Philosophie als Sterbensform - Betrachtungen des Todes in Montaignes Essais


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Präliminarien

1. Montaignes Todesbetrachtungen
1.0. Das Motiv des Todes in den Essais
1.1. Wie das Sterben gelernt werden kann
1.2. Wie man sich dem Tode annähern kann
1.3. Wie man leben und (sich) sterben lassen kann
1.4. Zusammenfassung und Analyse

2. Weiterführende Aspekte
2.1. Zur Stellung Montaignes in der Philosophiegeschichte des Todes
2.2. Zur Relevanz von Montaignes Erkenntnissen für die Gegenwart
2.2.1. Verdrängung vs. Vorbedenken
2.2.2. Individualisierung vs. Institutionalisierung
2.2.3. Der natürliche Tod
2.3. Persönliche Stellungnahme

0. Präliminarien

In seinem Buch über Montaigne stellt Stefan Zweig die These auf, Montaigne gehöre zu der Gruppe von Schriftstellern, die man erst ab einem gewissen Alter und nur mit einer gewissen Anzahl an Lebenserfahrung und Enttäuschung „richtig“ verstehen kann (vgl. Zweig 1995, S. 5). Ähnliche Thesen lassen sich auch über die Todesthematik aufstellen. Was kann also der Grund dafür sein, dass ein junger Philosophiestudent, sich gleichzeitig mit dem Denken Montaignes und mit dem Tod auseinandersetzt? Beide Aspekte dieser Frage lassen sich vergleichsweise leicht beantworten. Was Montaignes Denken angeht, so muss ich einen sehr „unphilosophischen“ Grund angeben: Ich finde ihn sehr sympathisch. Während der Lektüre der Essais habe ich an kaum einer Stelle das Gefühl gehabt, dass jemand mir seine Denkart und Argumentation aufzwingen will. Vielmehr dachte ich, jemand teilt mit mir seine eigenen Gedanken mit dem Wunsch, mir zu zeigen, wie er sein Leben und seinen Tod mehr oder minder gemeistert hat. Ich finde, dass diese Haltung großen Respekt verdient. Desweiteren habe ich mich oft über Montaignes sprachliche Begabung gewundert. Er hat eine subtile und sehr einfache Art, Gedanken auf den Punkt zu bringen. Insgesamt glaube ich, dass ich kaum jemals ein so persönliches Werk gelesen habe, das gleichzeitig mit so vielen genauen Beobachtungen der menschlichen Natur verbunden wäre. Eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Sterblichkeit hat wohl weitaus tiefergehende psychologische und fachwissenschaftliche Gründe. Der Tod gehört meines Erachtens zu den wenigen Konstanten, ja vielleicht sogar Invarianten, des menschlichen Wesens. Seit jeher hat er die Anthropologie, die Religion, die Kunst und viele weitere Bereiche der menschlichen Kultur beschäftigt und gestaltet. Es wurden schon seit den uns bekannten Anfängen der Zivilisation Versuche unternommen, das richtige Verhältnis gegenüber dem Tod zu finden, ihn zu erforschen, seine Bedeutung für das Leben festzustellen und die Angst vor ihm zu überwinden. Der Tod hat dementsprechend einen maßgeblichen Anteil an der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Kulturgeschichte. Bereits aus diesem Grund ist eine Beschäftigung mit dem Tod für einen Philosophiestudenten meiner Meinung nach unausweichlich. Doch es gibt kaum einen Menschen, der nicht persönliche Gründe hätte, sich über dieses Thema Gedanken zu machen. Ungeachtet der Frage, ob uns das Wissen um unsere eigene Sterblichkeit angeboren ist, oder ob es erst im Laufe des Lebens erworben wird, hat man dieses Wissen vergleichsweise früh, obwohl sich darüber streiten lässt, zu welchem Grade dieses Wissen mit dem Alter zunimmt. Man macht auch heute noch, obgleich seltener als früher, ständig Todeserfahrungen. Krankheiten, Schmerzen, physisches Altern, Sterben der bekannten Menschen, Nahtoderlebnisse, Medien und vieles Andere rufen den Tod immer wieder in unser Bewusstsein hervor. Die Fragen, die dabei aufgeworfen werden, sind unter anderem: Was ist der Tod? Was kommt nach dem Tod? Hat der Tod bzw. das Leben angesichts des Todes einen Sinn? Wie verhält man sich gegenüber dem Tod?

Diese Arbeit hat nun die Zielsetzung Montaignes Auseinandersetzung mit diesen und weiteren verwandten Fragen herauszuarbeiten, seine Argumentation und die Entwicklung seiner Gedankengänge nachzuzeichnen, ihre Position in der Geschichte der Philosophie aufzuzeigen und auf unsere Zeit zu beziehen. In einem ersten Schritt wird hierfür eine Zusammensetzung der meines Erachtens auf das Thema bezogen wichtigsten Stellen der Essais notwendig sein, die anschließend einer Analyse unterzogen werden. In einem zweiten Schritt werden die philosophiegeschichtlichen Einflüsse, vor allem seitens der Stoa und der christlichen Religion, auf Montaignes Denken beschrieben. Darauf folgt ein Versuch das Todesdenken in der Gegenwart zu beschreiben und einen Vergleich mit dem Denken Montaignes zu ziehen. Der Schwerpunkt wird dabei darauf liegen, was wir von Montaigne in Bezug auf unser Verhalten gegenüber dem Tod lernen können. In einer abschließenden persönlichen Stellungnahme werde ich meine Meinung über die vorliegende Thematik erläutern und erklären, inwiefern Montaigne mich persönlich beeinflusst hat. In meinen Ausführungen werde ich auf durchgehende geschichtliche und psychologische Deutungen verzichten, obwohl beide sicherlich ihre Berechtigung haben und eine eigene Arbeit verdienen. Stellen, die Bezug auf Montaignes Leben und dessen zeitgeschichtliche Umstände nehmen, dienen dem besseren Verständnis seiner Philosophie, sind jedoch keineswegs komplette Erklärungen dieser.

1. Montaignes Todesbetrachtungen

1.0. Das Motiv des Todes in den Essais

Überlegungen zum Thema Tod bilden ein Leitmotiv der Essais. Diese Gedanken sind durch den gesamten Text zerstreut. „Über nichts schreibt Montaigne so viel wie über den Tod; ja, das ganze Unternehmen bezieht seine programmatische Zielsetzung aus dem Versuch seiner selbst habhaft zu werden, bevor das Ende erreicht ist“ (Greffrath 1998, S. 84). Montaigne stellt kaum eine Erkenntnistheorie des Todes auf, er interessiert sich hauptsächlich für die Auswirkungen und ethisch relevante Aspekte des Todes im Diesseits. Von allen oben aufgeführten Fragen gilt sein Interesse vor allem der Frage, wie man sich gegenüber dem Tod verhalten soll. Diese Fragestellung wird jedoch von Montaigne von Anfang an und im Verlauf der Essais immer mehr subjektiv interpretiert, nämlich, wie er, Michel de Montaigne, sich gegenüber dem Tod verhalten soll. Die Problematik der Beschäftigung mit dem Todesmotiv in den Essais besteht nicht im Mangel am Material, sondern eben in seiner Fülle und Unordnung. „Im übrigen kommt es in den Essais nicht zum Durchbruch einer letzten, einheitlichen, bequem referierbaren Bestimmtheit der Todesdeutung“ (Friedrich 1993, S. 245). Diese Arbeit wird sich also vor allem auf die zentralen Kapitel bezüglich der Todesthematik beziehen, wobei natürlich versucht wird, auch weiterführende Überlegungen miteinzuschließen. Aus technischen Überlegungen werden die Gedanken Montaignes in drei Teile entsprechend der Dreiteilung der Essais gegliedert. Es handelt sich hierbei jedoch um eine stark idealisierende Darstellung, da die Übergänge bei Montaigne viel flüssiger und unübersichtlicher sind. Er trifft kaum endgültige und generalisierende Aussagen, entsprechend seiner „erschließenden Skepsis – einer Skepsis, die nicht nur bezweifelt, was wir für wirklich halten, sondern auch für möglich hält, was wir bezweifeln“ (Friedrich 1993, S. 256). Am Ende dieses zweiten Teil meiner Arbeit wird zwecks einer Operationalisierung die Zusammenfassung des Todesdenkens Montaignes versucht. Die wichtigsten Kapitel sind meines Erachtens im ersten Buch der Essais: Philosophieren heißt sterben lernen; im zweiten Buch: Eine Sitte auf der Insel Keos, Das Üben, und Apologie des Raimond Sebond; im dritten Buch: Über die Deutung des Inneren aus dem Äußeren und Über die Erfahrung [1]. Ihrem Inhalt sind die folgenden vier Kapitel gewidmet.

1.1. Wie das Sterben gelernt werden kann

Philosophieren heißt sterben lernen“ – Wie kann man diesen Satz verstehen, den Montaigne von Cicero übernimmt? Bedeutet er, dass jede Philosophie mit dem Nachdenken über den Tod anfängt? Heißt es, dass der Tod ein unausweichliches philosophisches Grundthema ist? Ist die Philosophie bloß ein Trost für den sterbenden Menschen? Diese und andere Fragen drängen sich auf, wenn man versucht, die Aussage der Überschrift dieses bekannten Essais-Kapitels zu entschlüsseln. Ich werde im Folgenden versuchen, die Gesamtaussage des Kapitels zu erläutern.

Für Montaigne ist der Tod eine Tatsache des menschlichen Lebens. Er ist unausweichlich und stellt sogar das Ziel jedes menschlichen Lebenslaufs dar. Der Mensch befindet sich unabhängig vom Alter in permanenter Todesnähe. Der Tod trifft Junge und Alte und tritt in unterschiedlichsten Gestalten auf, ist also unberechenbar. „Infolgedessen ist der Tod, wenn wir ihn fürchten, eine dauernde Beunruhigung für uns; diese Last kann uns nicht abgenommen werden“ (S. 60). Verdrängung des Todes ist die Lösung des gemeinen Volkes und diese ist falsch, denn natürlich kann man alles versuchen, um von dem Todesgedanken loszukommen, aber dann trifft der Tod einen völlig unvorbereitet und bringt somit noch viel mehr Kummer. Wir müssen also lernen, wie wir mit ihm zurechtkommen, wir müssen lernen, „ihm seine furchtbare Fremdartigkeit zu nehmen, mit Geschick an ihn heranzukommen, uns an ihn zu gewöhnen, nichts anderes so oft wie den Tod im Kopf zu haben, ihn uns in unserer Phantasie immer wieder in den verschiedensten Erscheinungsformen auszumalen“ (S. 63). Denn nur so kann der Mensch frei werden von der Angst und erkennen, dass der Tod kein Übel ist, vielmehr: „Sterbenkönnen befreit uns von aller Knechtschaft, von allem Zwang“ (S. 63). Desweiteren sollte der Mensch seine Bindungen in diesem Leben nach Möglichkeit auflösen oder zumindest so locker halten, dass ihm der Abschied leicht fällt. „Der Tod ist am selbstverständlichsten, wenn man schon vorher möglichst tot ist“ (S. 65). Es gibt auch zwei natürliche Hilfen im Leben des Menschen, die ihn auf den Tod vorbereiten: Das Altern und die Krankheit. Das Alter wird von Montaigne betrachtet als ein allmähliches, langsames Sterben: zuerst stirbt die Jugend, dann das reife Lebensalter und dann das Greisenalter. Der Übergang vom Altsein zum Nichtsein ist für Montaigne leichter als der vom Jungsein in das Altsein, was jedoch nicht bedeutet, dass andere Todesarten unnatürlich sind. Auch ein Zustand der Krankheit ist für Montaigne näher am Tod als ein solcher der Gesundheit. Da trifft es sich doch passend, dass Alter und Krankheit meistens Hand in Hand gehen. Eine weitere Tatsache, die das Sterben leichter macht, ist, dass wir uns nicht vor dem Augenblick des Todes zu fürchten brauchen aufgrund der „Gewißheit, daß wir nach dem Tode nichts versäumen, daß die Welt, die wir verlassen, dieselbe bleibt, die sie war und ist“ (Greffrath 98, S. 87). Ein weiteres Argument dafür, dass man den Tod nicht zu fürchten braucht ist in diesem Kapitel, dass der Tod ein Teil der Weltordnung ist, dass das Leben bereits vom Anfang an mit dem Tod versehen ist und es nicht darauf ankommt, wie lange dieses Leben andauerte, sondern, mit welchem Inhalt es gefüllt war. „Manches lange Leben ist inhaltlos. Nutzt es, solange ihr es in den Händen habt“ (S. 69). Das letzte Argument gegen die Todesfurcht ist ein skeptisches: Es ist „eigentlich recht einfältig, etwas abzulehnen, worüber keine Erfahrungen vorliegen, weder eure eigenen Erfahrungen noch die von anderen“ (S. 69).

Ich schließe mich der Interpretation Hugo Friedrichs an: „In den Essays des ersten Buches geht es zunächst um die Erwerbung eines entschlossenen Todesbewußtseins allgemeiner Art sowie um die Bezwingung der Todesfurcht“ (Friedrich 1993, S. 248). Montaigne baut das Übel des Todes mithilfe mehrerer intellektueller Überlegungen ab, beschäftigt sich hier mit dem Tod noch auf eine für seine Verhältnisse allgemein ethische Weise. Es geht noch nicht wirklich um seinen Tod, sondern um den Tod des Menschen als solchen.

[...]


[1] Alle Essais-Zitate aus: Michel de Montaigne, Essais, herausgegeben aus dem Französischen übertragen und mit einer Einleitung versehen von Arthur Franz, Köln 2005. Im Text werden die Essais-Stellen nur mit der Seitenangabe zitiert.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Philosophie als Sterbensform - Betrachtungen des Todes in Montaignes Essais
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Veranstaltung
Montaigne und Pascal
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V62751
ISBN (eBook)
9783638559447
ISBN (Buch)
9783640390786
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Philosophie, Sterbensform, Betrachtungen, Todes, Montaignes, Essais, Montaigne, Pascal
Arbeit zitieren
Server Purtov (Autor), 2006, Philosophie als Sterbensform - Betrachtungen des Todes in Montaignes Essais, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62751

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