Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie


Hausarbeit, 2002

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Rückblick und Paradigmenwechsel

2. Die Nachrichtenwert-Theorie- Eine raum-, zeit-, kontextunabhängige Theorie?

3. Das 2-Komponentenmodell

4. Ein Analysemodell (Kepplinger, Bastian)
4.1 Die Ermittlung des Nachrichtenwertes
4.2 Grundlage der Untersuchung
4.3 Nachrichtenwert der Nachrichtenwerttheorie 4.3.1 Eine Langzeituntersuchung:
4.3.2 Verkürzung des Untersuchungszeitraumes:

4.4 Erstellung einer Prognose

5. Fazit und Ausblick

6. Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem prognostischen Gehalt der Nachrichtenwerttheorie. Diese Theorie, die ihre Anfänge schon in den 20er Jahren hat und sich in den 50ern weitläufige Popularität verschafft hat, scheiterte lange an ihrer Nichthinterfragung. So versagt sie in allen Bereichen, die eine Theorie ausmacht: in der Erklärung und in der Prognose.

Nach einer Neuformulierung der Studie durch Schulz in den 70er Jahren und mehreren Studien in den 80er und 90er Jahren, wurde die Grundlage geschaffen, der Nachrichtenwerttheorie einen neuen Weg zu bahnen.

Wegweisend ist dann vor allem eine Studie von Kepplinger und Bastian aus dem Jahre 2000, die versucht haben, nicht unbedingt auf Erklärung zielend, sondern eher auf eine Explizierung der Theorie, den Umfang von Meldungen zu prognostizieren.

Diese Arbeit möchte nun zuerst durch einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie an die ihr innewohnende Problematik heranführen und die lange von ihren Vertretern angenommene raum-, zeit- und kontextunabhängige Gültigkeit in Frage stellen. Im folgenden soll dann ein Weg aufgezeigt werden, um einen Ausweg aus dieser Stagnation zu bahnen. Als Grundlage dient hierfür ein von Hans Matthias Kepplinger und Rouwen Bastian entwickeltes Analysesystem und eine Langzeituntersuchung der Deutschlandberichterstattung der Jahre 1951 bis 1995.

Zum Abschluss der Arbeit soll noch mal ein Ausblick gegeben werden auf neu eröffnete Möglichkeiten, die diese Theorie bietet.

1. Rückblick und Paradigmenwechsel

„Jede Zeitung ist in dem Augenblick, wo sie den Leser erreicht, das Endergebnis einer ganzen Reihe von Auswahlvorgängen, die bestimmen, welche Artikel an welcher Stelle mit wie viel Raum und unter welchen Akzent erscheinen. Dafür gibt es keine Regeln. Es gibt aber Konventionen.“[1] Mit dieser Aussage begründet Lippmann 1922 eine Denkrichtung in der Publizistikwissenschaft, die später zu einem zentralen Thema werden soll. Lippmann führt hier das erste mal den Begriff „news value“-Nachrichtenwert- ein, und meint damit die oben angesprochenen Konventionen, von denen jeder Journalist eine ähnliche Vorstellung besitzt. Bei Lippmann sind das Eindeutigkeit des Geschehens, Überraschung, Konflikt, persönliche Betroffenheit und räumliche Nähe[2].

Weitergeführt wird dieser Denkansatz in viele Richtungen. Unter anderem findet die Gatekeeperforschung in den 50ern viel Beachtung. Kurt Lewin entwickelt diese Theorie vom Schleusenwärter, der darüber entscheidet, welche Informationen weitergegeben werden und welche nicht[3].

In den 60er Jahren kommt es zu einer Neudefinierung des Ansatzes durch Einar Östgaard[4], der darauf hingeweißt, dass Nachrichtenwerte den Journalisten nicht nur Entscheidungshilfen sind, um Berichtenswertes zu erkennen, sondern zugleich auch die Berichterstattung verzerren: Journalisten, so Östgaard, sind für ein Bild der Welt in den Nachrichten verantwortlich, das sich von dem unterscheidet, „was wirklich geschah“[5]. Östgaard unterscheidet Faktoren, die außerhalb des Nachrichtenflusses stehen, exogene Faktoren, wie politische und rechtliche Maßnahmen der Kommunikationskontrolle, Zensurvorschriften, ökonomische Begünstigungen oder Beschränkungen, von den Faktoren, die im Nachrichtensystem selbst angelegt sind, die endogenen Faktoren. Diese endogenen Faktoren unterteilt Östgaard in Simplifikation, Identifikation und Sensationalismus.

Galtung und Ruge setzen hier an und begründen eine Theorie. Östgaard versteht seine Überlegungen immer nur als Hypothesen[6]. Für diese Theorie erstellen sie einen Katalog mit 12 Nachrichtenfaktoren. Nachrichtenfaktoren, so Galtung und Ruge, wirken selektiv: So hat das Ereignis, bei dem die Nachrichtenfaktoren am ausgeprägtesten sind, die größte Chance, auch publiziert zu werden. Im folgenden werden die 12 von Galtung und Ruge aufgestellten Nachrichtenfaktoren genannt:

Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge[7]:

F1: Frequenz

Je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zur Nachricht

F2: Schwellenfaktor

Es gibt einen bestimmten Schwellenwert der Auffälligkeit, den ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird

F3: Eindeutigkeit

Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht

F4: Bedeutsamkeit

Je größer die Tragweite eines Ereignisses ist, je mehr es persönliche Betroffenheit auslöst, desto eher wird es zur Nachricht

F5: Konsonanz

Je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht

F6: Überraschung

Überraschendes hat die größte Chance, zur Nachricht zu werden, allerdings nur dann, wenn es im Rahmen der Erwartungen überraschend ist.

F7: Kontinuität

Ein Ereignis, das bereits als Nachricht definiert ist, hat eine hohe Chance, von den Medien auch weiterhin beachtet zu werden

F8: Variation

Der Schwellenwert für die Beachtung eines Ereignisses ist niedriger, wenn es zur Ausbalancierung und Variation des gesamten Nachrichtenbildes beiträgt

F9: Bezug zu Elite-Nationen

Ereignisse, die Elite-Nationen betreffen haben einen überproportional hohen Nachrichtenwert

F10: Bezug zu Elite-Personen

Entsprechendes gilt für Elite-Personen, d.h. prominente und/oder mächtige, einflussreiche Personen

F11: Personalisierung

Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht

F12: Negativismus

Je negativer ein Ereignis, je mehr es auf Konflikt, Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod bezogen ist, desto stärker wird es von den Medien beachtet

Galtung und Ruge versuchen durch mehrere Studien, die Theorie empirisch zu bestätigen, doch so recht gelingt es ihnen nicht. „Die wenigen Befunde stehen in keinem rechten Verhältnis zu Umfang und Reichweite der Theorie“, so Schulz[8].

Die Nachrichtenwerttheorie wird konzeptionell weiterentwickelt und empirisch belegt und erfährt erst 1976 durch Winfried Schulz eine einschneidende Veränderung. Schulz überarbeitet den oben aufgeführten Nachrichtenkatalog von Galtung und Ruge, der seither als Grundlage für alle weiteren Arbeiten und Studien auf diesem Gebiet dient.

Mit hinein bringt Schulz auch einen bis dato unbeachteten Aspekt: Die Idee, dass als Ursache der Nachrichtenauswahl nicht allein die Eigenschaften der Realität verantwortlich sind, beschrieben mit den Nachrichtenfaktoren, sondern auch die Vorstellungen der Journalisten von ihrer Publikationswürdigkeit[9]. So wird etwas nicht nur aufgrund von Nachrichtenfaktoren veröffentlicht, sondern vielmehr durch die Einschätzung der Journalisten, ob sie die Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses für interessant und relevant halten oder auch nicht. So könnte ein Ereignis den Nachrichtenfaktor räumliche Nähe besitzen und würde von einem Journalisten dennoch nicht publiziert werden, weil dieser den Nachrichtenfaktor räumliche Nähe nicht als interessant erachtet.

[...]


[1] Lippmann, Walter: Public Opinion. New York 1922.

[2] Ebd.

[3] Lewin, Kurt: Channels of group Life. Social planning and action research. In: Human Relations 1 1947. S.

[4] Östgaard, Einar: Factors influencing the flow of news. In: Journal of peace Research 2 1965, S.

[5] Noelle-Neumann, Elisabeth, Schulz, Winfried, Wilke Jürgen (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik-Massenkommunikation. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt 1994.

[6] Wilke, Jürgen: Nachrichtenauswahl und Medienrealität in 4 Jahrhunderten. De Gruyter: Berlin 1984.

[7] Galtung, Johann., Ruge, Mari Holmboe.: The structure of foreign news. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus in four foreign Newspapers. In: Journal of peace research 2 (1965), S. 64-90.

[8] Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Freiburg, München 1976

[9] Kepplinger, Hans Matthias: Der Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren. In: Holz-Bacha, Christina, Scherer, Helmut, Waldmann, Norbert (Hrsg.): Wie die Medien die Welt erschaffen und wie die Menschen darin leben. Opladen 1998.S.20

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Publizistik Mainz)
Veranstaltung
Nachrichtenwerttheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V6295
ISBN (eBook)
9783638139007
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gehalt, Nachrichtenwerttheorie
Arbeit zitieren
Marina May (Autor), 2002, Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6295

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden