Analyse der Grundstruktur einer soziologischen Systemtheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Grundlegende Mechanismus des Lebendigen

3. Realität als Konstrukt

4. soziale Autopoiesis

5. Contra

6. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Niklas Luhmann (1927-1998), ein wichtiger Denker und soziologischer Autor des 20. Jahrhunderts stieß mit seinen Aufsätzen und Büchern, innerhalb der soziologische Disziplin, seit Mitte der Sechsziger Jahre immer wieder auf Kritik und Widerspruch. Er war umstritten, kompliziert, vielleicht nicht gerade sehr beliebt. Beispielsweise hatte Luhmann fast nie einen Assistenten, da er wie er selbst sagte, keinen benötigte. Seine Vorlesungen wurden primär von ausländischen Gaststudenten gehört, als von den Direktstudenten der Soziologie[1]. War Luhmann ein Außenseiter? Wurde er vielleicht anfangs nicht ernst genommen oder bewusst ignoriert? Vielleicht weil er ursprünglich Jurist und Verwaltungswissenschaftler war und deshalb vorerst keine soziologische Kompetenz vorweisen konnte, oder gerade weil er bei seinem Studium der Verwaltungswissenschaft 1960 – 1961 auf der Harvard University in Boston, Massachusetts Bekanntschaft mit Talcott Parsons (1902 – 1979) machte[2] und somit auf den damals wichtigsten Vertreter der Soziologie weltweit traf, bei ihm hörte und seine Theorie aufgriff um sie weiter zu entwickeln?

In der folgenden Zeit entfaltete Niklas Luhmann, angeregt durch Parsons, sein Interesse an sozialwissenschaftlichen Materien und bildete seinen eigenen Stil. Er wurde wenig später Abteilungsleiter der Sozialforschungsstelle der Universität Münster (1965 -1968) auf Einladung von Helmut Schelsky, was ihm die Bekanntschaft sowie tiefe Einblicke in das Denken eines weiteren wichtigen Soziologen der Nachkriegszeit bescherte. Bei ihm und Dieter Claessens (1921-1997) habilitierte er für Soziologie (1966) und wurde ab 1968 ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. 20 Jahre Studium verschiedener Wissenschaften, gekennzeichnet von mehreren Arbeits- beziehungsweise Forschungsaufenthalten, Bekanntschaften zu wichtigen Autoren der Geistes- und Sozialwissenschaft sowie zwei Promotionen und die bereits genannte Habilitation waren somit abgeschlossen und Luhmann konzentrierte sich ab nun auf seine Aufgabe als Soziologieprofessor in Bielefeld und verfasste in dieser Zeit seine großen Werke.

Sein Thema lautet: „Moderne Systemtheorie als Form gesamtgesellschaftlicher Analyse.“[3] Die daraus abgeleitet Frage heißt: „Kann Gesellschaft angemessen begriffen werden, wenn man sie als System begreift?“[4] Luhmann denkt sich Gesellschaft als soziales System, welches nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, spezielle Strukturen besitzt, welche für den Erhalt und die Ordnung des sozialen Systems, der Gesellschaft verantwortlich sind. Das einzelne Individuum spielt in Luhmanns Theorie eine untergeordnete Rolle. Diese so genannte Verbannung des Individuums in die Umwelt des sozialen Systems Gesellschaft sorgt für einen Bruch mit der traditionellen Soziologie, wie man sie beispielsweise von Georg Simmel kennt. Laut ihm ist Gesellschaft eine unmittelbar zwischen Individuum und Individuum stündlich und lebenslang hin und her gehende Wechselwirkung, welche verfestigt und zu einem dauernden Rahmen und Gebilde wurde. Der Mensch ist bei Simmel dadurch bestimmt, dass er in Wechselwirkung mit anderen lebt, also in jedem Augenblick seines Seins und Tuns ein gesellschaftliches Wesen ist[5]. Nach Luhmann ist Simmels Auffassung ein Erkenntnisblocker. Demnach besteht Gesellschaft nicht aus konkreten Menschen und aus Beziehungen zwischen ihnen[6]. Gesellschaft konstituiert sich auch nicht durch einen Konsens der Menschen, durch eine Übereinstimmung im Diskurs. Weiterhin ist Gesellschaft keine regionale begrenzte Einheit , sodass Brasilien eine andere Gesellschaft wäre als beispielsweise Thailand[7]. Luhmann sagt: „Die Soziologie hat seit über 100 Jahren keine Fortschritte mehr gemacht!“[8] Eine These die ich als ziemlich rebellisch wenn nicht sogar revolutionär bezeichnen möchte. Diese Kritik durch Luhmann an soziologischen Klassikern[9] macht ihn interessant und spannend. Seine Theorie sozialer Systeme wirkt wie eine soziologische Disziplin außerhalb der Soziologie. In dessen Umwelt sozusagen.

Diese kleine Einführung in den Werdegang und das Denken Niklas Luhmanns sollte eine erste Anregung sein, um dem Leser einen Vorgeschmack auf den folgenden Aufsatz zu geben. Gegenstand dessen ist eine Analyse des Luhmannschen Konzeptes von, sowie der Beschreibung sozialer Systeme als autopiesische Systeme. Autopoiesis als ursprünglicher Begriff aus dem wissenschaftlichen Bereich der Biologie scheint etwas fehl am Platze, wenn man sich mit soziologischen Schwerpunkten befassen will. Allerdings wird dadurch deutlich, was das spezielle an Luhmanns Methodik ist. Er versucht bewusst andere Wissenschaften[10] zum Vergleich heran zu ziehen und versucht essentiell deren Semantik zu kopieren. Dies erinnert unwesentlich an die Ursprünge der Soziologie als Sie noch als soziale Physik bezeichnet wurde[11]. Vielleicht ist dies bewusst von ihm gewählt indem er 150 Jahre soziologische Theorie ausklammert und dort von neuem Anfängt wo seiner Meinung nach Emile Durkheim u.a. ihre Prioritäten falsch setzten. Er bezeichnet die „partiellen Gesellschaftsbegriffe“ des 19. Jahrhunderts als Übergangserscheinungen[12]. Es stellt sich die Frage welchen Übergang er meint? Zwischen Aristoteles und Ihm, den er gern in seinen Werken zu Rate zieht?[13] Eine Klärung dieser Frage ist leider nicht Gegenstand dieses Aufsatzes, verdeutlich allerdings sehr den großen Anspruch, den er an sich selbst stellt..

Im folgenden steht nun die Methodik Luhmanns zur Debatte. Ich werde sein Konzept der Autopoiesis vorstellen und anhand verschiedener Autoren diskutieren. Selbstverständlich wird Luhmann selbst zu Wort kommen. Auch werde ich den Konstruktivismus erläutern, dessen Erkenntnistheorie eine wesentliche Grundlage Luhmannschen Denkens erklärt. Als These, beziehungsweise Frage, möchte ich Luhmanns Rätsel: „Kann Gesellschaft angemessen begriffen werden, wenn man sie als System begreift?“ etwas verändern und folgendermaßen formulieren: „Kann Gesellschaft angemessen begriffen werden, wenn man sie mit Hilfe biologischer Erkenntnisse konstruktivistisch als autopoiesisches, sinnhaftes Kommunikationssystem begreift?“

2. Der grundlegende Mechanismus des Lebendigen

Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, zwei chilenischen Biologen und Philosophen, hatten einen sehr großen Einfluss auf das Werk Luhmanns, da er von ihnen das Konzept der Autopoiesis übernahm und in seine Theorie sozialer Systeme integrierte. Der Begriff Autopoiesis, ein Kunstwort das aus dem griechischen Wort autos (selbst) und poiein (machen) zusammengesetzt ist, wurde 1972 von Maturana und Varela erfunden. Autopoiesis soll ausdrücken, dass Systeme (lebende Systeme) die Fähigkeit besitzen sich selbst zu organisieren und reproduzieren[14]. Lebewesen sind demnach durch ihre autopoietische Organisation charakterisiert. Maturana und Varela weisen darauf hin, dass verschiedene Lebewesen (verschiedene lebende Systeme) sich durch verschiedene Strukturen unterscheiden, aber im Bezug auf ihre Organisation, das heißt im Bezug auf ihre Autopoiesis gleich sind[15]. „Die eigentümlichste Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, dass es sich sozusagen an seinen eigenen Schnürsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu konstituiert.“[16] Das bedeutet ein so genanntes System entsteht durch eine Abgrenzung zu einer bestimmten Umwelt, was wiederum ein anderes System sein kann. Diesen Zusammenhang greift Luhmann ebenfalls auf und macht ihn als System-Umwelt-Differenz zu einem Schwerpunkt innerhalb seiner Theorie. Weiter im Text beschreiben die beiden Biologen, dass es den Lebewesen eigentümlich ist, dass das einzige Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis. „Das Sein und das Tun einer autopoietischen Einheit sind untrennbar, und dies bildet ihre spezifische Art von Organisation.“[17] Anzumerken ist das Varela und Maturana die Autopoiesis als grundlegenden Mechanismus des Lebendigen bezeichnen und sich dabei auf ihre Mikrobiologie beziehen. Wenn sie von Autopoiesis sprechen meinen sie in der Regel zelluläre Autopoiesis, welche dafür sorgt das mit Hilfe biochemischer Prozesse eine Zelle mit Hilfe der Elemente aus der sie besteht, diese Elemente selbst erzeugt[18]. Diese Zellen (lebende Systeme) produzieren sich also selbst. Stoffe die sie produzieren aber für ihre Evolution nicht benötigen werden an die Umwelt abgeben. Anders herum nimmt ein lebendes System nur Produkte von der Umwelt auf, welche es für die eigene Selbstproduktion benötigt. Luhmann beobachtet das Kommunikationen (Einheiten sozialer Systeme) ähnlich ablaufen. Kommunikationen nehmen demnach nur aus ihrer Umwelt das auf, was zu ihr passt. Was anschlussfähig ist[19].

Maturana und Varela geht es nicht um die Beantwortung der Frage wie lebende Systeme in einer Umwelt bestehen können, sondern es geht ihnen um die Frage nach dem Grundlegenden Prinzip des Lebens selbst.[20] Nur Leben produziert Leben und nichts von außen kann Leben hinzufügen. „Leben ist Autopoiese, oder genauer: Leben ist autopoietisch organisiert. Alle Systeme, die zur Autopoiese fähig sind, sind lebende Systeme.“[21] Mann erkennt gut den universalistischen Anspruch dieser Theorie innerhalb ihrer Disziplin. Das grundlegende Prinzip des Lebens soll erklärt werden. Ein fast schon religiöser Akt. Die Antwort ist Autopoiesis. Maturana und Varela schreiben: „Das Erscheinen der autopoietischen Einheiten auf der Oberfläche der Erde markiert einen Meilenstein in der Geschichte dieses Sonnensystems.“[22]

[...]


[1] Karl-Siegbert Rehberg berichtete dies im SS 2006 an der TU Dresden.

[2] Biografische Daten entnommen aus: http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/luhmann/26bio.htm .

[3] Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorie als Form gesamtgesellschaftlicher Analyse, in: Ders.: Soziologische Aufklärung 1, Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln/Opladen 1970, S. 253.

[4] Ebd.

[5] Simmel, Georg: Das Gebiet der Soziologie, in: Schriften zur Soziologie, eine Auswahl, 3. Auflage, Frankfurt a. Main 1989, S. 37 -52.

[6] Luhmann, Niklas: Gesellschaft als Soziales System, in: Ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt a. Main 1997, S. 24.

[7] Ebd., S. 25.

[8] Ebd., S. 20.

[9] Bsp.: Kritik an Emile Durkheim: „Die Analyse von sozialen Tatsachen reicht nicht aus, da die Soziologie selbst eine Tatsache ist!“, Ebd., S. 16ff.

[10] Biologie, Kybernetik, u.a.

[11] Vgl.: Bock, Michael: Auguste Comte, in: Kaesler, Dirk: Klassiker der Soziologie 1, 4. Auflage, München 2003, S. 39 -57.

[12] Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorie als Form gesamtgesellschaftlicher Analyse, in :Ders.: Soziologische Aufklärung 1, Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln/Opladen 1970, S. 254.

[13] Bsp.. Luhmann, Niklas: Gesellschaft, in: Ders.: Soziologische Aufklärung 1, Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln/Opladen 1970, S. 137f.

[14] Fürnkranz, Wolfgang: Autopoiesis – Der Deus ex Machina der Systemtheorie, in: Hörmann, Georg (Hrsg.): Im System gefangen, Zur Kritik systemischer Konzepte in den Sozialwissenschaften, Münster 1994, S. 146f.

[15] Maturana, H.; Varela, F.: Der Baum der Erkenntnis, Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, Bern München Wien 1987, S. 55f.

[16] Ebd., S. 54.

[17] Ebd., S. 56.

[18] Ebd., S. 58f.

[19] mehr dazu in Kapitel 4.

[20] Stark, Carsten: Autopoiesis und Integration, Eine kritische Einführung in die Luhmannsche Systemtheorie, Hamburg 1994, S. 27.

[21] Ebd.

[22] Maturana, H.; Varela, F.: Der Baum der Erkenntnis, Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, Bern München Wien 1987, S. 59f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Analyse der Grundstruktur einer soziologischen Systemtheorie
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Luhmann Lektüren
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V63002
ISBN (eBook)
9783638561389
ISBN (Buch)
9783638658805
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Grundstruktur, Systemtheorie, Luhmann, Lektüren
Arbeit zitieren
Erik Buder (Autor), 2006, Analyse der Grundstruktur einer soziologischen Systemtheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63002

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