"Wir sind das Volk" - dieser schlichte Satz hat Weltgeschichte gemacht. Dieser Satz steht wie kein anderer symbolisch für die friedliche Herbstrevolution in der DDR. Seine Wirkung rührte aus vier Jahrzehnten Propaganda her, in der eine sich immer weiter vom Volk zu entfernende Führungsschicht behauptete, alles für das Volk zu tun und ganz in seinem Sinne zu handeln. Zu diesem Zeitpunkt begann ein Prozess, an dessen Ende die DDR nicht mehr existieren würde. Dies ahnte zu jenem Zeitpunkt freilich niemand.
Die Ursachen für den Zusammenbruch der DDR sind vielschichtig. Es sind zum Teil äußere, zum Teil innere Faktoren gewesen, die in ihrem Zusammenwirken zur Implosion des DDR-Staates geführt haben. Ohne dieses Zusammentreffen mehrerer Faktoren wäre der Umbruch in der DDR nicht möglich gewesen.
Im folgenden soll die Ereignisfolge des Zusammenbruchs in seinen wesentlichen Stationen nachvollzogen werden. Daran schließt sich an eine Beschreibung der wesentlichen Faktoren für den Zusammenbruch. Hierbei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit gelegt, sondern lediglich versucht, die aufgrund des bisherigen Kenntnistandes vorliegenden Deutungsmuster schwerpunktmäßig zu erörtern.
Vorab stellt sich aber zunächst einmal die Frage, um was für eine Art von Revolution es sich in der DDR überhaupt handelte. Es war sicherlich das klassische Modell einer "Revolution von unten", welche in ihrem Ergebnis eine nicht gewaltsame Umwälzung der politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen darstellte. Aus der Sicht alter Eliten war es eine Konterrevolution, die die Wiederherstellung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bedeutete. In der Tat war die Revolution in der DDR nicht eine konservative Revolution, in der etwas Neues geschaffen wurde, sondern eine Revolution, die vielmehr eine nachholende, die Verhältnisse einer liberalen bürgerlichen Gesellschaft wiederherstellende Funktion hatte. "In der DDR wurde daraus, aufgrund der nationalen Sonderbedingungen eine abgebrochene Revolution, die in den Prozess der Adaption des Modells der und die Inkorporation in die Bundesrepublik endete."
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ereignisfolge des Umbruchs in der DDR
2.1. Krisenhafte Entwicklungen im Vorfeld des 40. Jahrestages
2.2. Der 09. Oktober 1989
2.3. Der Sturz Honeckers und die Beschleunigung der Krise
2.4. Die Maueröffnung
2.5. Die Post-Ära beginnt: „Die Revolution frisst ihre Kinder“
2.6. Der "Runde Tisch" und das Ende der SED-Alleinherrschaft
2.7. Die Volkskammerwahl
3. Faktoren des Umbruchs
3.1. Die nationale Frage
3.2. Die Reformprozesse in den anderen osteuropäischen Staaten
3.3. Die Konstruktion der DDR
3.4. Die Führer der SED
3.5. Opposition und Kirche
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert die Ereignisfolge und die Ursachen des Zusammenbruchs der DDR im Jahr 1989. Ziel ist es, die vielschichtigen inneren und äußeren Faktoren zu beleuchten, die zur friedlichen Revolution und schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands führten.
- Chronologische Aufarbeitung der entscheidenden Stationen des DDR-Umbruchs im Herbst 1989.
- Untersuchung systemimmanenter Schwächen des realsozialistischen Staatsmodells.
- Analyse der Rolle von SED-Führung, Opposition und Kirche während des Transformationsprozesses.
- Bewertung des Einflusses externer Faktoren wie der Reformpolitik in Osteuropa und der nationalen Sondersituation.
Auszug aus dem Buch
2.2. Der 09. Oktober 1989
Die Festansprache Honeckers anlässlich des 40. Gründungstages der DDR führte jedem den völligen Realitätsverlust des Generalsekretärs vor Augen. In der unter dem Motto "Vorwärts immer, rückwärts nimmer" stehenden Veranstaltung ging Honecker mit keinem Wort auf die bedrohliche Situation im Innern ein, sondern bezeichnete sie vielmehr als Verleumdungen seitens des Gegners und gab somit nach altbewährtem agitatorischem Muster diesem die Schuld an der explosiven Stimmungslage der Bevölkerung.
Vor und während der Feierlichkeiten zum 07.Oktober kam es in vielen Städten der DDR zu Massenprotesten gegen das SED-Regime. Besonders gefährlich war die Lage in Leipzig. Die DDR-Führung hatte angesichts der an Schärfe zunehmenden Montagsdemonstrationen starke Einsatzkräfte rund um Leipzig zusammengezogen. Es bestand die Gefahr eines Blutbades und eines sich daran möglicherweise anschließenden Bürgerkrieges. Honecker hatte bereits in einem am 26. September erlassenen Geheimbefehl Nr.8/89 auf zu erwartende Ausschreitungen eindeutig formuliert: " Sie sind von vornherein zu unterbinden." Darüber hinaus wurde in diesem Befehl darauf hingewiesen, daß "... feindliche Aktionen offensiv verhindert werden sollen." Es bestand die Gefahr einer chinesischen Lösung des Problems.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der friedlichen Herbstrevolution ein und stellt die zentrale Frage nach dem Charakter dieser Revolution als "Revolution von unten".
2. Ereignisfolge des Umbruchs in der DDR: Das Kapitel zeichnet chronologisch die wesentlichen Stationen von den krisenhaften Entwicklungen im Mai 1989 bis hin zur Volkskammerwahl im März 1990 nach.
3. Faktoren des Umbruchs: Hier werden die strukturellen und politischen Ursachen analysiert, darunter die nationale Frage, die sowjetische Reformpolitik sowie das Versagen der SED-Führung.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass der Zusammenbruch der DDR ein Ergebnis aus systemimmanenten Schwächen und aktuellen revolutionären Faktoren war.
Schlüsselwörter
DDR, friedliche Revolution, SED, Mauerfall, Wiedervereinigung, Neues Forum, Montagsdemonstrationen, Gorbatschow, Reformpolitik, Systemzusammenbruch, Opposition, Volkskammerwahl, Runder Tisch, Transformation, Realsozialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Zusammenbruch der DDR im Jahr 1989 und die darauf folgenden politischen Transformationsprozesse, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die chronologische Ereignisfolge des Umbruchs, die systemimmanenten Mängel des DDR-Sozialismus, die Rolle der Oppositionsbewegungen sowie der Einfluss der sowjetischen Reformpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die komplexen Ursachen und den Ablauf der "friedlichen Revolution" wissenschaftlich nachzuvollziehen und die verschiedenen Deutungsmuster für den Kollaps der DDR zu diskutieren.
Welche methodische Vorgehensweise wählt der Autor?
Der Autor nutzt einen deskriptiven und analytischen Ansatz, bei dem die Ereignisse in ihre wesentlichen Stationen unterteilt und anschließend auf ihre kausalen Faktoren hin untersucht werden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte chronologische Ereignisanalyse (z.B. Montagsdemonstrationen, Sturz Honeckers, Maueröffnung) und eine systematische Analyse der Faktoren (z.B. nationale Identität, Wirtschaftsstruktur, Versagen der SED).
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Friedliche Revolution, SED-Regime, Systemumbruch, Wiedervereinigung und die Rolle der Bürgeropposition.
Welche Rolle spielte Erich Honecker in der Endphase?
Honecker wird als ein durch Krankheit und politische Starrheit gehandikapter Generalsekretär dargestellt, dessen Realitätsverlust die Krise der SED-Führung verschärfte und den Zusammenbruch beschleunigte.
Warum scheiterte die Opposition nach dem Mauerfall?
Die Arbeit erläutert, dass die Opposition keine Zeit fand, organisatorische Strukturen aufzubauen, und viele Bürger nach dem Mauerfall materielle Interessen und eine schnelle Wiedervereinigung anstatt eines "Dritten Weges" favorisierten.
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- Thorsten Lemmer (Author), 2002, Die friedliche Revolution in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6262