Biographieforschung und Geschichtswissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der Oral History in den USA, Polen und Deutschland
2.1 Beginn in den USA: Thomas/Znaniecki
2.2 Entwicklung in der polnischen Soziologie
2.3 Deutscher „Sonderweg“

3. Zwischenbilanz zu Beginn der 80er Jahre

4. Perspektivenwechsel zu Beginn der 80er Jahre und die Folgezeit

5. Theoretischer Ansatz - Probleme und Perspektiven
5.1 Narratives Interview
5.2 Methodische und theoretische Probleme
5.3 Diskussion um mögliche Lösungsansätze

6. Fazit

Literatur

Internet:

1. Einleitung

„Eine demokratische Zukunft bedarf einer Vergangenheit, in der nicht nur die Oberen hörbar sind.“[1] In dieser Aussage des Historikers und Sozialwissenschaftlers Lutz Niethammer verdeutlicht sich die Hoffnung auf eine stärkere Konzentration auf die Methode der Oral History. Denn die Methode bietet die Möglichkeit, eine Geschichte der „Unteren“ zu erforschen. Die deutsche Geschichtswissenschaft wurde durch den Historismus geprägt und ist damit an die Geschichte der großen Persönlichkeiten – insbesondere der bedeutenden Staatsmänner – gewöhnt. Die mündliche Geschichte und insbesondere das Erinnerungsgespräch können sich der Alltags- und Lebenswelt vor allem der unteren Bevölkerungsschichten nähern. Seit Beginn der 80er Jahre ist dies auch in Deutschland geschehen, doch es bedarf immer noch einer stärkeren und konzentrierteren Beschäftigung mit der Oral History und ihrem wissenschaftlichen Instrumentarium und ihrer Vorgehensweise. Noch immer kommen biographische Befragungen und narrative Interviews innerhalb der deutschen Soziologie weitaus größere Bedeutung zu als in der Geschichtswissenschaft. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat sogar eine eigene Sektion „Biographieforschung“.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der Oral History und mit deren Verhältnis zur Geschichtswissenschaft. Verdeutlichend zum deutschen „Sonderweg“ wird zunächst auf die Vorreiter USA und Polen eingegangen. Anschließend soll untersucht werden, warum es in Deutschland eine solche Reserviertheit gegenüber dieser Methode gab – erst mit der Nachkriegszeit kam Interesse am Erinnerungsinterview als historischer Dokumentationstechnik auf – und noch immer eine grundlegende Skepsis von Seiten der Forscher die Weiterführung und Ausschöpfung der Möglichkeiten hemmt.

Grundsätzlich ist die Oral History ein retrospektives Erhebungsverfahren, bei dem es um ehemalige Ansichten und Bedeutungen von vergangenen Ereignissen geht. Auf die miteinhergehenden Probleme dieser Methode soll hier im Speziellen eingegangen werden. Zudem werden Diskussionen und mögliche Lösungsansätze vorgestellt.

Auffällig ist bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Oral History, dass es nur wenige Monographien zu diesem Thema gibt und Erscheinungen aus dem letzten Jahrzehnt sehr rar sind. Daher wurden für diese Arbeit vorrangig die Aufsätze aus der Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History (BIOS) verwendet.

2. Entwicklung der Oral History in den USA, Polen und Deutschland

In fast jedem Land gibt es eine eigene Tradition der Geschichts- und Sozialwissenschaften. Das Geschichtsverständnis prägte und prägt den Umgang mit Methoden wie Quellenkritik und ist bedeutend für die Offenheit gegenüber neuen Methoden und Techniken. Polen und die USA stechen als Vorreiter der Oral History Methode hervor, Deutschland dagegen ist als „Sonderfall“[2] bis heute durch eine tief liegende Skepsis gegenüber der mündlichen Geschichte gekennzeichnet.

2.1 Beginn in den USA: Thomas/Znaniecki

Das in den USA entstandene und publizierte Werk „The Polish Peasant in Europe and America“ (1918-1920) von William I. Thomas und Florian Znaniecki ist der umstrittene Klassiker der biographischen Methode. Das Werk, das Licht werfen sollte auf die Entwicklungen der unteren Sozialschichten der polnischen Gesellschaft, wirkte trotz einiger zu kritisierender Punkte inspirierend auf die amerikanische Soziologie.[3]

Das Werk beginnt mit einem grundlangentheoretischen Einleitungskapitel („methodological note“), dann folgen Darlegungen über soziale Organisation und Desorganisation im ländlichen Polen und unter den polnischen Immigranten in den USA. Die Darlegungen werden von vielen Dokumenten belegt. Schließlich folgt eine mehr als 300seitige Autobiographie des jungen polnischen Emigranten Wladek Wiszniewski. Die Verfasser hatten ihn dazu veranlasst, die Biographie zu schreiben und haben diese dann auf die Hälfte gekürzt.[4]

Der Versuch zur Integration von „subjektiven“ und „objektiven“ Faktoren ist das zentrale Merkmal des theoretischen Ansatzes, welcher hauptsächlich in der „methodological note“ dargelegt wird:

„The cause of a social or individual phenomenon is never another social or individual phenomenon alone, but always a combination of a social and an individual phenomenon.“[5]

Thomas und Znaniecki betonen die Bedeutung von Subjektivität in sozialen Prozessen. Nur Methoden, in denen auch die subjektive Seite fassbar wird, seien für sozialwissenschaftliche Untersuchungen geeignet. Zu beachten ist die Verwendung des Begriffs „Subjektivität“. Die Autoren sehen das in der Autobiographie dargestellte einzelne Leben nicht an sich als Objekt der Analyse, sondern sehen den Einzelnen als Repräsentant einer Gruppe oder Kultur. Individualität ist dabei sowohl ein Ergebnis als auch eine Voraussetzung sozialer Prozesse.[6]

Die biographische Methode wird von den meisten frühen Autoren als „Methode persönlicher Dokumente“ bezeichnet. Damit sind Texte (Biographien, Tagebücher, Briefe, Zeugenaussagen und so weiter) gemeint, die den Standpunkt des Handelnden und den von ihm bezweckten Sinn zur Geltung bringen. Bis heute gibt es keine genaue Differenzierung zwischen den „persönlichen Dokumenten“, zu denen auch die Biographie gehört, und der Autobiographie. Dies wiederum erschwerte eine genaue Bestimmung des Biographischen an der biographischen Methode. Thomas und Znaniecki verwenden verschiedene Typen von „persönlichen Dokumenten“, wobei sie die Lebensbeschreibungen höher einschätzen als alle andere Typen. Sie haben soziologisches, kein psychologisches Interesse an Lebensgeschichten. Es scheint für die Autoren – im Gegensatz zu der Form des Briefes - nicht klärungsbedürftig, wie autobiographische Texte strukturell aufgebaut sind. Thomas und Znaniecki behandeln biographische Materialien als problemlos Gegebenes. Hinterfragen tun sie allein den „Persönlichkeitstyp“ ihres Autobiographen und seine „Aufrichtigkeit“. Sie lassen auch außer Acht, unter welchen Bedingungen und Umständen die Autobiographie verfasst wurde.[7]

Auch Werner Fuchs kritisiert, dass die Autoren keine Informationen gaben, warum sie gerade Wladek W. und seine Lebensgeschichte für repräsentativ für die polnische Unterschicht hielten. Weiter merkt er an, dass Wladek beim Schreiben seiner Lebensgeschichte von Ehrgeiz gepackt wurde und sich und sein Leben für interessant hielt, so dass die Autobiographie von Ernsthaftigkeit und Selbstgefälligkeit gekennzeichnet sei.

Laut Thomas und Znaniecki scheint er aber nicht absichtlich gelogen und verschönt zu haben: „Er kannte unsere Kriterien nicht (...), es gibt kaum einen durchgehaltenen Standpunkt.“[8]

Zu kritisieren ist weiterhin, dass eine Übersicht über das Gesamtmaterial fehlt und dass nicht deutlich wird, nach welchen Kriterien Thomas und Znaniecki die Selektion der Materialien vornahmen. Auch der Prozess, in dem aus den Daten theoretische Schlüsse gezogen wurden, wird nicht ersichtlich. Das unklare Verhältnis von Daten und Theorie war einer der Hauptpunkte von Herbert Blumers Kritik. Damit trugen die Autoren zum Problem der Datenanalyse nichts bei. Sie teilten die Interpretation des Materials in zwei Teile auf: Zum einen gibt es verallgemeinernde Kommentare ohne Bezug auf bestimmte Dokumente oder Textstellen – damit bleibt unklar, welche Erkenntnis aus dem Material gezogen wird oder welche aus dem theoretischen Vorwissen stammt; zum anderen finden sich im Werk verstreute Einzelkommentare in Form von Fußnoten.[9]

Das Werk von Thomas und Znaniecki will bestimmte gesellschaftliche Problemlagen, im konkreten Fall die Existenz fremder Einwandererkulturen in amerikanischen Ballungsgebieten und der Schwierigkeit der Integration untersuchen. Allerdings wird dies aus den von den Autoren gesetzten Akzenten zunächst nicht deutlich. Der polnische Bauer gilt als Objekt für die Exemplifizierung eines theoretischen Standpunkts und einer Methode. An einzelnen Stellen wird aber auch ein klares sozialpraktisches Interesse angesprochen – Thomas selbst war ein radikaldemokratischer Intellektueller, der stark sozialreformerisch engagiert war und sich nicht nur in seinem wissenschaftlichen Werk mit fremden Kulturen und Minderheiten beschäftigt hat.[10]

Es ist zu hinterfragen, ob eine Veränderung der gesellschaftlichen Problemlagen den späteren Rückgang der biographischen Methode zum Teil mitverursacht hat. Im Rahmen der „mainsteam sociology“ wurde die Methode deviant und verschwand aus der Wissenschaft.[11]

Festzuhalten ist dennoch, dass die Arbeit von Thomas und Znaniecki eine breite Forschungseinrichtung in der amerikanischen Soziologie inspirierte.

[...]


[1] Niethammer, Lutz (Hrsg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt am Main 1980. S. 7.

[2] Briesen, Detlef; Gans, Rüdiger: Über den Wert von Zeitzeugen in der deutschen Historik. Zur Geschichte einer Ausgrenzung. In: In: Fuchs-Heinritz, Werner u.a. (Hrsg.): Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, Heft 1. Leverkusen 1993. S. 1-32. S. 2.

[3] Kohli, Martin: Wie es zur "biographischen Methode" kam und was daraus geworden ist. Ein Kapitel aus der Geschichte der Sozialforschung. In: Flora, Petra u.a. (Hrsg.): Zeitschrift für Soziologie, 10, 3. Stuttgart 1981. S. 273-293. S. 274.

[4] Ebenda, S. 274f.

[5] Kohli (wie Anm. 3), S. 275.

[6] Ebenda, S. 276f.

[7] Ebenda, S. 277f

[8] Fuchs, Werner: Möglichkeiten der biographischen Methode. In: Niethammer, Lutz (Hrsg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt am Main 1980. S. 323-348. S. 324ff.

[9] Kohli (wie Anm. 3), S. 278f.

[10] Ebenda, S. 279f

[11] Ebenda, S. 281.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Biographieforschung und Geschichtswissenschaft
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Oral History und Technikgeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V62640
ISBN (eBook)
9783638558488
ISBN (Buch)
9783638668859
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zur Entwicklung der Biographieforschung und Oral History und deren Beziehung zur Geschichtswissenschaft mit Blick auf die Entwicklungen in Deutschland, Polen und den USA.
Schlagworte
Biographieforschung, Geschichtswissenschaft, Oral, History, Technikgeschichte, Methodik, Sozialwissenschaft
Arbeit zitieren
Bakkalaurea Artium Sandra Schmidt (Autor), 2006, Biographieforschung und Geschichtswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62640

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Titel: Biographieforschung und Geschichtswissenschaft



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