Der 'New Negro' der Harlem Renaissance in den Gedichten Claude McKays


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Harlem Renaissance – Entstehungsgeschichte
2.1 Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois über den Begriff des New Negro
2.2 Der New Negro nach Alain Locke

3. Der New Negro in McKays Gedichten
3.1 Der militante New Negro
3.2 McKays universale Anschauung der Rassenproblematik
3.3 Die Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen
3.4 Zwischen den Identitäten

4. Fazit

5. Bibliografie

6. In der Arbeit verwendete Gedichte

1. Einleitung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste die schwarze Bevölkerung feststellen, dass sie zum Spielball der Geschichte geworden war und wenig bzw. gar keinen Einfluss auf ihre Stellung in der Gesellschaft besaß. Um sich als Individuum einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen, mussten die Afroamerikaner zuerst ihre Selbstauffassung und ihr Selbstbild verändern. In diesen Jahren waren schwarze Intellektuelle überzeugt, dass das neue Bewusstsein des Negros eine Renaissance in der Geschichte der Afroamerikaner kennzeichnen würde.

Die Entdeckung bzw. das Bewusstsein über eigene Werte, das neu erweckte Selbstvertrauen einerseits und die Suche nach Respekt und Anerkennung andererseits formten die Basis zur Schaffung einer neuen Identität der schwarzen Bevölkerung zu Beginn dieser Zeit. Damit verbundene Prozesse in Politik, Kunst und vor allem Literatur mobilisierten die schöpferischen Kräfte vieler Künstler, die damals vor allem in Harlem lebten.

Zu Beginn dieser Arbeit werden Theorien von Booker T. Washington, W.E.B. Du Bois und Alain Locke, über den Begriff des New Negro betrachtet, um das veränderte Bewusstsein und die Seele des New Negro im Folgenden an ausgewählten Gedichten eines Vertreters, Claude McKay, zu verdeutlichen. Im Laufe der Arbeit werden so verschiedene Aspekte, die der New Negro der Harlem Renaissance verkörperte, in den Gedichten McKays aufgezeigt und hervorgehoben. Da seine Gedichte, die im Jahr 1917 veröffentlich wurden, sich schon mit der Thematik des New Negro beschäftigten, galt McKay bald als Vorreiter und neue Stimme der Negro Literatur bevor die Harlem Renaissance überhaupt begonnen hatte. Das neue Selbstbild der Afroamerikaner, welches auf dem Stolz über die eigene Rasse basierte, war jedoch nicht geschützt vor den ständigen Diskriminierungen der weißen Bevölkerung in Amerika. Die Ambivalenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten schien kein anderer besser zu verkörpern und in seinen Gedichten verarbeiten zu können wie Claude McKay.

2. Die Harlem Renaissance – Entstehungsgeschichte

The Harlem Renaissance was basically a psychology – a state of mind or an attitude – shared by a number of black writers and intellectuals who centered their activities around Harlem in the late 1920s and early 1930s.[1]

Nach Meinung dieses Zitates von Cary D. Wintz war die Harlem Renaissance mehr ein gedankliches Konstrukt, das in den Köpfen derer herrschte, die daran teilnahmen, als eine einheitliche Bewegung. Weder eine allgemeine politische Ideologie, gemeinsame Erfahrungen, eine gemeinsame Vergangenheit, noch eine einheitliche literarische Philosophie vereinte alle Vertreter. Viel eher rief ein gemeinsames Ziel der Bewegung ein Gefühl der Zusammengehörigkeit hervor: die Gleichstellung der Rassen.[2]

Die Gruppe der Harlem Renaissance bildete sich um einen Kreis von Intellektuellen (James Weldon Johnson, Alain Locke, W.E.B. Du Bois), die der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) oder der Urban League angehörten oder in Kontakt zu Zeitschriften von Schwarzen oder Universitäten standen. Diese Intellektuellen agierten als Kritiker oder Ratgeber der jungen Schriftsteller der Harlem Renaissance, unterstützten aber auch die Förderung dieser Schriftsteller indem sie für sie Kontakte zu weißen Verlegern und eventuellen Förderern herstellten.[3]

Das sogenannte Erwachen der schwarzen Kultur, dass sich in einer Fülle schwarzer Literatur, Kunst und Musik widerspiegelte, konzentrierte sich vor allem auf den Stadtteil Harlem in New York, woraus sich die spätere Bezeichnung der Bewegung „Harlem Renaissance“ ergab. In den Jahren zwischen 1915 und 1920 wuchs der Anteil schwarzer Bevölkerung in New York um 250% an. Die Welle der Migration in die Industriestädte des Nordens wurde durch die schlechte ökonomische Situation im Süden, nach einer zerstörten Baumwollernte im Jahr 1915 und Überflutungen im Jahr 1916, ausgelöst. Zudem lockten Zeitungen wie der Defender mit Inseraten, die der schwarzen Bevölkerung bessere Jobs und höhere Löhne versprachen.

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt der Migration gen den Norden waren die sich stetig verschlechternden Bedingungen der schwarzen Bevölkerung im Süden, unter anderem durch die Doktrin Seperate but Equal und die damit verbundene Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen.[4]

Harlem wurde so, mit seinem hohen Anteil schwarzer Bevölkerung, durch eben diesen Migrationsboom von schwarzer Bevölkerung, zum Zentrum der Harlem Renaissance. Das alltägliche Leben im Stadtteil Harlem wurde in den Werken vieler Künstler, die sich von der Kulisse und den Charakteren der Straßen von Harlem inspirieren ließen, aufgegriffen. Folglich spiegelten sich in deren Kunstwerken auch die Misere und Armut wider, die der Wirklichkeit für die nach Harlem kommenden Massen entsprach. Harlem wurde so zum Symbol dessen, was Afroamerikaner in den 20er Jahren erlebten.[5]

Der Beginn der Harlem Renaissance und das damit veränderte Bewusstsein der schwarzen Bevölkerung wird mit zwei wichtigen Ereignissen in Zusammenhang gebracht: dem Ende des ersten Weltkrieges und den Race Riots, die im Jahr 1919 ihren Höhepunkt erreichten.

Mit seinem Aufruf “We must make the world safe for democracy”[6] sprach Wilson alle Menschen in den Vereinigten Staaten, die Minderheiten eingeschlossen, an. Viele Intellektuelle wie auch W.E.B. Du Bois riefen die schwarze Bevölkerung dazu auf, sich für die Dauer des Krieges mit den Weißen zusammenzuschließen und vereint das Land zu unterstützen.[7] Obwohl die schwarze Bevölkerung stolz auf ihre vollbrachten Taten im Krieg war und mit einem gestärkten Selbstbewusstsein nach Hause kamen, bekamen sie dort jedoch keine Anerkennung für ihren Einsatz. Die Heimkehrer stellten mit Verwunderung fest, dass obwohl sie für die Demokratie in anderen Ländern gekämpft hatten, ihnen das Privileg der Demokratie im eigenen Land vorenthalten wurde. Sie kamen mit großen Erwartungen zurück und beharrten darauf als gleichgestellte Bürger behandelt zu werden.[8]

Die Phase des Red Scare im Jahre 1919 war geprägt vom Versuch zur Rückkehr in die amerikanische Normalität der Vorkriegszeit. Für die schwarze Bevölkerung stand dieses Jahr jedoch für blutige Ausschreitungen und gewaltsame Übergriffen durch die weiße Bevölkerung.[9] Allein 1919 kam es in ungefähr 20 Städten im Norden als auch im Süden zu sogenannten Race Riots, bei denen immer wieder Menschen getötet wurden. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit waren die Schwarzen jedoch nicht länger bereit die gegen sie gerichtete Aggressivität einfach hinzunehmen oder auf Schutz der Polizei zu warten, sondern sie wehrten sich und entgegneten Gewalt mit Gewalt.[10]

2.1 Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois über den Begriff des New Negro

Nach dem ersten Weltkrieg verkündeten Vertreter radikaler Ansichten unter den Afroamerikanern dass der New Negro nun viel aggressiver sein und vorgehen würde als der Old Negro aus der Vorkriegszeit. Die Zeitung Messenger hatte darauf beharrt, dass der New Negro nicht länger bescheiden und anspruchslos sein solle und sich nicht mehr anpassen würde. Der New Negro sollte sich bilden und so die absolute und uneingeschränkte Gleichstellung der Rassen erreichen.[11]

Der Begriff des New Negro hat seinen Ursprung jedoch nicht erst in der Harlem Renaissance, sondern übernahm Konzepte und Ideologien, die seit Ende des 19. Jahrhunderts von Intellektuellen wie Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois geprägt wurden.[12]

In seiner am 18. September 1895 gehaltenen Atlanta Speech rief Booker T. Washington die schwarze Rasse, die zu diesem Zeitpunkt ein Drittel des Südens ausmachte, auf, ihre Chance im Süden zu nutzen und sich durch ihre wirtschaftliche Entwicklung von der weißen Rasse unabhängig zu machen. Washington, der mit dieser Rede zum Sprecher der schwarzen Rasse wurde, forderte, dass die Schwarzen sich durch Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit und christlicher Moral behaupten sollten und so zu ihren konstitutionellen Rechten gelangen würden.

Die Konzepte der wirtschaftlichen Selbsthilfe und der industriellen Ausbildung, die unter Washingtons Namen an Bedeutung erlangten, sollten vorerst Priorität vor anderen Zielen, wie der Aufhebung der Rassentrennung und dem Wahlrecht haben. Mit Hilfe der Ausbildung der schwarzen Rasse mit praktischen Fähigkeiten und der Schaffung eigener ökonomischer, sozialer und bildungserzieherischer Institutionen sollte die schwarze Rasse Anerkennung erlangen.[13]

Im Gegensatz zu Washington war sein Zeitgenosse W.E.B. Du Bois der Überzeugung, dass sich die intellektuelle Ausbildung der schwarzen Rasse nicht nur auf wirtschaftliche Aspekte beschränken sollte, sondern vielmehr auch auf das wissenschaftliche Studium und die Ausbildung einer schwarzen, intellektuellen Elite, die der schwarzen Kultur zum Fortschritt und zu Anerkennung verhelfen würde. Nur so könne nach Du Bois die schwarze Bevölkerung Rassenvorurteilen entgegnen und Rassenmythen, die sich in den Köpfen der weißen Gesellschaft verankert hatten, verbannt werden.

Du Bois äußerte seine Kritik gegenüber Washington dahingehend, dass dieser die Unterlegenheit der Schwarzen aufrechterhalten würde, indem er den Fokus nicht auf die intellektuelle Ausbildung der schwarzen Rasse, sondern auf deren wirtschaftlichen Erfolg, setze. Er vertrat ebenfalls nicht die Meinung Washingtons, dass Proteste und Rassenbewegungen ineffektiv wären, sondern maß gerade dem Protest als Mittel um politische Rechte zu erlangen, große Bedeutung zu.[14]

2.2 Der New Negro nach Alain Locke

Alain Locke, Philosophieprofessor an der Howard Universität, brachte 1925 die Anthologie The New Negro, eine Sammlung von verschiedenen Aufsätzen, Geschichten, Gedichten und Bildern, heraus und versuchte zu definieren, worin die Umwandlung des Old Negro in den New Negro bestand.[15]

In dem darin enthaltenem Aufsatz The New Negro sprach Locke davon, dass das Auftauchen des New Negro eine plötzliche Erscheinung wäre, da der Old Negro nach Locke nur eine Erfindung und ein Konstrukt im Gedächtnis der weißen Bevölkerung war. „So for generations in the mind of America, the Negro has been more of a formula than a human being – a something to be argued about, condemned or defended, ...“[16]

Der Negro übernahm diese Denkweise und sah sich selbst aus der Perspektive derer, die ihn als Old Negro erschaffen hatten. Folglich bekam er ein verzerrtes Selbstbild und identifizierte sich selbst als eine zwiespältige Person und Ursache eines sozialen Problems. Nach Locke war es nun an der Zeit sich von dieser fremdbestimmten Perspektive zu befreien und zu einer neuen Selbsterkenntnis zu gelangen.[17]

Schon allein die Tatsache, dass sich die Lebensbedingungen der Negroes in den letzten Jahren stark, unter anderem durch die Migration der schwarzen Bevölkerung aus den ländlichen Gebieten im Süden in die Städte des Nordens, verändert hatten, wäre der traditionelle Blickwinkel nach Ansicht Lockes auf den Negro überholt. Da der New Negro dabei war sich an ein komplexeres Leben in der Stadt anzupassen, konnte von Lockes Standpunkt aus unmöglich von dem Bild der „aunties“, „uncles“ und „mammies“[18] ausgegangen werden, das sich bei der weißen Bevölkerung verfestigt hatte. Das Motiv für die Flucht der schwarzen Massen in den Süden sah Locke weniger als Ergebnis ökonomischer Ursachen, sondern darin, dass die Negroes ihre Chance auf soziale und ökonomische Freiheit im Norden erkannten.[19]

In Harlem angekommen bildeten die Menschen, die aus den verschiedensten Teilen der USA, aus Afrika oder anderen Teilen der Welt, vom Land oder aus der Stadt kamen, die größte afroamerikanische Gemeinde in der Welt und machten die großartige Erfahrung sich, trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe, zu finden und das zu erleben, was Locke als „race building“[20] beschrieb.

[...]


[1] Wintz (1988), S. 2.

[2] a.a.O., S. 2f.

[3] ebda.

[4] a.a.O., S. 14f.

[5] Wintz (1988), S.3.

[6] Tolson (2001), S. 44.

[7] Tillery (1992), S. 37.

[8] Huggins (1973), S. 54.

[9] “Claude McKay”, http://www.english.uiuc.edu/Maps/poets/m_r/mckay/cooper.htm (29.04.06)

[10] Wintz (1988), S. 13.

[11] Huggins (1973), S. 53.

[12] Wintz (1988), S.47.

[13] a.a.O., S. 36f.

[14] Wintz (1988), S. 42f.

[15] Huggins (1983), S. 57.

[16] Locke (1992), S. 3.

[17] Huggins (1983), S. 57.

[18] Locke (1992), S. 5.

[19] a.a.O., S. 6.

[20] a.a.O., S. 7.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der 'New Negro' der Harlem Renaissance in den Gedichten Claude McKays
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut der Romanistik)
Veranstaltung
Literaturen und Kulturen der Karibik
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V63141
ISBN (eBook)
9783638562560
ISBN (Buch)
9783638669115
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Negro, Harlem, Renaissance, Gedichten, Claude, McKays, Literaturen, Kulturen, Karibik
Arbeit zitieren
Manuela Paul (Autor), 2006, Der 'New Negro' der Harlem Renaissance in den Gedichten Claude McKays, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63141

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