Eine zentrale Herausforderung der neu gegründeten Europäischen Zentralbank (EZB) war die Schaffung einer glaubwürdigen Position im Währungsraum, da die EZB Anfang 1999 ohne „Track Record“, also ohne Verweis auf frühere Erfolge, ihre Arbeit aufnehmen musste. Für eine glaubwürdige und unabhängige Notenbankpolitik kann man, entweder durch die Schaffung einfacher Regeln, der Zentralbank rigide Beschränkungen auferlegen oder der Zentralbank gesetzliche Unabhängigkeit zusichern, um ihr geldpolitischen Spielraum zu lassen, und Zentralbanker mit entsprechender Einstellung wählen. Diese Verantwortlichen müssen konservativ sein und Inflation ablehnen, was bedeutet, dass sie ein Mehr an Inflation im Austausch gegen weniger Arbeitslosigkeit nicht zu akzeptieren bereit sind. Trotz des kurzen Bestehens der EZB versuchen wir im Folgenden, eine Analyse der bisherigen Performance darzustellen und zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte
2.1 Die ersten Zentralbanken – ein kurzer historischer Abriss
2.2 Die ersten Ideen eines gemeinsamen Marktes
2.3 Das EWS-I-System
2.4 Das EWS-II-System
Exkurs: Handelsgeschichte: Wie wirkte der Euro auf den Handel seit 1999?
3. Notenbanken
3.1 Definition „Notenbank“
3.2 Die Europäische Zentralbank
3.2.1 Aufbau der EZB
3.2.2 Zielsetzung der EZB
3.2.3 Geldpolitische Strategie
3.2.4 Geldpolitische Instrumente
a) Offenmarktgeschäfte
b) Ständige Fazilitäten
c) Mindestreserven
3.3 Strategien anderer nationaler Notenbanken
4. Unabhängigkeit und Geldpolitik
4.1 Definition „Unabhängigkeit“
4.1.1 Dimensionen der Unabhängigkeit
a) Personelle Unabhängigkeit
b) Institutionelle Unabhängigkeit
c) Finanzielle Unabhängigkeit
d) Funktionale Unabhängigkeit
4.1.2 Rechtfertigung
4.2 Glaubwürdigkeit
4.2.1 Definition „Glaubwürdigkeit“ und Lucas-Kritik
4.2.2 Bedeutung der Glaubwürdigkeit unabhängiger Geldpolitik am Beispiel der USA
4.3 Zeitinkonsistenz
4.4 Der Policy-Mix
4.4.1 Definition „Policy-Mix“
4.4.2 Möglichkeiten und Gefahrenfelder zwischen Geld- und Fiskalpolitik an Hand des IS-LM-Modells am Beispiel der USA unter Greenspan und Clinton ab 1993
4.4.3 Gefahrenfelder des Zusammenwirkens von Geld- und Fiskalpolitik an Hand der deutschen Wiedervereinigung und der Bundesbankpolitik
4.5 Problematik asymmetrischer Schocks und die Theorie der optimalen Währungsräume
4.5.1 Definition „Schock“ und „asymmetrische Schocks“
4.5.2 Beispiele für die Problematik der Reaktion einer Zentralbank auf Schocks in Bolivien 1985/1986 und Venezuela 1981
4.5.3 Die Problematik möglicher asymmetrischer Schocks auf den Euroraum und die Theorie der optimalen Währungsräume
5. Unabhängigkeit der EZB
5.1 Juristische Sicherung der Unabhängigkeit
5.1.1 Im Europarecht (Maastricht-Verträgen)
5.1.2 Im deutschen Gesetz
5.1.3 In der Europäischen Verfassung
5.2 Regelungen bei Erweiterung des Euroraums
5.3 Gefahren für die Unabhängigkeit
6. Die Stabilitätsperformance der EZB
6.1 Definition „Stabilität“
6.2 Performance der EZB seit Gründung
6.3 Gefahren für die Stabilität
6.3.1 Strukturelle Problemfelder
a) Fiskalpolitik und Verschuldung der Mitgliedstaaten
b) Tarif-und Beschäftigungspolitik der Mitgliedstaaten
7. Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit und Stabilitätsperformance
7.1 Studienergebnisse
8. Status, aktuelle Probleme und Zukunftsaussichten des ESZB
8.1 Versuchte Einflussnahme auf die Geldpolitik durch Medien und Politiker
8.2 Überschussliquidität und widersprüchliche Aussagen der Zwei-Säulen-Theorie
8.3 Hedge-Fonds und Kapitalsammelstellen
8.4 Grundlegende Infragestellung der Zwei-Säulen-Strategie
8.5 Bedeutung nationaler Wirtschaftspolitik
8.6 Bedeutung des US-Außenhandelsdefizits für den Euro
8.7 Szenarien der Euro-Gemeinschaft
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die geldpolitische Performance der Europäischen Zentralbank (EZB) seit ihrer Gründung im Jahr 1999 unter besonderer Berücksichtigung ihrer Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und der Herausforderungen durch asymmetrische Schocks im Euroraum.
- Historische Entwicklung der Zentralbanken und des europäischen Währungssystems.
- Struktur, Zielsetzung und geldpolitische Strategie der EZB.
- Dimensionen der Zentralbankunabhängigkeit und ihre rechtliche Verankerung.
- Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit und Stabilitätsperformance anhand empirischer Studien.
- Aktuelle Herausforderungen des ESZB, wie politische Einflussnahme und zukünftige Szenarien der Euro-Gemeinschaft.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Definition „Glaubwürdigkeit“ und Lucas-Kritik
Untersuchen wir die Bedeutung der Glaubwürdigkeit an Hand einer Disinflationspolitik der Notenbank: Da die Wirtschaftssubjekte im Rahmen ihrer zukünftigen Planungen auf den Faktormärkten nicht nur den aktuellen Inflationssatz t, sondern auch die zukünftig erwartete Inflation e aufnehmen, kann eine unglaubwürdige Geldpolitik die Marktakteure zu Entscheidungen verleiten, die dem tatsächlich gewünschten Kurs der Zentralbank entgegenlaufen, da e = t-1 ( e beruht auf t-1 ). Dadurch kann das zukünftige Preisniveau Pt+1 kurzfristig erheblich durch das erwartete Preisniveau Pe auf Grundlage der vergangenen Preissteigerungen t-1 bestimmt werden, also für die Inflation gilt dann: t = e t – β*(ut-un). (Mittelfristig gilt aber immer die klassische Dichotomie: π = gm - gy, also Inflation ist der Teil des Geldmengenwachstums, der über das Wachstum des Produktionsniveaus hinausgeht!)
Sollten nun also die Marktteilnehmer wegen einer unglaubwürdigen Notenbank trotz der angekündigten Disinflation die vergangene Inflation als Grundlage nehmen, z.B. 14 Prozent, so wäre eine Disinflation, z.B. auf drei Prozent, nur unter einem hohen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen: t = e t – β*(ut-un) also: drei Prozent = 14 Prozent erwartete Inflation – 11 Prozent, wobei die Höhe der natürlichen Arbeitslosigkeit un maßgeblich für die Steigung der Arbeitslosenquote ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Herausforderung der EZB, nach ihrer Gründung 1999 ohne „Track Record“ eine glaubwürdige und unabhängige Notenbankpolitik zu etablieren.
2. Entstehungsgeschichte: Überblick über die historische Entwicklung von Zentralbanken sowie die Etappen zur europäischen Währungsunion.
3. Notenbanken: Beschreibung des Aufbaus, der Ziele und der geldpolitischen Instrumente der EZB im Vergleich zu anderen internationalen Zentralbanken.
4. Unabhängigkeit und Geldpolitik: Analyse der Dimensionen und Rechtfertigung von Zentralbankunabhängigkeit sowie deren Einfluss auf Glaubwürdigkeit und den Policy-Mix.
5. Unabhängigkeit der EZB: Detaillierte Untersuchung der rechtlichen Absicherung der EZB-Unabhängigkeit im Europarecht, im deutschen Gesetz und in der Europäischen Verfassung.
6. Die Stabilitätsperformance der EZB: Bewertung der Erfolge der EZB bei der Wahrung der Preisstabilität seit 1999 und Diskussion struktureller Risiken.
7. Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit und Stabilitätsperformance: Vorstellung empirischer Studienergebnisse zum negativen Zusammenhang zwischen Zentralbankunabhängigkeit und Inflationsraten.
8. Status, aktuelle Probleme und Zukunftsaussichten des ESZB: Auseinandersetzung mit politischer Einflussnahme, der Zwei-Säulen-Strategie und möglichen Zukunftsszenarien des Euro.
9. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der EZB-Performance und Einordnung der Bedeutung ihrer Unabhängigkeit im europäischen Wirtschaftsgefüge.
Schlüsselwörter
EZB, Europäische Zentralbank, Geldpolitik, Preisstabilität, Zentralbankunabhängigkeit, ESZB, Eurosystem, Glaubwürdigkeit, Inflationsrate, Wirtschafts- und Währungsunion, Fiskalpolitik, Policy-Mix, Zeitinkonsistenz, Stabilitätspakt, asymmetrische Schocks.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Unabhängigkeit und der geldpolitischen Leistung (Stabilitätsperformance) der Europäischen Zentralbank seit ihrer Gründung 1999.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen zählen die historische Entwicklung der Notenbanken, der Aufbau und die Strategien der EZB, die theoretische und rechtliche Begründung von Zentralbankunabhängigkeit sowie aktuelle Herausforderungen wie politische Einflussnahme und die Stabilität des Euros.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine Analyse und Bewertung der bisherigen Performance der EZB, insbesondere der Frage, wie ihre Unabhängigkeit zum Erfolg der Preisstabilität beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt einen ordnungspolitischen und makroökonomischen Ansatz, stützt sich auf theoretische Modelle (wie IS-LM oder die Phillips-Kurve) und bezieht aktuelle empirische Daten sowie Literaturergebnisse ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Notenbankstrukturen, die verschiedenen Dimensionen der Unabhängigkeit, die Glaubwürdigkeit von Geldpolitik sowie eine Analyse der Stabilitätsperformance und aktueller ökonomischer Problemlagen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Fachbegriffe sind EZB, Unabhängigkeit, Preisstabilität, Geldpolitik, Glaubwürdigkeit, Policy-Mix und Europäische Wirtschafts- und Währungsunion.
Wie bewertet die Arbeit die Kommunikation der EZB?
Die Arbeit hebt hervor, dass die EZB ihre Geldpolitik einheitlich und harmonisch kommuniziert, was sie von der stärker durch Einzelmeinungen geprägten Kommunikation des amerikanischen Federal Reserve Systems unterscheidet.
Welche Bedeutung hat das "Zeitinkonsistenz-Problem" für die EZB?
Das Zeitinkonsistenz-Problem beschreibt das Risiko, dass Politiker Anreize haben, von angekündigten Zielen abzuweichen. Eine unabhängige EZB mit festgeschriebenem Mandat zur Preisstabilität dient laut der Arbeit als institutionelle Lösung für dieses Problem.
- Arbeit zitieren
- Sabine Kelber (Autor:in), 2005, Zur Unabhängigkeit und Stabilitätsperformance der EZB, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62663