Fair Play - Möglichkeiten und Hindernisse bei der Ausbildung sozialer Kompetenz im Elementar- und Primarbereich


Examensarbeit, 2006

138 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Veränderte Kindheit
2.1 Veränderungen in der Familie
2.2 Veränderungen im Erziehungsverhalten
2.3 Veränderungen im Spiel- und Freizeitverhalten
2.4 Veränderungen in der Medienwelt
2.5 Fazit

3. Soziales Lernen
3.1 Definitionen

4. Die Entwicklung sozialer Kompetenz in den unterschiedlichen Institutionen
4.1 Familie
4.2 Kindergarten
4.3 Grundschule
4.4 Fazit

5. Soziales Lernen in der Grundschule: Wege zur Selbst- und Mitbestimmung
5.1 Demokratisierung am Beispiel KIassenrat
5.2 Rituale im Unterrichtsalltag der Grundschule
5.3 Zukunftswerkstatt – Problemlösen durch Eigeninitiative
5.4 Ausblick

6. Die Bedeutung des Schulsports in der Grundschule für das soziale Lernen und die Ausbildung von „Fair Play“
6.1 Regeln und Fairness – ihre Bedeutung für den Sport und für ein soziales Miteinander im Alltag
6.2 Exkurs: Ringen und Kämpfen im Sportunterricht der Grundschule – ein Beitrag zu Vertrauen, Moral und Gewaltprävention
6.3 Fazit

7. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang 1: Ev.-luth. Kindergarten Hoya

Anhang 2: Ev-luth. Kindergarten Hoya

Anhang 3: Die verlässliche Grundschule

Anhang 4: Stimmungskarten

Anhang 5: Ringen und Kämpfen in der Grundschule – ein Unterrichtsentwurf

1. Einleitung

„Fair Play“ – was bedeutet das überhaupt? Da sich meine Examensarbeit auf soziales Lernen im Elementar- und Primarbereich konzentriert, halte ich es für wichtig, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen.

In Anlehnung an die Überschrift dieser Arbeit habe ich Kinder zweier Grundschulen gebeten aufzuschreiben, was für sie „fair“ bedeutet. Die Kinder der vierten Klasse finden es fair, wenn Dinge oder Aufgaben gleich aufgeteilt werden und man einander hilft. Unfair hingegen wäre es, jemanden zu ärgern oder sogar zu schlagen, schlecht über andere zu reden oder nicht mitspielen zu dürfen. So schreibt ein Mädchen (10 Jahre) beispielsweise: „Ich finde es gerecht, dass man anderen hilft. Ich finde es nicht fair, wenn man über seine beste Freundin lästert. Ich finde es fair, wenn man teilt. Es ist nicht gerecht, wenn man bei einem Spiel schummelt. Die Bilder der Klasse zwei spiegeln ein ähnliches Ergebnis wider:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Es wird deutlich, dass Kinder den Begriff „fair“ nicht ausschließlich auf ihr Spiel oder den Sport beziehen, sondern durchaus auf ihr Miteinander im Alltag. „Fair Play“ betrifft auch meiner Ansicht nach nicht nur den Bereich des Sports (Kap. 6), sondern ist auch auf unser alltägliches Verhalten anzuwenden.

Aber wie wird beim Menschen „Fair Play“ ausgebildet? „Der Mensch wird am Du zum Ich.“oder anders: „Der Mensch wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind.“[1] An diesen Zitaten wird deutlich, dass soziales Lernen durch den Einfluss der uns umgebenden Gesellschaft vollzogen wird – auf der anderen Seite befähigt uns soziales Lernen zur Teilhabe an der Gesellschaft.

In Kapitel 3 führe ich zunächst einige Definitionen an, um anschließend auf die Prozesse sozialen Lernens in Kapitel 4 und 5 meiner Arbeit einzugehen; unter besonderer Berücksichtung des Einflusses, den die Grundschule auf die soziale Entwicklung eines Kindes haben kann (Kap. 5).

Warum aber habe ich mich dafür entschieden, mich mit sozialem Lernen im Elementar- und Primarbereich zu befassen? Ich denke, dass es sich dabei um ein Thema handelt, das von größter Wichtigkeit für die Entwicklung von Kindern ist. Niemand, der beabsichtigt mit Kindern zu leben oder zu arbeiten, kann umhin sich damit auseinander zu setzen. Die derzeitige Medienaktualität bestätigt diese Auffassung – so titelt „Der Spiegel“ (10/2006): „Jeder für sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft“. Frank Schirrmacher führt dazu weiter aus, welch große Rolle Kinder bei der Entfaltung von Gefühlen wie (Nächsten)Liebe, Bindungssicherheit sowie für das soziale Lernen allgemein spielen.

Das Thema ist umso wichtiger und brisanter, wenn man den Wandel von Gesellschaft, speziell von Familie und Kindheit, betrachtet (Kap. 2). Die Geburtenrate nimmt konstant ab, was zur Vereinzelung der Kinder in unserer Gesellschaft führt. Dies wiederum bringt logischerweise einem Mangel an Sozialerfahrungen mit sich. Früher sicherte die Großfamilie die soziale Entwicklung, heute wird dieser Lernprozess zunehmend der Schule überlassen – die Eltern fühlen sich in dieser Hinsicht teilweise überfordert und das Prinzip „Jüngere lernen von älteren Geschwistern“ ist oft nicht mehr zu erfüllen.

Jeder, der Kinder hat bzw. beabsichtigt Kinder zu bekommen oder mit Kindern arbeitet/arbeiten wird, muss sich mit den Konsequenzen veränderter Kindheit und deren Folgen für die soziale Entwicklung des Kindes befassen.
Kinder stellen die Basis für unsere Gesellschaft dar, sei es aus ökonomischer oder aus sozialer Sicht. Wir können unsere Augen nicht vor den Problemen verschließen, die eine „Gesellschaft kleiner Egoisten“ mit sich bringen wird. Es ist wichtig sich dem zu stellen und dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen sich Hand in Hand mit der aktuellen Problematik auseinandersetzen und gemeinsam mit den Kindern Lösungsstrategien entwickeln.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich einen Schritt in diese Richtung tun. Ich werde zunächst die Merkmale und Konsequenzen veränderter Kindheit aufzeigen (Kap.2), mich mit der sozialen Entwicklung des Kindes sowie den Möglichkeiten und Hindernissen bei der Förderung dieser auseinandersetzen (Kap. 3,4) und anschließend versuchen praktische Lösungsvorschläge bzw. Methoden zu erarbeiten (Kapitel 5,6). Es soll sich dabei nicht um „Rezepte“ für die Praxis handeln, sondern um Anregungen den Kindern „Fair Play“ im sozialen Miteinander des Alltags näher zu bringen.

2. Veränderte Kindheit

„Früher war alles besser“, hören wir oft die Elterngeneration stöhnen. Diese Behauptung mag für manche falsch, für andere wiederum richtig sein – dies ist nicht meine Absicht zu klären. Entscheidend ist, dass „früher“ einiges anders war. Im Laufe des fortschreitenden Modernisierungsprozesses hat sich nicht nur unsere Umwelt gewandelt. Industrialisierung, neue Technologien und damit zusammenhängende Veränderungen in unserer Lebenswelt beeinflussen auch unser Denken, unsere Wertvorstellungen und unser Handeln.

In diesem Zusammenhang steht die Diskussion um „Veränderte Kindheit“ oder „Kindheit im Wandel“. Es lassen sich Veränderungen im Bereich familiärer Strukturen, im Sozial- und Spielverhalten, der Freizeitgestaltung und des Medienkonsums feststellen. POSTMAN spricht sogar vom „Verschwinden der Kindheit[2], da seiner Ansicht nach die Grenzen zwischen der Erwachsenen- und der Kinderwelt im Zuge der zunehmenden Verbreitung von Massenmedien zu schwinden scheinen. Meines Erachtens ist diese These, wenn sie auch übertrieben erscheinen mag, nicht generell von der Hand zu weisen. Sie lässt auf der einen Seite außer Acht, dass Kinder trotz aller Modernisierung noch spezifische Bedürfnisse und Verhaltensmuster aufweisen, zeigt aber auf, dass sich Kindheit im Informationszeitalter grundlegend gewandelt hat. Kindern sind durch Fernsehen und Internet Informationen der eigentlichen „Erwachsenen-Welt“ zugänglich, wodurch die Eltern tendenziell die Kontrolle über die Wissensaneignung ihrer Kinder verlieren, so dass die Informationshierarchie geringer wird.[3] Werbung und Kleidungsindustrie vermarkten Mode für „junge Erwachsene“ und Eltern verlangen bereits sehr früh von ihren Kindern zunehmend mehr Selbständigkeit: „Während der letzten 40 Jahre ist ein Wandel von traditionellen Zielen, wie Ehrlichkeit, Sauberkeit und Gehorsam hin zu einer stärkeren Betonung von Selbständigkeit erfolgt…heutzutage [werden] den Kindern schon im frühen Alter Entscheidungen zugemutet.“[4]

Im Folgenden werde ich die Merkmale „neuer Kindheit“ im Einzelnen vorstellen.

2.1 Veränderungen in der Familie

Um Veränderungen im familiären Bereich zu klären, ist zunächst festzustellen, was unter dem Begriff „Familie“ zu verstehen ist. Laut TEXTOR[5] ist dies ein schwieriges Unterfangen, welches er anhand der signifikanten „Individualisierung und Pluralisierung familialer Lebensformen[6] begründet.

NAVE-HERZ formuliert im Bezug auf diese Tendenzen folgende Definition: „Familie gilt als eine Verbindung, in der Eltern oder ein Elternteil mit ihren bzw. seinen Kindern zusammenleben, zumeist in einer Haushaltsgemeinschaft.“[7] Diese Definition veranschaulicht, dass sich eine Vielzahl von Familienkonstellationen aufzeigen lassen; zu nennen wären Ein-Eltern-Familien durch Trennung bzw. Scheidung oder ledige Mütter, Stieffamilien, Ein-Kind-Familien oder nichteheliche Lebensgemeinschaften.

Die Zahl der Ein-Eltern-Familien hat in den letzten Jahren markant zugenommen – in der Regel bleibt das Kind in diesem Fall nach der Trennung bei der Mutter. Hierbei hat meist weniger die Tatsache, dass die Eltern sich trennen, negative Auswirkungen auf die soziale Entwicklung des Kindes, als vielmehr die Art und Weise, wie dieser Prozess vollzogen wird. Zum aktuellen Zeitpunkt zeigt das Kind oft abweichendes Verhalten, welches durch Wut, Enttäuschung oder Trauer zu begründen ist. In der Regel sind aber keine nachhaltigen negativen Beeinträchtigungen festzustellen – teilweise bilden die Kinder bestimmte Kompetenzen wie Selbständigkeit sogar früher aus als Kinder, die in Kernfamilien aufwachsen.[8]Ausschlaggebend für die Sozialisation der Kinder sind ferner die häusliche Atmosphäre, der Lebensstil und die Einstellung der Mutter bzw. des Vaters zu seiner Lebensform. Kurz gefasst: Vater- oder Mutterabwesenheit per se sagt nichts über die zu erwartende Richtung des Sozialisationsprozesses des Kindes aus.“[9]

Neben der Zahl der Ein-Eltern-Familien hat auch die der Ein-Kind-Familien zugenommen. Das bedeutet, dass immer mehr Kinder heute als Einzelkind aufwachsen, was durch die „Reduktion der Geburtenrate[10] deutlich wird. „Für die soziale Kinderwelt ist es sehr bedeutsam, daß es viel weniger Kinder gibt.“[11] Für sie bedeutet diese Entwicklung einen Mangel an Sozialerfahrungen mit Gleichaltrigen, da sie jene nicht im Umgang mit Geschwistern erleben können und auch die Anzahl der nachbarschaftlichen Spielkameraden entsprechend geringer wird. Eltern versuchen, diesen Mangel auszugleichen, indem sie ihren Kindern besonders viel Aufmerksamkeit und Zuneigung entgegenbringen. Diese starke Kindzentrierung hat in der Regel hohe Anforderungen der Eltern an ihr Kind zur Folge. ROLFF/ZIMMERMANN sprechen in diesem Zusammenhang von der „Idee der perfekten Sozialisation[12] – das bedeutet konkret, dass Eltern Gefahr laufen, ihre Kinder nicht in ihrer Eigenart und Einzigartigkeit anzuerkennen, sondern das Wohlbefinden des Kindes ihrem Perfektionismusdenken unterzuordnen.

Eine sehr intensive Eltern-Kind-Beziehung und daraus resultierende Überbehütung bringt des weiteren häufig Kinder hervor, denen es schwer fällt, sich in einer Gruppe anzupassen oder sich mit anderen Kindern zu arrangieren. Eine zu große Aufmerksamkeit auf Seiten der Eltern kann zu egoistischen und egozentrischen Verhalten beim Kind führen[13].

Als Grund für den Rückgang der Geburtenrate ist zunächst der Funktionswandel von Kindern heranzuführen: „Kinder dienen nicht mehr lediglich der Versorgung der Eltern im Alter, der Fortführung der Familientradition und der Weitergabe des Familiennamens; sie sollen dem Leben der Eltern einen Sinn geben[14], d.h. werden als „Sinnlieferant[15] elterlicher Bedürfnisse gesehen. Als weitere Ursache führt die Theorie der „new home economics“ die steigende Erwerbstätigkeit der Frau an.

Zusammenfassend ist festzuhalten […], dass der Geburtenrückgang von einem Funktionswandel von Kindern und durch eine Veränderung des Selbstverständnisses von Eltern ausgelöst wurde.“[16]

2.2 Veränderungen im Erziehungsverhalten

Neben der „Idee der perfekten Sozialisation“, die aus der Einzelkindsituation resultiert, lassen sich generell noch weitere Veränderungen im Erziehungsverhalten „moderner“ Eltern feststellen.

Der Erziehungsstil ist insgesamt im Laufe der Zeit erheblich liberaler geworden, d.h. es ist ein Wandel „vom Gehorchen zum Verhandeln[17] festzustellen. Kindern sollen zu mehr Selbständigkeit erzogen werden, weshalb ihre Eltern sie an Entscheidungen beteiligen oder sie diese allein treffen lassen. In Verbindung mit dem hohen Leistungsdruck, der parallel dazu an die Kinder herangetragen wird, kann dieses Verhalten jedoch auch zur Überforderung führen.[18] Dieser Leistungsdruck resultiert einerseits aus den hohen Anforderungen der Eltern an sich selbst und ihre „Erziehungserfolge“ und zum anderen aus den hohen Erwartungen an die (schulische) Erfolgslaufbahn des Kindes.

„…für viele Eltern ist Erziehung ein schwieriges Geschäft’[19] (DIETRICH, 1985) [geworden]. Sie fühlen sich durch die hohen gesellschaftlichen Erwartungen überfordert, sind durch die Vielzahl der von den Medien propagierten Erziehungstheorien und –rezepte verwirrt…Aufgrund der Individualisierung der Biographien, der Entstandardisierung der Lebensmuster, des Wertepluralismus und des rasanten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Wandels wissen sie nicht, wozu sie ihre Kinder erziehen sollen.“[20]

Anhand dieses Zitats wird ein weiteres Phänomen der „veränderten Kindheit“ einsichtig: die Expertisierung von Erziehung. So genannte „Experten“ machen sich die Verunsicherung der Elterngeneration zu Nutze und verweisen diese auf den Platz der „Laien“. Eingeläutet wurde dieses Phänomen Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre mit der Diskussion um die Erziehungsstile und die in diesem Zuge folgende Popularisierung der Thematik durch Zeitschriften wie „Eltern“. Der Markt der Erziehungsratgeber boomt heute mehr denn je und das Erscheinen sowie der Erfolg einer Serie wie „Die Super Nanny“ bei RTL machen besonders anschaulich, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert zu sein scheinen und dringend Nachholbedarf besteht. „Die Serie ‚Die Super Nanny’ wird jedoch weder in ihrer Form noch in ihren Inhalten diesem Anspruch unter Beachtung der Kinderrechte (insbesondere § 1631 Abs. 2 BGB, Anm. der Verfasserin) und der Menschenwürde gerecht.[21]

Auf die „Expertisierung“ gehe ich im folgenden Abschnitt „Veränderungen im Spiel- und Freizeitverhalten“ noch weiter ein.

2.3 Veränderungen im Spiel- und Freizeitverhalten

Das Spiel- und Freizeitverhalten heutiger Kinder unterliegt dem Einfluss unterschiedlicher Faktoren.

Kinder werden zunehmend aus der natürlichen Bewegungsumwelt verdrängt: Durch die zunehmende Mobilität ist das Spielen auf der Straße und dem Gehweg zu gefährlich und Schilder wie „Das Betreten des Rasens ist verboten“ schränken den Bewegungsraum entsprechend ein. Die typische „Straßenkindheit“ gibt es nicht mehr, das Treffen von Freunden erfolgt nicht länger spontan, sondern wird in der Schule oder per Telefon verabredet; „Kindheit [verläuft] nach dem Terminkalender[22]. In diesem Zusammenhang lässt sich ein Trend zur Vereinzelung beobachten – im Gegensatz zu den „Straßenfreundschaften“, wo viele Kinder unterschiedlichen Alters miteinander spielten, verabreden sich die Kinder heute gezielt mit einem oder zwei Spielpartnern.

Des Weiteren findet eine Verlagerung des Spiels statt: „Ein Rückzug von außen nach innen ist die Antwort darauf (die Enteignung der Räume; Anm. der Verfasserin) und ein wesentliches Kennzeichen im Alltagsleben der Kinder[23], was sich durch das Sicherheitsbedürfnis der Eltern sowie eine wenig bewegungsanregende Umwelt erklären lässt. Die Kinder werden somit einer eigenständigen Spiel-Welt beraubt, da das moderne Spielzeug kaum einen eigentätigen, produktiven und kreativen Umgang zulässt. Spielen ist durch genaue Bau- oder Spielanleitungen vorgegeben und auf die reine Bedienung reduziert, so dass oft nicht mehr getan werden muss, als einen bestimmten Knopf zu drücken.[24] Ferner verliert auch das Spielzeug selbst an Wert, es geht oft um den reinen Besitz oder, anders ausgedrückt, es ist zu beobachten, dass Kinder oftmals „das Sein über das Haben definieren[25]. Das führt dazu, dass bereits im frühen Kindesalter materielle vor soziale Werte gestellt werden – Kinder, die über viele „beliebte“ Spielsachen verfügen, werden als Spielpartner bevorzugt – und so bereits im jungen Alter Schemata des Konkurrenzdenkens ausgebildet werden

.

Eine weitere Tendenz, welche als charakteristisch für die heutige Lebenswelt der Kinder anzusehen ist, tritt in Form des „verinselten Lebensraumes[26] auf. Das hängt einerseits eng mit dem Trend zur „Verhäuslichung“ zusammen, auf der anderen Seite mit der Institutionalisierung von Freizeit. Kinderspiel findet immer seltener in freien, selbstinitiierten Formen statt, sondern fällt zunehmend unter den Einfluss und die Kontrolle pädagogischer Einrichtungen und professioneller Institutionen. Die Freizeit wird von Erwachsenen geplant und vorgegebene Angebote verdrängen zunehmend die Kreativität und den Erfindungsgeist der Kinder. Hier findet sich wieder die so genannte „Expertisierung“.

Hinzu kommt, dass die Lebenswelt der Kinder in einzelne „Inseln“ zerbricht, bestehend aus verschiedenen, voneinander entfernten und losgelösten Orten. Die Kinder sind also oft auf die Mobilität der Eltern angewiesen, um sich fortzubewegen, was ein eigenständiges und schrittweises Erschließen ihrer Umwelt verdrängt. Diese eigentätige Auseinandersetzung mit der kindlichen Lebenswelt ist aber von großer Bedeutung für die Entwicklung.[27]

2.4 Veränderungen in der Medienwelt

Kindheit ist zur Medienkindheit geworden[28]. Einen Großteil ihrer Freizeit verbringen Kinder heute vor dem Fernseher oder dem Computer, wodurch andere Aktivitäten zurückgestellt werden. Insbesondere das Spielen sowie allgemein der soziale Umgang mit anderen Kindern leidet unter dieser Entwicklung. Hinzu kommt, dass der Umgang mit den modernen Massenmedien die Lebenswelt der Kinder entscheidend prägt. Dies führt zu einer neuen Form der Aneignung von Welt, wobei das Fernsehen eine bearbeitete und subjektiv-selektive Form von Wirklichkeit darstellt. Die Informationen „aus zweiter Hand[29] verhindern somit eine realitätsgetreue Weltaneignung und können aufgrund dessen zu einer Herausbildung unangemessener oder ungünstiger Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- oder Handlungsmuster führen. Des Weiteren sind die Informationen oft nicht kindgerecht, was einen zu schnellen Einstieg in die Welt der Erwachsenen zur Folge hat[30] – POSTMAN spricht in diesem Zusammenhang vom „Verschwinden der Kindheit[31].

Im Laufe der Jahre hat der Computer zunehmend Einzug in der Lebenswelt der Kinder genommen; sie wird zusätzlich zum Fernsehen also noch durch Computerspiele und das Internet beeinflusst. Diese Entwicklung ist als zweischneidiges Schwert zu betrachten: Auf der einen Seite ermöglicht sie den Kindern ein höheres Wissen bereits zum Zeitpunkt der Einschulung, auf der anderen Seite kann die große Informationsmenge bei Kindern zu Reizüberflutung und einem verzerrten Weltbild führen.

CRAMOND schreibt wörtlich, dass das ‚Fernsehen offensichtlich die übliche soziale Entwicklung [verzögert], in dem es die Heranwachsenden an das Haus bindet.’“[32] Das Fernsehen und auch der Computer führen zu einem Verlust an Eigentätigkeit auf Seiten des Kindes, wobei diese die aktivste Form der Aneignung von Erfahrungen darstellt – es werden alle Sinne angesprochen und dem Kind erschließt sich der Sinn von Objekten und Handlungen, d.h. Selbstbild und –sicherheit werden ausgebildet.[33] Auch die sozialen Erfahrungen im Umgang mit anderen Kindern leiden und dieser Entwicklung. Der Computer „ersetzt“ den Spielpartner und der Umgang mit dem Fernseher bedarf keinerlei Kommunikation oder sozialer Regeln: „…das Fernsehen hat keinen Begriff von Sozialverhalten[34]. Die Sozialisation durch Gleichaltrige hat aber einen großen Einfluss auf die soziale Entwicklung des Kindes, da in kindlicher Interaktion eine Reihe unterschiedlicher Entwicklungsfaktoren gefördert werden: „…die Entwicklung der Kommunikation, aneinander orientierte Strategien des Aushandelns, des Verständnisses für Regeln und Überzeugungen und insgesamt die Einsicht in wichtige Eigenheiten und Zusammenhänge der uns alle umgebenden materiellen, sozialen und psychischen Realität.“[35]

2.5 Fazit

Es kann zusammenfassend gesagt werden, dass sich die kindliche Lebenswelt, die Formen der Weltaneignung und in diesem Zusammenhang die Intensität sozialer Erfahrungen erheblich gewandelt haben. In den verschiedenen Institutionen kindlicher Erziehung und Sozialisation (Familie, Kindergarten, Grundschule) müssen diese Entwicklungen Berücksichtigung finden und die Lebenswelt der Kinder zum Thema gemacht werden. Es ist dringender Bedarf an „Curricula zur Sozialerziehung[36], in denen die Lebenswelt der Kinder, ihr Potential an Neugierde und Fantasie sowie eine ganzheitliche Entwicklung und Förderung Beachtung finden.

Die Sendung „Die Super Nanny“ spiegelt durch ihr Erscheinen nicht nur die Veränderungen im Erziehungsverhalten, sondern auch diejenigen der Medienwelt wieder. Die Massenmedien scheinen die Grenzen der Privatsphäre stetig mehr zu überwinden. Talkshows und „Big Brother“ waren erste Schritte in diese Richtung, „Die Super Nanny“ spitzt diese Entwicklung noch weiter zu, als dass sie direkt bei den Familien zu Hause filmt. Doch welchen Sinn macht ein „Stillezimmer“, in welchem das Kind über sein Verhalten nachdenken soll, wenn es dabei von einer Kamera begleitet wird? Die „Super Nanny“ propagiert die Umsetzung von „Hau-Ruck-Lösungen“, welche in der Realität kaum umzusetzen sind und auch nicht den Bedürfnissen der Kinder entsprechen, die Liebe, Akzeptanz, ein Recht auf eigene Meinung und Entscheidungen, aktives Zuhören etc. von ihren Eltern erwarten. Diese Aspekte stellen auch wichtige Faktoren in der sozialen Entwicklung des Kindes dar. Diese Sendung darf zudem keinesfalls überbewertet werden, da die Familien für ihre Teilnahme entlohnt werden. Es ist weiterhin in Frage zu stellen, ob die Eltern anschließend ihr Erziehungsverhalten nachhaltig verändern und versuchen, die Beziehung zu ihren Kindern zu verbessern. Ein solch zweiwöchiger zur Schau gestellter „Erziehungsunterricht“ bedeutet nicht, dass die Eltern gelernt haben oder gewillt sind, ihr Verhalten zu reflektieren und zu ändern.

Es gilt ebenfalls zu beachten, dass ein und derselbe Erziehungsstil auf die verschiedenen Kinder unterschiedlich wirken kann. Man darf solche Maßnahmen nicht „über einen Kamm scheren“, sondern muss stets der Individualität des Kindes Beachtung schenken. Es ist nicht die Umsetzung vorgegebener Extreme anzustreben, sondern stets ein Mittelmaß anzustreben, welches man aufgrund seiner Überzeugungen vertreten kann. Es gibt keine Erziehungs-Rezepte! Es stellt sich weiterhin die Frage, was mit dieser Sendung bewirkt werden soll? Sozial benachteiligte Eltern werden aufgrund dessen kaum ihr Erziehungsverhalten ändern, sondern sich im schlimmsten Fall sogar in ihrem Handeln noch bestätigt sehen.

Die ausgewählte Literatur zum Thema „Veränderte Kindheit“ befasst sich leider nicht mit Themenbereichen, die den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel betreffen, z.B. Umweltprobleme, Migration, Arbeitslosigkeit oder Krieg und Frieden. Diese sind aber meiner Meinung wichtig, da sie das Aufwachsen der Kinder beeinflussen und Kinder sich bereits zu diesen Themen Gedanken machen. Ihre Fragen dürfen also nicht ignoriert oder abgetan werden, sondern müssen von Eltern, Erziehern und besonders Lehrern ernst genommen und thematisiert werden.

Schule muss sich den Folgen gesellschaftlichen Wandels stellen und diese einerseits als Chance begreifen, neue Wege zu gehen und so einen Beitrag zur Öffnung der Schule zu leisten, andererseits muss sie abweichendes Verhalten und Entwicklungsdefizite erkennen und sich mit diesen auseinandersetzen bzw. versuchen, sie zu kompensieren. Dies kann durch die Bereitstellung vielfältiger Erfahrungsmöglichkeiten, besonders im sozialen Bereich sowie die (Re)Aktivierung der Eigentätigkeit erfolgen.

Als weitere Aufgaben der Grundschule wären die kritische Auseinandersetzung und die Ausbildung von Medienkompetenz durch Medienerziehung zu nennen.

Dabei ist es wichtig, dass die Schule nicht allein dasteht, sondern der Vor- und Zusammenarbeit mit Familie und Kindergarten bedarf. Auf die Möglichkeiten und Hindernisse, die sich in diesem Zusammenhang herausstellen lassen, werde ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit eingehen.

3. Soziales Lernen

Der Mensch wird nicht als soziales Lebewesen geboren, auch wenn bereits seine ersten Verhaltensmuster nachweisbar auf soziale Interaktion angelegt sind. Soziales Lernen macht Kinder erst zu handlungsfähigen Subjekten im Gesellschaftsleben und der Mensch wäre ohne den Einfluss einer ihn umgebenden sozialen Gesellschaft nicht lebensfähig.[37]

Soziales Lernen erfolgt in erster Linie in der Interaktion mit Personen, jedoch auch über die Auseinandersetzung mit Dingen oder Symbolen. Über wechselseitige Aktivität erschließt sich das Kind seine Umwelt und erwirbt auf diesem Weg soziales Wissen und soziale Fähigkeiten. Soziales Lernen kann neben dem Erwerb von Erfahrungen durch Interaktion auch durch Lernen am Vorbild, also durch Nachahmung, geschehen (s. 4.1). In diesem Zusammenhang lassen sich verschiedene relevante Unterthemen sozialen Lernens herausstellen, auf die ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit eingehen möchte, wie beispielsweise prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Moral. Soziale Kompetenz als Ergebnis dieses Lernprozesses lässt sich nach FUCHS in verschiedene Teilkompetenzen untergliedern: Kontaktfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Toleranz. Als Basis bestimmt die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme die Qualität der sozialen Interaktion mit. Auf diesen Aspekt werde ich in Kapitel 4 weiter eingehen. Der Erfolg sozialen Lernens wird generell am Ergebnis, also dem sozialen Handeln beurteilt. Es ist jedoch möglich, dass ein Kind soziale Handlungsmuster zeigt, ohne dass diese auf sozialer Kompetenz beruhen – vielfältige Motive können der Grund des Handels sein.

Zur genaueren Analyse des Entwicklungsniveaus sozialer Kompetenz bei

Kindern hat FUCHS Abb.2

ein Kompetenzstufenmodell für soziales Lernen entwickelt (s. Abb.2, S.16). Sie bezieht sich dabei auf MEYER, PARADIES & WOPP (2003, S.111), die eine solches Modell als „ein geistiges Gebilde, das von Menschen gemacht wird [verstehen] – es lässt sich jedoch nicht aus der Unterrichtspraxis ableiten[38]. Auf der anderen Seite bedeutet das Vorhandensein sozialer Kompetenz nicht, dass das Kind dementsprechend handelt.[39]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stufen dieses Modells sind bewusst keinen Altersabschnitten zugewiesen, da zwar für ein gewisses Alter ein bestimmtes Niveau zu erwarten ist, es jedoch zu individuellen Variationen kommen kann. Als Stufenkriterium hat FUCHS die wachsende Fähigkeit zur Perspektivenübernahme gewählt. Diese ist laut PETILLON (2001) bereits zum Ende der Grundschulzeit sehr stark entwickelt, wobei es hier wichtig ist, zwischen dem Handlungsvermögen und der tatsächlichen Handlung zu differenzieren, da insbesondere im Kindesalter Reaktionen sehr stark durch Emotionen beeinflusst werden können. Des Weiteren ist soziales Handeln wiederum situationsspezifisch, kontextabhängig und personenspezifisch. Von sozialem Handeln spricht man, wenn soziales Wissen und Verstehen vorhanden sind und auch realisiert werden – Wissen und Verstehen sind also Voraussetzung, ihr Vorhandensein muss aber nicht bedeuten, dass sie auch umgesetzt werden, also dass eine Handlung erfolgt. Soziales Handeln ist stets auch durch das soziale Umfeld einer Person, seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe sowie die sozialen Beziehungen in dieser bedingt. Unterschiedliche Situationen können verschiedene Handlungsvariationen bedingen und jeder Mensch kann auf eine gleiche oder ähnliche Situation unterschiedlich reagieren, je nach seiner emotionalen Gestimmtheit. All diese Faktoren sind zu beachten, wenn wir das soziale Entwicklungsniveau eines Kindes bestimmen wollen und diese Analyse und zur möglichst optimalen und individuellen Förderung verhelfen soll.[40]

Wichtig ist es in diesem Zusammenhang auch zu bedenken, wie sich soziale Kompetenz beim Kind entwickelt oder anders: Welchem Einfluss unterliegt soziales Lernen? Im Laufe seiner Entwicklung sind verschiedene Instanzen zentral für die soziale Erfahrungswelt des Kindes. Die erste Bezugsgruppe stellt die Familie dar, in der Regel also Mutter, Vater und die Geschwister. Mit zunehmendem Alter erweitert sich der Kreis der Bezugspersonen: Das „soziale Netzwerk[41] eines Kindes umfasst zunehmend auch Gleichaltrige: Freundschaften entwickeln sich. Mit dem Besuch pädagogischer Institutionen umfasst das Netzwerk weiterhin Erzieher und Lehrer als zusätzliche erwachsene Bezugspersonen neben den Eltern oder anderen Verwandten.

Im Folgenden werde ich einige Definitionen des sozialen Lernens anführen (Kap. 3.1), um auf dieser Grundlage intensiver auf die einzelnen Institutionen einzugehen, die Einfluss auf die soziale Entwicklung eines Kindes haben (Kap. 4).

3.1 Definitionen

Handlexikon zur Montessori-Pädagogik

Soziale Erziehung meint „alle intentionalen, aber auch alle indirekten Erziehungsvorgänge […], die dem Kinde und Jugendlichen zur Sozialkompetenz verhelfen…Das menschliche Individuum kann sich ohne soziales Leben nicht entwickeln…Der Phase des ‚psychischen Embryo’ folgt ab dem dritten bis zum sechsten Lebensjahr die von Montessori so bezeichnete Zeit des ‚sozialen Embryo’. In Form einer Kohäsionsgesellschaft suchen die Kinder den sozialen Austausch, machen erste wichtige Erfahrungen im Knüpfen und Lösen von Beziehungen im ‚sozialen Mutterschoß’“.

Lexikon der Psychologie

Soziales Lernen umfasst „das Lernen sozial bedeutsamer Verhaltensweisen […], die im Umgang mit dem Sozialisanden (Eltern) erworben [werden].“ Sozialisation bedeutet in diesem Zusammenhang „das Hineinwachsen in soziale Beziehungsnetze“, wobei sich der „Prozess der Konstituierung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von und in kontinuierlicher Auseinandersetzung mit der sozialen und dinglich-materiellen Umwelt einerseits und der biophysischen Struktur des Organismus andererseits“ vollzieht. „Die Orientierung an Wertevorstellungen, Normen oder Rollenerwartungen kann zum einen durch externe soziale Kontrolle geschehen…Zum anderen wird die Einhaltung von Geboten und Verboten durch interne soziale Kontrolle bewirkt. Dieses bedeutet, daß Werte und Normen internalisiert wurden und somit zu einem Persönlichkeitsbestandteil geworden sind.“

Pädagogik-Lexikon

„Der Begriff ‚soziales Lernen’ bezieht sich methodisch auf den umfassenden Vorgang menschlichen Lernens, inhaltlich auf das menschliche Zusammenleben…Er (der Mensch, Anm. der Verfasserin) ist auf das Lernen angewiesen, um über den Erwerb von Basiskompetenzen an der Gemeinschaft teilhaben zu können, kann sich durch eigene Entscheidungen und neue Lebensentwürfe aber auch aus vorgezeichneten Bahnen und häufig schicksalhaften Verstrickungen lösen. ‚Soziales Lernen’ schließt somit in seiner Bedeutung aktive Handlungen und selbstbestimmte Wege mit ein…Soziales Lernen ist in seiner Entstehung, seiner Aneignung und seinem Zielbereich eindeutig auf Interaktion bezogen. Es geht vornehmlich um den Erwerb von Handlungskompetenzen für soziale Situationen und um Fähigkeiten sozialer Resonanz, wie Verständnis und Einfühlungsvermögen. Im Zuge einer zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung von Subjektivität werden als Ziele aber auch Selbstkompetenz und Sensibilität für die eigene Lage betont…Eine besondere Bedeutung des sozialen Lernens wird in der frühen Kindheit gesehen.“

Eine Definition zur Weiterarbeit

Unter sozialem Lernen verstehe ich im Folgenden all jene Lernprozesse, die sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben beziehen und eine Veränderung im sozialen Wissen und Handeln bewirken. Soziales Lernen wird sowohl explizit als auch implizit durch die Gesellschaft bedingt und hat zum Ergebnis die soziale Kompetenz, welche wiederum die Basis für die Teilhabe eines Menschen an der Gesellschaft darstellt.

4. Die Entwicklung sozialer Kompetenz in den unterschiedlichen Institutionen

Die Entwicklung sozialer Kompetenz beginnt mit der Geburt im Rahmen der Familie. Jedes der Familienmitglieder hat durch seine Eigenart einen unterschiedlichen Einfluss auf die Ausbildung sozialer Kompetenz (Kap. 4.1). Diese Entwicklung setzt sich im Kindergarten (Kap. 4.2) und in der Grundschule (Kap. 4.3) fort. Das soziale Netzwerk des Kindes erfährt hier Erweiterung, so dass auch seine Erfahrungen und Kompetenzen zunehmen. Im Folgenden werde ich genauer auf die einzelnen Institutionen, die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes in diesen und die Förderungsmöglichkeiten und –hindernisse eingehen.

4.1 Familie

Alle Mitglieder einer Familie haben Einfluss auf die soziale Entwicklung eines Kindes, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Auf Grund des Wandels von Familie, d.h. der Pluralisierung der Lebensformen, lassen sich die im Folgenden aufgestellten Thesen allerdings nicht generalisieren.

Da jedoch Untersuchungen zufolge die Kernfamilie trotz dieses Wandels noch den größten Anteil in der Pluralität der Lebensformen darstellt, werde ich in diesem Kapitel die Einflussmöglichkeiten von Mutter, Vater und Geschwistern aufgreifen.

Die Grundsteine für die soziale Entwicklung eines Kindes werden bereits im frühen Kindesalter gelegt, sodass die Eltern-Kind-Beziehung als Basis der Ausbildung sozialer Kompetenz zu verstehen ist.[42] Die Mutter trägt in diesem Rahmen den größten Teil der Verantwortung, da sie in der Regel die erste und wichtigste Bezugsperson eines Kleinkindes darstellt und es somit ihr zufällt, „eine angemessene Strukturierung der sozialen Erfahrungen des Kindes[43] zu ermöglichen.

Das Neugeborene bringt bereits einige Fähigkeiten mit, die der sozialen Interaktion und Kommunikation dienlich sind. Schon ab dem zweiten bzw. dritten Monat ist das Kind in der Lage, zwischen Gegenständen und Personen zu unterscheiden – Menschen gegenüber verhält sich das Kind entspannter und reagiert mit ersten mimischen Ausdrücken; in der Regel mit Lächeln. Dieses erste „soziale Wiederlächeln[44] wird noch als Reflex gedeutet, mit etwa vier Monaten wandelt sich dieses in Lachen und freudiges Quietschen, welches bestimmten Emotionen Ausdruck verleiht. Das Kind beginnt nun, über Blicke seine Umwelt zu erkunden und versucht mit Hilfe von Blickkontakt, Lächeln oder Schreien erste soziale Bindungen zwischen sich und seiner Umgebung herzustellen. PIAGET konnte nachweisen, dass das Kind bereits während des ersten halben Jahres durch Nachahmung Verhaltensweisen erlernt, die für das weitere soziale Verhalten von großer Bedeutung sind.[45]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ab der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres erweitert das Kind seine sozialen Fähigkeiten zunehmend. Es ist in der Lage, eindeutig zwischen Dingen und Menschen sowie zwischen Kindern und Erwachsenen zu unterscheiden und stellt fest, dass es mithilfe seines Verhaltens das anderer Personen beeinflussen kann, d.h. das Kind beginnt, sich zum aktiven Interaktionspartner zu entwickeln. Bis zur 30. Woche kann das Abb.3

Kind zwischen bekannten und unbekannten Gesichtern unterscheiden und reagiert auf diese unterschiedlich – die Angst vor fremden Gesichtern wird als Fremdeln bezeichnet.[46] Mit etwa neun Monaten lernt das Kleinkind, seine Aufmerksamkeitsrichtung der des Erwachsenen anzupassen oder dessen Aufmerksamkeit auf das eigene Ziel des Interesses zu lenken. Das Kind erkennt in der Regel ebenfalls ab dem neunten Monat, dass ein emotionaler Gesichtsausdruck oder die Stimmlage eines Menschen als Reaktion auf ihr Verhalten zu werten ist. Doch erst im Alter von acht bis zwölf Monaten gewinnt die Mimik des Kindes zunehmend an Ausdruck und das Kind beginnt die Fähigkeit zu entwickeln, seinen Gefühlsausdruck zu verstärken oder zu vermindern und so Situationen zu beeinflussen. Mit zwei bis drei Jahren ist es dem Kind möglich, über seine Gefühle zu sprechen – bis dahin obliegt es der Sensitivität der Mutter, die kindlichen Emotionen zu deuten.

Für die Entwicklung sozialen Verhaltens ist es von großer Bedeutung, dass das Kind lernt, seine Emotionsausdrücke zu regulieren, was in der Regel im Rahmen der familiären Erziehung erfolgt. Auf die besondere Relevanz der Emotionsregulation werde ich in den Abschnitten 4.2 und 4.3 noch weiter eingehen.

Mit etwa 18 Monaten beginnt das Kind, sich selbst zu entdecken – dieser Entwicklungsfortschritt lässt sich daran erkennen, dass das Kind in der Lage ist, sein Spiegelbild als eigenes Abbild zu deuten. Anhand dieser Erfahrung lernt das Kind, sich selbst als „Ich“ zu bezeichnen und ist ferner in der Lage, sich selbst mit anderen Personen oder Dingen zu vergleichen und Unterschiede herauszustellen. Die Erkenntnis einer „sozialen Identität[47] gilt als Basis für die Nachahmung des Verhaltens anderer Kinder sowie für die Entwicklung von Empathie oder Perspektivenübernahme (vgl. FUCHS). Empathie meint die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und so dessen Gefühle und Wertevorstellungen nachempfinden zu können. Kinder entwickeln ab dem Ende des zweiten Lebensjahres eine erste Form des Einfühlungsvermögens, die große Bandbreite von Ursachen für bestimmte Emotionen verstehen sie aber erst im Alter von fünf bis sechs Jahren.

Die Entwicklung von Moral steht in engem Zusammenhang mit der Ausbildung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, da diese als unabdingbar für moralisches Urteilen gilt.[48] Moral meint die Anerkennung geltender Normen, die in sozialen Systemen menschlichen Zusammenlebens vorherrschen – diese Normen können entweder universelle Gültigkeit besitzen oder kulturspezifisch variieren. Es ist jedoch zu beachten, dass das Wissen um eine Norm noch lange nicht deren Anerkennung zur Folge hat und dass moralisches Verhalten auch auf anderen Motiven basieren kann. Kinder sind bereits im Alter von drei bis fünf Jahren in der Lage, zwischen verpflichtenden, allgemein gültigen Normen und veränderbaren Konventionen zu unterscheiden. Dabei wird unmoralisches Verhalten von Kindern als gravierender angesehen als Verstöße gegen Konventionen. Sie begründen dieses Urteil anhand der Erkenntnis, dass unmoralisches Handeln negative Folgen für ihre Mitmenschen mit sich bringt.

Das Ausmaß und der Fortschritt der Entwicklung von Moral sind abhängig von der Vorbildfunktion und dem Erziehungsstil der Eltern und dem Einfluss älterer Geschwister. Die Familie stellt die erste Sozialisationsinstanz eines Kindes dar, in welcher Normen auf drei verschiedenen Wegen vermittelt werden können: durch Argumente, durch Lernen am Vorbild oder durch Belohnung und Bestrafung.[49] Vermitteln durch Argumente meint, dass die Eltern direkten Einfluss auf das Kind nehmen, in dem sie ihm Anleitungen oder Ratschläge mit auf den Weg geben und Kinder bereits in der frühen Kindheit mit ihnen über moralisch relevante Themen diskutieren. In diesem Fall können Kinder aber vorschnell dazu neigen, Verständnis zu bekunden, ohne dass die Regeln wirklich erschlossen oder sogar verinnerlicht wurden. Eltern erfüllen außerdem Vorbildfunktion, da Kinder sie beobachten, sich mit ihnen identifizieren und ihr Verhalten oder ihre Denkschemata imitieren. Nachahmung geschieht jedoch nicht ausschließlich am Vorbild der Eltern, auch ältere Geschwister können förderliche Anregungen bieten.[50] Die dritte Form der Vermittlung von Normen, Konditionierung durch Belohnen oder Bestrafen, erweist sich als problematisch, da die Handlung so einer extrinsischen Motivation unterliegt – es sei denn Belohnung oder Bestrafung würde sich in Form positiver oder negativer Gefühlsreaktionen äußern, welche durch eine Handlung ausgelöst werden. Andernfalls ist diese Form weder konstruktiv, da sie keine Alternativen beinhaltet und den Kindern der Sinn einer Norm nicht einsichtig wird, noch ist sie sinnvoll, da ungerechte Bestrafungen die Beziehung belasten.

Es ist wichtig, dass Eltern um diese Entwicklungsschritte eines Kindes wissen, sodass sie ab dem Alter von zwei Jahren ihre Sozialisations- und Erziehungsbemühungen verstärken, um die Ausbildung einer sozialen Identität gezielt zu unterstützen und zu fördern. Der Erziehungsstil spielt in diesem Rahmen eine große Rolle, denn je herzlicher und offener das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Kind ist, desto eher ist dieses bereit, die vermittelten Werte und Verhaltensmuster zu übernehmen und sich zu Eigen zu machen. OERTER/MONTADA unterscheiden zwei Formen der Übernahme: Werden die Erziehungsziele internalisiert und generell angewendet, spricht man von „commited compliance“, fügt sich das Kind jedoch nur in bestimmten Situationen dem Willen der Eltern, beispielsweise um Ärger oder einer Strafe zu umgehen, wird dies als „situational compliance“ bezeichnet.[51] Zweiteres wird vermutlich durch stark autoritäres oder vernachlässigendes Verhalten auf Seiten der Eltern ausgelöst. Um Kinder optimal zu fördern und so zu erreichen, dass sie soziale Kompetenz ausbilden und diese zu einem Bestandteil des Selbst wird, ist es von großer Bedeutung, keine Hierarchien zu schaffen und zu verfestigen, sondern Kinder als gleichwertig anzusehen.[52] Eine Eltern-Kind-Beziehung sollte durch gegenseitige Empathie geprägt sein, denn nur so ist es möglich, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder verstehen, denn „Kinder empfinden es als einfacher, sich zu ändern, wenn sie das Gefühl haben, der Erwachsene versteht, wie schwer dieses sein kann[53]. Ein solches Verhalten lässt die Eltern-Kind-Beziehung als eine wechselseitige erkennen und nur in diesem Kontext ermöglicht sie dem Kind die Entfaltung zu einem selbstbewussten, verantwortungsvollen und sozial kompetenten Menschen. Da diese Entwicklung jedoch nicht ausschließlich im familiären Kontext stattfinden kann, ist es wichtig, dass Eltern Umweltbedingungen herstellen, in denen die Kinder vielfältige Erfahrungen machen und sich selbstständig und eigentätig Handlungsspielräume erschließen können. Hierfür bedarf es präventiver Arbeit im familiären Rahmen, damit sich die Kinder auch trotz Abwesenheit der Eltern in ihrer Umwelt geschützt fühlen. Eine gewisse Fürsorge sollten die Kinder dementsprechend spüren, eine zu starke Kontrolle kann wiederum negativen Einfluss haben.

Der Mutter wird ein besonders großer Stellenwert für die Entwicklung sozialen Verhaltens beigemessen, was auf der Attachment-Theorie von BOWLBY (1958, 1969, 1973)[54] basiert. Das Kind baut laut dieser Theorie eine besonders enge Bindung zur Mutter auf, die sich in verschiedenen Verhaltensweisen – in der frühen Kindheit handelt es sich dabei beispielsweise um das Anklammern, das Nachfolgen oder Formen von Lautäußerungen – äußert. Je nachdem, wie sensibel die Mutter auf diese Signale reagiert und wie sich auf Grundlage dessen die Beziehung zwischen Mutter und Kind entfaltet, entsteht eine sichere oder unsichere Bindung. Diese stellt die Grundlage für das kindliche Verhalten in der außerfamiliären Lebenswelt dar und hat elementaren Einfluss auf den Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen.[55]

Die Mutter erfüllt in der Regel also eher die Funktionen von Schutz und Pflege, wohingegen der Vater eher spielerischen Kontakt zu den Kindern sucht und ihnen auf diesem Weg kognitive Anregungen bietet. Die Spieltätigkeit mit dem Vater entspricht dem kindlichen Explorationsbedürfnis und leistet so einen wichtigen Entwicklungsbeitrag. Je älter das Kind wird, desto mehr wandelt sich das Interesse am Spiel mit dem Kind zu einem die schulische Laufbahn betreffenden. Das Verhältnis ist also eher auf kognitiver Basis anzusiedeln, wohingegen die Mutter-Kind-Beziehung stark durch Emotionen geprägt ist.[56]

Geschwisterbeziehungen beeinflussen die Sozialerfahrungen von Kindern ebenfalls in hohem Maße. Geschwisterrivalitäten erfordern die Auseinandersetzung mit Konflikten und fördern so die Entwicklung von Problemlösestrategien. Ältere Geschwister leisten außerdem eine gewisse Vorarbeit, da sie Verhaltensweisen austesten und so möglicherweise Kompromisse im Erziehungsstil erreichen. Aufgrund dessen erfüllen sie eine Vorbild- sowie eine Lehrfunktion für jüngere Geschwister. Das Übernehmen von Verantwortung für Geschwister fördert weiterhin das Verantwortungsbewusstsein und prosoziales Verhalten im Allgemeinen. Prosoziales Verhalten lässt sich bereits früh bei Kindern feststellen, wobei sich die Motive im Laufe der Entwicklung verändern. So lässt sich zunächst eine selbstzentrierte Orientierung ausmachen, welche sich durch wachsende Perspektivenübernahme wandelt, so dass schließlich Empathie als Hauptmotiv zu nennen ist. Die Entwicklung prosozialen Verhaltens wird neben Faktoren wie Moral und Empathie auch durch die Familiengröße beeinflusst. So zeigen Kinder mit Geschwistern eher und in höherem Maße prosoziales Verhalten, Einzelkinder sind dagegen in der Regel nur in Stresssituationen kooperativ und ihrem Verhalten liegen oft egoistische Motive zugrunde.[57]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jedes Familienmitglied Einfluss auf die soziale Entwicklung des Kindes hat. Die Art und Weise des Umgangs miteinander bildet die Grundlage für das Bindungsverhalten des Kindes. Wird das Kind unter der Prämisse der prinzipiellen Gleichheit zu einem selbstbewussten, selbstständigen und verantwortungsbewussten Menschen erzogen, ist es ihm möglich, sich auch im außerfamiliären Kontext sicher zu fühlen und sich mit weiteren Bezugspersonen zu arrangieren. Funktioniert eine Familie jedoch nicht als „Team“, sondern ist durch übertriebene Fürsorge oder, im Gegenteil, durch autoritäre Hierarchie gekennzeichnet, dürfte dies negative Auswirkungen auf die weitere soziale Entwicklung sowie das Bindungsverhalten eines Kindes haben.

Dies ist besonders entscheidend für den Eintritt eines Kindes in eine Institution, in der es Kontakt zu Gleichaltrigen und weiteren erwachsenen Bezugspersonen herstellen muss.

4.2 Kindergarten

Bis etwa zu ihrem dritten Lebensjahr verbringen Kinder den größten Teil der Freizeit im Kreis ihrer Familie, mit dem Eintritt in den Kindergarten nimmt dann die Zeit zu, die sie mit anderen Kindern verbringen.[58] Es kommen noch eine Reihe weiterer Veränderungen auf das Kind zu, die zunächst belastend wirken können, als da wären: eine neue Umgebung, ein veränderter Tagesablauf, der Eintritt in eine große Gruppe, neue Bezugspersonen und neue Regeln.[59] Meist sind die Kinder aufgrund dessen zunächst verunsichert oder auch durch die Trennung von der Mutter verängstigt, so dass sie zunächst passiv bleiben und ihre Umwelt lediglich beobachten. Eine erste Form der Kontaktaufnahme oder Integration erfolgt in der Regel durch die Initiative älterer Kinder – im Laufe der Zeit wird dann aber von den neuen Kindern auch Eigeninitiative erwartet.[60] Die Kinder lernen durch ihre anfänglichen Beobachtungen, wie sie sich in der Gruppe zu verhalten haben und es ist ihnen so möglich, sich durch Nachahmung dieses Verhaltens in der Gruppe einzuleben. Es ist wichtig, dass Eltern und Erzieherinnen das Kind von Anfang an unterstützen, so dass es die primären Belastungen als zu bewältigende Herausforderungen zu betrachten lernt; die Erzieherin stellt in diesem Zusammenhang die „Begleiterin des Übergangs[61] dar und auch die Anwesenheit der Mutter mag zu Beginn den Einstieg erleichtern.

Der Kindergarten als pädagogische Institutionen hat verschiedene Teilziele zu erfüllen, welche sich auf die Erziehung, Bildung und Sozialisation des Kindes beziehen. Dabei handelt es sich um die Förderung von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, das Unterstützen der Sprachkompetenz und Kommunikationsfähigkeit, Ausbildung einer Grundkenntnis der Umwelt und Einsicht in die Funktionsweisen sozialer Beziehungen, um eine Auswahl pädagogischer Teilziele zu nennen.[62] Die „Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit[63] als allgemeines Ziel fasst diese Teilziele zusammen.

Um die Kinder optimal und individuell angemessen zu fordern und zu fördern, soll der Kindergarten den aktuellen Entwicklungsstand als Grundlage dessen betrachten und sie so schrittweise auf weitere Lebensbereiche vorbereiten. Ein besonders hoher Stellenwert kommt dabei der pädagogischen Arbeit mit sozial benachteiligten Kindern zu sowie Kindern, die Verhaltensdefizite aufweisen. Es besteht die Chance, Defizite und delinquentes Verhalten zu kompensieren, wenn den Kindern das Gefühl gegeben wird, dass sie geborgen sind und ernst genommen werden. Kinder erfahren auf diesem Weg, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein und machen deshalb im Kindergarten soziale Erfahrungen, wie sie in der Familie kaum möglich sind.[64] Es ist dabei sehr wichtig, dass der Kindergarten von Anfang an mit den Eltern kooperiert, so dass eine Vertrauensbasis entsteht und es möglich ist, dass Kind in seiner Ganzheit zu erkennen, statt nur Teilbereiche seiner Lebenswelt zu erfahren. Nur so ist es möglich, die Ursachen für defizitäres Verhalten herauszufinden und soziale Defizite zu auszugleichen. Formen der Elternarbeit wären Gespräche, Elternabende, Hospitationen oder die Teilnahme an Feiern.[65]

Eine frühe Förderung verhaltensauffälliger Kinder ist sehr entscheidend, damit die Kinder am Gemeinschaftsleben ihrer Gruppe teilhaben können, da aggressives oder störendes Verhalten als Grund für Ablehnung gilt. Auch stille Kinder bedürfen der der anfänglichen Unterstützung der Erzieherin, da sie oft kaum oder gar keine Beachtung finden. Sowohl Ablehnung als auch Nichtbeachtung können zur Isolation eines Kindes führen und auf Dauer besteht die Gefahr, dass sich dieser Stand verfestigt. Es ist also wichtig, dass der Versuch unternommen wird, diese Kinder zu integrieren, damit auch sie die Chance haben, ihre soziale Identität zu erweitern oder ihre soziale Kompetenz zu erweitern.[66] Weiterhin ist es sehr wichtig, dass die Erzieherinnen verhaltensauffälligen Kindern besondere Förderung ermöglichen und versuchen, defizitärem Verhalten entgegenzuwirken, da Verhaltensweisen, die sich im Kindergartenalter bemerkbar machen, eine gewisse Konstanz aufweisen.[67]

Die Chance der Integration besteht darin, dass die Beziehung zwischen Kindern prinzipiell durch Gleichheit geprägt ist – im Gegensatz zur Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, in denen Asymmetrie vorherrscht.[68] Kinder sind vom Prinzip her gleich und haben so auch gleiche Rechte und Chancen, welche es zu achten gilt. Gleiche Rechte zu haben bedeutet auch, dass die Kinder gewisse Pflichten zu erfüllen haben. Das Zusammenleben erfordert von ihnen in hohem Maße Toleranz und Anerkennung, Solidarität sowie Rücksichtnahme und den Umgang mit Konflikten. Indem man Kinder an Entscheidungen oder dem Aufstellen von Regeln beteiligt und ihnen ermöglicht, ihre eigene Meinung zu vertreten, wird Demokratie bereits im Kindergarten gelebt und gefördert.

Der Einfluss der Gruppe wirkt sich auf das Sozialverhalten des einzelnen Kindes aus, indem das Kind in der Regel versucht, sich den vorherrschenden Werten anzupassen. Die Kinder machen im gemeinsamen Zusammenleben die Erfahrung, welche Kompetenzen und Verhaltensweisen von ihnen verlangt werden.[69] Das Kind erfährt hierbei eine Erweiterung seiner sozialen Identität, da sich zusätzlich zu seiner individuellen Identität eine Gruppenidentität, ein „Wir-Gefühl“, herausbildet[70]: „Also, ein Kindergartenkind muss schon ganz viel können. Alles alleine machen. Und bitte nicht immer gleich weinen oder hauen.“ (Marius, 4 Jahre)[71]. Diese Gruppenidentität ist sowohl der emotionalen als auch der sozialen Kompetenz förderlich.

Das Kind lernt, sich als Person wahrzunehmen sowie sich sozial zu verhalten und so kompetent Bindungen herzustellen und zu erhalten. Es lernt dies, indem es über Bewegung mit seiner Umwelt und zu sich selbst, seinem Körper, in Beziehung tritt. Man spricht in diesem Rahmen von der Ausbildung personaler Kompetenz und interpersonaler bzw. Sozialkompetenz. Diese beiden Ebenen bedingen sich gegenseitig und fügen sich über die Wahrnehmung zu einem Weltbild zusammen. Die soziale Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit der Ausbildung eines positiven Körpergefühls und der Übernahme unterschiedlicher Rollen. Neben der Gruppenidentität als Kindergartenkind übernehmen die Kinder die Geschlechtsrollen als Junge oder Mädchen. Dieser Prozess ist von großer Bedeutung und deshalb im Kindergarten zu fördern, wobei jedoch das Entstehen von Geschlechtsstereotypen zu vermeiden ist. Anhand des Weltbilds und der eigenen sozialen Identität stellen Kinder bereits im Kindergartenalter erste soziale Vergleiche an, die dem Feststellen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden dienen. Daneben dient der Vergleich dem Herausfinden von Stärken und Schwächen und so der Stärkung des Selbstwertgefühls und der persönlichen Widerstandsfähigkeit. Aufgrund dieses Vergleichs legen Kinder großen Wert darauf, gleich behandelt zu werden. Im Falle einer Differenzierung müssen den Kindern die Gründe für das Verhalten der Erzieherin einsichtig sein. Andernfalls könnte das Vertrauen eines Kindes in sich selbst und seine Leistungen darunter leiden. Hinzu kommt, dass die Befriedigung emotionaler Grundbedürfnisse sowie das Teilen von Überzeugungen und Normen die Basis für soziales Lernen und das Leben in der Gemeinschaft darstellt.[72]

Das Prinzip der Gleichbehandlung bezieht sich in erster Linie auf das Verhältnis zwischen Erzieherin und Kindern. Zwischen Kinder stellt sich die Situation anders dar: In Kindergruppen bilden sich schnell Hierarchien, wobei die „Anführer“ meist älter und damit schon länger in der Institution sind, eine hohe soziale Aktivität zeigen und Geschick im Umgang mit anderen Kindern aufweisen. Neben diesem eher diplomatisch vorgehenden Typ von Anführer gibt es auch solche, die lediglich ihre eigenen Interessen verfolgen und diese notfalls auch mit Gewalt durchsetzen. Die Kinder, die in der Hierarchie oben stehen, bestimmen die Spiele und Rollen der Kinder in der Gruppe, stellen Gebote und Verbote auf, bieten aber meist auch Schutz und Hilfe bei Problemen.[73]

[...]


[1] Buber/Feuser zitiert nach: Feyerer/Prammer (2003), S.19

[2] Postman (1987)

[3] Textor (1994)

[4] Nave-Herz (2002), S.68

[5] Textor (1994)

[6] Nave-Herz (2002), S.14

[7] Rolff/Zimmermann (1997), S.19

[8] vgl. Nave-Herz (2002), S.98

[9] Nave-Herz (2002), S.99

[10] Köster (2005), S.11

[11] Lothar Krappmann/Hans Oswald. Freunde, Gleichaltrigengruppen, Geflechte. In: Fölling-Albers (1989), S.95f.

[12] Rolff/Zimmermann (1997), S.20

[13] vgl. Nave-Herz (2002), S.73f.

[14] Rolff/Zimmermann (1997), S.20

[15] Eickhorst (1998), S.8

[16] Nave-Herz (2002), S.34

[17] Büchner zitiert nach: Eickhorst (1998), S.5

[18] Eickhorst (1998), S.5ff.

[19] Dietrich zitiert nach: Textor (1994)

[20] Martin Textor (1994)

[21] Deutscher Kinderschutzbund (2004) ,

[22] Köster (2005), S.11

[23] Arnulf Hopf. Außenflächen, Straßen und Verkehr in der der Wohnumwelt von Kindern. in: Fölling-Albers (1989), S.86

[24] vgl. Fölling-Albers (1989), S.31 und Eickhorst (1998), S.8

[25] Fromm zitiert nach: Fölling-Albers (1989), S.31

[26] Zeiher (1991) zitiert nach: Eickhorst (1998), S.9

[27] vgl. Fölling-Albers (1989)

[28] Textor (1994)

[29] Büchner (1985) zitiert nach: Conrad (1998)

[30] Textor (1994)

[31] Postman (1987)

[32] Rolff/Zimmermann (1997), S.98

[33] vgl. Fölling-Albers (1989), S.31

[34] Postman (1985, S.175

[35] Lothar Krappmann/Hans Oswald. Freunde, Gleichaltrigengruppen, Geflechte. In: Fölling-Albers (1989), S.101

[36] Conrad (1998)

[37] vgl. Fuchs (2003)

[38] Fuchs (2003), S.6

[39] vgl. Oerter/Montada (2002), Kap. 18

[40] vgl. Fuchs (2003), S.31f.

[41] Lewis/Feiring (1979a) zitiert nach: Schmidt-Denter (1996), S.20

[42] Oerter/Montada (2002), S.208

[43] Schmidt-Denter (1996), S.34

[44] Bower (1979) zitiert nach: Oerter/Montada (2002), S.187

[45] ebd., S.155

[46] vgl. Schmidt-Denter (1996), S.18

[47] Bischof/Köhler (1998) zitiert nach: Oerter/Montada (2002), S.204

[48] vgl. Lawrence Kohlberg. Moralstufen und Moralerwerb. In: Edelstein/Oser/ Schuster (Hrsg.). (2001), S.36

[49] Oerter/Montada (2002), S.623

[50] vgl. Lothar Krappmann. Die Sozialwelt der Kinder und ihre Moralentwicklung. In: Edelstein/ Oser/Schuster (Hrsg.) (2001), S.157

[51] Oerter/Montada (2002), S.207

[52] vgl. Gordon (1989), S.154

[53] ebd., S.172

[54] Schmidt-Denter (1996), S.28f.

[55] ebd. , Kap. 4.1

[56] ebd., Kap. 4.2

[57] vgl. Schmidt-Denter (1996), S.67-81

[58] vgl. Strätz (1986), S.5

[59] vgl. Griebel/Niesel (1998), S.4

[60] vgl. Schmidt-Denter (1996), S.99

[61] Griebel/Niesel (1998), S.4

[62] vgl. Zimmer (2005), S.1 / Aden-Grossmann (2002), S.203

[63] Niedersächsisches Kultusministerium (2005), S.8

[64] vgl. Zimmer (2005), S.1 / Niedersächsisches Kultusministerium (2005), S.10;33

[65] vgl. Aden-Grossmann (2002), S.227

[66] vgl. Oerter/Montada (2002), S.251 / Strätz (1986), S.31

[67] vgl. Strätz (1986), S.71f.

[68] vgl. ebd., S.243

[69] vgl. Strätz (1986), S.12

[70] vgl. Oerter/Montada (2002), S.247; Griebel/Niesel (1998)

[71] Griebel/Niesel (1998)

[72] vgl. Strätz (1986), S.42; Niedersächsisches Kultusministerium (2005), S.11,14,34

[73] vgl. Schmidt-Denter (1996), S.100; Strätz (1986), S.30,61

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Fair Play - Möglichkeiten und Hindernisse bei der Ausbildung sozialer Kompetenz im Elementar- und Primarbereich
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
138
Katalognummer
V62662
ISBN (eBook)
9783638558686
Dateigröße
6764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fair, Play, Möglichkeiten, Hindernisse, Ausbildung, Kompetenz, Elementar-, Primarbereich
Arbeit zitieren
Birte Spitzer (Autor), 2006, Fair Play - Möglichkeiten und Hindernisse bei der Ausbildung sozialer Kompetenz im Elementar- und Primarbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62662

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