Der einstige Titel des Gedichtes „Einem, der vor der Tür stand“, nämlich „Que sont mes amis devenus?“ 5 scheint einen Hinweis auf einen Freund, womöglich auf einen falschen, vielleicht auch auf eine reale Person zu geben. Es könnte auch der Schluss gezogen werden, dass es sich bei dieser getilgten Überschrift um einen Versuch handelt, die Interpreten davon abzuhalten, den vor der Tür stehenden als Golem zu identifizieren. Ob nun bloße Irreführung oder eine Gleichsetzung mit einer existierenden Person das Motiv war, geht aus dem Inhalt nicht hervor, der einstige Titel erscheint nicht im Druck der „Niemandsrose“ und Celans Gedichte werden folglich nach ihrer ersten Zeile benannt, da jegliche bezeichnenden Überschriften fehlen. Es liegt auch nahe, bei den falschen Freunden eine Parallele zur „Goll-Affäre“ zu ziehen, welche etwa ein Jahrzehnt vor der Publikation der „Niemandsrose“ durch eine Plagiat-Anschuldigung begann. In Paris lernte Paul Celan den Leukämiepatienten und Lyriker Yvan Goll kennen und übersetzte auf dessen Wunsch einige seiner Gedichtszyklen aus dem Französischen ins Deutsche. Drei Jahre nach dem Ableben von Yvan Goll wurde Celan durch die erste private Beschuldigung von Claire Goll bezichtigt, die letzten entstandenen Verse ihres Ehemannes für den Band „Mohn und Gedächtnis“ verwendet zu haben. Paul Celan war zutiefst erschüttert, versuchte stets die Anschuldigungen von sich zu weisen, vermutete eine antisemitische Kampagne hinter den Plagiatsvorwürfen und wurde zusehends misstrauischer. Bis zu seinem Tod versuchte Celan seine poetische Integrität zu verteidigen und chiffrierte in seinen Gedichten die Erschütterung über diesen Rufmordversuch. Die Übersetzung der einstigen Überschrift, folglich: „Was sind meine Freunde geworden?“ ließe nun den Schluss zu, in die Richtung zu interpretieren, dass ein einstiger Freund, namentlich die Witwe Goll, zu einem Feind geworden war. [...]
Inhaltsverzeichnis
Kurzbiographie Paul Celans
Einführung und Hintergründe zu dem Gedicht
Das Gedicht „Einem, der vor der Tür stand“
Interpretation
Die Gestalt des Namenlosen als Golem
Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Einem, der vor der Tür stand“ von Paul Celan auf seine Bezüge zur Golem-Motivik. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern die namenlose, im Gedicht auftretende Gestalt als Golem identifiziert werden kann und welche Rolle Rabbi Löw in diesem Zusammenhang spielt.
- Biografische Einordnung von Paul Celan unter Berücksichtigung historischer und persönlicher Belastungen.
- Analyse des Gedichts „Einem, der vor der Tür stand“ im Kontext der Golem-Sage.
- Untersuchung der Rolle von Rabbi Löw als symbolische Instanz der Schöpfung und Zerstörung.
- Intertextueller Vergleich mit kabbalistischen Schriften und der Interpretation durch Gershom Sholem.
- Interpretation der Metaphorik von Wort, Schrift und dem „lebendigen Nichts“.
Auszug aus dem Buch
Die Gestalt des Namenlosen als Golem
Um nun den Golem hinter der Gestalt des Eintretenden ausmachen zu können, stütze ich mich auf den Aufsatz Gershom Sholems: „Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen.“, wobei ich mich in erster Linie auf Aussagen beschränken werde, die der Deutung der namenlosen Figur in Paul Celans Gedicht „Einem, der vor der Tür stand“ dienlich erscheinen. Sigrid Mayer befasste sich in ihrem Buch „Golem“ sehr ausführlich mit der mystischen Gestalt, wobei sie sich primär auf Sholem berief, was mich dazu veranlasste, den Aufsatz Sholems für meine Interpretation zu verwenden.
Adam, als das erste Geschöpf Gottes, entspricht dem Golem nicht nur durch seine tellurische Zusammensetzung. „Adam ist das von der Erde genommene und ihr wiederum verfallende Wesen, dem durch einen Anhauch Gottes das Leben und die Sprache verliehen wurden.“ Vielmehr wird Adam in seiner unbeseelten, unbehauchten Gestalt als Golem bezeichnet. Interessant ist zu vermerken, dass am Ende der Schilderung der ersten zwölf Stunden von Adams erstem Tag „in Psalm 49:13 heißt: Und Adam, in Herrlichkeit bleibt er nicht eine Nacht.“ In Celans Gedicht betritt die namenlose Gestalt das Haus eines Abends, hinter ihr wird auch, noch ehe der Morgen angebrochen, die Abendtür wieder zugeworfen. Würde man nun das Verbleiben Adams mit der vermeintlichen Golemfigur gleichsetzen, so ergäbe sich daraus eine Parallele, denn auch die Gestalt verbleibt nicht eine Nacht.
Zusammenfassung der Kapitel
Kurzbiographie Paul Celans: Dieser Abschnitt zeichnet das Leben des Dichters von seiner Geburt in Czernowitz bis zu seinem Tod in Paris nach und beleuchtet prägende Erfahrungen wie die Zeit im KZ und die „Goll-Affäre“.
Einführung und Hintergründe zu dem Gedicht: Es wird die Entstehungsgeschichte des Gedichts analysiert, wobei besonders der ursprüngliche französische Titel und die Verbindung zu persönlichen Krisen Celans eine Rolle spielen.
Das Gedicht „Einem, der vor der Tür stand“: Wiedergabe des Originaltextes des Gedichts für die nachfolgende Analyse.
Interpretation: Eine detaillierte Textanalyse, die das Gedicht in drei Teile gliedert und die Symbolik der handelnden Gestalten – Rabbi Löw, das lyrische Ich und der Namenlose – untersucht.
Die Gestalt des Namenlosen als Golem: Dieser Hauptteil vergleicht die im Gedicht beschriebenen Merkmale der namenlosen Figur mit kabbalistischen Golem-Definitionen, insbesondere nach Gershom Sholem.
Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass eine eindeutige Identifizierung zwar nicht beweisbar, aber aufgrund der Metaphorik und der Nennung von Rabbi Löw höchst wahrscheinlich ist.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Golem, Rabbi Löw, Niemandsrose, Kabbala, Gershom Sholem, Judentum, Literaturanalyse, Kielkropf, Metaphorik, Sprachlosigkeit, Mystik, Gedichtinterpretation, jüdische Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung eines spezifischen Gedichts von Paul Celan unter dem besonderen Aspekt mythologischer Einflüsse.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Golem-Motivik, die kabbalistische Mystik und die poetische Verarbeitung von Identität und Leid durch Paul Celan.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, ob die namenlose Figur in Celans Gedicht „Einem, der vor der Tür stand“ als eine Verkörperung der Golem-Sage verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutische Textinterpretation angewandt, die durch den Einbezug fachwissenschaftlicher Literatur zu Golem-Mythen und Celans Werk fundiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturelle Gedichtanalyse und einen anschließenden Vergleich mit den tellurischen und magischen Charakteristika des Golem nach Gershom Sholem.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben den zentralen Figuren wie Rabbi Löw sind Begriffe wie „lebendiges Nichts“, „Kielkropf“ und die „jüdische Tradition“ für das Verständnis der Argumentation entscheidend.
Warum wird im Gedicht explizit Rabbi Löw genannt?
Rabbi Löw gilt als die zentrale Figur der Golem-Sage; seine Nennung im Gedicht dient als intertextueller Verweis, der den Kontext der jüdischen Mystik aktiviert.
Welche Rolle spielen „Abendtür“ und „Morgentür“ im Gedicht?
Sie symbolisieren laut Interpretation den Beginn und das Ende der Schöpfung bzw. den sabbatischen Zyklus und unterstreichen die messianische Polarität im Text.
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- Jessica Draper (Author), 2003, Paul Celans "Einem, der vor der Tür stand" im Kontext der Golem Motivik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63030