Einerseits gehört die in dieser Arbeit vorgestellte ‚General Strain Theory’ von Robert Agnew zu den jüngeren Ansätzen auf dem Gebiet der Kriminalsoziologie, andererseits stammt sie aus einer Theorie-Familie mit langer Tradition. Die Vorläufer der modernen ‚Strain Theory’ gehören zu den ersten soziologischen Theorien überhaupt, die sich mit abweichendem Verhalten befasst haben. Die Frage „Was ist die Strain Theory?“ wird daher auch im Rückgriff auf die Entstehungsgeschichte der Theorie geklärt. Um die ‚General Strain Theory’ im Bereich der Anomietheorien verorten zu können, wird zu erst in die klassischen Anomietheorien von Durkheim und Merton eingeführt. Dabei soll herausgestellt werden, worin die Bedeutung der Anomietheorie für die Devianzforschung besteht, nämlich in dem genuin soziologischer Blickwinkel, den sie beisteuert. In Abgrenzung zu biologistischen Ansätzen (Triebtheorien), psychologischen Ansätzen (Lerntheorie) und ökonomischen Ansätzen (Rational Choice) wird – vor allem bei den klassischen Anomietheorien – ein sozialer Tatbestand, die Kriminalitätsrate, durch einen anderen erklärt – durch den gesellschaftlichen Zustand der Anomie. ‚Anomie’ beschreibt laut Duden einen „Zustand mangelnder sozialer Ordnung; (…) Zustand mangelhafter gesellschaftlicher Integration innerhalb eines sozialen Gebildes, verbunden mit Einsamkeit, Hilflosigkeit u. Ä.“ Die ‚General Strain Theory’ von Agnew kann in diesem Kontext als eine Art mikro-analytische Operationalisierung des Anomiekonzepts begriffen werden. Das englische Wort strain bedeutet in etwa soviel wie: Zwang, Druck, Belastung oder Stress und kann als die Folgen der Anomie für den Einzelnen verstanden werden. Agnew selbst definiert strain wie folgt: „Strain refers to relationships in which others are not treating the individual in the way he or she would like to be treated” (Agnew, 2001, S. 320). Im zweiten Teil der Arbeit wird genauer in diese Theorie ‚individueller Belastungen’ eingeführt und es werden eine Reihe von Randbedingungen für das Zustandekommen von Kriminalität aufgrund dieser ‚Belastungen’ beschrieben. Anhand eines konkreten Beispiels, nämlich der Erklärung unterschiedlicher Kriminalitätsraten von Männern und Frauen, soll abschließend das Erklärpotential der ‚General Strain Theory’ untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Entstehung der Anomietheorie
2.1 Durkheim – Anomie als Krise
2.2 Merton – Anomie als soziales Problem
2.3 Unterschiede des ‚Anomie’ Begriffs bei Durkheim und Merton
2.4 Entwicklung der Anomietheorie im Anschluss an Merton
3 Die ‚General Strain Theory’ von Agnew
3.1 Die ‚General Strain Theory’ als mikro-fundierte Anomietheorie
3.2 Wie misst man ‚Strain’?
3.3 Intervenierende Variablen
4 Anwendungsbeispiel: Kriminalität und Geschlecht
5 Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die ‚General Strain Theory’ von Robert Agnew als Weiterentwicklung klassischer anomietheoretischer Ansätze der Kriminalsoziologie, mit dem Ziel, die mikro-analytischen Mechanismen der Entstehung von Kriminalität durch individuellen Belastungsdruck zu erläutern und deren Erklärpotenzial am Beispiel von Geschlechtsunterschieden in der Kriminalitätsrate zu validieren.
- Klassische Anomietheorien von Durkheim und Merton
- Entwicklung und Kernkonzepte der ‚General Strain Theory’ (GST)
- Operationalisierung von ‚Strain’ (Druck/Belastung)
- Bedeutung intervenierender Variablen für kriminelles Verhalten
- Analyse von Kriminalitätsunterschieden zwischen Männern und Frauen
Auszug aus dem Buch
3.1 ‚General Strain Theory’ als mikro-fundierte Anomietheorie
Robert Agnew, geboren 1953 in New-Jersey, studierte an der Universität von North-Carolina in Chapell-Hill Soziologie. 1980 bekam er an der Emory University in Atlanta, Georgia, wo er noch heute lehrt, einen Ph.D. für die Dissertation „A Revised Strain Theory of Delinquency“. Mit seinem 1992 erschienenem Aufsatz „Foundation for a General Strain Theory of Crime and Delinquency“ legte Agnew schließlich den Grundstein für eine Erneuerung der Anomietheorie, die in der Fachwelt für Diskussionen sorgte und mittlerweile Gegenstand einer Reihe empirischer Studien ist. Agnew sieht in der Anomietheorie einen zentralen soziologischen Ansatz zur Erklärung von Kriminalität, plädiert aber für eine Überarbeitung des Ansatzes unter Einbeziehung neuer empirischer Erkenntnisse. Mit der ‚General Strain Theory’ (GST) versucht Agnew die theoretische und empirische Kritik an früheren Theorien aufzugreifen und zu integrieren.
Anomie existiert auf zwei Ebenen: Ungleichheit der Gesellschaft auf der Makro-Ebene und den ‚anomischer Druck’ auf der Mikro-Ebene. Merton äußert sich kaum zu den auf individuellem Level wirksamen Mechanismen, also darüber warum manche Personen delinquent werden und andere nicht. Zwar führt er verschiedene Verhaltens- bzw. Anpassungsmuster ein, aber diese enthalten keine Handlungstheorie, wer wann aus welchen konkreten Gründen kriminell wird. Die ‚General Strain Theory’ versucht genau diese Mikro-Mechanismen der Übersetzung von empfundenem Druck in kriminelles Verhalten nachzureichen. So definiert Agnew nicht nur verschiedene Arten von anomischem Druck (‚strain’), sondern auch wie dieser gemessen werden kann. Ferner führt die GST Faktoren ein, welche die Kausalbeziehung aus Belastung und kriminellem Verhalten beeinflussen oder möglicherweise gar unterbinden, indem sie zu einer anderen nicht-kriminellen Bewältigungsstrategie führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet die ‚General Strain Theory’ innerhalb der Kriminalsoziologie und definiert das Ziel, die Theorie als mikro-analytische Operationalisierung des Anomiekonzepts zu untersuchen.
2 Die Entstehung der Anomietheorie: Dieses Kapitel arbeitet die klassischen Ansätze von Durkheim und Merton auf, wobei die Unterschiede in der Begriffsverwendung sowie die Weiterentwicklungen im Anschluss an Merton dargestellt werden.
3 Die ‚General Strain Theory’ von Agnew: Der Hauptteil erläutert die GST als mikro-fundierte Theorie, beleuchtet die Schwierigkeiten der Messbarkeit von ‚Strain’ und diskutiert intervenierende Variablen.
4 Anwendungsbeispiel: Kriminalität und Geschlecht: Dieses Kapitel nutzt die GST, um die empirisch beobachteten Unterschiede in den Kriminalitätsraten von Männern und Frauen durch geschlechtsspezifische Druckfaktoren zu erklären.
5 Fazit: Das Fazit bewertet die GST als sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Theorien, weist auf Forschungslücken hin und plädiert für eine Wiederbelebung makro-theoretischer Fragestellungen.
Schlüsselwörter
General Strain Theory, Anomietheorie, Kriminalsoziologie, Robert Agnew, Kriminalität, Devianz, Anomischer Druck, Soziale Belastung, Geschlechtsunterschiede, Kriminalitätsrate, Mikro-Analyse, Strain, Kriminalprävention, Intervenierende Variablen, Delinquenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ‚General Strain Theory’ von Robert Agnew, eine soziologische Theorie zur Erklärung von Kriminalität, die auf dem klassischen Anomiekonzept aufbaut und dieses um eine mikro-analytische Perspektive erweitert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Anomietheorie von Durkheim über Merton bis hin zu Agnew, der methodischen Messung von Belastungsdruck (Strain), der Rolle intervenierender Variablen sowie einer geschlechtsspezifischen Analyse von Kriminalitätsursachen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die ‚General Strain Theory’ theoretisch einzuordnen, ihre Mechanismen der Entstehung kriminellen Verhaltens auf Individualebene darzulegen und ihr Erklärpotenzial anhand von Geschlechterdifferenzen bei Straftaten zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Seminararbeit, die auf einer Literaturanalyse basiert, um bestehende soziologische Theorien zu vergleichen, zu systematisieren und auf ein konkretes Anwendungsbeispiel anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die mikro-fundierten Aspekte der GST erörtert, insbesondere wie persönlicher Stress und Belastungen durch negative Beziehungen kriminelles Handeln begünstigen können, sowie wie verschiedene Bewältigungsstrategien intervenierend wirken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie ‚General Strain Theory’, Anomietheorie, Kriminalsoziologie, anomischer Druck, Delinquenz und geschlechtsspezifische Kriminalitätsunterschiede geprägt.
Warum unterscheidet Agnew zwischen objektivem und subjektivem Strain?
Agnew unterscheidet diese Formen, weil Individuen dieselbe objektive Belastungssituation subjektiv unterschiedlich wahrnehmen können, was für die Erklärung, warum manche Menschen kriminell werden und andere nicht, entscheidend ist.
Wie erklärt die Arbeit den Zusammenhang zwischen Kriminalität und Geschlecht?
Die Arbeit nutzt die GST, um aufzuzeigen, dass Männer und Frauen unterschiedlichen Arten von Belastungen (Strain) ausgesetzt sind und verschiedene emotionale und kognitive Reaktionen darauf zeigen, was das unterschiedliche kriminelle Verhalten erklären kann.
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- Peter Neitzsch (Author), 2006, Die General Strain Theory von Robert Agnew - Eine Fortschreibung anomietheoretischer Ansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63240