Zu Norbert Elias': "Prozeß der Zivilisation" (Band I)


Rezension / Literaturbericht, 2006
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel

Persönliche Auseinandersetzung
inhaltlich
formal

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Der zivilisierte Mensch ist jemand, der sich beherrschen kann, der aber auch durch den technischen Komfort [...] unfähiger zu Auseinandersetzungen mit der natürlichen Umwelt wird.”[1] heißt es in einer Definition des Zivilisationsbegriffes. Diesen kurzen Auszug finde ich sehr passend zu dem, was Norbert Elias[2] als einer der bekanntesten deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts im ersten Band seiner bedeutendsten Schrift „Über den Prozeß der Zivilisation” schreibt.

Dieser Band des im Jahr 1939 veröffentlichten Werkes befasst sich mit dem Wandel der menschlichen Verhaltensweisen im Sinne der „Zivilisation”.

Elias beschreibt in dieser Schrift mithilfe von zahlreichen Beispielen sowohl die Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur der Menschen, als auch in der Gesellschaftsstruktur und bringt beide in Verbindung. Den Schwerpunkt seiner Untersuchung stellt dabei die Zeit vom Mittelalter[3] bis zur Moderne[4] dar.

Obwohl viele seiner Darstellungen aus heutiger Sicht sehr befremdlich erscheinen, stößt man sehr häufig auf Verhaltensweisen, die auch heute noch gültig sind. Zudem müssen alle Veränderungen im menschlichen Benehmen im historischen Kontext betrachtet werden, sodass vieles, von dem, was heute zwar nicht mehr zutrifft, sich trotzdem mit den Strukturen der heutigen Gesellschaft in Verbindung bringen lässt. Insofern ist das Werk sehr bedeutend für das Verständnis der heutigen Denk- und Verhaltensweisen.

In meiner Arbeit befasse ich mich zunächst mit den Grundtendenzen dieser Entwicklungen, die Elias aufzeigt, und setze mich anschließend kritisch damit auseinander.

Erstes Kapitel

Im ersten Kapitel seiner Schrift untersucht Norbert Elias die „Soziogenese der Begriffe ´Zivilisation´ und ´Kultur´.” Unter „Soziogenese” versteht man einen „geschichtlichen Ablauf, durch den sich aus gesellschaftlichen Verformungen schließlich die allgemeine Lebensform einer Gesellschaft ergibt.”[5]

Zur Einführung in diesen Prozeß versucht Elias zunächst die Begriffe „Zivilisation” und „Kultur” einzugrenzen und zu definieren. Dabei geht er auf das abweichende Verständnis verschiedener Kulturen ein und stellt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Auslegungen auf.

Seiner Auffassung nach beschreibt „Zivilisation” alle menschlichen Lebensweisen, sodass sich eine eindeutige Definition für ihn als schwierig herausstellt. Für die einfachste allgemeine Funktion des Begriffes stellt er die These auf: „dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck. [...]das Nationalbewußtsein.”[6]

Eine nächste Schwierigkeit die sich für den Verfasser infolge dessen ergibt, ist, dass unterschiedliche Vorstellungen von Normen in verschiedenen Nationen herrschen. Er vergleicht in seinen Ausführungen z.B. Deutschland mit Frankreich: während der Begriff der „Zivilisation” in Frankreich mit dem Ausdruck „kultiviert”, also gesittet[7], in Verbindung gebracht werde, verbinde man in Deutschland zunächst etwas „kulturelles” damit. „Der deutsche Begriff ´Kultur´ bezieht sich im Kern auf geistige, künstlerische, religiöse Fakten [...]”[8] und umfasst somit nicht nur das menschliche Verhalten, sondern vor allem den Wert der menschlichen Produkte.

Bei all seinen Ausführungen zur Definition des „Zivilisationsbegriffs” betont Elias immer wieder, dass Zivilisation einen Prozess oder zumindest das Resultat eines Prozesses darstelle und niemals abgeschlossen sei[9]. Dem gegenüber stellt er den Begriff „Kultur”, der keine Entwicklung sondern bereits vorhandenes beschreibt wie z.B. Kunst.[10]

Im zweiten Teil des ersten Kapitels beschreibt Elias, die Zustände in Deutschland im 18. Jahrhundert, wo diese „Kultur” dem Adel vorbehalten bleibe, da das „kleinstädtische Bürgertum [...] im wesentlichen von der Deckung der lokalen Bedürfnisse lebt”[11]. In Elias Werk wird dargestellt, dass sich die Klassen dieser Gesellschaft nicht nur im Wohlstand unterscheiden, sondern auch sehr differenziertes Verhalten an den Tag legen würden. Z.B. sei die Sprache ein aussagekräftiges Standesmerkmal: „An den Höfen [...] spricht [man] französisch. Das Deutsche, die Sprache der unteren und mittleren Schichten, ist schwerfällig und ungelenk.”[12]

Er schreibt, dass die Schichten in der deutschen Gesellschaft auch am Ende des 18. Jahrhunderts, wo sich eine deutsche „Intelligenzschicht” mit dem Erscheinen vieler bedeutender literarischer Werke bildet, undurchdringlich bleiben würden. Diese neue Bewegung bliebe politisch zwar unbedeutend, da sie weder von den „unteren” Schichten angenommen, noch von dem Adel akzeptiert werde, ermögliche es uns aber in zahlreichen Werken, wie z.B. Goethes „Werther”, die Empfindungen dieses Bürgertums nachzuvollziehen.

In Lessings „Briefen die neueste Literatur betreffend” werde die Wut der gebildeten Schicht sehr deutlich: „[...]die höfischen Menschen [haben] nicht allein das Vorrecht [...], groß zu sein”[13]. Dies ist nur eins der zahlreichen literarischen Beispiele, die Elias einführt, um die Wahrnehmung der Unterschiede zwischen der Mittel- und Oberschicht darzustellen. - Er stellt die These auf, dass die im Vergleich zu anderen westlichen Nationen, z.B. Frankreich, sehr starke Trennung von Bürgertum und Adel, mit der „relativen Lebensenge und dem vergleichsweise geringen Wohlstand beider”[14] zu erklären sei. Außerdem erwähnt er in dem Zusammenhang die „Geste des Abschließens” als ein in Deutschland immer wieder auftretendes Merkmal.[15]

Seiner ersten These widersprechend, sagt Elias an anderer Stelle aber, dass sich die Kritik des Bürgertums nicht gegen die politischen oder gesellschaftlichen Vorrechte richte, sondern gegen das unmenschliche Verhalten des Adels, d.h. gegen ihre „Oberflächlichkeit”, „äußere Höflichkeit” und „Unaufrichtigkeit”.[16] „Die deutsche Universität war gewissermaßen das mittelständische Gegenzentrum des Hofes.”[17]

Im Folgenden beschreibt Elias wie dieser soziale Gegensatz zu einem nationalen werde und in welchem Bezug dieser zu der Zivilisation stünde. Dabei zitiert er G.C.H. Lichtenberg, der die französische Sprache mit der höfischen Aristokratie vergleicht und die deutsche mit dem Bürgertum. Anhand weniger Vergleiche von Begriffen wie z.B. „Promesse” und „Versprechen” verbildlicht er die Verhaltensweisen der beiden gesellschaftlichen Schichten: „Die Letztere wird gehalten, die erste nicht”.[18] Demnach spricht Elias dem Bürgertum Aufrichtigkeit zu und der „courtoisie” nicht.

Elias berichtet, dass ” in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dem langsamen Aufstieg der „Intelligenzschicht folgend, das, „was ursprünglich mittelständischer Sozialcharakter war, ausgeprägt in den Menschen durch ihre soziale Situation, zum Nationalcharakter [wurde]”.[19] Anhand eines Zitates von Goethe verdeutlicht Elias aber auch, dass die aufgestiegene Mittelschicht sich ebenfalls von den niedriger gestellten Schichten abgrenzt, obwohl sie die anderen „Verhaltensweisen” toleriert.[20]

Daraufhin stellt der Autor einen Vergleich von England und Deutschland auf, bei dem er unterschiedliche Verhaltensweisen der beiden Nationen aufzeigt. Zusammenfassend stellt er fest, dass „der Deutsche lebt um zu leben, der Engländer lebt, um zu repräsentieren.”[21] Er verweist auf eine Schrift von Fontane[22], die sich mit dem Verhalten der beiden Nationen beschäftigt und räumt ein, dass bei der Untersuchung der Verhaltensweisen der Begriff „Zivilisation” noch nicht auftauche. Daraus zieht er den Schluss, dass „die deutsche Antithese ´Zivilisation und Kultur´ [...] in einen größeren Zusammenhang [gehört]” und „der Ausdruck des deutschen Selbstbewußtseins ist”.[23]

Im zweiten Teil des ersten Kapitels befasst sich Norbert Elias mit der „Soziogenese des Begriffs ´civilisation´ in Frankreich”. Er erläutert die völlig anders verlaufende Entwicklung in dem Nachbarland, wo die nationalen Gegensätze viel schneller zurücktreten würden als in Deutschland und bereits im 18. Jahrhundert kaum Standesunterschiede zwischen dem gebildeten Bürgertum und der aristokratischen Gesellschaft existieren würden; eine Art „Nationalcharakter” entstehe sehr schnell. „Überall wo es einen Hof gab hat es das Gesetz des Gutsprechens gegeben und damit das Gesetz des Stils für alle Schreibenden gegeben.” wird in „Über den Prozeß der Zivilisation” zitiert und weiter: „Wir sind eben alle von dem höfischen Geschmack emanzipiert [...]”.[24]

Als den Hauptunterschied zur Entwicklung in Deutschland stellt Elias jedoch die politische Aktivität der Bürger dar, die er damit begründet, dass die einzelnen Stände mehr mit der Politik in Berührung kommen würden und ein Aufstieg in politische Führungspositionen jenseits aller Standesschranken möglich sei. Das fördert seiner Meinung nach das „Denken in politischen Kategorien”[25].

[...]


[1] Definition von Karin und Dieter Claessens, 1992. Gesellschaft. Lexikon der Grundbegriffe

Internet-URL:http://www.sociologicus.de/lexikon/lex_soz/s_z/zivilisa.htm Abgerufen am

13.07.2006

[2] Norbert Elias (* 22. Juni 1897 in Breslau; † 1. August 1990 in Amsterdam) war ein jüdischer

Soziologe, Philosoph und Dichter deutscher Herkunft, der in der Emigration die britische

Staatsbürgerschaft annahm (http://de.wikipedia.org/wiki/Norert_Elias)

[3] Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 n.Chr. bis 1500 n.Chr. ein.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter)

[4] Heute wird dieser Terminus überwiegend mit den Entwicklungen des 18. und 19.

Jahrhunderts in Verbindung gebracht: Geistesgeschichtlich mit der Aufklärung, politisch mit

der Französischen Revolution, ökonomisch mit der Industrialisierung

(http://de.wikipedia.org/wiki/Moderne)

[5] Definition von Karin und Dieter Claessens, 1992. Gesellschaft. Lexikon der Grundbegriffe

Internet-URL:http://www.socioweb.de/lexikon/lex_soz/s_z/soziogen.htm. Abgerufen am

23.06.2006

[6] Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1.

Auflage-1976. S. 1

[7] Definition aus Duden, Die Deutsche Rechtschreibung-21., Bd. I, Mannheim 1996

[8] Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1.

Auflage-1976. S. 2

[9] Vgl. ebd., S. 3

[10] Vgl. Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main:

Suhrkamp. 1. Auflage-1976. S. 3

[11] ebd. S. 11

[12] ebd., S.11

[13] Lessing, Gotthold Ephraim. 1753. Briefe aus dem zweiten Teil der Schriften, Göschen.

Zitieret bei Elias. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1. Auflage-1976. S. 19

[14] Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

1. Auflage-1976. S. 24

[15] Vgl. Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main:

Suhrkamp. 1. Auflage-1976. S.25 und S. 4

[16] Vgl. ebd. S.35

[17] ebd. S.29

[18] G.C.H. Lichtenberg, 1775-1779. Grimms Wörterbuch Artikel „Hofleute”, Heft III

Zitiert bei Elias. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1. Auflage-1976. S. 36

[19] Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1.

Auflage-1976. S.38

[20] Vgl. Ebd. S.38-39

[21] ebd. S.42

[22] Henri Theodore Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in

Berlin) war ein Apotheker und deutscher Schriftsteller.

[23] Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main:

Suhrkamp. 1. Auflage-1976. S.42

[24] Nietzsche, 1886. Jenseits von Gut und Böse (Stck.101) zitiert bei Elias. 1936. Über den

Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1. Auflage-1976. S. 44-45

[25] Vgl. Elias, Norbert. 1936. Über den Prozeß der Zivilisation, Bd.I. Frankfurt am Main:

Suhrkamp. 1. Auflage-1976. S.45-46

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zu Norbert Elias': "Prozeß der Zivilisation" (Band I)
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V63156
ISBN (eBook)
9783638562706
ISBN (Buch)
9783638776585
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norbert, Elias, Prozeß, Zivilisation
Arbeit zitieren
Annette Tobor (Autor), 2006, Zu Norbert Elias': "Prozeß der Zivilisation" (Band I), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63156

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zu Norbert Elias': "Prozeß der Zivilisation" (Band I)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden