Franz Xaver Joseph Rudigier wurde Tal am siebenten April 1811 als achtes und letztes Kind des Johann Christian und der Maria Josepha Rudigier in Patenen im Montafon-geboren. Seine Eltern waren Bauern und sein Vater fungierte zusätzlich als Mauteinnehmer und Schuhmacher. Maßgeblich für den Lebensweg Rudigiers war neben der Liebe seiner Mutter, die ihm besonders zugetan war, der Einfluß seines 14 Jahre älteren Bruders Johann, welcher 1822 zum Priester geweiht wurde. Bei diesem lebte Franz Joseph von 1822 bis 1825 in Schruns 1 . 1825 begann er das Gymnasialstudium in Innsbruck. Nach dessen Vollendung trat er 1831 in das Brixener Priesterseminar ein. Zum Priester wurde Rudigier 1835 geweiht 2 . Im selben Jahr durfte er eine Kooperatorenstelle in Vandans übernehmen. 1836 wurde ihm ein Frühmeßstipendium in Bürs von der Gemeinde übergeben 3 . 1838 übersiedelte Rudigier nach Wien, wo er das Weiterbildungsinstitut zum heiligen Augustinus (Frintaneum) besuchte 4 . Dieses war seit 1816 eine Ausbildungsstätte für Weltpriester, da Österreichern im Zuge der josephinischen Kirchenpolitik der Besuch des Germanicums in Rom bis 1848 verboten war. Im März 1839 wurde Rudigier nach Brixen 5 zurückberufen, wo er zum provisorischen Professor für Kirchengeschichte und Kirchenrecht ernannt wurde. Ab 1841 übernahm er die Fächer Moral und Erziehungskunde. Schon nach sechs Jahren, am 22. März 1845, ernannte der Kaiser Rudigier zum Spiritual am Frintaneum in Wien 6 . Auch dieser Aufenthalt war nur von kurzer Dauer. Am 2. August 1848 wurde er Propst von Innichen 7 . Dieses Amt bedeutete sicher keinen Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie. Dennoch bewarb sich Rudigier, da er das ruhigere politische Klima in Tirol dem aufgewühlten in Wien vorzog. Schon in diesem Jahr trat er durch politische Äußerungen hervor, die dem revolutionären Geist der Zeit widersprachen. So sprach er sich gegen die Befreiung der Bauern von den Abgaben an den Grundherrn aus, da er eine Schmälerung der kirchlichen Einnahmen im allgemeinen und der Propsteieinnahmen im besonderen befürchtete. Als sich 1849 das Gerücht verbreitete Rudigier werde zum Kanoniker am Brixener Dom ernannt, war man in Innichen besorgt einen hervorragenden Seelsorger und Propst zu verlieren. Nichtsdesto trotz wurde er am ersten Februar 1850 vom Kaiser zum Kanonikus am Brixener Dom ernannt. Wesentlich wichtiger war jedoch Rudigiers Bestellung zum Regens des hiesigen Priesterseminars. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Das Leben des Bischof Rudigier bis zu seiner Bischofsweihe
2. Der Beginn des politischen Wirkens Bischof Rudigiers
3. Der Dotationsstreit
4. Die Verteidigung des Konkordats
5. Der Hirtenbrief und seine Beschlagnahmung
6. Vorladung und Vorführung
7. Verurteilung und Begnadigung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Skandal um den Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier, dessen politisches Wirken, die daraus resultierenden juristischen Auseinandersetzungen um seinen Hirtenbrief sowie die Konsequenzen für die kirchliche und politische Landschaft im Österreich des 19. Jahrhunderts.
- Biografische Grundlagen und Werdegang von Bischof Rudigier.
- Die Spannung zwischen katholischer Kirche und dem liberalen Staat in der konstitutionellen Monarchie.
- Die rechtliche Eskalation im sogenannten Dotationsstreit.
- Der Hirtenbrief-Konflikt, die Vorführung des Bischofs und die darauf folgende Verurteilung.
- Die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Entstehung katholischer Vereine als politische Akteure.
Auszug aus dem Buch
6. Vorladung und Vorführung
Am 14. Mai sollte der Bischof zur Klärung der Frage, „ob die Tat mit bösem Vorsatz oder aus Fahrlässigkeit begangen worden sei“, vor dem Untersuchungsrichter erscheinen. Natürlich leistete Rudigier dieser Vorladung nicht Folge und berief sich erstens auf die Autonomie der Kirche, zweitens auf das Konkordat und drittens auf den Heiligen Vater, der ihm verboten hätte, sich einem weltlichen Gericht zu stellen. Verfolgung würde er leiden wegen der Gerechtigkeit und Schmach für den Namen Jesu. Er bekundete seine Bereitschaft, als Opfer zu dienen, wenn damit die Freiheit der Kirche in Österreich errungen werden könne.
Bei den Liberalen erregte besonders die Berufung auf den Heiligen Vater Anstoß. Rudigier hatte bislang darauf gehofft, daß es zu keinem Verfahren kommen werde, nun bereitete er sich auf ein Martyrium vor.
Zum zweiten Termin am ersten Juni erschien der Bischof ebenfalls nicht. Auch die Vorsprache des Untersuchungsrichters im Bischofshof blieb ohne Ergebnis. Am vierten Juni telegraphierte das Ministerratspräsidium an die Statthalterei, um nachzufragen, ob und in welcher Weise die Vorführung stattgefunden habe. Dies wurde mit der Information, daß das Gericht soeben die Durchführung der Vorführung beschlossen habe, beantwortet.
Die Schilderung der Ereignisse des nächsten Tage lassen wir nun Bischof Rudigier selbst vornehmen, der den Hergang in einem Brief dem Wiener Weihbischof Kutschker berichtet:
„Heute bin ich (zwischen 12 und halb 3 Uhr nachmittags) zur informativen Vernehmung mit Zwang zum Landesgerichte geführt worden. Mit der Ausführung war der Bürgermeister in seiner Eigenschaft als städtischer Polizeichef betraut. Derselbe versuchte mich zuerst in aller Weise zum freiwilligen Erscheinen zu bewegen. Da ich aber immer entgegnete, es sei mir nicht erlaubt, mich dem Gerichte zu stellen..., ließ er zuletzt den Gemeindesecretär vortreten und entfernte sich. Sicherheitswachmänner folgten dem Secretär. Ich gab motivierten Protest zu Protokoll. Ein Sicherheitswachmann ergriff mich bei der Hand. Da nun eine Gewalt vorhanden war, die mich physisch bewältigen konnte, stieg ich ohne Widerstreben in den bereitgehaltenen, vom Bürgermeister bestellten Wagen und fuhr in Begleitung meines Secretärs mit dem Gemeindesecretär, dann einem Wachmanne auf dem Bocke, zum Landesgerichtsgebäude.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Leben des Bischof Rudigier bis zu seiner Bischofsweihe: Darstellung des familiären Hintergrunds und des beruflichen Aufstiegs Rudigiers in den kirchlichen Dienst bis zur Ernennung zum Linzer Bischof.
2. Der Beginn des politischen Wirkens Bischof Rudigiers: Analyse des Spannungsfeldes zwischen Kirche und Staat nach dem Konkordat von 1855 sowie Rudigiers Rolle als Verfechter kirchlicher Autorität im Landtag.
3. Der Dotationsstreit: Schilderung der rechtlichen Auseinandersetzungen um Dotationsgüter und das Wahlrecht des Bischofs als Vorbote für die kommenden Konflikte mit den Liberalen.
4. Die Verteidigung des Konkordats: Erörterung der Verteidigung des Konkordats durch Rudigier angesichts der liberalen Staatsgrundgesetze und des wachsenden Säkularismus.
5. Der Hirtenbrief und seine Beschlagnahmung: Dokumentation des Konflikts um einen Hirtenbrief, der zur behördlichen Beschlagnahmung durch die staatlichen Instanzen führte.
6. Vorladung und Vorführung: Bericht über die Weigerung des Bischofs, einem weltlichen Gericht zu folgen, und seine darauffolgende zwangsweise Vorführung.
7. Verurteilung und Begnadigung: Darstellung des Prozesses, des Urteilsspruchs gegen den Bischof und der anschließenden kaiserlichen Begnadigung.
Schlüsselwörter
Bischof Rudigier, Österreichische Geschichte, Hirtenbrief, Konkordat, Dotationsstreit, Liberalismus, Katholische Kirche, Oberösterreich, Rechtsstreit, Staatsgrundgesetze, Kaiser Franz Joseph, Katholisches Casino, Politischer Katholizismus, Vorführung, Begnadigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die politische Konfrontation zwischen dem Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier und dem liberalen österreichischen Staat im 19. Jahrhundert, gipfelnd in seinem Strafprozess.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Kampf um das Konkordat, dem gesellschaftspolitischen Einfluss der Kirche und den rechtlichen Konflikten zwischen religiöser Autonomie und staatlichem Zwang.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Aufarbeitung des Skandals um den Hirtenbrief Bischof Rudigiers und die Analyse der daraus resultierenden Folgen für die katholische politische Organisation.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Fallstudie, die primär auf zeitgenössischen Dokumenten, Hirtenschreiben und zeitgenössischer Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Stationen von Rudigiers Wirken, vom Dotationsstreit über die Auseinandersetzungen um das Konkordat bis hin zur Verhaftung und Verurteilung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich das Werk charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ultramontanismus, Kulturkampf, kirchliche Autonomie, Staatsgewalt und Konstitutionelle Monarchie charakterisieren.
Warum lehnte der Bischof die Vorladungen des weltlichen Gerichts ab?
Rudigier berief sich auf die Autonomie der Kirche, das Konkordat und das Verbot des Heiligen Vaters, sich einem weltlichen Gericht zu stellen, da er sich als Opfer für die kirchliche Freiheit sah.
Welche Rolle spielte das "Katholische Casino" in diesem Konflikt?
Das Casino diente als "Lese- und Geselligkeitsverein" zur katholischen Meinungsbildung und wurde von der Statthalterei als politisches Zentrum der Opposition misstrauisch überwacht und schließlich aufgelöst.
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- Mag. phil. Thomas Haviar (Author), 1996, Der Skandal um Bischof Rudigiers Hirtenbrief - Seine Vorführung und seine Verurteilung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63282