"The Real Thing" als Spiegelung von Henry James' Ästhetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

Henry James und die Bewegung des Ästhetizismus

Hintergründe zu „The Real Thing”

Kurze Inhaltsangabe von „The Real Thing“

Die drei Bedeutungsebenen der Kurzgeschichte

Die Umsetzung des ästhetischen Begriffs in „The Real Thing“

Schlussfolgerung

Quellenangabe

Primärtext

Sekundärtexte

Henry James und die Bewegung des Ästhetizismus

Die Bewegung des Ästhetizismus im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts verdankt ihren Auftrieb verschiedensten Strömungen und Umständen jener Zeit. Die Bevölkerung des Viktorianismus, geprägt durch die Kolonialmacht Großbritanniens, Industrialisierung und Verstädterung erfuhr einen Umbruch des Denkens und einen durch verschiedenste Theorien begünstigten Glaubensverlust. Die Gesellschaft in dieser Epoche war verwirrt und ohne Halt, denn durch Darwins Beweis einer natürlichen Auslese und einer Abstammung des Menschen, war der sichere Glaube daran, Gott habe alles erschaffen, praktisch widerlegt. Durch den Umsturz aller Religionen verloren auch deren Glaubenssätze und moralische Forderungen an Einfluss. Auch die verschiedensten Theorien der Psychologie und der Philosophie begünstigten die moralische und spirituelle Krise dieser Zeit. Für das Proletariat, das gegen die argen Arbeitsbedingungen ankämpfte und für sich das Wahlrecht forderte, blieb durch den absurden Sozialdarwinismus kein Platz. Die Ästheten sahen sich als Gegenbewegung zum gängigen Kunstbegriff dieser Zeit, der durch sein Streben nach Wahrheit in Ausdruck und Darstellung definiert werden könnte. Der viktorianische Künstler sollte die Realität widerspiegeln, allerdings hierbei auf die zeitgemäßen moralischen, ethischen und religiösen Vorstellungen Rücksicht nehmen. Gegen diese Vorgaben rebellierten die kreativ Schaffenden der Bewegung des Britischen Ästhetizismus. Sie protestierten gegen die strengen sexuellen Moralvorstellungen, wollten schockieren, gegen die Etikette verstoßen, die Eigenheiten des Wahrnehmungsvermögens modifizieren, die eben dieses viktorianische Publikum charakterisierte.[1] Der Begriff des Ästhetizismus ist schwer zu definieren, da sich unter dem Dach dieses Namens eine Fülle von Freigeistern miteinander verbunden sahen. Laut Kant soll das Ästhetische als ein gesonderter Bereich von Erfahrungen verstanden werden, Pater jedoch sieht das Ziel des ästhetischen Schülers darin, die Fähigkeit zu erlangen, Schönheit auf einfachstem Wege darstellen zu können.[2]

Der Ästhetizismus in England verneint gewöhnlich die Existenz oder die Wichtigkeit von jedem Phänomen jenseits des künstlerischen Selbst. Pater geht sogar noch weiter, er äußert sich radikal solipsistisch, indem er den Standpunkt vertritt, dass alle unsere Eindrücke die Eindrücke eines Individuums in seiner Abgeschiedenheit, Isoliertheit, sind, und dass jeder Verstand seinen eigenen Traum der Welt wie einen einsamen Gefangenen unter Verschluss hält.[3] Der Ästhetizismus repräsentiert die Zusammenfassung zweier Gegensätze, die Erforschung von kulturellen Widersprüchen – aber ohne die Möglichkeit auszulassen, dem Widerspruch widersprechen zu dürfen.[4] Allein durch diese Definition ist bewiesen, wie schwer der Begriff dieser Bewegung zu fassen ist. Der Ästhetizismus kann im Wesentlichen durch drei gegenläufige Richtungen bestimmt werden. Die erste versteht die Erkenntnis der Zeit als Fluss und steht für die Suche nach perfekten Momenten, die solchen Fluss aufhalten können, die zweite legt Wert auf die Erkenntnis des Selbst in solipsistischer Isolation, also in Ich-Bezogener Einsamkeit, und auf die Sehnsucht nach Vollendung, die dritte Richtung wird durch eine Sehnsucht bestimmt, die Erfahrungen vom Kontakt mit der materiellen Welt reinigen soll und die den Aufschwungs des Ästhetizismus zu einer Form von hohem Ansehen in eben dieser Welt erwünscht.[5] Die L´art pour l´art Bewegung kann auch als Ausläufer des Ästhetizismus betrachtet werden. Hierbei geht es um die Kunst, um der Kunst willen, Kunst ist also Selbstzweck. Das Schöne wird als das Nutzlose schlechthin angesehen, das Nutzvolle als hässlich. Der Künstler erlebt nun eine Unabhängigkeit, die durch den Verfall der Aristokratie begünstigt wird, und erfährt dadurch auch seine Kunst als etwas von Allem unabhängiges. Der kreativ Schaffende dieser Zeit wahrt eine Distanz zu seinem bürgerlichen Publikum und dessen Wertvorstellungen, zu sozialem Engagement und neigt zu großer Interesselosigkeit, was öffentliche Pflichten betrifft. „Unparteilichkeit und Unpersönlichkeit gelten als künstler(ische) Tugenden.“[6] Der Ästhet sieht sich als autonom Tätiger, frei von jeglichen Verpflichtungen, keinerlei moralischen, religiösen, ethischen oder politischen Wertvorstellungen unterworfen.

Der Britische Ästhetizismus vollzog sich nun, dem Namen nach, in England, jedoch konnte sich die Neue Welt nicht von seinem Einfluss entziehen. Obgleich entscheidende Unterschiede zwischen den ästhetischen Strömungen verschiedener Länder und Gemeinschaften existierten, ist es den fiktionellen Arbeiten und der vorbildlichen Karriere von Henry James zu verdanken, dass die ästhetische Bewegung auch in Amerika Fuß fassen konnte.[7] In Boston formte sich eine Gruppe von Harvard Studenten, die sich selbst als Ästheten verstand. Sie behaupteten, dass ihr einziges Ziel sei, für die Sinne zu leben. Weiter im Westen Amerikas besaßen Städte wie Omaha oder Kansas City ihre eigenen Ruskin-Clubs, eigene Avantgarde Magazine und ihre eigenen rebellischen Schreiber, Dichter und Künstler.[8] In Kürze befanden sich die Amerikaner inmitten ihres eigenen kommerziellen `aesthetic craze´, um es mit den Worten des Autors Freedman auszudrücken, allerdings schien sich dieser `craze´ eher auf eine Reform der Innenarchitektur zu beziehen, denn auf eine philosophische Denkweise.[9] Das, was sich aus dem Britischen Ästhetizismus in Amerika entwickelte, ist nunmehr als House Beautiful bekannt. Das schöne Haus war etwas, nach dem man streben sollte, welches sorgfältig kreiert wurde, so dass das Haus selbst als Kunstwerk angesehen werden konnte und sollte.[10] Was durch diesen `craze´ der ästhetischen Heimdekorierung bezeugt werden kann, ist das Hervorkommen neuer Märkte für Haushaltswaren und die Entwicklung neuer Berufe innerhalb dieser. Anders in England, denn dort waren die bekennenden Ästheten lieber zu meiden. Die ästhetische Bewegung in England kann einerseits als philosophische Richtung verstanden werden, andererseits erscheint sie nach außen und rückblickend als eine schillernde Welt ohne Tabus; diesen Anschein erhielt der Britische Ästhetizismus wohl durch seine spektakulärste prominente Gestalt – Oscar Wilde. Der Schüler Walter Paters wird als Ikone des Dandytums angesehen, durch seine frivole Art schockierte Wilde nicht nur, sondern erlangte wohl auch dadurch erst seinen hohen Bekanntheitsgrad. Während sich Oscar Wilde mit seinen Theorien den neuen Kunstbegriff betreffend immer mehr von denen seines Lehrers entfernte, näherte sich Henry James eher der Theorie Paters an, entfernte sich jedoch bestimmt und ganzheitlich von Wildes Ansichten und Person.

Warum Henry James eine derartige Abneigung gegen Wilde pflegte, mag wohl darin liegen, dass beide Literaten mehr miteinander verband, als man annehmen würde. Zunächst war Wilde irischer Abstammung, somit ein gesellschaftlicher Außenseiter, ein Zugewanderter, wie auch Henry James, ein Wahlengländer aus Amerika. Allerdings stammten nahezu alle Ästheten aus Familien der Mittelklasse, da sie sich im Recht sahen, in dieser Welt Autorität für sich selbst zu fordern, sich als Vermittler der Ästhetik zu etablieren. Ein Anhänger des Schönen zu sein bedeutete, sich selbst als ein Mitglied einer Elite zu proklamieren, deren Ansehen auf Geschmack und Einsicht gestützt war, und nicht auf Herkunft, Reichtum oder auf andere Ausformungen der aristokratischen Sonderrechte.[11] Eine zweite Randgruppenzugehörigkeit wird beiden durch ihre homosexuellen Neigungen zuteil. Und hier mag das Problem liegen, welches Henry James schimpfen lässt, Wilde sei übermäßig ausschweifend, überladen und geschmacklos. James fühlte sich wohl eher unbehaglich wegen seiner homosexuellen Neigung, um so mehr machte es ihn wütend, Wildes offenen Umgang mit der Erotik hinnehmen zu müssen. Wohl äußerte sich James negativ über die Sexualität Oscar Wildes, um von seiner eigenen abzulenken. In Anbetracht dessen stellte der Ästhetizismus für James entweder eine losgelöste, aber überwachende Skopophilie, oder eine maßlose Liederlichkeit dar.[12] Nicht zu vergessen, dass die beiden Kontrahenten eine Plagiatsschlacht miteinander führten, wobei Wilde den Anfang machte. Eine dritte Gemeinsamkeit der Gegenspieler besteht wohl darin, dass beide stets versuchten, Ansehen in der britischen High Society zu erlangen, keiner jedoch in den obersten Kreisen je akzeptiert wurde. Das berühmte „Yellow Book“ des Britischen Ästhetizismus erfreute sich auch einer dreifachen Autorschaft durch Henry James, obgleich dieser sich, wohl eher im Nachhinein, gerne von der Bewegung distanziert sah. Interessant wäre es nun zu ergründen, inwiefern James seine Distanz zu den ästhetischen Ansätzen Paters und vielleicht sogar Wildes wahren konnte, ob ihm eine eigene Form der Ästhetik nahegelegt werden kann, und wie sich seine Theorie des Schönen in seinen Werken widerspiegelt.

Seine Kurzgeschichte „The Real Thing“ soll mir als Grundlage dienen, einen Ansatz zu James´ Ästhetik zu finden.

Hintergründe zu „The Real Thing”

Im Jahre 1893 veröffentlichte Henry James seinen Band „The Real Thing and Other Tales“, in dem die Kurzgeschichte „The Real Thing“ als erste angesehen werden kann, die sich speziell mit den Schwierigkeiten eines Künstlers auseinandersetzt, der gleichzeitig die Funktion des Erzählers innehat. Eines Tages unterhielt sich James mit George du Maurier, einem sehr bekannten Illustrator und Karikaturisten des Punch. Diese Zeitschrift wurde 1841 erdacht, bekannt gemacht als ein „New Work of Wit and Whim“, bot aber auch eine Reihe an moralisch kritischer Hinterfragung der politischen und sozialen Szene dieser Zeit. Berühmt wurde du Maurier vor allem auch durch sein erstes größeres Werk in diesem Magazin, eine Serie mit dem Titel „A Legend of Camelot“, welche die führenden Personen des Britischen Ästhetizismus und deren „Kult der Schönheit“ karikierte. Scheinbar trafen sich James und du Maurier des öfteren zu Diskussionen die Literatur und das Künstlertum betreffend, denn du Mauriers französisches Gedicht „Aux poètes de la France“ wurde durch eine Auseinandersetzung mit James über die Verwandtschaft englischer und französischer Verse inspiriert. Zu „The Real Thing“ verhalf James eine Geschichte von George du Maurier, der ihm eines Tages über ein Paar berichtete, das durch sein gemindertes Einkommen dazu gezwungen war, sich als Modelle für du Mauriers wöchentliche Illustration der englischen Oberschicht anzubieten. Deren Herkunft und Gebaren war tadellos. Sie mussten nicht posieren, um das Motiv darzustellen, sie waren „the real thing.“[13] James erinnert sich: „The question [...] struck me as exquisite, and out of a momentary fond consideration of it `The Real Thing´ sprang at a bound.”[14]

Kurze Inhaltsangabe von „The Real Thing“

Oberflächlich beschäftigt sich die Geschichte „The Real Thing“ mit dem Versuch des Erzählers, eines Künstlers, passende Modelle für eine Luxusausgabe eines Romans zu finden, welchen er illustrieren soll. Auf einer anderen Ebene handelt die Kurzgeschichte von den Gegensätzen äußerer Erscheinung und Realität, Stolz und Scham, und vom Schicksal der Opfer einer Gesellschaft, welche nur auf Äußerlichkeiten Wert zu legen scheint. Der Künstler beschäftigt zwei Modelle regelmäßig, welche sehr talentiert sind: ein Mädchen aus der englischen Unterschicht, Miss Churm, und später einen auffälligen Italiener, Oronte. Jedoch geht der Erzähler ein Experiment ein, indem er ein Pärchen engagiert, Mitglieder des englischen Adels, welche nach ihrem Geldverlust auf der Suche nach Arbeit sind. Sie sollten theoretisch die perfekten Modelle für Zeichnungen von aristokratischen Engländern sein, da sie zumal das „real thing“ sind. Allerdings sind die Monarchen keinesfalls gute Modelle, da sie nichts anderes darstellen können, denn sich selbst. Die von ihnen angefertigten Bilder erscheinen steif und gespielt, resultierend auch aus ihrer Erfahrung mit der Photographie, wo auf Statik hoher Wert gelegt wurde. Zudem wirken sie stets zu groß auf den Bildern, da der Künstler, welcher nicht aus dem Adel stammt, wohl in ihnen erhöhte Persönlichkeiten sieht. Ein Freund, Jack Hawley, sieht in deren Einfluss einen sich dauerhaft auswirkenden Schaden für das Geschäft des Künstlers, da ihn die Monarchen auf falsche Wege führen. Als sich zusätzlich sein Verlag negativ über die seltsamen Illustrationen der Adligen äußert, der Künstler dadurch beinahe seinen Auftrag verliert, entscheidet er bedauernd, seinen aristokratischen Modellen eine kleinere Summe Geld zu geben und sie zu entlassen. Obwohl das Paar sogar Hilfsarbeiten im Atelier des Künstlers ausführt, um seine Anstellung nicht zu verlieren, findet der Kontakt ein Ende. Was ihnen im Folgenden widerfährt bleibt ungewiss. Ein ironisches Ende für eine Geschichte, die über das Wesen der Wahrheit berichtet.

[...]


[1] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 4.

[2] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 5.

[3] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 35.

[4] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 8.

[5] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 9.

[6] Schulz, Georg-Michael. L’art pour l’art. In: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.). Metzler Literatur Lexikon. Stuttgart, 1990. Seite 60.

[7] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 11.

[8] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 79.

[9] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 105.

[10] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 106.

[11] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 48.

[12] Nach: Freedman, Jonathan. Professions of Taste. Henry James, British Aestheticism, and Commodity Culture. Stanford, 1990. Seite 143.

[13] Nach: Fadiman, Clifton (Ed.). The Short Stories of Henry James. New York, 1945. Seite 216.

[14] Fadiman, Clifton (Ed.). The Short Stories of Henry James. New York, 1945. Seite 216.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"The Real Thing" als Spiegelung von Henry James' Ästhetik
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Hauptseminar: Henry James
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V63031
ISBN (eBook)
9783638561587
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Real, Thing, Spiegelung, Henry, James, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Jessica Draper (Autor), 2003, "The Real Thing" als Spiegelung von Henry James' Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63031

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