Nation und Geschlecht auf symbolischer Ebene


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Ausgestaltung des Konzepts Nation

3. Nationalismus und Geschlechterrollen

4. Symbolik
4.1. Denkmäler als nationale Symbole
4.1.1. Das Hermannsdenkmal
4.1.2. Exkurs: Die Siegessäule

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man Nation als eine kulturelle Imagination begreift, sie also nicht als gegeben annimmt, dann muss auch die Implementierung dieser Vorstellung in der Bevölkerung als Prozess und möglicherweise zielgerichtete Bestrebung wahrgenommen werden. Das gestaltet sich umso schwieriger, je erfolgreicher sie verlaufen ist, denn bei einem allgemein derart verinnerlichten Konzept wie Nation – für Geschlecht gilt das in wohl noch stärkerem Maße – ist die empfundene Ahistorizität hinderlich bei der Feststellung ihrer Anfänge und Intentionen.

Für Deutschland gelten die antinapoleonischen Kriege und die mit ihnen einhergehenden Reformen als ein Wendepunkt und Katalysator des deutschen Nationalismus.[1] Auch wenn bereits zuvor die Vorstellung eines originär „teutschen Nationalcharakters“ existierte,[2] wurde dessen integrative (zugleich nach außen abgrenzende) Kraft in der Zeit der „Fremdherrschaft“ durchaus entscheidend verstärkt, zumal Maßnahmen wie die Heeresreform 1813 die breite Identifikation mit dieser Vorstellung auch zusätzlich beförderten.

Wie sich das frisch erwachte Nationalgefühl nun, jenseits der klar definierten Ziele wie „Befreiung“ von der „Fremdherrschaft“, konzeptionell ausgestalten sollte, darüber herrschten auch zu Zeiten der gemeinsamen Ziele offenbar durchaus unterschiedliche Auffassungen – die als solche jedoch erst zu Schwierigkeiten wurden, sobald der Nationalstaat aus drei Kriegen hervorgegangen war. Gerade regionale Unterschiede in der Vorstellung der deutschen Einigkeit werden von der Forschung anerkannt; Langewiesche beispielsweise attestiert dem deutschen Nationalismus einen föderativen Charakter ausdrücklich ohne die Forderung nach einem einheitlichen Nationalstaat noch bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus.[3] Gleichzeitig jedoch unterscheidet man inzwischen nicht mehr zwei Phasen des Nationalismus – eine frühe, liberal-emanzipatorische und die spätere aggressiv-integrale – sondern schreibt dem Nationalismus seit der Französischen Revolution stets beide Tendenzen zugleich zu.[4]

Wie der deutsche Nationalismus sich konstituierte, wie versucht wurde, die Bevölkerung hinter sich zu scharen, und wie weit die Möglichkeit der Teilhabe von Parametern wie Schicht und Geschlecht abhing, werde ich in den folgenden zwei Kapiteln skizzieren. Die normative Nation wird illustriert durch die so genannten „nationalen Denkmäler“. An dieser Form der nationalen Symbolik möchte ich die (sich wandelnde) Vorstellung der Nation herausarbeiten. Dabei werde ich weniger auf die regionalen Unterschiede eingehen, dafür aber gesondert die Geschlechterdifferenzen berücksichtigen. Denn dass der deutsche Nationalismus, durch alle Stadien hindurch, in letzter Konsequenz ein männlicher blieb, darüber herrschen kaum Zweifel.[5]

2. Die deutsche Ausgestaltung des Konzepts Nation

Es ist ein grundlegendes Muster, das sich seit der Französischen Revolution durch Europa und das 19. Jahrhundert zieht, dass Nationen in aller Regel aus Kriegen hervorgegangen sind.[6] Aggression, sowohl rhetorische als auch kriegerische, kann von den Partizipationsbestrebungen moderner Nationalbewegungen nicht getrennt werden.[7] Die Notwendigkeit bei der Herausbildung einer nationalen Identität, sich von anderen Nationen abzugrenzen, liegt auf der Hand: Ein System von nationaler Symbolik funktioniert nur mit entsprechenden Äquivalenzen und Gegensätzen. Bezug genommen wurde hierbei in Deutschland vor allem auf Frankreich, zu dem eine vornehmlich oppositionelle Beziehung bereits Tradition hatte.[8] So konstruierten sich sowohl der deutsche als auch der französische Nationalcharakter in Abgrenzung zur jeweils anderen Nation.

Der stereotype Franzose war mithin sinnlich, putzsüchtig, leichtlebig, leidenschaftlich, intrigant, unvernünftig, unstet und – ‚verweiblicht’. Ganz im Gegensatz zum Deutschen, der sich durch Disziplin, Tiefgang, Treue, Ehrlichkeit, Vernunft, Beständigkeit sowie ‚männlichen’ Mut und Wehrhaftigkeit auszeichnete.[9]

Abgrenzung war ein konstituierendes Moment des deutschen (wie jedes anderen) Nationalgefühls, umso notwendiger, als viele der Forderungen der deutschen Nationalbewegung sich an denen der Französischen Revolution orientierten, der Bevölkerung jedoch als ‚urdeutsch’ gelten sollten. Doch der deutsche ‚Nationalcharakter’ weist durchaus Lücken in seiner Gültigkeit für die gesamte Bevölkerung der verschiedenen deutschen Staaten auf.

Das beinhaltet zum einen die bereits erwähnten Unterschiede, kulturellen Prägungen und Eigenarten (auch und besonders religiöser Art) der verschiedenen Regionen und Staaten, zum anderen aber auch die Unterschiede nach Schicht und (wie die o.g. Nationalattribute bereits nahe legen) Geschlecht. Diese Parameter, ihre Bedeutung in der und ihr Verhältnis zur Nation verändern sich im Laufe der Zeit, besonders unter dem Eindruck der erklärungsbedürftigen Niederlage gegen Napoleon 1806 und der französischen Besatzung.

Die Heeresreform mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1813 stellte nicht nur eine Verstärkung des Militärs dar, sondern auch eine Demokratisierung der Armee, namentlich die Option einer militärischen Laufbahn auch außerhalb des Adels. Verlangt wurde im Gegenzug Opferbereitschaft bis zum Tod; dieser wurde geradezu religiös überhöht: Das ‚Opfer auf dem Altar des Vaterlandes’[10] wurde belohnt durch das kollektive Gedenken einer Nation. Das Versprechen für den unbedingten Einsatz hieß politische Partizipation. Nur der ‚wehrhafte Mann’ war ein ‚wahrhafter Mann’, Bürgertum verband sich untrennbar mit Kriegertum.[11] Das Eiserne Kreuz wurde eingeführt: die erste militärische Auszeichnung, die unabhängig von der sozialen Schicht verliehen wurde.

Dies bedeutete jedoch längst nicht die Ausräumung aller, vor allem kultureller, Differenzen und die Einigung der ‚deutschen’ Bevölkerung. Die Nationalbewegung des Vormärz wurde nach wie vor vornehmlich von den nach Bildung und Besitz oberen bürgerlichen Schichten getragen. Die Schaffung und Betonung von Gemeinsamkeiten, von Identität und, wichtig: Historizität war notwendig, um die breite Masse hinter der Bewegung zu einen. So formierten sich Bewegungen wie die stark männerbündisch orientierten Turner- und Sängerbewegungen. Letztere focht einen erbitterten Kampf von oben zu Gunsten des „Volksliedes“, vor dem die Bevölkerungsmehrheit selbst ironischerweise den bis dahin verbreiteten so genannten „Pöbelliedern“ den Vorzug gab.[12]

Die Idee der deutschen Nation hatte Konjunktur, besonders seit den Befreiungskriegen. Sie war während dieser „kulturellen Nationsbildung“ jedoch eher historisch orientiert und von der Erinnerung an das „Alte Reich“ geprägt. Neben der historischen und kulturellen Zusammengehörigkeit wurden lange Zeit auch noch die Eigenarten der verschiedenen Völker und Staaten betont; ein Nationalstaat war noch nicht angedacht. Erst nach Abschluss der äußeren Nationsbildung im Zuge dreier Kriege folgte die innere in Gestalt der Vereinheitlichung im preußischen Sinne.

3. Nationalismus und Geschlechterrollen

Die Begriffe „Geschlecht“ und „Nation“ samt ihrer Konzeptionen hängen auf mehr als einer Ebene zusammen – zu fragen ist hier nicht nur nach der idealen sowie tatsächlichen Rolle der Frauen im politischen und gesellschaftlichen Leben, sondern auch nach den geschlechterspezifischen Konnotationen bei der Vorstellung des Konstrukts Nation, oder genauer: Deutschland. Dass, so wie die zahlenmäßig starken unteren Schichten für die Vergrößerung der Streitkräfte, Frauen rein biologisch für die Bildung und den Erhalt einer Nation notwendig sind, liegt auf der Hand, und wurde auch im Motiv der ‚Familie als Keimzelle der Nation’ stets zugestanden. Genau damit erfolgte jedoch auch gleich die Zuweisung eines Wirkungsfeldes – und analog der Ausschluss aus anderen.[13]

Über die Zusammenhänge zwischen Nationalbewegung und Geschlechterdifferenzen gibt es unterschiedliche Auffassungen. Dass auch Frauen im Zuge des sich verbreitenden deutschen Nationalismus seit den Befreiungskriegen Vereine gründeten und sich so in gewissem Maße politisch betätigten, ist nicht von der Hand zu weisen, ebensowenig der Umstand, dass diese Tätigkeiten sich, gerade im männerbündischen deutschen 19. Jahrhundert, durchaus stark an den ihnen zugedachten Aufgabenbereichen – wie Krankenpflege und Handarbeit – orientierten. Ob Nationalismus also als der weiblichen Emanzipation förderlich oder hinderlich interpretiert werden soll, darüber besteht keine Einigkeit.[14]

[...]


[1] Vgl. z.B. Karen Hagemann: Nation, Krieg und Geschlechterordnung. S. 562-565.

[2] Vgl. ebenda, S. 571.

[3] Dieter Langewiesche: Föderativer Nationalismus als Erbe der deutschen Reichsnation; bes. S. 215-220. Siehe auch Hagemann: Nation, Krieg und Geschlechterordnung, S. 565.

[4] z.B. Charlotte Tacke (1996): Nation und Geschlechtscharaktere. S. 35.

[5] Dies gilt allerdings nicht uneingeschränkt: In den letzten zehn Jahren wird auch zunehmend der weibliche deutsche Nationalismus untersucht. Dies betrifft jedoch den Umstand, dass die Nation auch für Frauen identitätsstiftend war – nicht umgekehrt. Vgl. Sylvia Paletschek, in: Frauen und Nation. S. 88-89.

[6] Tatsächlich gilt dies natürlich ebenso für das 20. Jahrhundert, mit dem ich mich hier jedoch nicht weiter beschäftigen werde.

[7] Vgl. z.B. Charlotte Tacke (1996): Nation und Geschlechtscharaktere. S. 35.

[8] Vgl. z.B. Regel der Distinktion bei Ute Gerhard/Jürgen Link: Zum Anteil der Kollektivsymbolik an den Nationalstereotypen. In: Link/Wülfing (Hrsg.): Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1991. S. 32-33.

[9] Reinbold, S. 68-78.

[10] S. z.B. Hoffmann-Curtius, S. 47; Tacke 1996, S. 38; auch: 45.

[11] Vgl. auch Planert 2000, S. 387-388.

[12] Langewiesche 1996, S. 49.

[13] Hoffmann-Curtius, S. 46-47.

[14] Tacke (1996) widerspricht der These, Nationalismus habe zur Frauenemanzipation geführt; Chickering, Colley und Reder beispielsweise (ihre Anmerkung: Tacke S. 36 bzw. 232) halten diesen Zusammenhang hingegen für denkbar. Je nachdem, ob das Wirken von Frauen im öffentlichen Raum mit Emanzipation quasi gleichgesetzt wird, oder die Frage im Vordergrund steht, inwieweit Vorstellungen von Männlich- und Weiblichkeit innerhalb der Nation produziert und in Machtverhältnisse zueinander gesetzt werden, sind entsprechende Schlussfolgerungen möglich. Da es jedoch auch innerhalb der Frauenbewegungen immer unterschiedliche (und unterschiedlich weit gehende) Auffassungen und Ziele gab, lässt sich diese Frage möglicherweise nicht allgemeingültig beantworten.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Nation und Geschlecht auf symbolischer Ebene
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Philosophie und Geschichtswissenschaft Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Nation, Geschlecht und Sexualität
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V63195
ISBN (eBook)
9783638563017
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung zu Nationalismus und Geschlechternormen: Ausgestaltung in der nationalen Symbolik der Reichsgründungszeit am Beispiel des Hermannsdenkmals.
Schlagworte
Nation, Geschlecht, Ebene, Hauptseminar, Nation, Geschlecht, Sexualität
Arbeit zitieren
Katja Schmitz-Dräger (Autor), 2006, Nation und Geschlecht auf symbolischer Ebene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63195

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