Sehr viele Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten bzw. –störungen bei Kindern und Jugendlichen
lassen sich auf ihr familiäres und soziales Umfeld zurückführen. Diese Auffälligkeiten, die bei Kindern
beobachtet werden, lassen sich immer häufiger auf frühe Bindungsstörungen zurückführen. Sie treten
dann in Form von Aggressivität, Ängstlichkeit und vielem mehr auf.
Die frühen Bindungsstörungen entstehen daraus, dass die Kinder in ihren ersten Lebensjahren keine
sichere Bindung zu einer erwachsenen Person herstellen konnten, so dass ihnen so etwas wie
Urvertrauen fehlt. Damit fehlt ihnen die Basis für die Entwicklung einer stabilen selbstbewussten
Persönlichkeit.
Frühe Bindungsstörungen lassen sich später nicht gänzlich beheben, allerdings kann man sie
meistens soweit kompensieren, dass die Kinder als erwachsene Personen ein eigenständiges Leben
führen können.
Diese Hausarbeit beschäftigt sich nun mit der Entwicklung von Bindungsverhalten und
Bindungsstörungen aus Sicht der Bindungstheorie nach John Bowlby, dem Urvater dieser Theorie.
Im ersten Kapitel dieser Arbeit werde ich kurz die Wurzeln der Bindungstheorie darstellen, da mir dies
sinnvoll erscheint, um sich überhaupt erst mit der Thematik auseinandersetzen zu können.
Im zweiten Kapitel befasse ich mich mit den Grundannahmen der Bindungstheorien, wie sie von John
Bowlby und anderen formuliert worden sind.
Das dritte Kapitel hat als Thema die Theorie der Bindungsstörungen. An zwei ausgewählten
Fallbeispielen werde ich zusätzlich noch die Auswirkungen solcher Bindungsstörungen darlegen.
Im vierten Abschnitt versuche ich ein Fazit zu ziehen.
Struktur der Arbeit
1. DIE WURZELN DER BINDUNGSTHEORIE
2. DIE BINDUNGSTHEORIE
2.1 Definition von Bindung
2.2 Wichtige Verhaltenssysteme
2.2.1 Das Bindungsverhaltenssystem
2.2.2 Das Explorationsverhaltenssystem
2.2.3 Das Fürsorgeverhalten
2.3 Die Entwicklung der Bindung
2.4 Das Konzept der Feinfühligkeit
2.5 Das Konzept der kindlichen Bindungsqualität
2.5.1 Ablauf der Fremden Situation nach AINSWORTH
2.5.2 Sicher gebundene Kinder
2.5.3 Unsicher-vermeidend gebundene Kinder
2.5.4 Unsicher-ambivalent gebundene Kinder
2.5.5 Desorganisierte Kinder
2.5.6 Verteilung der kindlichen Bindungsqualitäten
2.6 Das Konzept der Bindungspräsentation
3. BINDUNGSSTÖRUNGEN
3.1 Klassifikation der Bindungsstörungen
3.1.1 Keine Anzeichen von Bindungsverhalten
3.1.2 Undifferenziertes Bindungsverhalten
3.1.3 Übersteigertes Bindungsverhalten
3.1.4 Gehemmtes Bindungsverhalten
3.1.5 Aggressives Bindungsverhalten
3.1.6 Bindungsverhalten mit Rollenumkehrung
3.1.7 Psychosomatische Symptomatik
3.2 Auswirkungen von Bindungsstörungen im Schulalltag
3.2.1 Die Schulangst – Beispiel an einem Therapieverlauf
3.2.1.1 Erstvorstellung und Symptomatik
3.2.1.2 Anamnese
3.2.1.3 Bindungsdynamische Überlegungen
3.2.1.4 Therapie und Verlauf
3.2.1.5 Abschließende Bemerkungen und Katamnese
3.2.2 Dissozialität und Delinquenz – Beispiel an einem Therapieverlauf (Kurzfassung)
4. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entwicklung von Bindungsverhalten und Bindungsstörungen auf Basis der Bindungstheorie nach John Bowlby. Das primäre Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen frühen Bindungserfahrungen und späterem Verhalten sowie die daraus resultierenden Störungsbilder im schulischen Kontext durch theoretische Analyse und praktische Fallbeispiele aufzuzeigen.
- Historische Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie
- Die Bedeutung von Feinfühligkeit und Bindungsqualität
- Klassifikation und Symptomatik verschiedener Bindungsstörungen
- Auswirkungen von Bindungsstörungen auf den schulischen Alltag
- Bindungsdynamische Analysen bei Schulangst und Delinquenz
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Undifferenziertes Bindungsverhalten
Bei diesen Kindern ist ein Verhalten festzustellen, dass BRISCH mit dem Begriff „soziale Promiskuität“ (BRISCH, 1999, S.85) bezeichnet. Das heißt, dass diese Kinder nicht zwischen den Bezugspersonen unterscheiden und sich sehr vertraulich gegenüber allen Personen, auch Fremden, zeigen.
In bedrohlichen Situationen suchen sie Trost, dabei ist es für sie völlig uninteressant von wem sie diesen Trost empfangen. Andererseits ist es sehr schwer, sie umfassend zu trösten.
BRISCH nennt noch eine weitere Variante dieser Bindungsstörung, den sogenannten „Unfall-Risiko Typ“ (BRISCH, 1999, S. 85). Kennzeichnend für diesen Typ ist ihr stark ausgeprägtes Risikoverhalten. Beim Ausleben ihres Explorationsdranges kommt es nicht selten zu selbst provozierten Unfällen und selbst Erfahrungen mit schmerzlichem Ausgang verändern dieses riskante Verhalten nicht.
Betroffen sind ebenfalls wieder Heim- und Pflegekinder bei denen die Bezugsperson häufig wechselt, aber auch vernachlässigte Kinder zeigen ein undifferenziertes Bindungsverhalten (Vgl. BRISCH, 1999, S. 86).
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE WURZELN DER BINDUNGSTHEORIE: Das Kapitel erläutert die Entstehung der Bindungstheorie durch John Bowlby unter Einbeziehung ethologischer, kybernetischer und psychoanalytischer Erkenntnisse.
2. DIE BINDUNGSTHEORIE: Hier werden die Definition von Bindung, die zentralen Verhaltenssysteme und die verschiedenen Bindungsqualitäten nach Mary Ainsworth detailliert dargelegt.
3. BINDUNGSSTÖRUNGEN: Dieser Teil klassifiziert Bindungsstörungen und analysiert deren Auswirkungen im Schulalltag anhand von zwei spezifischen Fallbeispielen.
4. ZUSAMMENFASSUNG: Das abschließende Kapitel resümiert die Bedeutung frühkindlicher Bindungserfahrungen für die weitere Lebensentwicklung und die Relevanz der bindungstheoretischen Perspektive.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, John Bowlby, Bindungsstörung, Bindungsqualität, Feinfühligkeit, Fremde Situation, Bindungsrepräsentation, Explorationsverhalten, Schulangst, Dissozialität, Delinquenz, Psychosomatik, Bindungsverhalten, Entwicklungspsychologie, Kinderpsychiatrie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bindungstheorie nach John Bowlby und untersucht, wie frühe Bindungserfahrungen zwischen Kindern und Bezugspersonen die Entwicklung prägen und welche Störungen daraus entstehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Bindungssystemen, das Konzept der Feinfühligkeit, die Klassifikation von Bindungsstörungen sowie deren Manifestation in psychischen und psychosomatischen Symptomen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein Verständnis für den Zusammenhang zwischen Bindung und Verhalten zu schaffen, um Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen besser deuten und pädagogisch begleiten zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte theoretische Literaturanalyse sowie auf die klinische Fallbeispiel-Analyse nach der Bindungstheorie von Brisch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Bindungstheorie, die Darstellung der Bindungstypen und die konkrete Anwendung der Theorie auf schulrelevante Verhaltensprobleme wie Schulangst und Delinquenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bindungssicherheit, Bindungsstörung, Fremde Situation, Explorationssystem und psychosomatische Symptomatik geprägt.
Wie unterscheidet sich undifferenziertes Bindungsverhalten von sicherem Bindungsverhalten?
Während sicher gebundene Kinder eine klare Präferenz für ihre Bezugsperson zeigen, zeichnet sich undifferenziertes Bindungsverhalten durch eine "soziale Promiskuität" aus, bei der das Kind keinen Unterschied zwischen vertrauten Personen und Fremden macht.
Warum ist das Explorationsverhaltenssystem für die Entwicklung wichtig?
Es dient dem Auskundschaften der Umgebung, was eine wesentliche Voraussetzung für das Lernen ist; es kann jedoch nur dann aktiv werden, wenn die Bindungsbasis sicher ist.
Welche Rolle spielt die "Fremde Situation" in der Forschung?
Sie dient als standardisiertes Experiment zur Identifizierung der Bindungsqualität eines Kindes im ersten Lebensjahr durch die Beobachtung von Trennungs- und Wiedersehensreaktionen.
- Quote paper
- Nadine Zunker (Author), 2006, Bindungsverhalten und Bindungsstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63263