Der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo - ein 'neuer' Krieg?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
40 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Staatszerfall und das Entstehen von „neuen“ Kriegen
2.1. Staatszerfall und Staatskollaps
2.2. Neue Kriege
2.3. Zwischenfazit

3. Historischer Abriss der DR Kongo
3.1. Die Kolonialzeit
3.2. Die Unabhängigkeit im Jahre 1960, die Ermordung Lumumbas und die Machtergreifung Mobutus
3.3. Der erste Bürgerkrieg (1964-1968)
3.4. Mobutus Regierungszeit (1965-1997)
3.5. Der erste Kongo-Krieg (1996-1997)
3.6. Zwischenfazit

4. Der Konflikt in der DR Kongo ab 1998 – ein „neuer“ Krieg?
4.1. Der Konfliktverlauf seit 1998
4.2. Die instrumentalisierten Rebellengruppen
4.2.1. RCD
4.2.2. MLC
4.2.3. Mai-Mai
4.3. Gründe/ Ursachen des Konflikts
4.3.1. Politische Faktoren
4.3.2. Staatszerfall
4.3.3. Die Plünderung der natürlichen Ressourcen
4.4. Entwicklung zu einem „neuen“ Krieg?
4.5. Zwischenfazit

5. Die Interventionen externer Akteure und deren Einfluss auf das Geschehen in der DRK
5.1. Die Interventionen afrikanischer Staaten und deren Gründe
5.1.1. Ruanda
5.1.2. Uganda
5.1.3. Burundi
5.1.4. Angola
5.1.5. Zimbabwe
5.2. Die UNO-Intervention
5.2.1. MONUC
5.2.2. DDRRR
5.3. Die Interventionen der Westmächte und deren Interessen
5.3.1. Die USA
5.3.2. Frankreich
5.3.3. Belgien
5.4. Zwischenfazit

6. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Region der Großen Seen tritt in den Medien immer wieder als Schauplatz gewaltsamer Konflikte in das Bewusstsein der Weltbevölkerung. Vor allem der Genozid 1994 an der Tutsibevölkerung in Ruanda hat die internationale Aufmerksamkeit erregt und viele Organisationen und Bürger, sowie die internationale Gemeinschaft aufgeschreckt. Auch Burundi war und ist bis heute ein Konfliktherd zwischen Hutu und Tutsi. Die Demokratische Republik Kongo bildet keine Ausnahme, denn diese allein kommt auf eine Bilanz von acht gewaltsamen Konflikten seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960. Während Mobutu’s Regierungszeit machte die DRK jedoch mehr Schlagzeilen im Hinblick auf dessen „Kleptokratie“ und wirtschaftlichem Zerfall. Eine Häufung der Konflikte in der Region der Großen Seen ist erst in den 90er Jahren zu verzeichnen, davor herrschte eine relative Stabilität, welche als direkte Folge des Kalten Krieges gewertet werden kann. Die Demokratische Republik Kongo ist ein besonders trauriges Beispiel eines nicht zur Ruhe kommenden Landes. Seit Beginn der 90er steckt es in einer durchgehenden Krise mit wechselnder Konfliktintensität. Ursachen hierfür sind zum einen der Staatszerfall unter Mobutu bis hin zum Staatskollaps und ein bis heute noch schwelender Konflikt. Hat es einen schleichenden Übergang von einem failed state zu einem „neuen“ Krieg gegeben? Ist der Krieg als ein „neuer“ Krieg zu bezeichnen und ab wann? Was sind die Ursachen und wie hat sich dieser Konflikt entwickelt? Warum gibt es bis heute keinen Frieden? Um diese Fragen zu beantworten muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden, denn es gilt herauszufinden wo die Wurzeln des eigentlichen Konflikts liegen und ob eventuell eine gewisse Kontinuität vorhanden ist. Hierzu ist es auch wichtig die Interessen der verschiedenen Akteure zu betrachten und wie sich deren Interessenlage während des Konflikts möglicherweise verändert haben könnte und warum. Zunächst werde ich die Theorie der „neuen“ Kriege näher erläutern und von den von den „alten“ abzugrenzen versuchen. Des weiteren wird der Begriff des Staatszerfalls, seine Merkmale und warum die DRK als ein failed state bezeichnet wird erläutert, da dies als eine Art Voraussetzung für einen „neuen“ Krieg gilt. Im folgenden werde ich den Konflikt seit 1998 genauer betrachten und dessen Akteure und Interessen aufzeigen. Dabei wird ein Wandel in der Konfliktstruktur sichtbar werden, welcher wieder auf die Frage zurückführt, ob dies ein „neuer“ Krieg ist und wenn ja warum.

2. Staatszerfall und das Entstehen von „neuen“ Kriegen

Ich werde hier sowohl das Konzept des Staatszerfalls als auch die Theorie der neuen Kriege vorstellen, da diese beiden Theorien in der Praxis meist zusammen auftreten und eng miteinander verwoben sind.

2.1. Staatszerfall und Staatskollaps

Es gibt viele verschiedene Ansätze über den Zerfall von Staaten, wie auch der Begriff des Staates sehr kontrovers diskutiert wird. Um von Staatszerfall sprechen zu können muss jedoch die Existenz eines Staates vorausgesetzt werden. Bei der Definition von Staatszerfall halte ich mich an LAMBACH (2002, 55ff) dessen Theorie Tetzlaffs Zweistufenmodell zugrunde liegt. Tetzlaff unterscheidet zwischen Staatszerfall und Staatskollaps, dabei hat der Staatszerfall zwei Dimensionen. Zum einen der Legitimationsverlust, wenn die staatliche Autorität schleichend erodiert wird und zum anderen der Effizienzverlust des Staates, also die Dysfunktionalität von staatlichen Institutionen. Unter Einbeziehung dieser zwei Dimensionen kommt Tetzlaff auf drei Varianten des Staatszerfalls: erstens den territorial begrenzten durch Sezessionen und Rebellionen, zweitens der fortgeschrittene Staatszerfall durch Kleptokratie und drittens die schleichende Erosion staatlicher Autorität. Staatskollaps beschreibt er als eine Endphase oder einen Endzustand (vgl. LAMBACH 2002, 43-44). Staatszerfall beschreibt somit die „[...] Erosion empirischer Staatlichkeit [...], Staatskollaps hingegen deren völligen Zusammenbruch “(LAMBACH 2002, 55). Zur Abgrenzung von Staatszerfall und Staatskollaps werden von LAMBACH (2002, 58-61) vier Indikatoren verwendet:

a. Der Verlust des Abgabenmonopols - also die Fähigkeit zur Eintreibung von Steuern.
b. Der Verlust des Gewaltmonopols - der Staat hat somit keine Kontrolle mehr über die Streitkräfte und sonstigen Institutionen zur Ausübung physischer Gewalt.
c. Die Dysfunktionalität der staatlichen Einrichtungen – entweder absolute Funktionsunfähigkeit oder aber nicht mehr deren eigentliche Zweckerfüllung.
d. Der Verlust der Legitimität – hierbei geht es um die Loyalität der Bürger gegenüber dem Staat und dem Regime.

Staatskollaps erfolgt dann wenn alle vier Indikatoren zugleich auftreten, das heißt jedoch nicht, dass eine Stabilisierung nicht mehr möglich ist. Der Fortschritt des Staatszerfalls kann an der Zahl und Intensität der aufgetretenen Indikatoren gemessen werden (LAMBACH 2002, 59-61). Zu den Ursachen von Staatszerfall formuliert LAMBACH (2002, 62ff) fünf Hypothesen welche Staatszerfall begünstigen sollen:

a. Cleavages und gesellschaftliche Legitimation – Konfliktlinien entlang welcher sich eine Fragmentierung der Gesellschaft abzeichnen kann, die dann zu gesellschaftlichem Legitimationsverlust führen.
b. Korruption und Neopatrimonialismus – hierbei geht es vor allem um Korruption und Klientelismus innerhalb der staatlichen Institutionen.
c. Autokratische Herrschaft – ein stark eingeschränkter Herrschaftszugang und das alleinige Gewaltmonopol des Regimes ohne Kontrollinstanzen.
d. Wegfall Internationaler Unterstützung – hauptsächlich in Bezug auf den Kalten Krieg und dessen Ende.
e. Militarisierung – im Hinblick auf den hohen Gebrauch von small arms in afrikanischen Konflikten und deren Import in der Zeit des Kalten Krieges.

Lambach kommt in Bezug auf die Demokratische Republik Kongo schnell zu dem Schluss des Staatskollapses, da alle vier Indikatoren in Mobutus Amtszeit eintraten. Jedoch treffen nach Lambach nicht alle Hypothesen die oben benannt wurden zu, so z.B. nicht die Militarisierung der DRK und auch die cleavage-Struktur kann nicht abschließend bestätigt werden. Der Staatskollaps tritt in der Zeit zwischen den 70ern und 80ern ein und ist zumindest bis zum zweiten Kongo-Krieg nicht wieder auf den Weg der Besserung gelangt (LAMBACH 2002, 84-91). ROTBERG (2002, 86) fügt noch hinzu, dass häufig auch Gier den Konflikt schürt, dies gilt insbesondere dann, wenn ein Land oder eine Region durch hohen Ressourcenreichtum gekennzeichnet ist. Ebenfalls merkt er an, dass ein „failed state“ meist nicht fähig ist seine Staatsgrenzen zu kontrollieren, da sich seine Macht auf die Hauptstadt und einige wenige Regionen beschränkt. Meist kann ein „failed state“ seine zentralen Aufgaben, wie z.B. die Gewährleistung von Sicherheit, Bildung und Gesundheit nicht mehr wahrnehmen und wird hier durch sogenannte Warlords und andere nichtstaatliche Akteure ersetzt (ROTBERG 2002, 85-87). Rotberg führt im weiteren sehr ähnliche Ursachen bzw. Indikatoren für einen failed state an wie Lambach auch (nachzulesen bei ROTBERG 2002, 87-90). Im Gegensatz zu Lambach sieht Rotberg die Demokratische Republik Kongo zu keiner Zeit als kollabierten Staat, sondern als failed state, obwohl auch er Mobutus kleptokratisches Regime als Ursache für den Staatszerfall ansieht (vgl. ROTBERG 2002, 90ff). TETZLAFF (2002, 4) ordnet die DRK ebenfalls in die Gruppe derjenigen Länder ein, in welchen der Staatszerfall durch Bürgerkriege bis hin zum Staatskollaps fortgeschritten ist. Die Ursachen sieht er in endogenen, exogenen und strukturellen Faktoren. Zu den endogenen gehören die innerstaatlichen Faktoren, also die Dysfunktionalität von Regierung, Verwaltung und der gesellschaftlich dominanten Kräfte. Hingegen bezeichnet er mit exogenen Faktoren diejenigen, worauf die Entwicklungsländer selbst keinen Einfluss nehmen können, dazu gehört z.B. der Handelsprotektionismus von Industriestaaten. Die bedeutendste Faktorengruppe ist jedoch die der strukturellen, denn diese bezeichnen das Klima, die Größe, die Heterogenität der Gesellschaft, die Geschichte eines Landes und andere nur schwer beeinflussbare Faktoren. Die Demokratische Republik Kongo und die Amtszeit Mobutus bezeichnet Tetzlaff als das bekannteste Bespiel eines durch Kleptokratie und „bad governance“ zugrunde gerichteten Staates (TETZLAFF 2002, 5). Tetzlaff verkennt dabei auch nicht die wichtige Rolle von „Global players“ zu nennen. Die Gefahr in kollabierten Staaten ist vor allem das entstehende Machtvakuum, welches parastaatlichen Netzwerken Raum gibt (TETZLAFF 2002, 5-6).

2.2. Neue Kriege

Bei der Abgrenzung zwischen „neuen“ und „alten“ Kriegen geht es vor allem darum die klassischen Staatenkriege, wie in Zeiten des Kalten Krieges üblich, als Auslaufmodell zu betrachten. Nun treten Kriege, so argumentiert MÜNKLER (2002, 7ff), hauptsächlich als eine Art von Bürgerkrieg auf. Es handelt sich also meist um innerstaatliche Akteure, welche aber in Abgrenzung zu Bürgerkriegen parastaatlich oder sogar privat, also z.B. Warlords und Söldnerfirmen, organisiert sind und es geht nicht so sehr um die Durchsetzung von machtpolitischen Interessen, sondern meist um die Kontrolle von und den Zugang zu natürlichen Ressourcen (vgl. MÜNKLER 2002, 43-48). Diese Kriege werden meist in Form einer asymmetrischen Kriegsführung ausgefochten, es handelt sich also um Guerilla-Kriege und Partisanenkriege, da die Parteien einer systematischen Kriegsführung nicht gewachsen wären (MÜNKLER 2002, 48- 57). Die meisten dieser Akteure zählen zu sogenannten Kriegsunternehmern, folglich muss der Krieg selbst finanziert werden und damit auch lohnend sein. Zur Mittelbeschaffung stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, so werden von einigen Warlords Ressourcen ausgebeutet, mit Drogen gehandelt, Hilfslieferungen von internationalen Organisationen überfallen und Schutz- und Lösegeld erpresst (MÜNKLER 2002, 7). Charakteristisch für neue Kriege ist der Verlust des Gewaltmonopols des Staates (MÜNKLER 2002, 33). Die neuen Kriege können auch als Staatszerfallskriege bezeichnet werden, jedenfalls sind diese Kriege nicht mit den Staatsbildungskriegen in Europa und Nordamerika vergleichbar (MÜNKLER 2002, 18-22). Häufig werden die neuen Kriege auch als „low intensity wars“ bezeichnet, was deren lange Dauer, häufig auf niedrigem Intensitätsniveau mit nur gelegentlichen Gewalteskalationen, zum Ausdruck bringt (MÜNKLER 2002, 25-26). Ebenso sieht Münkler die Einsetzung von systematischer Gewalt an der Zivilbevölkerung, so z.B. Massenvergewaltigungen, als ein typisches Phänomen der neuen Kriege an. Dieses Argument scheint jedoch strittig zu sein, denn auch schon vor 1990 waren die Kriege durch außerordentliche Brutalität gekennzeichnet (vgl. MATTHIES 2005, 38). MATTHIES (2005, 36-39) kritisiert ebenfalls das Merkmal der Entstaatlichung und Privatisierung, sowie die Reduktion auf Ökonomie und der damit einhergehenden Entpolitisierung der neuen Kriege.

Zusammengefasst ist das entscheidend neue an den neuen Kriegen nach MÜNKLER (2005,24-26) nicht das einzelne Auftreten der Faktoren: Asymmetrisierung der Kriegsführung, das Auftreten parastaatlicher bzw. semiprivater Gewaltakteure und die Konzentration auf nichtmilitärische Ziele unter Anwendung von nichtmilitärischen Methoden, sondern vielmehr ein Zusammenwirken dieser drei Faktoren. Nur wenn alle Drei zusammenkommen kann von neuen Kriegen gesprochen werden.

HEUPEL & ZANGL (2004, 346ff) unterscheiden vier Merkmale die zur Differenzierung zwischen alten und neuen Kriegen führen. Diese sind wie schon oben angeführt die Gewaltakteure, die Gewaltökonomie, die Gewaltmotive und die Gewaltstrategien. Damit stimmen sie mit Münkler überein und auch ich übernehme diese Kategorisierung in dieser Hausarbeit zur Herausarbeitung in wiefern es sich in der DRK um einen neuen Krieg handelt.

PAES & AUST (2003, 1229-1233) sehen den Staatszerfall sowohl als Voraussetzung als auch als Folge von diesen neuen ökonomisch orientierten Kriegen. Während in der Zeit des Kalten Krieges vor allem Militärdiktaturen in der Dritten Welt entstanden sind, welche stark finanziell von ihren Verbündeten abhängig waren, so hat seit den 90er Jahren mit dem Ende des Kalten Krieges und dem damit sinkenden Interesse der Industriestaaten an den Entwicklungsländern zu einer dramatischen „Erosion des staatlichen Gewaltmonopols“ geführt (PAES & AUST 2003, 1231). Durch den Prozess der Globalisierung wird diese Privatisierung der Gewalt beschleunigt, denn auch die Waffenmärkte sind „globalisiert“, d.h. das Netzwerk der internationalen Schattenwirtschaft hat sich enorm ausgebaut. Dies ist der eigentliche Grund für die lange Dauer solcher Konflikte, denn jeder Warlord ist auf internationale Märkte als Abnehmer erbeuteter Ware aber auch als Nachschublieferant von Waffen und Munition, angewiesen (vgl. PAES & AUST 2003, 1232).

2.3. Zwischenfazit

Wie nun deutlich geworden ist, hängen Staatszerfall und das Entstehen eines „neuen“ Krieges eng zusammen. Wann und ob der Staat Kongo nun tatsächlich kollabiert ist, ist noch strittig. Sicher ist jedoch, dass seit Mitte der 70er der Zerfall des Staates stark an Intensität zunahm und dass die Demokratische Republik Kongo heute als ein failed state zu betrachten ist. Die Anmerkung Münklers, dass man die neuen Kriege auch als Staatszerfallskriege bezeichnen kann wirft in Bezug auf den Kongo die Frage auf, seit wann es sich hier um einen neuen Krieg handelt und ob nun beides – Staatszerfall und ein neuer Krieg - gleichzeitig aufgetreten ist oder nacheinander – erst der Staatszerfall und dann das Auffüllen des Machtvakuums durch Warlords.

3. Historischer Abriss der DR Kongo

3.1. Die Kolonialzeit

Schon bevor die DR Kongo belgische Kolonie wurde, betrieben die Portugiesen im 16. Jahrhundert einen regen Handel mit dem Bakongo-König. Leopold II erkannte den unermesslichen Reichtum des Landes und erklärte die Unabhängigkeit des Kongo mit Ihm als Souverän. Er betrachtete die DRK als seinen Privatbesitz und beutete ihn nach allen Regeln der Kunst aus (PABST 2005, 3-4). Elfenbein und Kautschuk spielten die Hauptrolle, hierbei schreckte man vor Gewaltanwendung gegenüber der ansässigen Bevölkerung, welche diese Produkte beschaffen sollte, nicht zurück (vgl. SCHICHO 1999, 212-214). Schätzungen zufolge kostete diese frühe Kolonialzeit bereits über drei – Stimmen behaupten sogar bis zu zehn - Millionen Menschen das Leben (vgl. SCHICHO 1999, 213 und PABST 2005, 5). Unter massivem Druck der Weltöffentlichkeit musste König Leopold II schließlich einlenken und übergab 1908 den Kongo an Belgien, welches den Kongo weiterhin als Rohstofflieferant ausbeutete (PABST 2005, 4-5). Noch einschneidender für das soziale Leben entpuppte sich die von den Belgiern angestrebte Klassengesellschaft, welche diese mittels Bevorzugung bestimmter Volks- und Gesellschaftsgruppen aufbauten. Gefördert wurde dies vor allem durch die Missionen die das Recht auf Erziehung für sich beanspruchten. Der Tribalismus, der auch heute noch eine maßgebliche Rolle spielt, wurde somit zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffen und vertieft. Anfang des 20. Jahrhunderts waren schon zahlreiche Minenrechte vergeben, vornehmlich mit Monopolstellung, riesigen Flächen und über extrem lange Laufzeiten. Häufig wird von einer „Dreieinigkeit“ – der Bürokratie, von Kolonialunternehmen und der Missionen – des belgischen Kolonialismus gesprochen. Wie in anderen Kolonien auch, wurden hier die Kolonialherren und Mitglieder der belgischen Gesellschaft, der indigenen Bevölkerung höhergestellt. Anfang der 50er Jahre realisierten die belgischen Machthaber zwar, dass eine Veränderung dringend erforderlich ist, gerade im Sozialwesen, denn es formierten sich allmählich politische Gruppierungen die zumeist ethnisch-nationalistisch motiviert waren und sich gegen die Kolonialherren aussprachen. Deshalb wurde vor allem das Bildungs- und Gesundheitswesen reformiert, so dass der Zugang für große Bevölkerungsgruppen möglich wurde. Damit sollte das kongolesische Kleinbürgertum gefördert und so die Unabhängigkeitsforderungen abgewehrt werden. Diese Rechnung ging allerdings nicht auf, wie die Unabhängigkeit seit dem 30. Juni 1960 zeigt (vgl. SCHICHO 1999, 211-219).

3.2. Die Unabhängigkeit im Jahre 1960, die Ermordung Lumumbas und die Machtergreifung Mobutus

Lumumba ist schon in den 50er Jahren sowohl den Belgiern, als auch den Amerikanern ein Begriff und mit seiner nationalistischen Einstellung und guten Beziehungen zu belgischen Kommunisten sehr suspekt. Als Führer der MNC, kämpfte er für das Ende der Kolonialherrschaft Belgiens, was schlussendlich zu seiner Inhaftierung Ende 1959 führt. Als Sieger der im Mai 1960 durchgeführten Wahlen, gehen die nationalistisch ausgerichteten Gruppierungen hervor, unter ihnen auch Patrice Lumumba (DE WITTE 2001, 33-34). Am 30. Juni 1960 am Tag der Unabhängigkeit spricht der kongolesische Premierminister Lumumba vom Sieg der Kongolesen und verurteilt das belgische Kolonialsystem als eine „demütigende Sklaverei, die uns mit Gewalt aufgezwungen wurde“ (DE WITTE 2001, 29-30). Damit hatte sich zum ersten Mal ein Kongolese, direkt an die gesamte Nation gewandt. Lumumba setzte sich zum Ziel, eine Demokratie im Kongo aufzubauen und alle westlichen und kolonialistischen Einflüsse abzuwehren bzw. zu beseitigen. Dies stimmte natürlich überhaupt nicht mit den Zielen Belgiens überein, welche nur eine nach außen hin gerichtete Scheinunabhängigkeit erlauben und ansonsten ihren Einfluss weitestgehend beibehalten wollten. Es sollte die einfache Formel „Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit“ gelten (DE WITTE 2001,34-36). Es folgte eine Meuterei der Forces Publique, welche als Eroberungsarmee gegründet wurde und deren Zweck, während des Kolonialismus in der Instandhaltung des inneren Friedens, mittels Unterdrückung, lag. Nach der Unabhängigkeit hatten die kongolesischen Soldaten mit Aufstiegschancen gerechnet. Die Rebellion wurde von Lumumba gestützt und er enthob den belgischen Oberbefehlshaber Janssens seines Amtes (DE WITTE 2001, 36-37). Es kommt zunehmend zu Sezessionsrebellionen in verschiednen Provinzen, was vor allem daran liegt, dass Lumumba eine zentrale Regierungsform anstrebte, während viele Provinzen ein föderales System wünschten. Hierzu zählt auch die Rebellion in der Provinz Katanga unter Moise Tshombe, der stärkste Gegenspieler Lumumbas. Das Eingreifen belgischer Truppen, angeblich zum Schutz von europäischen Zivilisten, diente aber vielmehr dazu, Tshombe die notwendige Zeit zur Vorbereitung der Sezession zu geben, welche am 11.07.1960 erfolgte (vgl. hierzu auch NDIKUMANA & EMIZET 2005, 65-67). Nachdem Lumumba die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten hatte, sendete diese zwar eine Mission in den Kongo, die ONUC (Organisations des Nations Unies au Congo) aber ohne ein Mandat zur Einsetzung von Zwangsmitteln (DE WITTE 2001, 37ff). Indessen erfolgte der Sezessionskrieg in der Provinz Süd-Kasai (vgl. NDIKUMANA & EMIZET 2005, 67-68) ab August, woraufhin Lumumba wegen angeblicher Massaker im September von Staatspräsident Kasavubu entlassen wurde. Dies erfolgte durch das zutun des US-Amerikanischen UNO-Mitarbeiters Andrew Cordier (PABST 2003, 11 und vgl. auch DE WITTE 2001, 44ff). Während dieser ganzen Zeit war die Planung zur Beseitigung Lumumbas schon in vollem Gange gewesen. Die CIA sowie die UNO diskutierten „[...] ihn physisch zu vernichten, ihn außer Gefecht zu setzen oder aber seinen politischen Einfluss zu eliminieren “ (DE WITTE 2001, 51-52). Die Absetzung der Regierung Lumumbas ist eine Folge vieler Verfassungsbrüche unter maßgeblicher Beteiligung des Westens (nachzulesen bei DE WITTE 2001). Schon früh hatte man damit begonnen, den Antagonisten Joseph-Désiré Mobutu aufzubauen, denn dieser brachte seine prowestliche Gesinnung auch schon vor der Unabhängigkeit deutlich zum Ausdruck. Er hatte zunächst dem belgischen Geheimdienst später dann der CIA, gedient. Lumumba hatte auf diese Gerüchte nicht geachtet und beförderte Mobutu zum Stabschef der ANC (Armée Nationale Congolaise). Mobutu konnte seine Machtposition Schritt für Schritt ausbauen und putschte zum ersten Mal am 14.09.1960, blieb jedoch vorerst im Hintergrund, um dann ein zweites Mal im November 1965 zu putschen, dieses Mal ernannte er sich als Präsident auf Lebenszeit (PABST 2003, 12). Lumumbas Ermordung erfolgte am 17.01.1961 auf Anweisung der CIA und Belgiens, welche jedoch die Tat bis heute leugnen (vgl. DE WITTE 2001, 144ff).

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo - ein 'neuer' Krieg?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
OS „Konfliktregelung in der internationalen Politik – ausgewählte Fallanalysen zum Staatszerfall und Intervention“
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V62981
ISBN (eBook)
9783638561228
ISBN (Buch)
9783638657129
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Demokratischen, Republik, Kongo, Krieg, Politik, Fallanalysen, Staatszerfall, Intervention“
Arbeit zitieren
Melanie Kudermann (Autor), 2006, Der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo - ein 'neuer' Krieg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62981

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