Selbstdarstellung von Leben und Werk am Beispiel Norbert Elias - 1925-33


Referat (Ausarbeitung), 2003
23 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Kurzer Abriss: 1925-1933

3 . Hinwendung zur Soziologie

4 . Fragestellungen und Interessen (Heidelberger und Frankfurter Zeit)

5 . Lehrer
5.1 Alfred Weber
5.2 Karl Mannheim
5.3 Sechster Deutscher Soziologentag 1928

6 . Politik/ Nationalsozialismus

7 . Frankfurter Zeit/ Habilitation

8 . Schlussbemerkung

9 . Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

Im Rahmen des Seminares „Theoriebildung und Biographik: Das Beispiel Norbert Eli­as und das Beispiel Sigmund Freud“ behandelt dieses Referat – bestehend aus drei Teilen, von denen die vorliegende Ausarbeitung der zweite Teil ist – das Thema der Selbstdarstellung von Leben und Werk am Beispiel Norbert Elias. In erster Linie liegt das Buch „Norbert Elias über sich selbst“ (1990) zugrunde, das aus einem bio­graphi-schen Interview – geführt von A. J. Heerma van Voss und A. van Stolk – und Elias' „Notizen zum Lebenslauf“ besteht. Diese Selbstdarstellungen werden im vor­liegen-den Referatsteil durch Informationen und Deutungen einiger Autoren, wie z.B. Her-mann Korte, ergänzt, außerdem kommt ein Aufsatz von Richard Kilminster über „Norbert Elias und Karl Mannheim – Nähe und Distanz“ (1996) zum Tragen.

Nach Darstellungen einiger Zusammenhangsmodelle zum Thema und Beiträgen zur Erforschung kreativer Prozesse, mündet das Seminar ein in die Selbstdarstellungen der gewählten Wissenschaftler. Hier werden eigene Schlussfolgerungen gezogen über das Verhältnis von Biographie und Theorien, Leben und Werk. Dass diese Zu­sam-menhänge bestehen, ist schwerlich anzuzweifeln, woraus sie bestehen, wie die Le-bensumstände, Kindheit, Jugend, Familie, gesellschaftliche Stellung, Ausbildung, Zu-sammentreffen mit anderen Menschen – sei es die Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftlern, sei es eine persönliche Begegnung im Rahmen von Liebe oder Freundschaft -, politische und gesellschaftliche Gegebenheiten sich niederschlagen in Interessen- und Forschungsgebieten, aber auch in Lebenseinstellungen, die durch per-sönliche Erfahrungen gewachsen sind und Grundlage einer theoretischen Richtung sein können, die eingeschlagen wird, bleibt im Einzelfall zu untersuchen.

Wichtig ist dabei, Norbert Elias – in unserem Falle – selbst anzuhören, wenn auch das allein nicht ausreichend ist, da ausschließlich ein subjektiver, dafür allerdings auch sehr authentischer Eindruck vermittelt wird. Es stellt sich die Frage, welche Zu­sammen-hänge zwischen Leben und Werk er wahrnimmt und welche, die einem objek­tiveren Betrachter möglicherweise auffallen, er nicht sieht bzw. nicht als solche benennt. Für eine adäquate Einschätzung sollten neben dem Selbstbild immer auch die Fremdbilder betrachtet werden.

Das Referat zu „Norbert Elias. Selbstdarstellung von Leben und Werk“ gliedert sich in drei Teile, die grob der zeitlichen Abfolge seines Lebens gewidmet sind. Der vor­lie-gende Teil enthält den Zeitraum von 1925-1933 mit den Stationen Heidelberg und Frankfurt am Main. Für die Heidelberger Zeit wird die Zuwendung zur Soziologie be­handelt, seinen Lehrern Alfred Weber und Karl Mannheim wird je ein Abschnitt ge­widmet, außerdem findet der Sechste Deutsche Soziologentag Erwähnung. Frankfurt meint die Zeit als Assistent bei Karl Mannheim und das Arbeiten an der Habilitations­schrift. Ein weiteres Kapitel untersucht den wichtigen Bereich des Nationalsozialismus und Elias' Betroffenheit von diesem respektive seine Einstellung zur Politik generell.

2 . Kurzer Abriss: 1925-1933

Norbert Elias' wissenschaftliche Entwicklung wird häufig als eine Entwicklung von der Philosophie über die Soziologie hin zum Konzept der Menschenwissenschaft cha-rakterisiert.[1] Um den Beginn des zweiten Entwicklungsabschnittes soll es im Folgen-den gehen.

Ende 1924/ Anfang 1925 geht Elias nach Heidelberg, um dort Soziologie zu studie-ren und die Universitätslaufbahn einzuschlagen. Das berufliche Ziel des Hoch­schul-lehrers, ein Leben, gewidmet der Forschung und Lehre, stehen für ihn bereits seit lan-gem fest. Dies strebt er an und dafür sieht er sich sowohl ge­rüstet als auch gut geeig-net.[2]

Heidelberg ist auch fünf Jahre nach Max Webers Tod noch die soziologische Haupt­stadt Deutschlands, wie Wolfgang Engler schreibt.[3] Elias selbst nennt die Stadt in je-nen Jahren „eine Art Mekka der Soziologie“[4], spricht zudem von positiven Erfah­run-gen, die er bereits während seines Gastsemesters dort gemacht hat, weshalb ihm Hei-delberg in sehr guter Erinnerung geblieben ist.[5] Sowohl die Bedeutung des Faches Soziologie an der Heidelberger Universität[6] als auch das persönliche Wohlfühlen dort ha-ben ihn offenbar bewogen, in diese Stadt zu gehen. Es gibt hier einen Lehrstuhl für Soziologie, den Alfred Weber, der Bruder des 1920 verstorbenen Max Weber, seit 1907 inne hat.[7]

Elias arbeitet sich in Heidelberg gänzlich neu in die Wissenschaft der Soziologie ein. Er liest ihre Klassiker – unter anderem Marx, Max Weber und Simmel – fest ent­schlossen, Privatdozent für Soziologie zu werden.[8] Mit Philosophen kommt er nicht mehr in Kontakt, stattdessen sucht er den zu den Soziologen.[9] Seine Lehrer sind vor allem der nur wenig ältere Karl Mannheim sowie Alfred Weber.

Elias ist schnell eine Art unbezahlter Assistent, der auf eine Habilitations­möglichkeit bei Alfred Weber wartet.[10] Als Unter­suchungsgegenstand hat er „Die Bedeutung der Florentiner Gesellschaft und Kultur für die Ent­stehung der Wissenschaft“ gewählt.[11] Als inoffizielle Voraussetzung für die Annahme einer Habilitation in Heidelberg gilt zu dieser Zeit das Halten eines Vortrags in dem von Marianne Weber, der Witwe Max Webers, geführten Salon. Mit seinem Referat über „Die Soziolo­gie der Gotik“, genau­er die Architektur der Gotik, besteht Elias diese informelle, aber wichtige Prüfung.[12] Er arbeitet in den Seminaren von Alfred Weber und Karl Mannheim mit, schreibt eine größere wissenschaftliche Arbeit über die „Geschichte des menschlichen Bewusst­seins“[13] und beginnt eine Studie „Zur Soziologie der entstehenden Naturwissen­schaf-ten“, die er aber aus Mangel an finanzieller Unterstützung abbrechen muss.[14]

Elias und Karl Mannheim werden „gute Freunde“ und Elias ver­mittelt zwischen die-sem und den Studenten, erleichtert den Kontakt untereinander. Im Gegenzug berät der Ältere den Jüngeren in Bezug auf seine Karriere.[15] Der Weg zur Professur ist je­doch noch weit, denn bei Alfred Weber steht er erst an vierter Stelle der Habilitanden, was eine Wartezeit von gut 10 Jahren bedeutete.[16] So nutzt Elias das Angebot Karl Mannheims, als dieser 1930 eine Berufung auf den Soziologielehrstuhl der Universität Frankfurt am Main erhält, ihm als offizieller Assistent dorthin zu folgen.[17] Eine Mög-lichkeit zur Habilitation nach drei Jahren Assitentenzeit wird ihm sicher zuge­sagt.[18]

Am Soziologischen Seminar in Frankfurt nimmt Elias Ostern 1930 seine Tätigkeit als Karl Mann­heims offizieller Assistent auf. Er hat bei den Vorbereitungen der Seminare zu helfen, Studenten zu betreuen und zugleich die Möglichkeit an seiner Habilita-tions­schrift zu arbeiten.[19] Max Hork­heimer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-Philo-sophie und Leiter des Instituts für Sozialforschung, stellt Elias ein zusätzliches Zim-mer im Institut zur Verfü­gung und erlaubt ihm die Benutzung der institutseigenen Bib-liothek. So schreibt er sei­ne Habilitationsschrift „Der hö­fische Mensch. Ein Beitrag zur Soziologie des Hofes, der höfischen Gesellschaft und des absoluten König-tums“.[20] Elias reicht diese zu Beginn des Jahres 1933 an der Universität Frankfurt ein. Zu einem Abschluss des Habilitationsverfahrens kommt es nicht mehr, da ihm die An-trittsvorlesung als konstituierender Bestandteil des akademischen Verfahrens nach der Machtergreifung durch die National­sozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft un-tersagt wird.[21] Am 13. März wird das Institut für Sozialforschung geschlossen, ebenso auch das Seminar für Soziologie. Karl Mannheim geht nach England. Elias verlässt ei-nige Wochen später, im Frühsommer, Frankfurt und geht zunächst nach Frankreich ins Exil[22], zu alt für ein nochmaliges Studium, zu jung für eine Professur.[23]

3 . Hinwendung zur Soziologie

Als Gründe für die Umorientierung zur Soziologie – Elias hätte sich schließlich auch seinem zweiten Hauptfach in der Doktorprüfung, der Psychologie, zuwenden können – nennt Hermann Korte zum einen Elias' Tätigkeit in der Industrie, zum anderen die intellektuelle Enttäuschung über die Philosophie.[24] Elias betont: „Ich denke, daß mei-ne Erfahrungen im Krieg, aber auch im Geschäftsleben, meinen Realitätssinn verstärkt hatten.“[25] Auch daraus lässt sich eine Hinwendung zur Soziologie zum Teil erklären. Elias präzisiert: „Und wahrscheinlich wollte ich auch nach meinen Erfahrungen als Soldat und Geschäftsmann an ein Studium herankommen, das mehr mit dem wirklichen Geschehen des Lebens zu tun hatte.“[26] Richard Kilminster zitiert aus einem Inter-view, das Johan Heilbron 1984 mit Norbert Elias geführt hat. Dort gibt Elias folgende Begründung für den Fachwechsel: „Ich war grundsätzlich mit der Philosophie unzufrieden und wollte etwas anderes. Die Soziologie erlaubte es, mit der Wirklichkeit in Kontakt zu kommen und sie war viel näher an meinen Bedürfnissen, insbesondere so, wie Mannheim sie vertrat. Seine radikale Kritik der Ideologien war ganz in meinem Sinne angesichts der vielen verrückten Ideen, die zu jener Zeit im Schwange waren.“[27]

Die persönlichen Lebenserfahrungen, die den Realitätssinn stärkten, ließen offenbar den Wunsch entstehen, sich auch im wissenschaftlichen Bereich mehr mit der Wirk-lichkeit auseinander zu setzen, als das im Rahmen der Philosophie möglich gewesen wäre. Die Soziologie kam Elias' Bedürfnissen entgegen, mit der Hinwendung zu die-sem Fach konnten die Entwicklungslinien der persönlichen Erlebnisse und Interessen mit den bestehenden und entstehenden Fragestellungen des Faches verschmelzen.

4 . Fragestellungen und Interessen (Heidelberger und Frankfurter Zeit)

Die Durchbrechung des mythologischen Schleiers, der das Gesellschaftsbild ver-hängt, ist Elias' zentrales Anliegen, als er sich der Soziologie zuwendet.[28] Dies Bedürfnis nach Entschleierung bleibt eine seiner hauptsächlichen Triebfedern.

Der Soziologe ist für Elias ein „Mythenjäger“, so der bekannte, von ihm geprägte Ausdruck. Seiner Meinung nach sind Mythen ungeeignet, das soziale Leben zu regeln und ohne sie wäre das Zusammenleben der Menschen wesentlich besser.[29] Mythen sind hierbei zu verstehen, wie Kilminster ausführt, als „allgemein akzeptierte Vorstellungen, die vielfach durch Autoritäten abgesichert sind, und die wissenschaftlich denkende Gruppen aufgrund von Tatsachenbeobachtungen zu kritisieren vermögen“.[30]

Als Beispiele für diese kritisierten Mythen nennt Elias die nationalistische Propaganda zur Kaiserzeit, die Kriegspropaganda des ersten Weltkrieges und die Parteidoktri-nen.[31] Damit deutet sich an, dass jede Ideologie immer zugleich auch Mythologie ist.

[...]


[1] Vgl. Baumgart/ Eichener (1991): Norbert Elias zur Einführung. S. 9.

[2] Vgl. Elias (1990): Notizen zum Lebenlauf. In: derselbe (1990): Norbert Elias über sich selbst. S. 121f.

[3] Vgl. Engler (1992): Selbstbilder. Das reflexive Projekt der Wissenssoziolo­gie. S. 50.

[4] Van Voss/ Van Stolk (1990): Biographisches Interview mit Norbert Elias. In: Elias (1990): Nor­bert Elias über sich selbst. S. 48.

[5] Vgl. Elias (1990): S. 121.

[6] Vgl. auch ebd.: S. 123.

[7] Vgl. Korte (1997): Über Norbert Elias. Das Werden eines Menschenwissenschaftlers. S. 93.

[8] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 47.

[9] Vgl. ebd.: S. 46.

[10] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 46.

[11] Vgl. Elias (1990): S. 128.

[12] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 54.

[13] Vgl. Korte (1997): S. 97.

[14] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 55.

[15] Vgl. ebd.: S. 46.

[16] Vgl. Korte (1997): S. 110.

[17] Vgl. Engler (1992): S. 50.

[18] Vgl. Korte (1997): S. 110.

[19] Vgl. ebd.: S. 114.

[20] Vgl. Korte (1997): S. 113 bzw. 119.

[21] Vgl. Baumgart/ Eichener (1991): S. 19.

[22] Vgl. Korte (1997): S. 132.

[23] Vgl. Elias (1990): S. 125.

[24] Vgl. Korte (1997): S. 90f.

[25] Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 45.

[26] Ebd.: S. 48.

[27] Heilbron (1984): Interview with Norbert Elias. S. 11 (Manuskript). Zitiert nach: Kilminster (1996): Norbert Elias und Karl Mannheim – Nähe und Distanz. In: Rehberg (Hg.) (1996): Nor­bert Elias und die Menschenwissenschaften. Studien zur Entstehung seines Werkes. S. 360.

[28] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 49.

[29] Vgl. ebd.: S. 53.

[30] Kilminster (1996): S. 374.

[31] Vgl. Van Voss/ Van Stolk (1990): S. 50.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Selbstdarstellung von Leben und Werk am Beispiel Norbert Elias - 1925-33
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Theoriebildung und Biographik: Das Beispiel Norbert Elias und das Beispiel Sigmund Freud
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V62891
ISBN (eBook)
9783638560481
ISBN (Buch)
9783640864959
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eigenständig zu lesender, abgeschlossener, Teilbereich eines Referats
Schlagworte
Selbstdarstellung, Leben, Werk, Theoriebildung, Biographik, Sigmund, Freud, Lebenslauf, Soziologie, Heidelberger Zeit, Frankfurter Zeit, Alfred Weber, Karl Mannheim, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Claudia Kollschen (Autor), 2003, Selbstdarstellung von Leben und Werk am Beispiel Norbert Elias - 1925-33, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62891

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