Lesart der Geschichte: Radikale und moderate Kulturkritik im 20. Jahrhundert - Umriss einer historischen Entwicklung -


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inahlt

Einleitung

A. Radikale Kulturkritiken, Variationen um ein Thema: Das schlechte Bestehende
1. Oswald Spengler als Paradigma der ,konservativen, Kulturkritik: Zivilisation als Ende einer Kultur
2. Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie
3. ,Postmoderne, Richtungen aus Frankreich: Paul Virilio und Jean Baudrillard

B. Radikale Kulturkritik und moderne Gnostik: Die Wunde der Moderne
1. Michael Pauen: Dithyrambiker des Untergangs
2. Analyse Pauen über Theodor Adorno und Vergleich mit strukturellen Kriterien des gnostischen Denkens

C. Moderate Kulturkritik: Im Fluss der Geschichte
1. „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“: Walter Benjamin
2. Analyse Pauen über Walter Benjamin und Vergleich mit strukturellen Kriterien des gnostischen Denkens
3. Vilém Flusser: Krise der Linearität
4. Über die Notwendigkeit einer moderaten Kulturkritik: „Die Moderne – Ein unvollendetes Projekt“

Nachwort

Wir sind heute mit einer Kulturkritik konfrontiert, die radikal die seelenbedrohenden Gefahren der Technik und die daraus entstandene Verfremdung der Menschen beschreibt. Diese Radikalität der ,Postmoderne, könne doch nach Habermas1 Synthese der Stimmungen der Kulturkritiken sein, die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts laut werden. Als „Sehnsucht nach der wahren Präsenz“ (Octavio Paz, von Habermas zitiert2) – die unbefleckt außerhalb der menschlichen Kultur existiere -, solle seit Baudelaire die Moderne sich nach der subversiven Kraft eines ästhetischen Bewusstseins orientieren3. Dies spräche sich gegen das historische Bewusstsein aus, weil es sich konservativ nach einer immer-da-gewesene, innehaltende Gegenwart orientiere, welche sich nicht in einem historischen Kontinuum schreiben könne. Modernität wäre jedoch immer als Verstehensprozess zu deuten, da sie heute wie in der Renaissance das Bewusstsein einer Epoche ausdrücken wurde, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, um eine Übergang vom Alten zum Neuen zu begreifen.

Demzufolge werden wir uns in dieser kurzen Arbeit mit Variationen der radikalen Kulturkritik der 20ten Jahrhundert befassen, paradigmatisch von Oswald Spengler als Vertreter der konservativen Kulturkritik der Weimarer Republik, über Theodor Adorno und Max Horkheimer in den 40er Jahren bis zu den ,postmodernen, Thesen von Paul Virilio und Jean Baudrillard vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese radikale Kulturkritik werden wir zunächst anhand der Analyse von Michael Pauen im Hinsicht auf einer strukturellen Ähnlichkeit mit dem Denken des klassischen Gnostik untersuchen, auch paradigmatisch mit seiner Analyse der gnostischen Strukturen bei Theodor Adorno belegen. Wir werden zuletzt mit Walter Benjamin und Vilém Flusser einige der (wenigen) Vertretern einer moderaten Kulturkritik der Weimarer Zeit und Heute präsentieren ; sowie die Wichtigkeit solcher moderaten Standpunkten im Einklang mit Habermas belegen.

A. Radikale Kulturkritiken, Variationen um einen Thema: Das schlechte Bestehende

1. Oswald Spengler als Paradigma der ,konservativen, Kulturkritik: Zivilisation als Ende einer Kultur

In der Monographie Der Untergang des Abendlandes von 19234, behandelt Spengler das Problem der Zivilisation als schicksalhafte „Vollendung und Ausgang einer Kultur“5. Zivilisatorisch seien die künstlichsten Zustände, die eine Kultur, welche per Begriff organisch sein solle, hervorbringen könne. Die Zustände der Zivilisation würden die organischen Eigenschaften einer Kultur zerstören und ihren Zerfall hervorrufen.

Spengler spricht von zwei Übergänge von Kultur zur Zivilisation im Abendland, deren Merkmal die anorganische Hervorbringung der Macht von Weltstädte sei: Im 4ten Jahrhundert und im Europa des 19ten Jahrhunderts, die zunehmend durch die Entwicklung der Macht der „irreligiös(en), intelligent(en), unfruchtbar(en)“ Großstadtbewohner bestimmt werde.6 Die Masse, nicht das Volk, gehöre zur Weltstadt, das Geld schriebe die Maßstäbe der Weltanschauung vor: „Eine neue Tatsachenphilosophie erscheint, die für metaphysische Spekulationen nur ein Lächeln übrig hat (...)“7

Die zivilisatorische Wendung der Technik schlug für Spengler um, als die Wissenschaft sich nicht nur mehr zum Zweck machte, natürliche Vorgänge festzustellen, sondern sie verändern zu wollen, wo das Denken sich von Empfinden trennte. Wobei „Kunst als Gegenbegriff von Natur“ ursprünglich entstanden war8, hätte sich das Künstliche in der modernen Zivilisation in einer menschlichen ,faustischen, Technik verwandelt, die einzig das Ziel Naturbeherrschung folge, um den Menschen von ihren ,natürlichen, Schicksal zu befreien. Erst mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde dieses Ziel erreicht, der Wert des Menschenlebens ließe sich aber ab dann nur am Wert der ,teuflischen, Pferdestärken der Maschinen messen. Die Menschen hätten sich mit der Technik nicht befreit: Der ,Satanismus, der Maschine habe zu einer Versklavung von Natur und Menschen durch die Diktatur des Geldes und der Wirtschaft geführt.9

Diese Entwicklung müsse apokalyptisch enden, denn Macht ließe sich nur durch Macht bekämpfen:

„Das Geld wir nur vom Blut überwältigt und aufgehoben. (...) Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und nur um das Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht um den Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“10

Spengler versteht Zivilisation als Abkehr einer Kultur von seinem natürlichen organischen, gesamteinheitlichen Zustand. Wo er die Kunst – die erste Technik - als ursprünglich magische menschliche Praxis beschreibt, die den Zweck der Befreiung der Menschen von den natürlichen Umständen folgte, könne sie in der Ära der Zivilisation nicht mehr diesem Zweck dienen. Einerseits wiese die moderne Ästhetik keine organischen Züge mehr auf, da sie (seit Baudelaires) eine depravierte Großstadtästhetik geworden sei, die sich ausschließlich an einem Kennern- und Käuferpublikum wende: ,Sport, und Tätigkeit geworden11 hätte die Kunst ihre Authentizität, ihr gesamteinheitliches Engagement verloren. Anderseits würde die moderne Technik auch den Menschen nicht ermöglichen, sich von den natürlichen Umständen zu befreien: Aufgrund der wirtschaftlichen Vereinnahmung von modernen technischen Fähigkeiten wäre die Technik zum Instrument der Versklavung der Menschen durch Menschen geworden, die nun ausschließlich im Dienste dieser wirtschaftlich instrumentalisierten Technik stunden.

Der Untergang des Abendlandes, Bestseller der Weimarer Zeit, kann als Paradigma für eine pessimistische ,konservative, Einstellung gegenüber der Kultur dienen. Eine der wichtigsten Fragen, die diese Monographie stellt, ist aus unserer Sicht nicht die nach der Richtigkeit der Beschreibung eines kulturellen Übergangs, sondern vielmehr die nach der Begründung eines apokalyptischen Ausganges, eines blutigen zivilisatorischen Endes der ,faustischen, technischen Kultur, ein Konzept, das für die Vorstellung eines neuen hoffnungsvollen kulturellen Anfangs wenig Spielraum überlässt.

2. Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie

Wo wir bei Spengler eine ,faustische, Deutung der zivilisatorischen Technik begegneten, begegnen wir bei Theodor Adorno und Max Horkheimer in Dialektik der Aufklärung12 eine ,faustische, Deutung der Massenkultur. Im Kapitel „Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug13 wird die Massenkultur als Lüge enttarnt: Die Kulturindustrie als Erzeuger der Massenkultur würde nur den Schein von mechanisch differenzierten Erzeugnissen geben, den Schein von Konkurrenz und Auswahlmöglichkeiten, aber allemal das Gleiche produzieren, weil sie Rationalität des Geldes und der Herrschaft, der instrumentellen Vernunft sei (Industrie, Stahl, Petroleum, Elektrizität, Chemie).

Standards, die von der Kulturindustrie reproduziert werden, seien ursprünglich aus den Bedürfnissen der Konsumenten hervorgegangen, man sei in einem Zirkel von Manipulation und Bedürfnis geraten. Wir wären in der Epoche einer „stilisierten Barbarei“ getreten: „Darum ist der Stil der Kulturindustrie, der an keinem widerstrebenden Material mehr sich zu erproben hat, zugleich die Negation von Stil“14. Als Mittel zum Ausdruck des menschlichen Leidens bestehe im Gegensatz der Stil der ,ersten, Kunst im Ausdruck des „notwendigen Scheitern der leidenschaftlichen Anstrengung zur Identität“15 . Wenn auch die ,leichte Kunst, - das Amüsement - immer die ernste Kunst begleitete, liege also deren Spaltung in der Wahrheit selbst. Die heutige leichte, mechanische Kunst sei perfekt und reproduzierbar, die ernste Kunst hingegen, als Ausdruck des menschlichen Scheiterns, weder perfekt noch wiederholbar: Amüsement bzw. Massenkultur hätte sich selbst als offene Lüge unter die modernen Ideale eingereiht, als Flucht vom letzten Widerstand gegen Leid und Realität. Diese neue Ideologie hätte die Welt als solche zum Gegenstand: Das Leben solle als Ableitung von Film dienen. Trickfilme, die einst die Phantasie der Massen beflügelten, würden nur noch als Zeugnisse des Sieges der technologischen Vernunft über die Wahrheit fungieren:

„Die Quantität des organisierten Amüsements schlägt in die Qualität
der organisierten Grausamkeit um: Donald Duck erhält Prügel,
damit die Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen“
.16

Weil die Kultur- und Amüsementindustrie ständig Versprechungen halten würde, die nicht erfüllt sein können, das Publikum aber sich an seinem eigenen Versagen sich gewöhnt habe, hätte die Massenkultur masochistische Züge; es bliebe den Menschen nur die Möglichkeit übrig, über ihrer eigenen Ohnmacht zu lachen: „Kulturindustrie setzt joviale Versagung anstelle des Schmerzes, der in Rausch wie Askese gegenwärtig ist“.17

Die Kunst in der Zeit der Kulturindustrie, die für alle zugänglich wäre, hätte ihre Tausch- und Gebrauchswert verloren, sie wäre zu Reklame mutiert: Reklame für sich selber, reine Darstellung der gesellschaftlichen Macht, Reduzierung der Welt durch Positivismus, Triumph der Kulturindustrie.18

[...]


1 Habermas 1990

2 Ibidem: 35

3 Hugo Friedrich (Friedrich 1956: 34) beschreibt die moderne Lyrik ab Baudelaire wie folgt: „Dies alles dient dem dunklen Ziel, in Dissonanzen und Bruchstücken eine Transzendenz auszudeuten, deren Harmonie und Ganzheit niemand mehr wahrnehmen kann.“

4 Spengler, Oswald 1983

5 Ibidem: 43

6 Ibid.: 45

7 Ibid.: 49

8 Ibid.: 1185

9 Ibid., Vgl.: 1190ff

10 Ibidem: 1194

11 Ibid., Vgl.: 49

12 Horkheimer / Adorno 2003

13 Ibidem: 128-176

14 Ibid.: 137

15 Ibid.: 139

16 Ibid.: 147

17 Ibid.: 149

18 Ibid.: 171ff

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Lesart der Geschichte: Radikale und moderate Kulturkritik im 20. Jahrhundert - Umriss einer historischen Entwicklung -
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
HS: Debatte zur Kulturtheorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V62780
ISBN (eBook)
9783638559706
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lesart, Geschichte, Radikale, Kulturkritik, Jahrhundert, Umriss, Entwicklung, Debatte, Kulturtheorien
Arbeit zitieren
Nadia Zeltzer (Autor), 2006, Lesart der Geschichte: Radikale und moderate Kulturkritik im 20. Jahrhundert - Umriss einer historischen Entwicklung -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62780

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