Mittelalterliche Geschichtsschreibung bei Gregor von Tours


Seminararbeit, 2001
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Mittelalterliche Geschichtsschreibung und Gregors Konzeption der Libri historiarum decem
2.1 Geschichtsschreibung im 6. Jahrhundert
2.2 Form und Aufbau der Libri historiarum decem
2.3 Geschichte als Heilsgeschichte bei Gregor von Tours

3. Die Frage nach dem ersten Frankenkönig: Ein Beispiel für Gregors Gestaltungswillen

4. Schluss: Gregors Darstellungsinteresse – Der göttliche Heilsplan in der Geschichte

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gregor von Tours wurde am 30. November 538 oder 539 in Clermont geboren.[1] Sein eigentlicher Name war Georgius Florentius. Er gehörte einer Familie des romanischen Senatorenadels an und war schon der Abstammung nach für ein hohes Amt in Staat oder Kirche prädestiniert. Viele seiner Vorfahren und Verwandten waren Bischöfe, so war z. B. sein Onkel Bischof von Clermont[2]. Nach dem Tod des Vaters wuchs Gregor bei ihm auf. Als Jugendlicher leistete er während einer schweren Krankheit den Schwur, im Falle seiner Genesung Geistlicher zu werden. 573 wurde er schließlich, als Nachfolger seines Cousins Eufronius, Bischof von Tours.

Inmitten der fränkischen Bürgerkriege waren die ersten zwölf Jahre seines Episkopats von politischen Unruhen geprägt. König Chilperich hatte durch die gewaltsame Eroberung der Stadt 575 seinen Neffen Childebert seines Erbes beraubt. Gregor hielt Childebert[3] die Treue und verteidigte die Unabhängigkeit der Kirche, insbesondere das politische Asylrecht der Martinsbasilika, gegenüber der weltlichen Obrigkeit. In Folge dessen geriet er in den Verdacht, gegen Chilperich zu konspirieren. 580 musste er sich vor der Synode von Berny verantworten, wo er sich allerdings durch einen Eid von allen Verdächtigungen freisprechen konnte. So gelang es ihm, das Vertrauen des Königs zurückzugewinnen und wurde sogar sein Berater in theologischen Fragen.[4]

Es war Gregor ein persönliches Anliegen, als Geschichtsschreiber von den Verhältnissen seiner Zeit Zeugnis abzulegen. Neben seinen hagiographischen Werken arbeitete er während seiner gesamten Amtszeit an den Libri historiarum decem (Zehn Bücher Geschichten), die im Nachhinein auch „Frankengeschichte“ genannt werden.[5] Sie enden im Jahre 594, in dem auch Gregors Leben zu Ende ging. Als Todesdatum geht man vom 17. November 594 aus.[6]

Gregors historiographisches Werk gehört zu den grundlegendsten Quellen europäischer Geschichte und gibt wie keine zweite Auskunft über das sechste Jahrhundert im geographischen Raum Galliens[7]. Hier soll sie jedoch nicht nach Hintergrundsfakten dieser Zeit oder bezüglich ihrer Zuverlässigkeit untersucht werden, sondern vielmehr – im thematischen Rahmen des Proseminars – dahingehend, was sie über die Funktion und Form von Geschichtsschreibung im frühen Mittelalter aussagt.

Hans-Werner Goetz’ Grundsatz „Mittelalterliche Geschichtsschreibung hält in chronologischer Folge die Erinnerung an wahre, denkwürdige Taten fest“[8] impliziert bereits unsere These, dass mittelalterliche Geschichtsschreibung nicht um ihrer selbst willen betrieben wurde, sondern an bestimmte Absichten gebunden war, die die Auswahl dessen bedingten, was als erinnerungswürdig betrachtet wurde, und die Gestaltung des Geschichtswerkes maßgeblich beeinflussten. Uns interessiert in dieser Arbeit die Absicht, die hinter den Libri historiarum decem steht.

Zunächst beleuchten wir hierzu die Merkmale mittelalterliche Geschichtsschreibung im Allgemeinen und im 6. Jahrhundert im Besonderen, um dann auf den Aufbau und den Inhalt der Zehn Bücher Geschichten einzugehen. Eng damit verbunden ist das Konzept der Geschichte als Heilsgeschichte, das wir anschließend behandeln. Danach folgt der Versuch, Gregors Gestaltungswillen an Hand eines Aufsatzes von Adriaan Breukelaar am Beispiel des neunten Kapitels des zweiten Buches der Libri historiarum decem aufzudecken.

2. Mittelalterliche Geschichtsschreibung und Gregors Konzeption der Libri historiarum decem

Mittelalterliche Geschichtsschreibung war zweckorientiert.[9] Der Autor wollte die erlebte Geschichte der eigenen Zeit aufzeichnen. Aber – wie einleitend angedeutet – nicht nur um ihrer selbst willen, sondern seine Darstellung war auch stets mit gewissen übergeordneten Absichten verbunden[10]. Der Verfasser adressierte sich an ein bestimmtes Publikum und hielt sich an eine für seine Zwecke adäquate Form. Der praktische Nutzen mittelalterlicher Geschichtsschreibung konnte allerdings verschiedener Natur sein. Zum Beispiel war er rechtlicher Art, wenn konkrete Rechtsansprüche eines Herrschers oder Magnaten untermauert werden sollten[11]. Aber auch ethische Aspekte spielten eine Rolle, indem Normen zum rechten Handeln am Beispiel einer vorbildlichen Person, wie bei Gregor der Hl. Martin, geliefert wurden. Durch die Darstellung einer idealen Regierung konnte der Geschichtsschreiber politischen Einfluss nehmen. Außerdem war Geschichtsschreibung sehr eng mit theologischen Fragen verknüpft, auf die ich unter Punkt 2.3 genauer eingehen werde.

Auch diejenigen, die die Geschichtsschreibung lesen würden, waren für ihre inhaltliche Ausrichtung relevant. Der Rezipientenkreis mittelalterlicher Historiographie war sehr klein: die Intellektuellen am Hofe, der Herrscher selbst und die Mönche am Kloster des jeweiligen Autors lasen sie. Um Geschichtsschreibung im Mittelalter aus heutiger Sicht zu verstehen, müssen wir uns also der jeweiligen Absicht bewusst sein, an die die Geschichtsschreibung in ihrem historischen Kontext gebunden war.

Ihre Tendenz war den mittelalterlichen Geschichtsschreibern wahrscheinlich nicht bewusst, denn sie betonten ihren Anspruch, wahre Geschichten zu erzählen. Ihr Verständnis von geschichtlicher Wahrheit ist allerdings nicht mit dem der Moderne gleichzusetzen. Auf dieses Problem wird später noch tiefer eingegangen.

2.1 Geschichtsschreibung im 6. Jahrhundert

Im 6. Jahrhundert schwindet der pessimistisch-eschatologische Grundton, der die christliche Geschichtsschreibung der vorangegangenen Jahrhunderte sehr prägte[12]. Historiographie wird für verschiedene Völker Europas zu einem Instrument, ein kulturelles Eigenbewusstsein auszubilden[13]. Man versucht, die Geschichte des eigenen Volkes bis zu seinen Wurzeln zurückzuverfolgen. Isidor von Sevilla tat dies mit der Geschichte der Goten und auch Gregor wurde ein solches Anliegen zugeschrieben, indem man seine Libri historiarum decem im Nachhinein mit „Geschichte der Franken“ betitelte[14]. Ob dieses Attribut Gregors Bestreben gerecht wird, ist in der Forschung umstritten, soll an dieser Stelle auch nicht erörtert werden[15].

2.2 Form und Aufbau der Libri historiarum decem

In der Vorrede der Libri historiarum decem beschreibt es Gregor als seine Pflicht, da sich kein anderer in Gallien finde[16], die Ereignisse seiner Zeit und in seiner Heimat schriftlich festzuhalten. Seinen Stil bezeichnet er als „rusticus“[17], er hat also weniger einen künstlerisch-schriftstellerischen Ehrgeiz als vielmehr das pädagogische Bedürfnis, „zur Erinnerung an das Vergangene und zur Kenntnis für die Nachkommenden“[18] in verständlichem Stil über die Geschichte zu lehren. Nach der Vorrede und der Auflistung der Kapitel folgt der Prolog des ersten Buches der Libri historiarum decem, der sich wie eine Gebrauchsanweisung liest[19], in der das ursprüngliche Anliegen Gregors zum Ausdruck kommt. Er betont seine Rechtgläubigkeit durch ein persönliches Glaubensbekenntnis und stellt heraus, was nach seiner Konzeption Ziel und Anfang aller Geschichte ist: Christus. Der Rahmen der Libri historiarum decem spiegelt ebenfalls Gregors Weltbild wider, denn Geschichte – und somit auch seine Geschichtsschreibung – beginnt mit Gottes Schöpfung und endet mit dem Jüngsten Gericht, bei dem der Mensch vor seinen Schöpfer tritt, der dreieinig ist mit dem heiligen Geist und Jesus Christus.[20]

Inhaltlich hat Gregor von Tours seine Libri historiarum decem nicht nach einem strengen, sofort erkennbaren Schema zusammengestellt.[21] Vielmehr schrieb er nieder, was er aus seiner subjektiven Sichtweise für erinnerungswürdig erachtete. Das waren Anekdoten, Legenden, offensichtlich wichtige und scheinbar weniger wichtige Begebenheiten, deren Zeitzeuge er war.[22] Er will nicht nur einen Überblick über die vergangenen Ereignisse geben, sondern er bewertet sie auch unter moralischen Gesichtspunkten.[23]

Auch die Länge der Kapitel differiert. Kurze Kapitel, die knapp Fakten schildern, wechseln sich mit langen, ausschweifenden ab, in denen Gregor auch wörtliche Rede als Stilmittel benutzt, die seiner Darstellung dialogartige Lebendigkeit[24] verleiht. Der rote Faden in seinem Werk scheint die zeitliche Abfolge der dargestellten Geschehnisse zu sein[25]. Stellenweise wird die Chronologie aber unterbrochen, wenn Gregor dies für seine Darstellung für nötig erachtet. In manchen Kapiteln wiederum spielen genaue Zeitangaben gar keine Rolle[26]. Die Kapitel sind für sich eigenständig und abgeschlossen und haben jeweils eine Überschrift, die den Inhalt des Textes ankündigt und dessen Relevanz für den Leser konkretisiert.

[...]


[1] Vgl. Anton, Sp. 1679.

[2] Vgl. Buchner, S. X.

[3] Vgl. Hist. V, 2.

[4] Vgl. Pietri, S. 185

[5] In der vorliegenden Arbeit soll jedoch der ursprüngliche, von Gregor gewählte Titel benutzt werden.

[6] Darauf, die hier angerissenen politischen Begebenheiten genauer nachzuzeichnen, wird in dieser Arbeit verzichtet, da die historiographische Arbeitsweise des Autors im Vordergrund stehen wird.

[7] Vgl. Buchner, S.VII.

[8] Goetz, Proseminar Geschichte, S. 109.

[9] Vgl. Goetz, S.711.

[10] Vgl. Kortüm, S. 478-479.

[11] Vgl. Goetz , S.711.

[12] Vgl. Kortüm, S. 483-484.

[13] Vgl. Kortüm, S. 484-486.

[14] schon ab dem 8. Jahrhundert kommt es zu dem Beititel „Historia Francorum“ für Gregors „Zehn Bücher geschichte“, vgl. Heinzelmann, S. 119.

[15] vgl. Buchner, S.XV und im Gegensatz dazu Hellmann, S. 11 „Er ist nach Beda der hervorragendste Vertreter der durch die mittelalterlichen Verhältnisse geforderten Nationalgeschichtsschreibung.“

[16] vgl. Hist. I, praef. „qui gesta praesentia possit in paginis“.

[17] vgl. Hist. I, praef. „loquentem rusticum multi“.

[18] vgl. Hist. I, praef. „pro commemoratione praeteritorum, ut notitiam adtingerint venientum“.

[19] vgl. Heinzelmann, S. 106.

[20] vgl. Heinzelmann, S. 114 „Das vorgeführte christologisch-ekklesiologische Programm ist Anfang, Ende und damit gleichzeitig auch Essenz der gregorianischen Geschichtsschreibung!“

[21] vgl. Buchner, S. XX und Heinzelmann S. 110.

[22] Hellmann nennt die in seinen Augen unstrukturierte Erzählweise Gregors „den ersten Schritt zur Barbarei“, vgl. Hellmann, S. 13.

[23] vgl. Zwick, S. 193 und Hellmann, S. 7: „Die Aufgabe, die Gestalten dieser Zeit mit dem Griffel des Künstlers festzuhalten und sie gleichzeitig an den unerbittlichen Sätzen einer höheren Macht richtend zu messen, fiel Gregor von Tours zu.“

[24] Vgl. Hellman, S. 16.

[25] vgl. Buchner, S. XX.

[26] vgl. Heinzelmann, S. 104.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Mittelalterliche Geschichtsschreibung bei Gregor von Tours
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Funktion und Form mittelalterlicher Geschichtsschreibung
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V63223
ISBN (eBook)
9783638563222
ISBN (Buch)
9783656226109
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalterliche, Geschichtsschreibung, Gregor, Tours, Funktion, Form
Arbeit zitieren
Monika Braun (Autor), 2001, Mittelalterliche Geschichtsschreibung bei Gregor von Tours, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63223

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