Die sozial freischwebende Intelligenz in der Wissenssoziologie Karl Mannheims


Hausarbeit, 2006
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biographie eines heimatlosen Intellektuellen

2. Wissenssoziologische Prämissen - die Seinsgebundenheit des Denkens

3. Ideologie

4. Parteien und Politik

5. Das Problem der Synthese

6. Die sozial freischwebende Intelligenz

7. Abschließende Überlegungen - Die Konstruktion des Intellektuellen als Selbstporträt?

Literatur

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Terminus der „sozial freischwebenden Intelligenz“ innerhalb der wissenssoziologischen Arbeit Karl Mannheims.

Dabei soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, unter Berücksichtigung der historischen Umstände, die Konstruktion der freischwebenden Intelligenz im Kontext der sie umrahmenden wissenssoziologischen Grundgedanken zu verdeutlichen sowie darüber hinaus lebensgeschichtliche Berührungspunkte zu Karl Mannheims Biographie aufzuzeigen, welcher das erste Kapitel dieser Arbeit gewidmet ist. Es folgt mit der Darstellung wissenssoziologischer Prämissen, neben einem kurzem Einblick in die von Mannheim diagnostizierte Kultur- und Wissenskrise der Moderne, welche den Anstoß zu seinen wissenssoziologischen Überlegungen lieferte, die Einführung in den Begriff der „Seinsverbundenheit des Denkens“, welcher das anschließende Kapitel über „Ideologie“ einleitet. Der weiterführende Abschnitt über Parteien und Politik überführt die angesprochene (Denk-)Krise der Moderne in eine Krise auf politischem Feld, die sich in den konkurrierenden weltanschaulichen Parteistrebungen des Weimarer Parlamentarismus äußert.

Nach Mannheim bedarf es zur Überwindung der ideologischen Kontroversen seiner Zeit einer Synthese, welche die inkommensurablen Weltbilder zu relativieren und zusammenführen vermag, um auf diesem Wege auf die gesellschaftliche Krise zu reagieren. Die soziale Trägergruppe dieser Synthese sieht er in den Intellektuellen, deren relative Unabhängigkeit als sozial nicht festgelegte Schicht es ihnen erlaube, sich vom normativen Denken ihrer Umgebung mit Hilfe des wissenssoziologischen Instrumentariums der Selbst- und Fremdreflexion zu lösen und unabhängig von sozialen Klassengegebenheiten zu agieren.

Die zugrunde liegende Literatur dieser Arbeit beschränkt sich weitestgehend Karl Mannheims 1929 erschienenes „Ideologie und Utopie“ und verfolgt die Einbindung und Darstellung der sozial freischwebenden Intelligenz innerhalb des benannten Werkes.

1. Biographie eines heimatlosen Intellektuellen

Karl Mannheim wurde am 28. März 1893 in Budapest in eine bürgerliche, jüdische Familie geboren. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums und dem Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Budapester Universität, promovierte Mannheim 1918 im Fachbereich Philosophie über die „Strukturanalyse der Erkenntnistheorie“. Sein Studium wurde zuvor von mehrsemestrigen Studienaufenthalten in Berlin und Paris unterbrochen, während denen Mannheim in Berlin Lehrveranstaltung von Georg Simmel, Ernst Troeltsch und Ernst Cassirer besucht und in Paris die Vorlesungen Henry Bergsons hört.[1]

Bereits in jungen Jahren verkehrte Mannheim in verschiedenen intellektuellen Kreisen Budapests, die nicht nur das geistige, sondern auch das politische Leben und die Entwicklung Ungarns mitbestimmten. Die fortschrittlichen Denker der Zeit waren vornehmlich in zwei Gruppierungen geteilt: dem Galilei-Kreis um Oscar Jászi sowie dem Sonntagskreis um Georg Lukács. Während Jászi für die kulturelle und politische Modernisierung des durch den Habsburger Traditionalismus kulturell stagnierenden Ungarns nach westeuropäischem Vorbild eintrat, setzte sich der Sonntagskreis mit einer wesentlich unpolitischen ethisch-ästhetischen Kritik der Moderne auseinander, bis sich der dem politischen Marxismus nachstehende Lukász 1918 im Vorfeld der Proklamation der Räterepublik unter Béla Kuhn mit dem Beitritt in die Kommistische Partei für eine radikale, kulturelle und geistige Erneuerung Ungarns einsetzte.[2]

Mannheim folgte dem politischen Weg Lukász´ nicht, blieb aber eng mit ihm verbunden und erhielt unter der revolutionär-kommunistischen Regierung eine Dozentenstelle für Philosophie an der Budapester Hochschule. Als im Dezember 1919 die kommunistische Regierung in Ungarn gestürzt wird, waren Mannheim und Lukács sowie zahlreiche andere Intellektuelle aufgrund antikommunistischer, reaktionärer und auch antisemitischer Haltungen der neuen Machthaber um Miklós Horthy gezwungen das Land zu verlassen.[3]

Mannheim floh über Wien und Freiburg nach Heidelberg und fand dort dank guter Kontakte Georg Lukász´ zu Emil Lederer schnell den Anschluss an akademische Kreise und später als Habilitand von Alfred Weber eine neue Wirkungsstätte[4]. Im Rahmen seiner Studien bei Alfred Weber arbeitete sich Mannheim in die Kultursoziologie ein, die sich mit der Untersuchung von Denken, Wissen und Wissenschaft befasste. Über die Zeit grenzte er sich immer weiter von der Kultursoziologie Alfred Webers ab, doch erst auf dem Züricher Soziologentag 1928, auf dem Mannheim den Vortrag „Die Bedeutung der Konkurrenz im Gebiete des Geistigen“ hielt und in seinem im darauf folgenden Jahr erschienenen Werk „Ideologie und Utopie“ wurden die Differenzen zwischen den beiden offen gelegt. Mannheims zentrale Frage wird der Zusammenhang zwischen dem Sein und dem Bewusstsein. Mit seiner Habilitationsschrift „Konservatismus: Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens“ und „Ideologie und Utopie“ trägt Mannheim in dieser Zeit wesentlich zur Etablierung einer speziellen Wissenssoziologie bei.[5]

Mit der Teilnahme an den Treffen des von Marianne Weber fortgeführten Weber-Kreises war Mannheim eine weitgehende Integration in das intellektuelle Leben Heidelbergs gelungen. Dennoch geben die von ihm in diesem Zeitraum verfassten Heidelberger Briefe[6] einen Einblick in die Gefühle der Isolation, Befremdung und Ortlosigkeit, die der Flüchtling Karl Mannheim infolge des Heimatverlustes in seinem Heidelberger Exil verspürte. Im Rahmen seiner universitären Anstellung und der angestrebten Einbürgerung geriet Mannheim in Konfrontation mit einer fremdenfeindlich-reaktionären deutschen Beamtenschaft und erfuhr in Auseinandersetzungen um seine wissenschaftliche Arbeit scharfe Kritiken.[7]

1930 folgte Mannheim einem Ruf der Universität Frankfurt als Nachfolger von Franz Oppenheimer auf den Lehrstuhl für Soziologie und Nationalökonomie. Auch in seiner Frankfurter Zeit, während der ihm Norbert Elias als Assistent bei seiner Professur zur Seite stand, verkehrte Mannheim, wenn auch nicht in institutionalisierter Form, in intellektuellen Kreisen. Es kommt zu Gesprächen mit Paul Tillich und kontroversen Diskussion mit Leo Löwenthal, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den Vertretern des konkurrierenden Instituts für empirische Sozialforschung.[8]

Infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Mannheim 1933 aus dem Universitätsdienst entlassen und floh über Amsterdam und Paris nach London, wo er an der London School of Economics and Political Science eine außerplanmäßige Dozentur, die aus besonderen Mitteln für exilierte Forscher finanziert wurde, erhielt. Ab 1938 wurde Mannheim zu den Treffen des christlich-intellektuellen Moot-Kreises geladen, dem auch T. S. Elliot angehörte. Zudem übernahm er ab 1940 die Herausgabe der „International Library of Sociology and Social Reconstruction“. Aufgrund seiner hervorragenden Reputation erhielt Mannheim u. a. das Angebot, die Leitung der europäischen Sektion der UNESCO zu übernehmen, welches er jedoch aus gesundheitlichen Gründen ablehnte. Dem Ruf als Professor für Erziehungswissenschaft an die Universität London 1945 folgte Mannheim jedoch, sein hiesiger Vorgänger Sir Fred Clarke zählte ebenfalls zu den Mitgliedern des Moot-Kreises[9].

In seinem Londoner Exil machte es sich Mannheim vornehmlich zur Aufgabe, die übergreifende Krise zu diagnostizieren, die er für die deutsche Katastrophe verantwortlich machte. Zu seinen zeitdiagnostischen und gesellschaftsplanerischen Schriften, in denen er Wege zu weisen versuchte, wie sich im Zeitalter totalitärer Diktaturen eine dauerhafte demokratische Ordnung aufbauen ließe, zählen „Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus,“ aus dem Jahr 1935, das in englischer Sprache 1943 erschienene „Diagnose of Our Time“ sowie „Freedom, Power and Democratic Planning“, welches 1950 posthum publiziert wurde. Karl Mannheim starb zuvor am 9. Januar 1947 im Alter von 53 Jahren infolge eines Herzinfarkts.[10]

Die Biographie Karl Mannheims ist von den politischen Umständen geprägt, die ihn mehrfach zum Flüchtling, zum Fremden an wechselnden Orten, machten und ihn mit Heimatlosigkeit und Orientierungsverlust konfrontierten. Trotz aller Unbeständigkeiten seiner Lebensgeschichte sticht als überdauerndes Merkmal die Teilnahme an intellektuellen Gesprächskreisen hervor[11]. Die Bedingungen seines Lebens brachten ihn so mit den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen und Persönlichkeiten in Kontakt, deren Einfluss sich in seinem Schaffen widerspiegelt. Den Status eines Klassikers der Soziologie erwarb sich der vielseitige Denker insbesondere dank seiner Schriften zu Heidelberger Zeiten, mit denen er zum Begründer der Wissenssoziologie, der Lehre von der historischen und sozialen Bedingtheit aller Erkenntnis, avancierte.

[...]


[1] Vgl. Hofmann, Wilhelm: Karl Mannheim zur Einführung. Junius Verlag GmbH, Hamburg. 1996. S. 15 u. 224

[2] Vgl. ebd. S. 16 u. 20

[3] Vgl. ebd. S. 21

[4] Vgl. ebd. S. 24 u. 225

[5] Vgl. Hofmann, Wilhelm: Karl Mannheim zur Einführung. 1996. S. 10 f.

[6] Mannheim, Karl: Heidelberger Briefe. (1921/22) in: Georg Lukács, Karl Mannheim und der Sonntagskreis, hg. v. Karádi, Éva; Vezér, Erzsébet. Frankfurt am Main 1985.

[7] Vor allem aus dem konservativ-bürgerlichen Lager wurde Mannheim aufs Schärfste, zum Teil am Rande von Polemik und Antisemitismus, attackiert. Vgl. Hofmann, Wilhelm: Karl Mannheim zur Einführung. 1996. S.11

Ausführlich festgehalten wurden die heftigen Auseinandersetzung mit dem Gelehrten Ernst Robert Curtius, einem Mitglied des Stefan-George Kreise, der Mannheim Relativismus und Nihilismus vorwarf, in: Hoeges, Dirk: Kontroverse am Abgrund: Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. Intellektuelle und „freischwebende Intelligenz“ in der Weimarer Republik, Fischer, Frankfurt/M. 1994

[8] Vgl. Hofmann, Wilhelm: Karl Mannheim zur Einführung. 1996. S. 31

[9] vgl. Hofmann, Wilhelm: Karl Mannheim zur Einführung. 1996. S. 32 ff.

[10] Vgl. ebd. S. 14, 33 ff., 226

[11] Auf die Betrachtung Mannheims Biographie bezüglich seiner Konstruktion der freischwebenden Intelligenz komme ich am Ende der Arbeit zurück.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die sozial freischwebende Intelligenz in der Wissenssoziologie Karl Mannheims
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Wissenssoziologie nach Karl Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V62945
ISBN (eBook)
9783638560870
ISBN (Buch)
9783638773690
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intelligenz, Wissenssoziologie, Karl, Mannheims, Mannheim
Arbeit zitieren
Christian Schüller (Autor), 2006, Die sozial freischwebende Intelligenz in der Wissenssoziologie Karl Mannheims, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62945

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