Einführung der Lesekompetenz in der Grundschule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

33 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition Lesekompetenz

2. Voraussetzungen an der Schule
2.1 Lesefördender Unterricht
2.2 Anforderung an Lesematerialien

3. „Lesen“ im Lehrplan

4. Textverstehen in der Grundschule
4.1 Psycholinguistische Grundlagen des Textverstehens
4.2 Textlinguistische Grundlagen des Textverstehens

5. Grundlagen für das Verstehen – Lesestrategien
5.1 Definition Lesestrategien
5.2 Aufbau von Lesestrategien
5.3 Kleiner Überblick über Lesestrategien
5.4 Übungen zur Festigung und Anbahnung von Lesestrategien

6. Praxisbeispiele

Literaturangaben

Einleitung

Lesen ist einer der wichtigsten Wege sich, subjektiv mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen und Wissen zu erweitern.

Um die gelesenen Texte verstehen zu können, muss das gesamte sprachliche und außersprachliche Wissen einer Person, müssen alle sprachlichen und außersprachlichen Erfahrungen aktiviert werden. Dies ist ein komplizierter kognitiver Prozess, der mit emotionalen Bewertungen verknüpft ist. Lesen darf nicht mit der Umwandlung von Graphemen in Phoneme gleichgesetzt werden, Lesen heißt immer gleichzeitige Sinnentnahme. Man erfasst einen Text nicht dadurch, dass man Worte nacheinander aufnimmt, sondern dadurch, dass man in größeren Sinneinheiten liest.[1] Verschiedene Studien haben deutlich gemacht, dass in unserem Bildungs­system unter Lesen vor allem das Rekodieren von Zeichen verstanden wird und dass dies der Hauptbestandteil des Leseunterrichts in Schulen ist. Dabei übersieht man, dass Lesen gleichzeitig Verstehen bedeutet.

Der erste Teil dieser Arbeit setzt sich mit der Definition des Begriffes Lesekompetenzen und seinen Unterbegriffen auseinander.

Im zweiten Teil werden schulische Voraussetzungen für einen gelingenden Leseunterricht dargestellt.

Der dritte Teil erläutert die Relevanz des Themas im Rahmenplan der Länder Berlin Brandenburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern.

Anschließend werden psycholinguistische und textlinguistische Grundlagen erläutert.

Der folgende Teil handelt von Lesestrategien und deren Umsetzung in der Grundschule.

Der Schlussteil beschäftigt sich mit konkreten Praxisbeispielen.

1. Definition Lesekompetenz

Die Pisa-Studie hat den Begriff „Lesekompetenz“ geprägt.[2]

Danach wird unter Lesekompetenz verstanden „die Fähigkeit, geschrieben Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigen Wissen und Potential weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Dies ist ein sehr pragmatischer Lesebegriff, der nicht mit den deutschen Begriffstraditionen übereinstimmt, sondern auf der angelsächsischen literacy-Tradition beruht.[3] Letzterer folgend setzt sich Lesekompetenz aus drei Bereichen zusammen. Im Mittelpunkt steht das Leseverstehen, das wird gestützt durch die Lesefähigkeit und die Lesemotivation.[4]

- Lesefähigkeit

Die Lesefähigkeit umfasst die kognitive Grundfähigkeit. Mit dem Erlernen der basalen Lesefähigkeit beginnt der lebenslange Lernprozess des Lesens.

Die basale Lesefähigkeit ist das Handwerkszeug eines jeden Lesers. Sie ist ein Prozess, der automatisch abläuft, also nicht mehr der bewussten Kontrolle unterliegt. Das Rekodieren, das die Grundlage bildet, um Inhalt und Sinn eines Textes zu erfassen und um die Umsetzung der Grapheme in Phoneme zu gestalten, ist Hauptbestandteil der Lesefähigkeit.

In den ersten Schulmonaten steht das Erlernen dieses Prozesses im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Wort erlesen sollte immer in einem Kontext stehen, denn der Kontext aktiviert die semantischen Felder und die visuell-semantische Repräsentation der Worte. Das dient dem Textverstehen.[5]

Das Erstlesen steht in untrennbarem Zusammenhang mit dem aufbauenden Lesen.

Dazu gehört das Erlernen und Nutzen elementarer Lesestrategien wie das Erkennen von größeren Sinneinheiten z.B. Satzzeichen und die Überwachung des Gelesenen im Hinblick auf semantische und syntaktische Stimmigkeit auf Seiten des Lesenden.

Die elementaren Lesestrategien sind von großer Bedeutung für das Gelingen ihrer Weiterentwicklung.

Die Verwendung elementarer Lesestrategien ist ein wichtiger Bestandteil des Prozesses des Lesenlernens. Von Anfang an wird Lesen in Zusammenhang mit Verstehen gestellt.

Die Lesefertigkeit muss intensiv und ausdauernd geübt werden, um die Lesekompetenz zu stabilisieren und zu erweitern. Höhere Lesefähigkeit beruht auf den Grundfähigkeiten des aufbauenden und weiterführenden Lesens.[6]

- Lesemotivation

Die Lesemotivation stellt einen ebenso wichtigen Bestandteil der Lesekompetenz dar wie die Lesefähigkeit. Nur wer Texten ein gewisses Interesse entgegenbringt, ihnen mit gespannter Erwartung begegnet und weiß, dass Lesen ein Mittel zur Teilhabe an der Gesellschaft ist, nur der kann sich motiviert an ein Schriftstück setzen. Das Kind muss das Erlebnis gehabt haben: „Ich habe etwas gelesen, es verstanden und dabei gelernt. Ich weiß jetzt mehr.“[7]

Die Lesemotivation sollte dauerhaft sein. Neben der Fähigkeit zur Texterschließung ist die Erhaltung der Lesefreude sehr wichtig.[8]

- Leseverstehen

Leseverstehen ist ein aktiver Konstruktionsprozess, in dem Informationen aus Texten erfasst und verarbeitet werden.

Die basale Lesefähigkeit muss bis zu einem gewissen Niveau ausgeprägt sein, um das Leseverstehen sinnvoll mit einbeziehen zu können. Ist dieses Niveau erreicht, sollte Leseverstehen als vorrangiges Ziel des Lesens gesehen werden.[9] Es sollte möglichst bald mit einbezogen werden, sonst bleibt Lesen ein mechanischer Akt.

Schnelles automatisiertes Lesen weist nicht auf Leseverstehen hin ebenso wenig wie bei mühevollem Lesen erwartet werden kann, dass dem Leser der Sinnzusammenhang verloren gegangen ist.

Eine Förderung, die konsequent nur auf schnelles, flüssiges Lesen und automatisierte Worterkennung zielt, trägt nicht dazu bei, das Leseverstehen der Kinder zu fördern.[10]

Lesen im engeren Sinn findet erst statt, wenn ein Kind auch versteht, was es liest, denn erst dann kann es sich selbstständig Wissen aneignen. Kindern sollte von Anfang an bewusst werden, dass Lesen gleichzeitig das Verstehen des Geschriebenen bedeutet. Sie müssen die Notwendigkeit der intensiven Auseinander­se­tzung mit einem Text erfahren. So bilden Lesefertigkeit und Leseverstehen eine untrennbare Einheit, die gemeinsam geschult wird.

Für Kinder muss vor allem der Inhalt des Gelesenen interessant sein, denn erst wenn das Interesse geweckt ist, stellt sich beim Kind eine Sinnerwartung an die Wörter ein.

Die Sinnerwartung ist ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Lesen.

Die Schulung grundlegender Lesestrategien beginnt in den ersten Wochen. Die Kinder müssen den erlesenen Wörtern Bilder zuordnen können.

Weiteres Lernziel ist die Sinnentnahme aus Sätzen, deren vorhandenen oder nicht vorhandenen Sinn die Kinder durch Symbole kennzeichnen lernen.

Auch die Ergänzung unvollständiger Bilder entsprechend einer vorgegebenen Aussage schult die Sinnentnahme.[11]

Nach und nach werden aus den Sätzen dann Geschichten, die auf ihren Sinn überprüft werden. Anhand der Geschichten sollen Fragen beantwortet werden.

Die Lehrperson erarbeitet mit den Kindern Möglichkeiten, die Antworten zu finden. Bei einer Geschichte werden die Wörter, die die Antwort geben, unterstrichen.

Es folgen kleine Geschichten mit Fragen, die die Kinder selbstständig beantworten sollen. Malaufträge zur Szene der Geschichte werden bearbeitet oder die Kinder ordnen die Bilder der Geschichte in der richtigen Reihenfolge.

Die Kinder müssen dabei auf die verwendeten Strategien aufmerksam gemacht werden.

Diese Aufgaben bereiten die Kinder von Anfang an darauf vor, dass Lesen etwas mit Sinnentnahme zu tun hat, es wird das Verstehen darüber angebahnt, dass Strategien nötig sind, um die Sinnentnahme zu vereinfachen. Das sollte Grundlage und Selbstverständlichkeit des Deutschunterrichts in den ersten Wochen sein.[12]

Der Lehrplan gibt vor, dass die Schüler am Ende der vierten Klasse einem Text gezielt Informationen entnehmen sollen.[13] Durch diese Satz- und Textarbeit ist die erste Grundlage auf dem Weg dorthin gelegt.

2. Voraussetzungen an der Schule

2.1 Lesefördender Unterricht

Um den Schülern die Freude am Lesen zu erhalten, die Lesefähigkeit zu fördern und das Leseverstehen anzubahnen und zu vertiefen, muss der Unterricht bestimmten Kriterien folgen:

Den Kindern muss viel Zeit zum Lesen gegeben werden, damit sie ihre Lesefähigkeit verbessern und Lesestrategien ausprobieren können.

Die angebotenen Texte sollten eine Bedeutung für die Kinder haben bzw. eine Absicht wecken, aus der heraus die Kinder die Texte lesen, zum Beispiel eine Spielanleitung lesen, um ein Spiel spielen zu können oder einen Lexikontext, um Informationen über ein interessantes Thema zu erhalten.

Des Weiteren ist es sinnvoll, die dargebotenen Texte aus verschiedenen Gattungen zu nehmen, denn Kinder können deren Intentionen nur verstehen, wenn sie sie auch haben kennen lernen können.

Die sprachliche Umgebung sollte reizvoll und anregend sein. Den Kindern muss die Möglichkeit gegeben sein, sich mit neuen Wörtern und ihren Bedeutungen auseinander zu setzen, um ihren Wortschatz zu erweitern.

Um die verschiedenen Textgattungen zu verstehen, ist es nicht nur wichtig sie zu lesen, es sollte den Kindern auch die Möglichkeit gegeben sein, diese beim eigenen Schreiben zu erfassen und zu verinnerlichen.

Eine wichtige Stellung beim lesefördernden Unterricht nimmt das Gespräch über den Text ein, sowohl zwischen den Schülern als auch zwischen Lehrer und Schüler. Dabei können verschiedene Aspekte des Textverständnisses aufgegriffen werden.

Das selbstständige Lernen wird durch die Förderung des Leseverstehens verstärkt geschult.[14]

2.2 Anforderung an Lesematerialien

Neben dem Leseverstehen und der Lesefertigkeit ist auch die Lesemotivation zu fördern.

Das heißt, dass bereits die Lesematerialien und –aufträge unter dem Aspekt der Motivation gestaltet werden müssen.

Neben der Berücksichtigung der kindlichen Erfahrung und ihrer Interessen ist es wichtig, dass die Texte verständlich und lesbar gestaltet werden. Es sollten Sach- und fiktionale Texte gebraucht werden.

Die Aufgaben sollten als oberstes Ziel das Leseverstehen haben. Sie sollten einen für die Kinder nachvollziehbaren Sinn umfassen. Sinnlose Leseaufgaben, wie zum Beispiel lange Wortreihen mit isolierten, besonders schwierigen Wörtern, hindern die Kinder daran, den Sinn des Lesens zu erfassen und daran Spaß zu haben.

Die Kinder müssen bei ihren Leseerfahrungen ein Ineinandergreifen der verschiedenen Zugriffsweisen auf den Text erleben, wie etwa das Nutzen von Sinnstützen, das Nutzen von syntaktischen Begrenzungen, das Nutzen von Wörtern und Wortteilen sowie das Nutzen von Graphem-Phonem -beziehungen.

Werden alle vier Zugriffsweisen in einem Lesevorgang integriert, wird ein verstehendes Lesen ermöglicht.

Die zu lesenden Texte müssen für die Kinder ansprechend gestaltet und jeweils abhängig von der Alterstufe nach Sinnabschnitten gegliedert sein. Nach und nach ist das Kind dann in der Lage, diese Gliederung selbst vorzunehmen.

Arbeitsanweisungen sollen Anreiz und Hinweis auf die zu nutzenden Lesestrategien geben. Hat die Aufgabe das Ziel, dass die Kinder bewusst ihr Vorwissen aktivieren, es bewusst nutzen und kombinieren, müssen in diese Richtung Hinweise in der Aufgabenstellung gegeben werden. Beispielweise sollen sich die Schüler Fragen für den Text überlegen oder sich anhand der Überschrift des Textes aufschreiben, was sie zu diesem Thema wissen.[15]

3. „Lesen“ im Lehrplan

Einordnung in den Lehrplan

Im Lehrplan der Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern für die Grundschule umfasst das Themenfeld „Lesen - mit Texten und Medien umgehen“ als Unterpunkte die Ausbildung von Lesetechniken und -strategien sowie die Entwicklung von Textverständnis.

Als grundlegende Aufgabe des Deutschunterrichts wird festgelegt, den Kindern Lesestrategien an die Hand zu geben sowie ihnen das Wissen zu vermitteln, um mit ihnen bewusst umzugehen. Sie sollen als Basis dienen, um Kerngedanken zu erschließen, selbstständig Schlüsse zu ziehen und Texte zu analysieren.[16]

Folgende Standards sollen am Ende der vierten Klasse im Blick auf das Themenfeld „Lesen- mit Texten und Medien umgehen“ unter anderem erreicht sein:

- Altersangemessenen Text sinngebend lesen und vorlesen
- Schlussfolgerungen aus Texten ziehen
- Gedanken und Meinungen zu Texten äußern
- Lesestrategien anwenden:
- vor dem Lesen Vermutungen über Textinhalt anstellen
- Fragen an den Text stellen
- Unverständnis klären
- Textstellen markieren und als Stichwörter markieren
- mithilfe der Stichwörter eigenen Text wiedergeben
- Mit Texten produktiv umgehen[17]

[...]


[1] http://www.dgls.de/altenburg-koeln.pdf

[2] vgl. Hurrelmann, Bettina(2002): Leseleistung-Lesekompetenz. In: Praxis Deutsch, Sonderheft 2004, S.10-21

[3] vgl. ebenda

[4] vgl. Wedel-Wolff, Annegret, Anforderungen an Materialien zur Leseförderung. In: Grundschule 7- 8/2003, S.68-71

[5] vgl. Scherer-Neumann, Gerheid(2003): Entwicklung der basalen Lesefähigkeit. In: Bredel, Ursula u.a. (2003): Didaktik der deutschen Sprache: ein Handbuch. 2 Bde.Stuttgart/Paderborn [u.a.] : Schöningh, S. 513-524

[6] vgl. Menzel, Wolfgang(2004) Texte lesen-Texte verstehen. In: Praxis Deutsch, Sonderheft 2004, S.3-9

[7] http://www.dgls.de/altenburg-koeln.pdf

[8] vgl. Fritz, Jens: Texte lesen, verstehen und bearbeiten. In: Praxis Schule 5-10 4/2005, S.28

[9] vgl. v.Wedel-Wolff, Annegret: Leseverstehen als Schlüsselqualifikation für selbstständiges Lernen. In: Lernchancen 46/2005, S.26-28

[10] vgl. v.Wedel-Wolff, Annegret: Leseverstehen unterstützen. In: Grundschule 4/2002, S.41-44

[11] Aufgaben im Anhang Aus: Urban, Angelika: Sinnerfassendes Lesen von Anfang an. In: Grundschulmagazin 9- 10/2002

[12] vgl. Urban, Angelika: Sinnerfassendes Lesen von Anfang an. In: Grundschulmagazin 9-10/2002

[13] vgl. Rahmenlehrplan Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg- Vorpommern 2004, S.28

[14] vgl. Badel, Isolde/Valtin, Renate: Lesestrategien verbessern-Lesekompetenz fördern. In: Grundschule 2/2003, S.23-26

[15] vgl. Wedel-Wolff, Annegret, Anforderungen an Materialien zur Leseförderung. In: Grundschule 7- 8/2003, S.68-71

[16] vgl. Rahmenlehrplan Deutsch Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, S.28 und S.37

[17] vgl. ebenda, S.19

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Einführung der Lesekompetenz in der Grundschule
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar 'Texte lesen, verstehen und verarbeiten'
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V63110
ISBN (eBook)
9783638562300
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Definition des Begriffes Lesekompetenz, Auseinandersetzng mit aktuellen Theorien, Praxisbeispiel
Schlagworte
Einführung, Lesekompetenz, Grundschule, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Hannah Schütte (Autor), 2006, Einführung der Lesekompetenz in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63110

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