Das Theodizee-Problem


Hausarbeit, 2002

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Überblick
2.1 Der theistische Gottesbegriff
2.2. Exposition des Problems
2.3 Das Theodizeeproblem aus analytischer Sicht

3. Lösungsversuche
3.1 Die Rechtfertigung des Übels
3.1.1 Das Leid als Mittel zum Guten oder aus dem Guten folgt das Leid
3.1.2 Gut und Böse bedingen sich logisch
3.1.3 Die Welt ist besser mit Übeln
3.1.4 Verteidigung mit Hilfe der Willensfreiheit
3.2. Umgehung des Problems
3.2.1 Gottes Existenz a priori annehmen
3.2.2. Aufgeben oder Modifizieren einer Prämisse
3.2.2.1 Aufgeben eines Gottesattributs
3.2.2.2 Leugnung des Übels
3.2.3 Die menschliche Vernunft ist zu begrenzt

4. Resümee

5. Schlußbetrachtung

6. Literatur

1. Vorwort

Wie kann man an Gott glauben, wenn man das gewaltige Ausmaß an Verbrechen, Naturkatastrophen, Kriegen, - schlicht das gesamte Elend des menschlichen Lebens ins Auge faßt? Für viele ist das der ausschlaggebende Punkt, für sich mit Gott abzuschließen, seine Existenz zu verneinen. Noch prekärer wird es, wenn Gott -wie im Theismus - als vollkommen gut, vollkommen mächtig, allwissend gedacht wird.

Einen Versuch, Gott angesichts der Übel in der Welt zu rechtfertigen nennt man Theodizee. Das Wort Theodizee setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen: Zum einen aus „theos“ (Gott); zum anderen aus dem Wort „dike“; auf deutsch: Recht. Übersetzt heißt Theodizee also „Gott rechtfertigen“. Der Begriff der „Theodizee“ stammt von Leibniz, dessen Rechtfertigungsversuch Gottes zu den bekannteren der Philosophiegeschichte gehört. Aber schon lange vor Leibniz wurde das Thema diskutiert; es zieht sich wie ein Faden durch die Philosophiegeschichte des Abendlandes. Besondere Beachtung findet das Thema allerdings erst in der Neuzeit, als sich die Vernunft vom Glauben emanzipiert. Peter Welsen nennt in seinem Artikel „Gott und die Übel der Welt“ zwei historische Ereignisse, die das Problem des Übels und die Frage nach der Rechtfertigung Gottes deutlich werden lassen: Zum einen „der Dreißigjährige Krieg [1618-.48], in dessen Verlauf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation die Hälfte seiner Bevölkerung einbüßte, sowie das Erdbeben, das 1755 Lissabon heimsuchte und innerhalb kürzester Zeit sechzigtausend Menschen in den Tod riß.“[1] Aufgrund jener Geschehnisse gewann die Frage, ob Gottes Güte mit den Übeln vereinbar sein kann, oder ob Er überhaupt die Macht besitzt, sie zu verhindern, an Aktualität.

In meiner Arbeit möchte ich die geläufigsten Möglichkeiten zur Lösung des Problems aufzeigen und deren Konsistenz diskutieren: Auf der einen Seite besteht nämlich die Möglichkeit zu argumentieren, daß Gott hinreichende, moralische Gründe besitzt, das Übel nicht zu verhindern; auf der anderen Seite wird versucht, das Problem zu umgehen,

indem man die Attribute Gottes modifiziert oder die Sichtweise auf das Übel ändert bzw. es leugnet. In meiner Darstellung möchte ich mich im Wesentlichen an Mackies Veröffentlichung „Das Problem des Übels“ aus dem Buch „Wunder des Theismus“ halten, und an David Humes Überlegungen, die er im zehnten und elften Kapitel der „Dialoge über natürliche Religion“ anstellt.

2. Überblick

2.1 Der theistische Gottesbegriff

Das Theodizeeproblem ist ein Problem theistischer Religionen: Erst aufgrund des Bildes vom vollkommenen Gott stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit mit dem Übel. Religionen, die eine Vielzahl von Göttern kennen, und jedem Gott eine andere Eigenschaft zuschreiben, können leicht ein Erklärungsmodell für das Übel in der Welt liefern. Sie glauben z.B., es gäbe einen Kampf zwischen einer guten und einer bösen Gottheit. Der Theismus aber beschreibt Gott als ein vollkommenes, moralisches Wesen, dem er drei wesentliche Prädikate zuschreibt: Gott ist allwissend, Gott ist allmächtig, Gott ist allgütig. Allwissenheit muß bedeuten, daß er alles weiß, was „...wißbar ist, kurz: was geschehen ist, was geschieht, geschehen wird und was geschehen könnte.“[2] Unter Gottes Allmacht ist zu verstehen, daß Er „...Macht über alle Zustände hat, die möglich sind. >Allmacht< bedeutet zumindest, daß Gott alles das, was keinen Widerspruch enthält, schaffen oder verändern kann.“[3] Allgüte meint, daß „... ein Wesen, das vollkommen gut ist, [immer Dinge] will und tut ..., die gut sind.“[4] Gott wird demnach als ein Wesen mit unendlichen Eigenschaften präsentiert; wobei die Eigenschaften selbst recht menschlich anmuten. Philo betrachtet in Humes „Dialoge über natürliche Religion“ dieses Gottesbild folgerichtig als anthropomorph.[5]

2.2. Exposition des Problems

Die drei oben genannten Prädikate werfen ein Problem auf, wenn man das Leid in der Welt betrachtet. Wieso läßt ein so vollkommen gütiges, vollkommen mächtiges, allwissendes Wesen seine Geschöpfe so leiden? Warum müssen Kinder an qualvollen Krankheiten sterben; warum werden Menschen durch Naturkatastrophen getötet? Schon Epikur fragte:

„Will er Übel verhindern und kann nicht? Dann ist er ohnmächtig. Kann

er und will nicht? Dann ist er übelwollend. Will er und kann er? Woher

dann das Übel?“[6]

In diesen kurzen Zeilen erläutert Epikur das Problem: Wie kann es einen allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gott geben, der Leid zuläßt? Muß man diesem Gott seine Existenz absprechen? Hätte Gott nur zwei der genannten Eigenschaften, würde sich kein Widerspruch ergeben. Zwei Eigenschaften ließen sich mit dem Übel in der Welt in Einklang bringen; erst durch die dritte entsteht ein scheinbar unlösbarer Widerspruch: Wäre Gott nur allgütig und allmächtig, so könnte man ihn dadurch entschuldigen, daß er nicht wußte, welch unvorstellbares Leid die Welt für seine Kreaturen hervorbringen würde. Aber ein allwissendes Wesen muß es gewußt haben und wissen. Wäre er nur allgütig und allwissend, so könnte man meinen, es stünde nicht in seiner Macht, das Leid zu verhindern. Es scheint, als gäbe es keinen Grund, der ein Wesen mit den drei Vollkommenheitsprädikaten entschuldigen könnte.

2.3 Das Theodizeeproblem aus analytischer Sicht

Wie in Punkt 3 gezeigt, scheint ein Widerspruch aus der Annahme Gott sei allwissend, allmächtig, allgütig und der Feststellung, es existiert Leid in der Welt zu folgen. Viele Atheisten sehen das Theodizeeproblem als einen Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Demnach bezeichnen sie das Leid oft als „Fels des Atheismus“. Dies scheint jedoch übertrieben, denn beweisen kann es höchstens, daß ein Gott mit solchen Eigenschaften nicht existiert; jedoch nicht: Gott existiert nicht.

Doch muß man das Problem genauer betrachten; hier in formaler Form:

(1) Gott ist allgütig, allwissend, allmächtig.
(2) Es existiert Leid in der Welt.
(3) Ein allgütiger, allmächtiger, allwissender Gott existiert nicht.

Bisher haben wir angenommen aus (1) und (2) müßte zwingend (3) folgen. Muß es aber nicht! (1) und (2) können formal nebeneinander bestehen, ohne daß daraus (3) folgt. Der Skeptiker muß eine Prämisse hinzufügen, um einen Widerspruch zu erhalten. Er meint, aus (1) ableiten zu können:

(1a) Ein allmächtiger, allgütiger, allwissender Gott beseitigt das Übel.

Nur mit Hilfe dieser Zusatzprämisse erhalten wir einen eindeutigen Widerspruch, aus dem (3) folgt. Skeptiker folgern aus (1) die Annahme (1a). Theisten lehnen verständlicherweise diese Folgerung ab. Sie behaupten:

(1b) Gott hat einen Grund, die Übel nicht zu beseitigen.

Das Problem des Übels stellt sich nicht eindeutig als ein logisches Problem dar. Weder Prämisse (1a) noch (1b) folgen notwendigerweise aus (1). Theodizeen versuchen jene Gründe anzugeben, die (1b) belegen.

3. Lösungsversuche

3.1 Die Rechtfertigung des Übels

Dieser Abschnitt will die Möglichkeiten und Probleme aufzeigen, die sich ergeben, wenn man versucht zu behaupten, Gott habe einen hinreichenden Grund, die Übel der Welt nicht zu beseitigen. Ist das der Fall, so wäre die theistische Gottesvorstellung gerettet. Dazu bieten sich folgende Versuch an:

3.1.1 Das Leid als Mittel zum Guten oder aus dem Guten folgt das Leid

Gott läßt deshalb das Leid zu, da daraus etwas Gutes folgt. Demnach wäre es gerechtfertigt das Leid zuzulassen. Bei Mackie können wir ein Beispiel lesen, dem viele populäre Theodizeen folgen: Jemand nimmt eine schmerzvolle Behandlung auf sich, damit er wieder gesundet.[7] Andere vergleichen Gott mit einem Vater, der seinem Kind eine bittere Medizin verabreicht, um es von einer Krankheit zu heilen. Diese Beispiele sollen zeigen, daß Leid notwendig ist, damit später etwas Gut folgen kann. Hume läßt Philo in seinem Werk „Dialoge über natürliche Religion“ ähnlich sprechen: Schmerz diene dem Menschen als Antrieb, durch Schmerz werde jeder zum Handeln angetrieben.[8] Aber Philo fragt im selben Absatz, warum „statt Schmerz eine Verminderung der Lust“[9] nicht ausreiche.

Auch umgedreht läßt sich diese Ansicht vertreten: Gott verhindert das Leid nicht, weil er ein früheres Gut damit verhindern hätte müssen. Nelson Pike führt in seiner Veröffentlichung „Hume über Übel“ ein solches Beispiel an: Jemand erlaubt seinem Kind, an dessen Geburtstag viele Süßigkeiten zu naschen, obwohl er weiß, daß es am nächsten Tag Bauchschmerzen haben wird. Er meint das jetztige Gut würde das folgende Übel aufwiegen.[10] Sicherlich ließen sich noch viele Beispiele anführen, die in diese Richtung gehen, doch handelt es sich immer um Kausalbeziehungen, die von einem allmächtigen Gott geschaffen wurden und die Er auch ändern kann.

„Wenn Allmacht überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie Macht über Kausalgesetze.

Wenn es einen allmächtigen Schöpfer und wenn es Kausalgesetze gibt, dann muß dieser

Schöpfer sie auch geschaffen haben; und wenn er immer noch allmächtig ist, muß er sie

außer Kraft setzten können. ... Daher ist es müßig, sich in einer Theodizee auf irgend-

welche normalen faktischen Mittel-Zweck- oder allgemeine Kausalbeziehungen zu be-

rufen.“[11]

Ein allmächtiges Wesen kann nicht mit Hilfe von Kausalbeziehungen gerechtfertigt werden; denn der Allmächtige hat diese selbst geschaffen, kann sie jederzeit ändern. Diese Rechtfertigung mag Wesen dienen, die den Naturgesetzen unterworfen sind, ist aber nicht anwendbar für ein Wesen, dem wir das Prädikat „allmächtig“ zuschreiben.

3.1.2 Gut und Böse bedingen sich logisch

Daß Kausalbeziehungen von einem allmächtigen Wesen geschaffen und verändert werden können erscheint einsichtig. Doch wie steht es mit der Logik? Steht Gott über der Logik? Kann Er bestimmen, daß 2+2= 5 ist? Die Frage wird in der Literatur nicht eindeutig beantwortet. Mackie gesteht ein, daß Gottes Bindung an die Logik seine Allmacht nicht beeinträchtige.[12] Andere widersprechen dieser Meinung. Aber ist die Polarität von Gut und Böse logisch notwendig? Kann es „gut“ geben ohne dessen Gegenteil „böse“? Wenn das Böse beseitigt würde, könnte es dann überhaupt noch das Gute geben? Ließe sich die Frage eindeutig mit „Nein“ beantworten, so wäre der Allmächtige entschuldigt. Mackie sieht diesen logischen Zusammenhang nicht. Aus seiner Sicht ist es möglich, daß alles die gleiche Eigenschaft besitzt; in unserem Fall könnte „gut“ überall verwirklicht sein. Nur die Sprache hätte dann kein Prädikat für diese Eigenschaft entwickelt.[13] Aber wie kann „gut“ überall verwirklicht sein? Dies würde nur funktionieren wenn das Prädikat „gut“ eine universale Bedeutung hätte. Mir scheinen die Prädikate „gut“ bzw. „böse“ eine relative Bedeutung zu besitzen, die vom Standpunkt des Betrachters abhängt.[14]

Albert Schweitzer soll sich einmal vor Verabreichen eines Antibiotikums gefragt haben, was ihm das Recht verleihe mehrere tausend Bakterien zu töten, um nur ein Menschenleben zu retten.[15]

Können außerhalb der menschlichen Sprache überhaupt irgendwelche Eigenschaften existieren. Laotse schreibt:

„Erst seit auf Erden
Ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen,
Gibt es die Häßlichkeit;
Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten,
Gibt es das Ungute.“[16]

Erst indem der Mensch etwas als „gut“ bezeichnet, kann man das Schlechte aufzeigen; nämlich das, was nicht in die Kategorie „gut“ eingeordnet werden kann. Gibt es dann das Gute in re überhaupt? – Mir scheint, als existiere es lediglich in intellectu. Erst indem der Mensch anfängt zu bewerten, tauchen Gegensätze auf wie z.B. gut und schlecht, schön und häßlich, nützlich und unnütz. Aber wenn es außerhalb des menschlichen Bewußtseins weder gut noch böse gibt, wie kann es dann einen allgütigen Gott geben? Mit dieser Argumentation kämen wir dann schließlich zu der Feststellung, daß ein solcher allgütiger Gott gar nicht außerhalb unseres Geistes existieren kann. Auch diese Rechtfertigung führt nicht weiter. Dieser Versuch würde nur funktionieren, wenn es so etwas wie universale Güte gäbe; und die wiederum könnte dann auch überall verwirklicht sein.

3.1.3 Die Welt ist besser mit Übeln

Von einem Wesen mit den Vollkommenheitsprädikaten nehmen wir an, daß es auch die beste aller möglichen Welten erschaffen hat. Davon geht auch Leibniz aus. Folglich kommt man zur Auffassung, daß diese Welt mit ihrem Leid besser sein muß als eine Welt ohne Leid. Doch wie läßt sich dies untermauern? Oft wird ein Vergleich mit der Ästhetik herangezogen, wonach z.B. Disharmonie in der Musik „... die Schönheit des Gesamtwerks irgendwie steigern ...[kann]“[17].

[...]


[1] Welsen P.: Gott und die Übel der Welt.- In: Der blaue Reiter 10. S.33

[2] Streminger, G.: Gottes Güte und die Übel der Welt, S.5

[3] a.a.O.

[4] a.a.O

[5] Hume, D.: Dialoge über natürliche Religion, S.102

[6] Vgl. Lactantius, De ira dei 13,19.- Zitiert nach: Hume: Dialoge über natürliche Religion, S.86

[7] Mackie J.L.: Das Wunder des Theismus, S.242

[8] Hume, S.94

[9] a.a.O.

[10] Pike, Hume über Übel, S. 233

[11] Mackie, S.243

[12] Mackie, S.241

[13] Mackie, S.241

[14] Schopenhauer schreibt hierzu: „Jetzt wollen wir den Begriff gut auf seine Bedeutung zurückführen, was mit sehr wenigem geschehen kann. Dieser Begriff ist wesentlich relativ und bezeichnet die Angemessenheit eines Objekts zu irgeneiner bestimmten Bestrebung des Willens. Also alles, was dem Willen in irgendeiner seiner Äußerungen zusagt, seinen Zweck erfüllt, das wird durch den Begriff gut gedacht, so verschieden es auch im übrigen sein mag.(Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, §65, S.491)

[15] Grof, S.: Kosmos und Psyche, S.157f.

[16] Laotse: Tao te king, Kapitel 2, S.26

[17] Mackie, S.244

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Theodizee-Problem
Hochschule
Universität Hamburg  (Philosophisches Seminar Hamburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V63087
ISBN (eBook)
9783638562102
ISBN (Buch)
9783638938495
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodizee-Problem
Arbeit zitieren
Markus Asano (Autor), 2002, Das Theodizee-Problem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63087

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