ärzte“[3] streben eine Menschenkenntnis an, die den Mensch als Ganzes versteht. Diese Forderungen werden u.a. laut von Ernst Platner, und auch in Friedrich Zückerts Schrift Medicinische und moralische Abhandlung von den Leidenschaften (1774), die Schiller sicherlich bekannt gewesen ist. Ähnliche Forderungen werden auch an der Hohen Karlsschule laut. Jakob Friedrich Abel spricht in seinem Werk Einleitung in die Seelenlehre (1786) von einer Psychologie, die ohne physiologisches Wissen nicht betrieben werden kann.[4] Aber auch bei Schillers Lehrer Christian Konrad Klein (Anatomie, Chirurgie, Geburtshilfe), Christian Gottlieb Reuß (Naturgeschichte, Chemie, Pharmazie) und vor allem Johann Friedrich Consbruch (Physiologie, Pathologie, Semiotik, Therapie) ist ein Interesse an dem Zusammenhang von Leib und Seele erkennbar.

Consbruch beschäftigt sich z.B. mit dem Einfluss des Körpers, z. B. bei Krankheit, auf die Seele. Die Influxionisten, deren Hypothese auf Aristoteles zurückgeht, gehen von einem naturgegebenen Wechselverhältnis von Körper und Seele aus. Von den Philosophen wird dabei die Vorstellung von einem materialisierten Geist zurückgewiesen.[5] Genau in diesem Zwiespalt befindet sich der junge Schiller, wie später noch zu sehen sein wird. Für die empirisch vorgehenden Ärzte ist die Bestimmung der Ursache für diesen Zusammenhang nicht so entscheidend wie die Feststellung desselben. Schillers erste Probeschrift, die abgelehnt wurde, versucht allerdings noch dieser Ursache spekulativ auf den Grund zu gehen.

3. Schillers Schriften zur Physiognomik

3.1 Versuch ueber den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen

„Ueberdem habe ich ja die Medicin (...) con amore studiert (...)“[6]

Da Schillers erste medizinische Probeschrift, die er an der Hohen Karlsschule vorlegte, abgelehnt wurde, schlägt er seinen Lehrern zwei andere:

„Ich kenne kein Thema aus der Medicin, das sich nicht ganz auf Erfahrung gründete. Folgende Materien sind aus dem philosophischen und physiologischen Fach (...)

I. Versuch ueber den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen
II. Ueber die Freiheit und Moralität des Menschen“[7]

Schillers Lehrer stimmen dem ersten Vorschlag zu. Im Herbst 1780 legt Schiller seine Probeschrift in deutscher Sprache vor. Positiv bewerten die Lehrer Schillers Selbstständigkeit, Fachkenntnisse und die eigenen Zusätze. Dahingegen werden Schillers poetische Ausdrücke, z.B. „tönenden Goldklang auf die Laute der Natur“[8], und die Tatsache, dass sich Schiller oftmals von seiner Einbildungskraft fortreißen lasse beanstandet[9]. Schiller nimmt daraufhin etliche Kürzungen vor, vor allem an den poetischen Ausdrücken, so dass die überlieferte Fassung wohl weitaus kürzer ist, als die ursprüngliche.

Schiller zeigt in seiner Probeschrift mit „psychologischer Begabung“(NA 21, S. 127), wie er den Zusammenhang von Leib und Seele versteht. Oftmals wird dieser Zusammenhang mit Beispielen aus der Dichtung Shakespeares oder gar seiner eigenen beleuchtet.

Die Physiognomik, bzw. Pathognomik wie später gezeigt wird, die Schiller betreibt, betrachtet auch den Aspekt des Hässlichen: „Kleinmuth senket das Haupt, die Glieder hangen“(NA 20, S. 69). Diese Tatsache zeigt, dass sich Schiller für eine Lehre vom Menschen und ihren Folgerungen für das gesellschaftliche Leben interessiert.[10] Durchgängig begleitet die Schrift die Vorstellung eines Dualismus von Leib und Seele und deren erstrebte Einheit: „der Mensch ist nicht Seele und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Substanzen.“(NA 20, S. 64) Diese Tatsache schließt nicht aus, dass Schiller die Vorstellung von einem unabhängigen Geist bewundert.[11]

In seiner Einleitung reflektiert Schiller zunächst die gegenwärtigen Theorien. Er tritt dabei den materialistischen Theorien, die exemplarisch von de La Mettrie vertreten werden, und besagen, dass die Glückseligkeit in der Verbesserung der „Maschine“ zu finden sei und auch der idealistischen Auffassung, „der Körper [sei] der Kerker des Geistes“(NA 20, S. 40) kritisch entgegen. Für Schiller wird der Leib-Seele Zusammenhang „von beiden Theilen gleich einseitig gesagt“(NA 20, S. 40). Schiller wirft in diesem ersten Paragraphen die Frage auf, wie der Mensch den Rang eines erhabenen Wesens besetzen kann, ohne dabei seine Menschlichkeit, eingeschlossen sind hierin auch die tierischen Empfindungen, zu verlieren? Schiller versucht der Mittellinie der Wahrheit zu folgen. Des Weiteren behandelt Schiller in den folgenden Paragraphen den physischen Zusammenhang der Naturen und hält fest, dass „die Thätigkeit der Seele (...) an die Thätigkeit der Materie gebunden“(NA 20, S. 41-42) ist. Auf welche Art und warum sei dagegen noch unklar. Schiller erläutert weiter, dass es drei Organismen gibt, die den menschlichen Körper bilden und der Körper sich in die Hauptklassen Nerven und Muskeln und „die Mechanik der Bewegung, und die Chemie des menschlichen Körpers“(NA 20, S. 45) einteilen lasse. Schiller leitet her, dass die Seele „keine Idee von dem Zustand [des Körpers] haben [kann], den sie verändern soll“(NA 20, S. 43). Daher wird zu klären sein, wie die Seele zu ihrer Tätigkeit gekommen ist.

Tierische Empfindungen haben ihren Grund „in dem gegenwärtigen Zustand der Maschine“ und „im Empfindungsvermögen“(NA 20, S. 46).

Daher seien diese Empfindungen in der Lage, Macht über die Seele zu erlangen und sich wiederum diese zu Handlungen hinreißen ließe. Schiller bezeichnet daher den Menschen als „unseelige[s] Mittelding von Vieh und Engel“(NA 20, S. 47)[12]. Wird die Seele von den tierischen Empfindungen überschattet, so kann es gar zu Kannibalismus kommen, wie Schiller an dem Zitat aus Gerstenbergs Drama Ugolino (1768) zeigt: „Tyger! In deiner Mutter Busen wolltest du deine Zähne sezen?“(NA 20, S. 47) Schiller hegt daher Vorbehalte gegen diese Wirkrichtung des Zusammenhangs, da er erstens von der Vorstellung des freien Geistes beeindruckt und zweitens von dem Menschen, der durch den Einfluss der tierischen Empfindungen „in die Klasse der Thiere ernieder[t wird] (...) in eine Sklaverei (...)“(NA 20, S. 48), abgeschreckt ist.

Im philosophischen Zusammenhang versucht Schiller, mittels der Methode den Körper theoretisch vom Geist zu trennen, zu klären, wie der Geist in Wirkung getreten ist. Da dieses erste Wirken aber durch nichts angestoßen sein könnte, „müsste [er] also von Ewigkeit her thätig gewesen seyn.“(NA 20, S. 49) Setzt man Geist und Tier eng in Verbindung und versetzt den Geist in einen Zustand des physischen Schmerzes, entstehen tierische Empfindungen, die „das innere Uhrwerk des Geists“(NA 20, S. 50) in Gang bringen. Mit einem Seitenwink soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Schiller zwar Kritik übt an den materialistischen Vorstellungen, jedoch ungewöhnlich weitreichend das Vokabular dieser erschöpft. Vielleicht geht das zurück auf Abels Affinität zum Materialismus.[13]

In den folgenden Paragraphen beschreibt Schiller den Menschen als ein politisches, was bedeutet zum bürgerlichen Leben befähigtes Tier.[14]

Schiller gibt ein negatives Bild von dem Charakter des menschlichen Urzustandes wider: „Die Kollision der thierischen Triebe stößt Horden wider Horden“(NA 20, S. 54).

Schiller entwirft des Weiteren das für diese Arbeit interessante „Fundamentalgesez der gemischten Naturen“. Das erste Gesetz lautet:

„Jede Ueberspannung von Geistesthätigkeit hat jederzeit eine Ueberanspannung gewisser körperlicher Aktionen zur Folge.“ Dies äußert sich beispielsweise an dem Blut: „das Blut wird ungehemmt, mild oder feurig rasch, je nachdem der Affekt von der sanften oder heftigen Art ist durch die weichen Kanäle fließen.“(NA 20, S. 57). Das in diesem 14. Paragraphen entworfene Gesetz bildet somit die theoretischen Grundlagen des Monologes des Franz Moor in Die Räuber II, 1, in dem es auch darum geht, dass „Tiefe chronische Seelenschmerzen (...) an den Grundfesten des Körpers“(NA 20, S. 59) nagen. Das dieses Schillers innerste Überzeugung war, belegt auch ein Brief an die Schwester im Jahre 1784: „Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gerne glaube ich es, dass ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, und dass Medikamente vielleicht gar nichts thun.“[15] Der innere Seelenschmerz hat zugleich auch einen Einfluss auf die Physiognomie dieser Menschen. „Diese Leute sehen abgezehrt und bleich, und der innere Gram verräth sich aus den hohlen tiefliegenden Augen.“(NA 20, S. 59)

Als Beispiel für diese Wirkrichtung der Wechselwirkung gibt Schiller seine Figur des Franz Moor an und zitiert aus dem unveröffentlichten Drama Die Räuber.[16] Im Traum ist es den Empfindungen möglich den Verstand zu überrumpeln und Moor wacht schweißgebadet und zitternd auf, wo sich doch sonst diese Empfindungen seines Verbrechens durch „Skeletisirung der Begriffe in nichts auflösen.“[17] Ebenso Shakespeares Lady Macbeth. Auch diese kann im Schlaf ihr Verbrechen und ihre Schuld nicht mehr leugnen und wäscht sich schlafwandelnd symbolisch ihre blutverschmierten Hände.

Das zweite Gesetz geht vom umgekehrten Verhältnis aus. Krankheiten des Körpers haben Einfluss auf den seelischen Zustand.[18] Begreift man beide Naturen als Einheit, so ist dieser Umkehrschluss nur logisch. Als Beispiel für diesen Fall führt er ein Zitat eines Banditenwerbers an[19]: „Man muß Leib und Seele verderben.“(NA 20, S. 65) Menschen, die ihren Körper in ihrer Jugend verderben, können schneller zu Extremen getrieben werden: „Katalina war ein Wollüstling, eh er ein Mordbrenner wurde“(NA 20, S. 65).

[...]


[1] Vgl. Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schillers, Würzburg 1985, S. VI

[2] Vgl. Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schillers, S. 18

[3] Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schillers, S. 12

[4] Vgl. Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schillers S. 20

[5] Vgl. Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schillers, S. 23

[6] Hirsch, Rudolf (Hrsg.):Dichter über ihre Dichtungen- Friedrich Schiller I, München 1969, S. 74

[7] Hirsch, Rudolf (Hrsg.):Dichter über ihre Dichtungen, S. 82

[8] Blumenthal, Lieselotte; von Wiese, Benno (Hrsg.): Schillers Werke- Nationalausgabe, Bd. 20, Philosophische Schriften, Weimar 1962, S. 50, im Folgenden werden Zitate aus der Nationalausgabe wie folgt belegt: NA ,entsprechender Band und Seitenzahl hinter den Zitaten

[9] Vgl. von Wiese, Benno (Hrsg.): Schillers Werke- Nationalausgabe, Bd. 21, Philosophische Schriften, Weimar 1963, S. 124

[10] Vgl. NA 21, S. 126

[11] Vgl. hierzu § 6 des Versuchs ueber den Zusammenhang..., NA 20, S. 48

[12] aus einem Gedicht Hallers entnommen

[13] Vgl. Riedel, Michael: Die Anthropologie des jungen Schillers, S. 19

[14] Vgl. NA 21, S. 128

[15] Hirsch, Rudolf (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, S. 73

[16] Schiller gibt als Quelle des Dialogs den fingierten Schriftsteller Krake an: Life of Moor

[17] NA 20, S. 60

[18] Vgl. NA 20, S. 65

[19] der Spiegelberg ist in Die Räuber II, 3, NA 3, S. 56

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Physiognomik und Literatur bei Friedrich Schiller
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Hauptseminar: Bild und Text I: Physiognomik
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
32
Katalognummer
V62626
ISBN (eBook)
9783638558365
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schillers Beruf (Mediziner) übte Einfluss auf seine literarischen Arbeiten aus. Am Beispiel der Physiognomik (die erst allgemein vorgestellt wird anhand zeitgenössischer Autoren (Lavater), wird das Widerspiegeln dieser Thematik in Schillers Texten Die Räuber und Der Verbrecher aus verlorener Ehre deutlich.
Schlagworte
Physiognomik, Literatur, Friedrich, Schiller, Hauptseminar, Bild, Text
Arbeit zitieren
Kim Wiesel (Autor), 2004, Physiognomik und Literatur bei Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62626

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