Die Idee zu dieser Diplomarbeit hatte einen langen Vorlauf. Schon seit langer Zeit galt mein Interesse den menschlichen Folgen von Katastrophen, im großen wie im kleinen. Ausgelöst wurde dieses Interesse durch die Flugschau-Katastrophe von Ramstein. Die Meldungen darüber fesselten meine Aufmerksamkeit über einige Tage, ähnlich den Ereignissen des Zugunglückes von Eschede und der WTC-Katatstrophe. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Was geschieht dort mit den Menschen? Erhalten sie genug Hilfe? Wer kümmert sich um die Retter, wenn sie verzweifelt am Wegrand sitzen bleiben? Wie geht es den Angehörigen der Primär-Betroffenen, wer kümmert sich um sie?
Im Rahmen meiner Diplomarbeit wollte ich nun eine dieser Fragen untersuchen. Meine Wahl fiel auf die Betrachtung der Gruppe der erwachsenen Angehörigen (wobei ich die Ehe- und Lebenspartner mit einschließe) von Primär-Betroffenen, denn diese sind, wie ich noch aufzeigen werde, vor allem in Deutschland noch kaum erforscht.
Bislang galt das wissenschaftliche und auch öffentliche Interesse in erster Linie natürlich den Betroffenen. Außerdem begann man sich zu fragen, wie es wohl den Helfern vor Ort gehen könnte, den Feuerwehrleuten, Notärzten oder Polizisten. Forschungsarbeiten zu diesem Thema gelangten regelmäßig zu dem Schluß, dass diese Personengruppe ebenso traumatisiert und in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung ausbilden kann, wie die Hauptbetroffenen (siehe Maercker/Pieper, 1999 u. Stamm, 2002).
Die Situation der Angehörigen bleibt weiterhin im dunkeln. Zwar perfektioniert sich die Kette derer, die Menschen in Unglückssituationen zu Hilfe eilen, zu nennen wären hier die Notärzte, Sanitäter, Feuerwehren und weiterhin Notfallpsychologen. Eine Aufgabe der Notfallpsychologen ist u.a. die Begleitung und Betreuung von Angehörigen während und nach der Überbringung einer Todes- oder Unfallnachricht. Die Betreuung erstreckt sich auf maximal eine Woche (Berliner Krisendienst).
In das Feld der Betrachtung rücken die Angehörigen dann erst wieder bei der Behandlung des Posttraumatischen Belastungssyndrom's ihrer nahen Verwandten oder Partner. Hier wird ihnen die schwierige Situation des Erkrankten ausführlich erklärt, denn es hat sich gezeigt, dass das soziale Netz um einen Traumatisierten herum von äußerster Wichtigkeit ist (Fischer, 2000).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Anstoß zu diesem Thema
Aufbau und Überblick über die Arbeit
Theoretischer Teil
Kapitel 1 – Der Traumatisierte
1. Das Trauma
1.1. Kritische Lebensereignisse
1.2. Trauma
1.2.1. Typ I/II Traumatisierungen
1.2.2. Historie
1.2.3. Reaktionsweisen
1.2.3.1. Häufigkeiten und Komorbiditäten
1.2.3.2. Unfälle
1.2.3.3. Lagererfahrungen
1.2.3.4. Sekundäre Traumatisierung
1.3. Behandlungsmöglichkeiten
Kapitel 2 – Der Angehörige
2. Inhalt der Untersuchung
2.1. Der Angehörige in der Psychotraumatologischen Forschung
2.1.1. Exkurs: Sekundäre vs. Teritäre Traumatisierung
2.2. Definition der Sekundären Traumatisierung
2.3. Theorie der Entstehung von Sekundärer Traumatisierung bei Angehörigen
2.3.1. Compassion Fatigue
2.4. Der Angehörige in der Therapie des Traumatisierten
2.4.1. Das System Familie
2.4.2. Familiäre Bewältigung
2.4.3. Das ABCX Modell
2.5. Bedeutung des Traumas für das Zusammenleben
2.5.1.Generationseffekt/ Familienaufgaben
2.6. Eigene Emotionen
Methodenteil
Kapitel 3 - Die Durchführung der Untersuchung
3. Qualitative Sozialforschung
3.1. Die Grounded Theory
3.2. Das Problemzentrierte Interview
3.2.1. Bestandteile des Interviews
3.2.2. Der Interviewleitfaden
3.2.3. Festlegung der Stichprobe
3.2.3.1. Einschlusskriterien
3.2.3.2. Ausschlusskriterien
3.2.3.3. Stichprobengröße
3.3. Rekrutierung
3.4. Durchführung der Interviews
3.5. Computergestütze Auswertung
3.6. Gütekriterien
Ergebnisteil
Kapitel 4 – Die Darstellung der Ergebnisse
4.1. Die Ergebnisse
4.1.1. Personenbezogene Daten
4.1.2. Die Interviewpartner
4.2. Das Paradigmatische Modell
4.2.1. Das Kernphänomen: Enttäuschung/ Frustration des Anlehnungsbedürfnisses
4.2.2. Ursächliche Bedingungen
4.2.2.1. Emotionalen Unerreichbarkeit des Traumatisierten
4.2.2.2. Traumabedingte Isolation des Traumatisierten
4.2.2.3. Seelische und gesundheitliche Traumafolgen
4.2.3. Intervenierende Bedingungen
4.2.3.1. Gesicherte Versorgung vs. Existenzsorgen
4.2.3.2. Gute vs. schlechte Therapie
4.2.3.3. Soziales Umfeld
4.2.4. Kontext
4.2.4.1. Interaktion mit dem Traumatisierten
4.2.4.2. Traumabewertung durch den Angehörigen
4.2.4.2.1. Bekanntes Trauma
4.2.4.2.2. Unbekanntes Traum
4.2.4.3. Überforderung durch Leistungsanspruch
4.2.4.4. Mehrbelastung durch Aufgabenübernahme
4.2.4.5. Pflichtbewusstsein
4.2.4.6. Schuld und Scham
4.2.4.7. Emotionale Kontamination
4.2.5. Handlungs- und Interaktionalen Strategien
4.2.5.1. Gespräche und andere Integrationsversuche
4.2.5.2. Konfliktvermeidung
4.2.5.3. Leugnung eigener Belastung
4.2.5.4. Versuch der aktiven Bewältigung
4.2.5.4.1. Interaktiv
4.2.5.4.2. Individuell
4.2.5.5. Hilfe von außen
4.2.6. Konsequenzen
4.2.6.1. Partnerschaftliche Bewältigung
4.2.6.2. Wünsche
4.2.6.3. Trost durch überleben
4.2.6.4. Akzeptanz der bestehenden Bedingungen
4.2.6.5. Autonomiezuwachs
4.2.6.6. Unzufriedenheit mit der partnerschaftlichen Beziehung
4.2.6.7. Fatalismus
4.2.6.8. Selbstüberforderungstendenzen
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse
Kapitel 5 – Die Diskussion der Ergebnisse
5.1. Geltungsbereich
5.1.1. Repräsentativität
5.1.2. Sättigung
5.2. Methodendiskussion
5.2.1. Grounded Theory
5.2.2. Problemzentriertes Interview
5.3. Diskussion der Befunde
5.4. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen von Primärbetroffenen auf das subjektive Erleben und die emotionale Situation ihrer erwachsenen Angehörigen (einschließlich Partner). Ziel ist es, die emotional-kognitive Belastungssituation dieser bisher kaum erforschten Gruppe zu beleuchten, um Unterstützungsmöglichkeiten zu identifizieren und das System Familie bei der Krisenbewältigung zu stabilisieren.
- Phänomenologie des Erlebens von Angehörigen traumatisierter Menschen.
- Die Enttäuschung und Frustration des Anlehnungsbedürfnisses als Kernphänomen.
- Einflussfaktoren wie Leistungsanspruch, Schuld, Scham und soziale Isolation.
- Bewältigungsstrategien (Coping) und deren Auswirkungen auf die Beziehungsqualität.
- Qualitative Analyse mittels Grounded Theory und problemzentrierten Interviews.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Das Kernphänomen: Enttäuschung/Frustration des Anlehnungsbedürfnisses
Angehörige von Traumatisierten sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt, wie im einzelnen noch zu erläutern sein wird. Die Frage, die sich aus diesen Belastungen ergab, war die der Wirkung auf die Angehörigen. Wie wirkt es sich auf das innere Erleben der Angehörigen aus, dass sie mit einem traumatisierten Partner zusammenleben, oder sogar mit einem traumatisierten Elternteil aufgewachsen sind?
Die Antwort darauf lautet: sie fühlen sich zurückgesetzt, ihr Bedürfnis nach Anlehnung ist frustriert.
Schon während der Interviewführung wurde deutlich, dass bei allen Interviewten eine starke emotionale Belastung spürbar war. Das äußerte sich darin, dass die Interviewten an verschiedenen Stellen der Interviews mit den Tränen kämpften, bzw. in einem Fall sehr nervöse Gesten zeigte, sich ständig mit der Hand über das Gesicht fuhr, die Brille auf- und gleich wieder absetzte und nervös auf dem Stuhl herumrutschte.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 – Der Traumatisierte: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Trauma und kritische Lebensereignisse und erläutert verschiedene Reaktionsweisen auf traumatische Erfahrungen sowie mögliche Störungsbilder.
Kapitel 2 – Der Angehörige: Es wird die Rolle der Angehörigen in der psychotraumatologischen Forschung beleuchtet, insbesondere die Entstehung sekundärer Traumatisierung und die Bedeutung familiärer Systemstrukturen bei der Bewältigung.
Kapitel 3 - Die Durchführung der Untersuchung: Dieser methodische Abschnitt begründet die Wahl der qualitativen Sozialforschung, insbesondere der Grounded Theory und problemzentrierter Interviews für das Untersuchungsdesign.
Kapitel 4 – Die Darstellung der Ergebnisse: Hier werden die Ergebnisse der Interviews präsentiert und in einem paradigmatischen Modell zusammengeführt, welches das Kernphänomen der Enttäuschung des Anlehnungsbedürfnisses zentralisiert.
Kapitel 5 – Die Diskussion der Ergebnisse: Dieses Kapitel reflektiert den Geltungsbereich, diskutiert die methodische Vorgehensweise und setzt die Befunde in Bezug zu bestehender wissenschaftlicher Literatur sowie zukünftigen Forschungsfeldern.
Schlüsselwörter
Psychotraumatologie, Angehörige, Sekundäre Traumatisierung, Anlehnungsbedürfnis, Enttäuschung, Grounded Theory, Familienbewältigung, Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, Lebensqualität, Qualitative Sozialforschung, Familiensystem, Coping-Strategien, Emotionale Kontamination.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen Auswirkungen, die traumatische Erfahrungen eines Menschen auf das subjektive Erleben und das Befinden seiner nahen Angehörigen oder Lebenspartner haben.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zentrale Themen sind die Traumatisierung an sich, die Dynamik innerhalb von Familiensystemen nach einem Trauma, der Prozess der sekundären Traumatisierung sowie verschiedene Bewältigungsstrategien (Coping) der betroffenen Partner.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie sich die durch ein Trauma ausgelösten Veränderungen beim Partner auf das innere Erleben der Angehörigen auswirken und welche emotionalen Mangelzustände dabei entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt qualitative Methoden der Sozialforschung, spezifisch die Grounded Theory und problemzentrierte Interviews, um die subjektiven Erfahrungen der Probanden induktiv zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil über Traumatisierung und Familiendynamik sowie einen Ergebnisteil, der anhand eines paradigmatischen Modells die "Enttäuschung des Anlehnungsbedürfnisses" als Kernphänomen herausarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Psychotraumatologie, sekundäre Traumatisierung, Familiensystem, Coping-Strategien, PTBS und das Anlehnungsbedürfnis.
Was bedeutet das "Kernphänomen" der Enttäuschung des Anlehnungsbedürfnisses?
Das Kernphänomen beschreibt den emotionalen Mangelzustand der Angehörigen, die sich durch den traumatisierten Partner, der oft in seinem eigenen Leiden gefangen ist, emotional zurückgesetzt und alleingelassen fühlen.
Welche Rolle spielt das "Risikoverhalten" der Angehörigen?
Einige Probanden berichteten von risikoreichen Freizeitaktivitäten, was als möglicher Kompensationsmechanismus oder Versuch gedeutet wird, durch intensive Reize die eigene emotionale Empfindsamkeit zu regulieren ("Abhärtung").
- Citation du texte
- Veronika Opitz (Auteur), 2004, Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung auf das subjektive Erleben der Partner oder Angehörigen der Betroffenen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62646