Wie viel Natur braucht das Kind? Wie Naturerziehung durch Klettern mit Grundschulkindern wirksam werden kann


Examensarbeit, 2002
114 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Einleitung

3 Naturverständnis versus Naturverhältnis
3.1 Begriffsherleitung
3.1.1 Assoziationen mit Natur
3.1.2 Naturbegriff im theologischen Sinn
3.1.3 Naturbegriff in der Naturwissenschaft
3.1.4 Natur im philosophischen Sinn
3.1.5 Natur im ökologischen und humanökologischen Sinn
3.1.6 Zusammenfassung
3.1.7 Geltendes Naturverständnis
3.2 Verhältnis Mensch - Natur
3.2.1 Innere Natur
3.2.2 Umwelt
3.2.3 Mitwelt
3.2.4 Naturbezug gestern und heute
3.3 Verhältnis Sportler - Natur
3.3.1 Auffassungsweisen von Sport in der Natur
3.3.2 Bedeutung des Sports bei der Schaffung einer positiven Mensch – Naturbeziehung
3.3.3 Probleme in Verbindung von Sport und Natur
3.4 Verhältnis Kletterer - Natur
3.4.1 Klettern, eine vielfältig erlebbare Natursportart
3.4.2 Die zentrale Perspektive – Naturbeziehung aufbauen durch Klettern
3.5 Top oder Flop? Naturbeziehung durch Natursport

4 Naturerziehung - wie stellt man das am besten an?
4.1 Friluftsliv - ein praktiziertes Beispiel aus Norwegen
4.2 Bildung und Erziehung – eine begriffliche Annäherung
4.2.1 Definition des Bildungsbegriffes
4.2.2 Definition des Erziehungsbegriffes
4.3 Naturerziehung - was muss alles bedacht werden?
4.3.1 Wie kommt man von Erziehung zu Naturerziehung?
4.3.2 Naturerziehung mit Grundschulkindern – Welche entwicklungspsychologischen Voraussetzungen müssen beachtet und genutzt werden?
4.3.3 Naturerziehung als entwicklungsfördernde Maßnahme?
4.3.4 Welche Naturerziehungsziele gilt es anzustreben?
4.3.5 Naturerziehung - was sagt der Bildungsplan dazu?
4.4 Woher kommt Naturerziehung, wohin will sie führen?
4.4.1 Naturerziehungskonzepte - eine historische Genese
4.4.2 Aktuelle Naturerziehungskonzepte und ihre Vermittlungsmethoden
4.4.3 Schulrelevante Vermittlungsmethoden
4.5 Was hat Naturerziehung im Sport verloren?
4.5.1 Naturerziehung durch Sport/ Klettern – Vorstellung möglicher sportdidaktischer Ansätze
4.5.2 Natursportschullandheim als Realisierungsmöglichkeit
4.5.3 Naturerziehungsziele im Kletterschullandheim und mögliche Realisierungsmöglichkeiten

5 Kletterschullandheime mit Grundschulkindern in der Pfalz
5.1 Planung - was gilt es zu beachten?
5.1.1 Rahmenbedingungen der beiden Schullandheimaufenthalte
5.1.2 Persönliche Konzepte, Erziehungsansätze, Ziele für die Kletterschullandheime in der Pfalz
5.1.3 Naturaktionen, Probleme und Absichten
5.2 Durchgeführte „Naturaktionen“
5.2.1 Naturforscherstationen (2002)
5.2.2 Naturrallye (2001)
5.2.3 Klettern und Felserkundung
5.2.4 Tagebüchle und Plakate (2002)
5.2.5 Naturdetektive und Reflexion (2002)
5.2.6 Feuer und Stockbrot backen (2001 / 2002)
5.2.7 Nachtwanderung (2002)
5.2.8 Beobachtungen der Studenten allgemein (2001/ 2002)
5.3 Natur und Klettern als Themenschwerpunkte eines Schullandheims - ein Konzept das aufgeht?
5.3.1 Örtlichkeiten
5.3.2 Zeitrahmen
5.3.3 Personelle Bedingungen
5.3.4 Planung und Durchführung
5.3.5 Konzeptionelle Bedingungen
5.3.6 Klettern im Schullandheim

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Vorwort

Bevor ich mit dem eigentlichen Thema beginne, möchte ich ein paar meiner Gedanken festhalten, die mich bewegt haben dieses Thema zu wählen.

Die Natur spielt für mich, vor allem in meiner Freizeit, eine sehr wichtige Rolle. In der Natur kann ich abschalten und neue Kräfte tanken.

Wenn ich zurückdenke, wie sich dieser Naturbezug entwickelt hat, fallen mir folgende Punkte ein:

- Das tägliche Spielen im Freien als Kind, mit Sand, Gras, Matsch, Kastanien, Schnee, u.a.
- Spaziergänge in Wald und Wiesen bei jedem Wetter, immer auch verbunden mit aufmerksamem Beobachten, Entdecken und Kennenlernen von Flora und Fauna unterstützt durch das Wissen meiner Eltern.
- Regelmäßige Urlaube im Allgäu und an der Nordsee, wo ich Meer und Bergwelt kennen und lieben gelernt habe.
- Später Zeltlager und Trekkingfreizeiten in Schweden, bei denen mich das einfache Leben in und vor allem mit der Natur fasziniert hat.
- Seit einiger Zeit meine neu entdeckte Leidenschaft, das Klettern am Fels. Wenn ich dort zu Beginn auch sehr von der Abenteuerperspektive fasziniert war, ist mir mehr und mehr das unmittelbare Fels-Klettererverhältnis wichtig worauf ich im Detail in Kapitel 3.4.2 eingehen werde. Die Felslandschaft und ihre Umgebung strahlen eine besondere Faszination für mich aus.

Dies sind einige meiner Assoziationen, die ich persönlich mit den zentralen Begriffen Natur, Klettern, Kind meiner wissenschaftlichen Hausarbeit verbinde.

Weshalb nun aber Überlegungen anstellen, wie das bei Kindern heute sein könnte? Ich habe in meinem Umfeld, sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen beobachtet, dass eine positive Beziehung zur Natur nicht selbstverständlich vorhanden ist. Dies ist meiner Meinung nach sehr schade. Wenn ich daran denke, wie viel mir diese Beziehung gibt, im Bezug auf Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und dem zur Ruhe kommen. Außerdem ist es auch bedenklich, wenn man die fortschreitende Entwicklung der Umwelt(zerstörung) betrachtet. Hier spielt mit Sicherheit der immer weniger vorhandene Bezug zur Natur eine nicht unwesentliche Rolle.

Ich wünsche jedem Kind ähnlich schöne Naturerfahrungen und die Möglichkeit eine Beziehung zur Natur aufbauen zu können. Mit dieser Arbeit möchte ich Möglichkeiten aufzeigen, wie dies verwirklicht werden kann. Auch für Kinder, deren Eltern diese Erfahrungen nicht weitervermitteln (können), die keinen Garten haben, in dem sie mit und in der „Natur“ spielen können, die ihre Urlaube in Clubs verbringen ...

2 Einleitung

Begründung der Themenwahl

Wie kommt man dazu ein solches Thema zu wählen? Ein Thema, das der Formulierung nach eine klare Antwort fordert. „Wieviel Natur braucht das Kind?“. Eine Antwort in Form von: „ Zwei kg am Tag, oder 100 Stunden im Jahr“ wird es mit Sicherheit nicht geben. Wenn ein allgemeingültiges Ergebnis überhaupt herausfilterbar sein sollte, wird dies eher pädagogisch orientierter Art und nicht in naturwissenschaftlichen Größen messbar sein.

Meinen persönlichen Bezug und mein daraus resultierendes Interesse für das gewählte Thema habe ich bereits im Vorwort geschildert. Daraus folgend ist dann auch die Fragestellung interessant welche Erfahrungs-, Bildungs- und Erziehungswerte die Natursportart Klettern für Kinder in sich birgt.

Zentrale Fragestellungen

Ziel der Arbeit soll es sein, auf folgende Fragestellungen einzugehen, die mir zur Behandlung des Themas wichtig erscheinen.

- Wie soll Natur als feststehender Begriff verstanden werden?
- Wie sind die feststehenden Begriffsgrößen Mensch - Natur und im Besonderen für diese Arbeit interessant Sportler - Natur bzw. Kletterer - Natur zu vereinbaren?
- Was bietet das Klettern, das es für die Naturerziehung geeignetmacht?
- Welche Naturerziehungsziele sind damit verbunden?
- Mit welchen Methoden kann angestrebte Naturerziehung speziell in der durch Bildungsplan und weitere einschränkende Bedingungen bestimmten Schule erreicht werden?
- Welche praktischen Umsetzungsmöglichkeiten gibt es?

Vorgehen

Zunächst werde ich über eine Beleuchtung des Begriffes Natur aus verschiedenen Wissenschafts- und Anschauungsrichtungen zu einem für diese Arbeit gültigen Naturverständnis gelangen. Dem soll eine kritische Auseinandersetzung der Verhältnisse zwischen Natur und Mensch und spezieller betrachtet dann auch Natur und Sportler bzw. Natur und Kletterer folgen. Dabei soll auch auf mögliche für das Klettern gültige Sinnperspektiven, von denen die Naturperspektive eine sein wird, eigegangen werden. Abschließend soll im ersten Hauptkapitel die sich aus den zuvor behandelten Themen ergebende Frage, inwieweit Naturbeziehung durch Natursport erreicht werden kann, beantwortet werden.

Steht im ersten Hauptkapitel die Bearbeitung eines gültigen Naturverständnisses bzw. Naturverhältnisses im Vordergrund, soll im folgenden Kapitel auf Naturerziehung, speziell in der Schule eingegangen werden. Ein Exkurs in die praktizierte schulische Naturerziehung in Norwegen soll den Blick auf das Thema erweitern. Über eine begriffliche Annäherung der Schlagworte Erziehung und Bildung soll dann nach Möglichkeiten einer Naturerziehung im deutschen Schulsystem gesucht werden. Dabei wird sowohl auf lernpsychologische Voraussetzungen von Grundschulkindern eingegangen, als auch auf Naturerziehungkonzepte der Vergangenheit, der Gegenwart und den jeweils damit verbundenen Naturerziehungszielen. Durch die Betrachtung zweier sportdidaktischer Ansätze, dem Körpererfahrungsansatz und dem Mehrperspektivischen Ansatz, soll eine Verknüpfung des Naturerziehungsgedankens im Besonderen mit der Natursportart Klettern geschaffen werden. Mit einer Konzentration der Umsetzungsmöglichkeiten von Naturerziehung in der Schule auf die Möglichkeiten die ein Natursportschullandheim bieten, soll auf das letzte Hauptkapitel vorbereitet werden.

Im letzten Kapitel werde ich anhand zweier von mir mitgeplanten und durchgeführten Kletterschullandheimen in der Pfalz die Möglichkeiten und Grenzen von Naturerziehung durch das Klettern aufzeigen. Diese sollen anhand durchgeführter Naturaktionen geschildert und durch Kinderzitate aus den Schullandheimen unterstrichen werden.

In einem abschließenden Fazit werden Möglichkeiten und Grenzen einer Naturerziehung durch Klettern mit Grundschulkindern gegenübergestellt und bewertet.

Hypothese

Auf die zentrale Fragestellung: „Wieviel Natur braucht das Kind?“, antworte ich mit folgender hypothetischer Aussage: Jedes Kind hat einen großen Bedarf an „Natur“. Diesen gilt es zu befriedigen. Wie dies genau aussehen kann, gilt es noch zu erörtern. Als Lehrer hat man verschiedene Möglichkeiten Impulse in Richtung Naturerfahrungen und Naturerziehung zu setzen.

3 Naturverständnis versus Naturverhältnis

3.1 Begriffsherleitung

„Wieviel Natur braucht das Kind?“ Beim Lesen dieses Themas stellt sich mir zunächst die Frage, was ist mit Natur eigentlich gemeint? Ist es lediglich das, was landläufig als solche bezeichnet wird, oder steckt mehr hinter dem Be- griff? Durch ein vielseitiges Beleuchten des Begriffs werde ich ein für diese Arbeit gültiges Naturverständnis entwickeln. Zunächst werden Begriffs-assoziationen der Kletterschullandheimkinder genannt, um dann aus den Bereichen Religion, Wissenschaft, Kunst, und Philosophie zu einem eigenen Verständnis des Naturbegriffs zu gelangen.

3.1.1 Assoziationen mit Natur

Eine der Fragen, die ich den 10 Kletterschullandheimkindern des Pfalzaufenthaltes 2002 im Rahmen des Fragebogens am Elternabend gestellt habe, lautete: „Wenn du den Begriff „Natur“ hörst, woran denkst du dann?“ Die Auswertung lieferte folgende Naturassoziationen der Kinder:

Vögel, Luft, Wind, Felsen, Erde, Bäume, Büsche, Wald, Wiesen, Blumen

weitere Assoziationen: Paddeln, keine Handys, keine Elektronik

Auch ich habe mir Gedanken gemacht zu dieser Fragestellung. Ich würde meine selbst gestellte Frage mit folgenden Stichworten beantworten: Schönheit, Harmonie, Natürlichkeit, Gleichgewicht

Es ist deutlich zu erkennen, dass alle mit dem Begriff etwas Positives und Erstrebenswertes verbinden. Die Kinder verbinden jedoch damit vor allem etwas außerhalb ihrer selbst Liegendes. Die Vorstellung des Menschen als Teil der Natur scheint bei ihnen nicht verankert zu sein. Wenn man schaut, wann und wo das Wort in unserem Sprachgebrauch auftaucht, verwundert das zunächst. Wie oft wird von „Natürlichkeit“ als positiver menschlicher Eigenschaft gesprochen. Beispiele sind: „Sie hat eine angenehme, natürliche Art“ oder „Verhalte dich einfach ganz natürlich“. Wenn etwas „naturgetreu“ übernommen wird, ist das in der Regel ein positives Urteil. Auch von der Natur des Menschen ist hin und wieder die Rede, oder von einem Menschen, den man als Frohnatur bezeichnet. Betrachtet man diese Aussagen, verwundert es, dass sich die Menschen nicht selbstverständlicher als Bestandteil der Natur sehen.

3.1.2 Naturbegriff im theologischen Sinn

Hier stellt sich nun die „umgekehrte Gretchenfrage“: Wie steht unsere christlich geprägte Religion zum diskutierten Begriff? Ausgehend von der Bibel ist mit Natur die Schöpfung Gottes, die er dem Menschen zur verantwortungsvollen Nutzung zur Verfügung gestellt hat, gemeint. Der Mensch wurde aus ihr geschaffen und ist somit Bestandteil von ihr.

3.1.3 Naturbegriff in der Naturwissenschaft

Laut Brockhaus wird Natur folgendermaßen definiert:: „Natur ist der gesamte Kosmos mit seiner Materie und seinen Kräften, Veränderungen und Gesetzlichkeiten. Man unterscheidet zwischen der belebten Natur (Organismen) und der unbelebten Natur (Mineralien, Wasser, Luft,...). Im eingeschränkten, übertragenen Sinn bedeutet Natur alles, was von der menschlichen Tätigkeit unverändert da ist. Im umfassenden Sinn gehört auch vom Menschen veränderte Welt zur Natur (z.B. Parkanlagen, Kulturwälder, ...)“ (BROCKHAUS 1971, Enzyklopädie in 20 Bd., Bd.13, 236)

Der Mensch selbst taucht in diesem Verständnis von Natur nicht direkt auf kann meiner Meinung jedoch in der Rubrik „belebte Natur (Organismen) gesucht werden.

Die Naturwissenschaften trennen klar zwischen Wissenschaft und Person. Ihre Forschungsobjekte und –gebiete liegen in der Natur bzw. in den ihr inne-wohnenden Prozessen, also auch der Mensch selbst. Die Betrachtungsweisen der Naturwissenschaften trennt bestimmte Bereiche klar voneinander ab. So z.B. Gegensatzpaare wie Natur- Technik und Natur- Zivilisation.

3.1.4 Natur im philosophischen Sinn

Laut Brockhaus wird Natur im philosophischen Sinn hauptsächlich als Sy-nonym für „Wesen“ verwendet. All das ist Natur, was ureigenst zu etwas „Seiendem“ gehört, ausgehend von der Entstehung zur eigenen Art und Beschaffenheit. Der Mensch mit seiner eigenen Persönlichkeit spielt hier eine bedeutende Rolle. (BROCKHAUS 1971, Enzyklopädie in 20 Bd., Bd.13, 236)

Unter Naturphilosophie kann man „Die Wissenschaft von der Deutung der Natur und die Philosophie der Beziehung des Menschen zur Natur“ verstehen. (SEEWALD; KRONBICHLER; KRÖßING 1998,147)

3.1.5 Natur im ökologischen und humanökologischen Sinn

Im ökologisch beziehungsweise humanökologischen Sinn bezeichnet Brockhaus Natur als Gesamtheit der anorganischen und organischen Gegebenheiten, die sich ihre Gewordenheit, Eigenarten und Wirksamkeiten trotz teilweisem Einwirken des Menschen bewahrt haben. (BROCKHAUS 1971, Enzyklopädie in 20 Bd., Bd.13, 236)

Zentraler Gedanke der Humanökologie ist, dass der Mensch als zentraler Bestandteil des Systems „Natur“ mit zu vielen Veränderungen, die irreversi-ble Schäden hervorrufen, sich seine eigene Existenz gefährdet.(MEYERS TASCHENLEXIKON 1999, in 10 Bd., Bd. 7, 2458)

3.1.6 Zusammenfassung

Im Folgenden zur besseren Übersicht eine Tabelle, die das jeweilige Naturbild der einzelnen Richtungen noch einmal kurz zusammenfasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.7 Geltendes Naturverständnis

Für diese Arbeit ist folgendes Naturverständnis relevant:

Natur soll all das sein, was nicht vom Menschen geschaffen wurde, und auch ohne sein Einwirken in einem selbsterhaltendem Gleichgewicht steht. Der Mensch selbst gehört jedoch als wesentlicher Bestandteil in das System Natur, in dem er sich durch seine „Auszeichnung“ denkendes Wesen zu sein, nicht egoistisch verhalten sollte. Das Wohl der gesamten Natur sollte er immer im Auge behalten, da sowohl der Erhalt der Natur, um deren selbst Willen als erstrebenswert, als auch für die nachfolgende Menschheit eine gesunde Natur als Ziele gelten sollten. Der Mensch als ein Teil der Natur ist in starkem Maße von ihr abhängig. Ein Fortbestand des Menschen ohne die ihn umgebende Natur ist nicht denkbar. In umgekehrter Weise ist ein Fortbestand des Ökosystems Natur auch ohne Mensch sehr gut vorstellbar.

3.2 Verhältnis Mensch - Natur

Wie schon in vorangegangener Begriffserläuterung zu erkennen, spielt das Verhältnis Mensch - Natur eine zentrale Rolle, wenn man Natur thematisieren möchte. Es gilt ständig die teilweise widersprüchlich scheinende Ambivalenz zwischen Mensch als Bestandteil der Natur und Mensch als Erforscher und Benutzer zu bedenken. Im Folgenden wird auf die „innere“ Natur des Menschen eingegangen. Dies ist als Ergänzung und Erweiterung des Naturverständnisses, das in der Regel nur die „äußere“ Natur meint, gedacht. Über das Entwickeln eines Umweltverständnisses soll dann zum Mitweltbegriff übergeleitet werden. Mit den erarbeiteten Begriffsverständnissen kann ein Blick auf das Naturverhältnis der Menschen früher und heute geworfen werden. Außerdem werden mögliche Gründe dafür genannt.

3.2.1 Innere Natur

Unter innerer Natur ist der eigene Körper mit Psyche und Physe als eine Ganzheit zu verstehen. Die innere Natur ist damit etwas jedem Menschen Eigenes und Einmaliges und nur von ihm selbst wahrnehmbar. Es gibt keine identischen inneren Naturen.

Von zwei Zitaten ausgehend, wird der Begriff der „Inneren Natur“ des Menschen verdeutlicht:

Böhme schreibt: „Die Beziehung des Menschen zur Natur entscheidet sich zuerst in seiner Beziehung zum eigenen Körper“ (BÖHME in SEEWALD; KRONBICHLER; GRÖßING 1998,148).

Maasen schreibt:: „Naturerleben setzt eine lebendige innere Natur voraus“. (MAASEN 1993,186)

Beide Autoren betonen die positive Beziehung zum eigenen Körper als Grundvoraussetzung, für den Aufbau eines guten Naturverhältnisses. Damit ist auch ein klarer Auftrag verbunden, was die Vermittlung von Natur angeht. (vgl. Kapitel 4)

3.2.2 Umwelt

Wenn man Umwelt als alleinstehenden Begriff erwähnt, wird häufig Natur als Synonym dafür assoziiert. Diese Assoziation ist jedoch, wenn auch nicht ganz falsch, doch sehr oberflächlich und unvollständig. In der Begriffsdeutung Umwelt als den Menschen umgebende Welt, kann der Mensch nicht Teil seiner Umwelt sein. Dies ist aber in den Naturverständniserläuterungen der vorangehenden Abschnitte durchaus der Fall, da er als integrierter Bestandteil der Umwelt zu betrachten ist. Bei der Zerlegung des Wortes stößt man auf ein erweitertes Bedeutungsverständnis. „Um-Welt“ als den Lebensraum, die Umstände, die Strukturen, die uns als Mensch umgeben und unser Leben wesentlich prägen und mitbestimmen. Sie werden jedoch auch vom Menschen verändert und geprägt. Das bedeutet, wenn man von Umwelt spricht, wird immer vom Menschen aus gedacht. Umwelt steht immer in Relation zum Menschen. Dazu gehört die Natur als ein wesentlicher Bestandteil und kann als ökologische Umwelt umschrieben werden. Des weiteren sind die sozialen Gefüge, die kulturellen Gegebenheiten und die vom Menschen selbst geschaffenen Strukturen wie Wirtschaft und Politik Bestandteile unserer Umwelt. Man spricht von sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Umwelt.

Passend zu diesen Überlegungen unterscheidet Jäger in primäre und sekundäre Umwelt.

Primäre Umwelt: „Die gesamte Biosphäre mit allen ihren Lebewesen und die für sie notwendigen, anorganischen Substanzen umfassenden Ökosysteme und Biotope:“ (JÄGER in PÜSCHEL 2001, 3) Der Wortlaut „Äußere Natur“ als Gegenpart zu „Innere Natur“ kommt dem Begriff der primären Umwelt sehr nahe.

Sekundäre Umwelt: „Die von Menschen erstellte Arbeits-, Wohn- und Verkehrsumwelt, die unter anderem von Technik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik gestaltet wird.“(JÄGER in PÜSCHEL 2001, 3)

3.2.3 Mitwelt

Das bis hierher beschriebene Umweltverständnis beruht auf einer anthropologischen Sichtweise. Dies ist, wie auch schon bei der Begriffsklärung für Natur erwähnt, eine reduzierte, nicht ausreichende Vorstellung, die es zu erweitern gilt. Um die einseitige Sichtweise, bei der nur die Interessen des Menschen gelten zu erweitern, wird nun die Idee der „Mitwelt“ diskutiert.

Unter mitweltlichem Handeln bzw. Verständnis wird „ein moralisch richtiges Handeln der Natur gegenüber“ (SEEWALD;KRONBICHLER; GRÖßING 1998, 95) verstanden. Dadurch entsteht ein hoher ethischer Anspruch. „Der Mensch sucht zur Mitwelt nicht nur eine vom Nützlichkeitsdenken geprägte, sondern eine partnerschaftliche Beziehung. Er nimmt auf die Mitwelt auch um ihrer selbst willen Rücksicht. Mensch und nichtmenschliche Mitwelt – obwohl klar unterschieden – sind Teile eines gemeinsamen Ganzen.“ (STÜCKELBERGER in SEEWALD/ KRONBICH-LER/ GRÖßING 1998, 95)

Da Umweltwahrnehmung eine sehr subjektive Angelegenheit ist, fällt es schwer, allgemein gültige Methoden für eine sinnvolle Mitweltvermittlung zu entwickeln. Trotz allem ist es mit Aufgabe eines Lehrers, Impulse für ein positives Mitweltverständnis zu geben. Dieser nicht einfache Erziehungsanspruch sollte bei der Entwicklung von Naturerziehungskonzepten berücksichtigt werden. (vgl. Kapitel 4.3)

3.2.4 Naturbezug gestern und heute

Betrachtet man das Verhältnis des Menschen zur Natur stellt man fest, dass dieses nicht immer das gleiche ist und war. Zeit, Ort und Individuum spielen hier eine entscheidende Rolle.

Jeder Mensch nimmt die Natur unterschiedlich wahr, was auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei bei jedem Menschen die individuelle Umwelt. Das Elternhaus mit Vorbild- und Wertvermittlungsfunktion, die direkte und indirekte Erziehung durch die soziale Umwelt (Schule, Freundeskreis) und die unmittelbare Wohnumwelt, prägen jeden Menschen. (Aus diesem Grund auch das „Hineinfühlen“ in diese Bereiche der Schullandheimkinder in den Fragebögen). Trotz allen individuellen Entwicklungen und Beziehungsverhältnissen, sind Tendenzen in Bezug auf das Verhältnis des Menschen zur Natur auszumachen und durch entsprechende Anhaltspunkte zu belegen. Als solche sollten sie auch gesehen werden und keinesfalls versucht werden, sie auf alle Menschen und Bevölkerungsgruppen zu übertragen.

3.2.4.1 Naturbezug früher

Bei einem Blick zurück in die Steinzeit stellt man fest, dass die Menschen damals in völligem Einklang in und mit der Natur lebten. Sie waren psychisch und physisch an Tages-, Mond- und Jahreszeitenzyklen ausgerichtet und haben entsprechend ihre Sinnesleistungen ihrer naturnahen Umgebung optimal angepasst. (GEBHARD in KRONBICHLER/ KUHN 2000, 4) Die Natur war Lebensraum und Lebensgrundlage. Die genaue Kenntnis über den Rhythmus und die Eigenheiten des Lebensraums Natur war sowohl selbstverständlich als auch überlebensnotwendig. Das Wissen darüber wurde durch Vorleben und Mitleben weitervermittelt. Mit zunehmender Technisierung hat sich dieses totale und unmittelbare Abhängigkeitsverhältnis mehr und mehr gelöst. Beginnend mit der Zeit der Industrialisierung verschwand die Natur aus der unmittelbaren Lebensumwelt des Menschen. Ein „Entfremdungsprozess“ wurde in Gang gesetzt. Das Denken, man könne sich die Welt und damit auch Natur nach seinen Vorstellungen formen und in gewisser Weise Untertan machen, wurde bestimmend.

3.2.4.2 Naturbezug heute

Das oben erwähnte Denken besteht teilweise bis heute. Der Mensch hat sich mehr und mehr von der Natur entfernt. Der Mensch der Industriegesellschaft kann nicht mehr in der Natur überleben, ohne die Nutzung seiner technischen Errungenschaften. Die Natur wird teilweise als fremd und feindlich empfunden. Dies betrifft nicht nur die äußere Natur, sondern auch die innere. Sehr passend ist die von SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING (1998, 161) thematisierte „Parallelität zwischen der Entfremdung vom eigenen Körper und der Entfremdung von der Natur.“ Viele Menschen hören nicht mehr auf die wirklichen Bedürfnisse ihres Körpers, sondern leben sogar gegen ihn. Dies kann sowohl aus Unvermögen der Körperwahrnehmung, als auch aus fehlendem positivem Bezug zum Körper und dessen Gesundheit geschehen. Die Kenntnis von innerer und äußerer

Natur wurden immer weniger an die Kinder weitergegeben und hat sich so mehr und mehr verloren. Diese Entwicklung spielte und spielt auch eine wesentliche Rolle bei der Naturerziehung, die als solche erst mit dem Verlust des „natürlichen“ Naturbezugs thematisiert werden muss. Mit der einsetzenden Umweltkrise in den 70er Jahren wurde das ignorante Verhalten gegenüber der Natur hinterfragt und neue Beziehungsvorstellungen haben sich daraus entwickelt. Der fehlende Naturbezug und ein dadurch fehlendes Naturbewusstsein, durch nur noch wenige natürliche Naturerlebnisräume, wird auf verschiedene Weise versucht wieder herzustellen. (vgl. Kapitel 4.4/ 4.5) Nicht in allen Bevölkerungsschichten hat sich jedoch die oben beschriebene, extreme Entfremdung von der Natur vollzogen. Wie schon der Name sagt, leben sogenannte Naturvölker noch heute in völligem Einklang in und mit der Natur. Auch ist anzunehmen, dass Menschen auf dem Land, die in unmittelbarer Nähe zur Natur leben, ein engeres Verhältnis haben als „Stadtmenschen“.

3.2.4.3 Kind und Natur heute

An dieser Stelle erfolgt eine nähere Betrachtung der Kind - Naturbeziehung. Folgende Punkte sind dafür verantwortlich, dass ein natürlicher sich entwickelnder Naturbezug bei Kindern nicht mehr ohne weiteres erfolgen kann:

1. Fehlender Naturraum zum Spielen. Das heißt kein Spielen in der Natur ist möglich.
2. Fehlende erwachsene Vorbilder, die eine „gesunde“ Naturbeziehung vorleben.
3. Übersättigung der Kinder mit Konsumgütern und „schnelllebigen“ Aktionen. Leistungsforderung als zentrale Erwartung an die Kinder.

Aus diesen Thesen folgt, dass: Naturbegegnung initiiert werden muss, da nur noch wenige spontane Begegnungen möglich sind; Naturspielräume und Naturbegegnungsräume geschaffen werden müssen.

3.2.4.4 Naturbezug der Kletterschullandheimkinder (2002)

Grundidee: Mit Fragebögen, die am Elternabend des Kletterschullandheimes von den anwesenden Eltern und Schülern ausgefüllt wurden, werden Tendenzen des vorhandenen Naturverhältnisses der Schullandheimkinder beurteilt. Diese Befragung erhebt keine Ansprüche einer empirischen Untersuchung. Lediglich Tendenzen der zu betreuenden Kinder während des Kletterschullandheims, im Bezug auf deren Verhältnis zur Natur sollen herausgelesen werden.

Beim Entwickeln des Elternfragebogens wurde darauf geachtet, möglichst viel über die verschiedenen Umweltbedingungen der Kinder zu erfragen, da diese (vgl. 3.2.2) die Kinder sehr prägen. Die Bereiche Spiel- und Freizeitverhalten der Kinder und Familien, Urlaubsgewohnheiten der Familien und die Wohnbedingungen und das dazugehörige Wohnumfeld wurden abgefragt, um Einblicke zu gewinnen. Bei den Kinderfragebögen wurde direkt nach dem Verständnis und der Vorstellung von Natur und dem unmittelbaren Kontakt zu ihr gefragt.

Fragebögenauswertung und Interpretation:

Zur Auswertung standen neun ausgefüllte Eltern- und acht Schülerfragebögen zur Verfügung. Mehrfachnennungen waren möglich.

Beim Auswerten der Fragebögen wurde klar, dass die Schullandheimkinder aus der „oberen Gesellschaftsschicht“ kommen. Zum einen zeigt dies deutlich die hohe Zahl der Familien, die in einem Einfamilienhaus mit eigenem Garten wohnen, zum anderen die Art der Urlaubs- und Freizeitgestaltung. Es ist zu lesen, dass mehr Auslands- als Inlandsreisen gemacht wurden. Interpretiert man das Spiel und Freizeitverhalten, so ist eine große Bandbreite sichtbar, die es erschwert Tendenzen zu erkennen. Es fällt jedoch auf, dass jeweils 6 von 9 Kindern in Sportvereinen sind bzw. ein Instrument spielen. Somit ist eine vorgegebene Struktur auch in der Nachmittagsgestaltung der meisten Kinder vorhanden. Das Spiel auf der Straße (8x) wurde im Gegensatz zum Spielen mit Naturmaterialien (3x) viel häufiger genannt. Die Kinder ziehen es offensichtlich vor, mit „vorgegebenen“ Spielzeugen wie z.B. dem Fahrrad oder den Inlineskates zu fahren und weniger selbst „Spielzeugerfinder“ sein wollen. Diesen Schluss lässt auch die Auswertung der zweiten Kinderfrage zu. (vgl. Schülerfragebogenauswertung Anhang 2).

Sowohl das Kinderspiel als auch Familienunternehmungen finden sehr viel im Freien statt (vgl. Fragebogenauswertung) Am häufigsten genannt werden: Wandern (7x), Radtouren (7x) und Freibad (5x). Dies zeigt, dass die Kinder häufig die Natur, so wie sie in ihrer unmittelbaren Umwelt zu finden ist, erleben.

Die Analyse der Wohnsituation zeigt, dass die meisten Familien einen eigenen Garten haben.

Eine gewisse Naturbeziehung ist bei fast allen Schullandheimkindern festzustellen. Für das bevorstehende Kletterschullandheim gute Voraussetzungen, um naturerzieherisch wirken zu können.

3.2.4.5 Ursachen des gestörten Mensch - Naturverhältnisses

Mit der „Entfremdung“ des Menschen von der Natur hat sich eine Verschiebung des Blickwinkels vollzogen. Dies kann als eine Ursache eines gestörten Mensch – Naturverhältnisses gesehen werden. Aus der ursprünglich einen verbindenden „Natur“ wurde Außenwelt („Das draußen, die äußere Natur, die Um-Welt“), Innenwelt („Das Drinnen, das Innere der Natur, singuläre, psychische Subjektivität, Personalität.“) und Mitwelt („Gesellschaft, Co-Existenz, Sozialität und Kulturrealität.“) (MEINBERG in SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING 1998, 127). Diese „Welten“ werden jeweils getrennt voneinander betrachtet. Eine weitere zentrale Ursache, als Folge der Technisierung unserer Welt kann die Verarmung unserer Sinne gesehen werden. Durch die immer stärkere Gewichtung der rein kognitiven Leistungen werden unsere Sinne (Tasten, Riechen, Schmecken, Hören, Sehen, Gleichgewicht und kin-ästhetische Wahrnehmung) weniger gefordert und gefördert. Vornehmlich der Gesichtssinn wird noch zur Umweltwahrnehmung eingesetzt, am meisten wird der Gehörsinn vernachlässigt. SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING (1998, 160) sprechen von einer Wahrnehmungskrise. Als Folge dessen kann die Natur nicht mehr so differenziert, wie es durch den Einsatz aller Sinne geschieht, wahrgenommen werden. Das Aufbauen einer engen Beziehung fällt deshalb schwerer. Der Mensch sieht sich oft nicht mehr als Teil der Natur (vgl. 3.2.4.2) Auch fehlt nicht selten schon der Bezug zum eigenen Körper, der als Grundvoraussetzung für eine positive Naturbeziehung gesehen werden kann (vgl. 3.2.4.2). Das unserer Industrie- und Leistungsgesellschaft eigene Konsumverhalten ist ein weiterer Grund, was einem engen Naturverhältnis entgegenwirkt. Die Natur lässt sich unserer Konsumgesellschaft nur schwer unterordnen, da hier eine andere Art des „konsumierens“ gefragt ist. Für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mensch und Natur sind Werte wie Ruhe und Zeit entscheidend.

3.2.4.6 Fazit

Unabhängig davon wie sich das Verhältnis des Menschen zur Natur entwickelt, wird sich an der Tatsache, dass der Mensch in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zur Natur steht, nie etwas ändern. Der Mensch braucht die Natur und kann ohne sie nicht fortbestehen. Die Natur könnte auch ohne Mensch ganz gut (wenn nicht sogar besser?) weiter existieren. Dies sollte Auftrag für die Menschheit sein, an einem guten Naturbezug zu arbeiten; für Erzieher und Lehrer Ansporn, möglichst viel von dieser Idee weiterzuvermitteln. Um das früher selbstverständlich vorhandene Mitweltverständnis wieder zu erreichen, müssen Wege gefunden werden, die es den Kindern ermöglichen ein besseres Naturverhältnis aufzubauen.

3.3 Verhältnis Sportler - Natur

An dieser Stelle soll nun der Sport als weitere wesentliche Komponente zu der bis hierher betrachteten Beziehung Mensch – Natur kommen. Man kann ein ambivalentes Verhältnis feststellen, das jedem Sportler, der auf ein positives Mensch –Naturverhältnis Wert legt, bewusst sein sollte.

3.3.1 Auffassungsweisen von Sport in der Natur

Für eine Unterscheidung unterschiedlich intentionierter Sportausübung in der Natur sind folgende Begriffe geeignet: Outdoorsport und Natursport.

Outdoorsport

Hiermit ist ein Sportverständnis verbunden, das die Natur als Umwelt (im Gegensatz zu Mitwelt (vgl. 3.2.3)) interpretiert. Der Zugang zu ihr wird instrumentell praktiziert, der Nutzwert aus ihr wird für den Sportler selbst betrachtet bzw. genutzt. (KRONBICHLER/ KUHN 2000, 6) Die Natur wird als Sportgerät und Kulisse zur Befriedigung individueller Wünsche und damit verbundenen sportlichen Ambitionen angesehen. Sie wird auch aufgesucht, weil sie im Dienste der Erholung und Gesundheit steht. Einschränkungen und Naturschutzbestimmungen werden nur aus juristischen Gründen eingehalten. (SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING 1998, 96 u.102) Am Beispiel des Kletterns verdeutlicht: Der Fels ist als Sportgerät und die schöne Landschaftsumgebung als Kulisse zu werten. Klettern in der Natur wird als Freizeitbeschäftigung angesehen, die aus sportlichen und gesundheitlichen Gründen heraus ausgeübt wird.

Natursport

Als Gegenüber zum Outdoorsport wird hier die Natur als Mitwelt (vgl. 3.2.3) interpretiert. Sport in der Natur wird als Möglichkeit gesehen, eine Um- und Mitweltbeziehung aufzubauen. Ein Eigenwert bei der Bewegung in der Natur wird gesehen. (KRONBICHLER/ KUHN 2000, 6) Der Sportler „sieht sich als Lebewesen neben anderen“..., „die ihm gleichberechtigt sind, oder denen wegen ihres „älteren Rechtes“ auf den Lebensraum sogar primäre „Nutzungsrechte“ einzuräumen sind“. Im Vordergrund steht die Natur als Erlebnisraum. Aus diesen moralischen Gründen hält sich der Sportler an auftretende Beschränkungen. (SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING 1998, 96 u.102) Verdeutlicht man diese Auffassung von Sport in der Natur am Beispiel des Kletterns, so liegt der Motivationsgrund hauptsächlich in der sportlichen Bewegung in der Natur, als Basis für eine Intensivierung des persönlichen Naturbezugs. Das Klettern am Fels ist verbunden mit dem Wunsch einen engeren Bezug zur Natur zu bekommen. Die Rücksicht auf vorhandene Flora und Fauna im Fels ist für Kletterer mit natursportlicher Motivation oberstes Gebot.

Als Grundlage dieses Verständnisses von Sport in der Natur kann Böhmes Leibphilosophie gesehen werden. Für ihn ist Natur, Leib und Geist als Einheit zu sehen. Der Leib hat Vermittlerfunktion. Er umgibt den Mensch mit Geist und Wille und gehört der den Menschen umgebenden Natur an. „Der Körper, der Leib ist Teil der Natur und Teil des Menschen. Er ist Brücke zwischen beiden.“ (BÖHME in SEEWALD/ KRONBICHLER/ GRÖßING 1998, 150)

3.3.2 Bedeutung des Sports bei der Schaffung einer positiven Mensch – Naturbeziehung

Über die Körperlichkeit, die beim Sporttreiben immer eine Rolle spielt, kann zu einem verbesserten Naturbezug beigetragen werden. Die sportliche Bewegung kann also als Vermittler zwischen Körper und Natur fungieren. Da durch die körperliche Anstrengung bei sportlicher Betätigung viele Prozesse im Sporttreibenden (innere Natur) intensiviert werden (Kreislauf, Atmung, Schweißproduktion), ist die Kontaktaufnahme mit der Natur (äußere) teilweise sogar ganz zwangsläufig gegeben. Der durch die erhöhte Atemfrequenz erreichte Luftaustausch mit der Umwelt ist hierfür ein Beispiel. Die großteils auf sensiblerem Niveau befindliche Sinneswahrnehmung ein weiteres. Zur Veranschaulichung an dieser Stelle ein persönliches Erlebnis:

Zu zweit machen wir uns nachts auf, ein kleines, für die Pfalz typisches Sandsteintürmchen zu besteigen. Eine Seillänge nur, aber ohne die Augen als kontrollierenden Sinn, nur über das Ertasten der Hände und Füße den nächsten Tritt findend, keine ganz einfache Aufgabe. Wir erreichen das kleine Plateau, das uns für die Nacht als Biwakstelle dienen soll. Eng ist es zwar, aber wir richten uns ein und arrangieren uns mit dem wenigen vorhandenen Platz. Der Fels ist noch aufgetankt von der Wärme der Sonne. Wir liegen unter dem Sternenhimmel und beobachten Sternschnuppenschwärme. Am nächsten Morgen werden wir von den ersten Sonnenstrahlen, von Vogelgezwitscher begleitet, geweckt. Wir sind eingebunden in den natürlichen Tag-Nachtrhythmus der Natur. Zurück in der Zivilisation, fällt es schwer von den Erlebnissen zu berichten. Es ist ein Gefühl, das mit der Natur verbindet und nicht so einfach in Worte fassbar ist. In diesem Beispiel wird klar, dass die körperliche Anstrengung ein naturverbindendes Gefühl auslöst. Nicht nur eine Intensivierung der Wahrnehmung ist durch Sportreiben in der Natur möglich, auch eine veränderte Wahrnehmung kann beobachtet werden. Zum Beispiel die natürlichen Wetterbedingungen bekommen beim Sporttreiben im Freien eine besondere Bedeutung. Sowohl sehr hohe als auch tiefe Temperaturen werden dabei stärker empfunden. Auch Trockenheit, Feuchtigkeit oder Ozonwerte sind verstärkt durch unmittelbare Körperreaktionen zu spüren. Regen und Sonne bekommen teilweise neue veränderte Bedeutung. Das Schwimmen oder Laufen im Regen wird von vielen Sportlern als reizvoll empfunden, da die Verbundenheit mit der Natur intensiv spürbar ist. So tritt also indirekt die Natur auch mit dem Menschen in Kontakt. Eine Aufhebung der Trennung zwischen innen und außen scheint sich zu vollziehen. Man fühlt sich als Teil der Natur.(vgl. KRONBICHLER/ KUHN 2000, 2) Durch die unmittelbare Berührung beim Sporttreiben mit der Natur wird diese im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar". Dieses „Greifbarer werden“ der Natur ist meiner Meinung nach ein wesentlicher Punkt, den der Sport in der Natur leistet. Beispiele an denen dieses "Greifbarer werden" besonders anschaulich verdeutlicht werden kann, sind: Das Turnen auf einer Wiese, das Drachenfliegen in der Luft, das Schwimmen oder Tauchen im Wasser oder das Klettern am Naturfels.

3.3.3 Probleme in Verbindung von Sport und Natur

Die Schaffung eines positiven Mensch - Naturverhältnisses durch Sport ist nicht einfach. Es gibt einige Faktoren, die hier zu Problemen führen können.

Eine zentrale Rolle spielt die Vermarktung der Natur durch die Wirtschaft. Sie versucht häufig dem Kunden eine Verknüpfung zwischen Produkt und unberührter Natur und Gesundheit zu rein kommerziellen Zwecken, zu „verkaufen“.

Einige Beispiele:

- Werbespots für Autos (allein das Produkt an sich kann schon als Naturkiller betrachtet werden) , in denen durch unberührte Natur gefahren wird ...
- Abenteuer- oder Wildnisurlaube über das Reisebüro buchbar, die versprechen „direkt“ in die Natur zu führen. „Basislager“ ist in solchen Fällen nicht selten ein First Class Hotel mitten in der „unberührten“ Natur mit allem technischen Komfort ...
- Sportevents, teilweise als Massenveranstaltungen inszeniert, die mitten in (ehemals) unberührter Natur stattfinden und für solche Ereignisse umkonstruiert und bebaut werden...
- Sportangebote in der Natur, bei der diese aber häufig nur als Sportgerät, im Sinne von Outdoorsportverständnis (vgl. 3.3.1), behandelt wird. Der alpine Skilauf ist hier ein passendes Beispiel. Die Berge werden für den Skisportler präpariert und „zurechtgebogen“. Sie werden für die Menschenmassen, die im Winter die Bergwelt beim Skifahren genießen wollen zugänglich gemacht. Der Schnee überdeckt die „Wunden“ und verbirgt sie so dem „Konsument“ Skisportler.

[...]

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Wie viel Natur braucht das Kind? Wie Naturerziehung durch Klettern mit Grundschulkindern wirksam werden kann
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Veranstaltung
Kletterschullandheim vorbereiten und durchführen
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
114
Katalognummer
V62855
ISBN (eBook)
9783638560207
Dateigröße
2251 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Kind, Naturerziehung, Klettern, Grundschulkindern, Kletterschullandheim
Arbeit zitieren
Miriam Püschel (Autor), 2002, Wie viel Natur braucht das Kind? Wie Naturerziehung durch Klettern mit Grundschulkindern wirksam werden kann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62855

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