Als ich mich zu Beginn in diese Arbeit stürzte erlebte ich, als eine erste Überraschung, wie viel Material und Texte sich doch über diese wenigen Worte des Aristoteles finden lassen konnten (geschweige denn, wie viele Werke sich davon nicht mehr finden lassen konnten). Die Übersetzung des Manfred Fuhrmann schien mir beim ersten Lesen klar und plausibel und ich konnte mir nicht erklären, wieso sich in aller Welt die größten Philosophen nur so den Kopf über ein paar wenige Worte zerbrachen. Aber dies sollte ich im Verlaufe dieser Arbeit zu genüge in Erfahrung bringen.
Auch fand ich es im Laufe dieser Lektüre durch einen Dschungel von philosophischen Meinungen interessant und zeitweise sogar amüsant, wie verschieden diese Worte des Aristoteles gedeutet und verstanden werden konnten und wie alle diese Philosophen einander immer wieder widersprachen und oftmals doch einer einem anderen den Vorwurf machte, überhaupt nichts verstanden zu haben.
Des öfteren musste ich mir die größte Mühe geben, objektiv zu bleiben und ich hoffe sehr, dass mir dies gelungen ist. Ebenfalls hoffe ich, dass dem Leser etwelche geistige Verwirrungen beim Lesen erspart bleiben, da diese mir, im Laufe der Vollendung dieser Arbeit, leider nicht erspart geblieben sind.
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Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Über den Begriff
2.1 Der Begriff „Katharsis"
2.1.1 Religion
2.1.2 Medizin
2.2 Wie Aristoteles diese „Reinigung" beschreibt
2.3 Geschichte des Begriffs
2.3.1 Gorgias (ca. 480 - 380 v.Chr.)
2.3.2 Platon (428/27 - 349/48 v.Chr.)
2.3.3 Aristoteles (384 - 322 v.Chr.)
3 Tragödiendefinition
3.1 Die Tragödien-Definition
3.2 Die Frage des Genitivs
3.3 Die Begriffe (eleos) und (phobos)
3.3.1 (eleos)
3.3.2 (phobos)
3.4 Wer hat die Tragödien-Definition schon behandelt ?
3.4.1 Bernays, Jacob (1824 –1881)
3.4.2 Goethe, Johann Wolfgang (1749 – 1832)
3.4.3 Gottsched, Johann Christoph (1700 – 1766)
3.4.4 Lessing, Gotthold Ephraim (1729 – 1781)
3.4.5 Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1844 – 1900)
3.5 Ethische und Medizinische Deutung
3.5.1 Ethische Deutung
3.5.2 Medizinische Deutung
4 Aspekte
4.1 Bedingungen für eine Katharsis
4.2 Katharsis in der Komödie oder im Epos
4.2.1 Katharsis in der Komödie
4.2.2 Katharsis im Epos
4.3 Katharsis in der Musik
4.3.1 Ethische Musik
4.3.2 Orgiastische Musik
5 Katharsis heute
5.1 Wo wir den Begriff „Katharsis" heute noch finden
5.2 Erleben wir heutzutage noch eine Katharsis ?
6 Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Konzept der „Katharsis“ bei Aristoteles, analysiert dessen historische Herleitung sowie die vielfältigen Deutungsansätze durch bedeutende Philosophen und prüft die Übertragbarkeit und Relevanz des Begriffs in der heutigen Zeit.
- Etymologische und historische Herleitung des Katharsis-Begriffs (Religion, Medizin, Philosophie).
- Analyse der aristotelischen Tragödien-Definition und der darin enthaltenen Erregungszustände.
- Gegenüberstellung ethischer und medizinischer Interpretationen der Reinigungswirkung.
- Diskussion der Katharsis-Theorie im Kontext von Musik, Komödie und Epos.
- Beurteilung der modernen psychologischen Anwendung und Bedeutung der Katharsis.
Auszug aus dem Buch
Die Tragödien-Definition
Dass uns die aristotelische Katharsis-Theorie Rätsel aufgibt, ist nicht zu verwundern: Die gesamte Theorie wird von Aristoteles in einer knappen, isoliert stehenden Passage entwickelt, die nirgendwo in der antiken Literatur näher erläutert wird:
„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden - Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“
Rätselhaft ist jedoch weniger das Ziel der Katharsis, als viel mehr der Mechanismus, durch den sie bewirkt wird. Man könnte diesen folgendermaßen versuchen zu verdeutlichen:
Der Zuschauer empfindet beim Betrachten einer Tragödie einen Verdruss über ein großes Übel das jemanden trifft, der es nicht verdient hat. Da sich der Zuschauer oft mit dem Helden einer Tragödie identifiziert, befürchtet er, dass ein solches Übel auch ihn oder eine ihm nahestehende Person treffen könnte. Die Tragödie hat also eine starke Wirkung auf ihn, da dieser „mitfiebert" und alle Gefühle des Helden miterlebt. Der Zuschauer entwickelt also extreme Gefühle oder sogenannte Erregungszustände.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitende Betrachtung über die Herausforderungen bei der Materialbeschaffung und die Komplexität der aristotelischen Begrifflichkeiten.
Über den Begriff: Klärung der Herkunft des Begriffs Katharsis aus dem religiösen und medizinischen Bereich sowie die Übertragung auf immaterielle Prozesse.
Tragödiendefinition: Detaillierte Auseinandersetzung mit Aristoteles' Definition, den Begriffen Jammer und Schaudern sowie den verschiedenen Deutungen durch Gelehrte wie Lessing, Goethe und Nietzsche.
Aspekte: Untersuchung der Bedingungen für eine Katharsis sowie deren mögliche Existenz in der Komödie, dem Epos und der Musik.
Katharsis heute: Betrachtung der modernen psychologischen Anwendung des Begriffs und Reflexion über unsere heutige Erfahrung von Reinigung in Kunst und Alltag.
Schlussbemerkung: Persönliches Fazit der Autorin zu den Schwierigkeiten und Erkenntnissen während des Arbeitsprozesses.
Schlüsselwörter
Katharsis, Aristoteles, Tragödie, Poetik, Jammer, Schaudern, Reinigung, Philosophie, Mitleid, Furcht, Affekte, Erregungszustände, Dramentheorie, Psychologie, Leidenschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem aristotelischen Begriff der Katharsis, insbesondere im Kontext der Tragödiendefinition und deren historischer sowie systematischer Interpretation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Etymologie des Begriffs, die Analyse der Wirkung tragischer Kunst auf den Zuschauer und die Differenzierung zwischen ethischen und medizinischen Deutungsmodellen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, die rätselhafte „Reinigung“ durch die Tragödie verständlich zu machen und zu prüfen, wie sich diese Theorie im Lichte verschiedener philosophischer Denker und der modernen Psychologie darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich primär um eine Literatur- und Diskursanalyse, bei der primäre philosophische Schriften sowie die Rezeptionsgeschichte der Aristotelischen Poetik untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Tragödiendefinition, der Problematik des Genitivs, den verschiedenen Auffassungen namhafter Philosophen sowie einer Differenzierung in ethische und medizinische Reinigungskonzepte.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Katharsis, Jammer, Schaudern, Tragödie, Affekte sowie die Unterscheidung zwischen medizinischen und ethischen Deutungsweisen.
Wie unterscheidet Aristoteles die Musik?
Er unterscheidet zwischen ethischer Musik, die der Erziehung dient, und orgiastischer Musik, die der Erholung und Katharsis dient.
Inwiefern unterscheidet sich die moderne Katharsis von der antiken?
Während bei Aristoteles das tragische Miterleben im Fokus stand, wird der Begriff heute oft psychologisch als Abreaktion verdrängter Affekte innerhalb einer Therapie verstanden.
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- Nicole Hajnos (Autor), 1999, Die Aristotelische Katharsis, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6271