Eschatologische Vorstellungen in der jüdisch-christlichen Tradition


Seminararbeit, 1997

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

0. Der Rahmen: Alexander Demandt, Endzeit?

1. Einführung in den Begriff Eschatologie
1.1 Heutige Problematik der Eschatologie
1.2 Eschatologie im dogmatischen Selbstverständnis
1.3 Fragestellung der Eschatologie

2. Vollendung der Welt - Universale Eschatologie
2.1 Begrifflichkeiten
2.2 Biblische Grundlagen
2.2.1 Alte Verheißungen
2.2.2 Apokalyptik
2.2.3 Die Verkündigung der Herrschaft Gottes
2.2.4 Erwartung der Parusie
2.2.5 Parusie und Gericht
2.3 Dogmengeschichtliche Entwicklung
2.3.1 Vorstellungen in der frühen Kirche
2.3.2 Chiliasmus
2.3.3 Civitas Dei und Civitas terrena
2.3.4 Eschatologie und neuzeitliches Fortschrittsdenken

3. Der Rahmen: Alexander Demandt, Endzeit?

Literatur

0. Der Rahmen: Alexander Demandt, Endzeit?

Anlaß für die nachfolgende Betrachtung gab im erwähnten Werk besonders das II. Kapitel und hier im Speziellen die Nummern 6 bis 15. Demandt geht hier kursorisch und sehr oberflächlich auf jüdische Messiashoffnung, Weltreichsidee bei Daniel, Romidee, Christliche Eschatologie, etc.,etc. ein. Kaum eine der wichtigen Endzeitvorstellungen im jüdisch-christlichen Raum zwischen 1000 v. Chr. und 1500 n. Chr. bleibt unerwähnt. Das er einige natürlich unerwähnt läßt, sei ihm nachgesehen. Einige von den erwähnten Endzeiterwartungen möchte ich hier anführen und ihre Ausfaltungen näher betrachten.

Vorab ist es aber notwendig, den Begriff „Eschatologie“ zu klären.

1. Einführung in den Begriff Eschatologie

1.1 Heutige Problematik der Eschatologie

Das christliche Sprechen von einer Vollendung ist in unserer Zeit mehrfach belastet.

Die Religionskritik des 19. und 20. Jahrhunderts warf dem Christentum vor, das Reden von einer jenseitigen Zukunft lenke von der Aufgabe, die Lebensbedingungen im Diesseits erträglicher und menschlicher zu gestalten, ab. Andererseits hat für viele Christen die Eschatologie einen stark moralisierenden Charakter. Durch den Hinweis auf künftige Bestrafung und Belohnung werde ein der Kirche genehmes Verhalten nahe gelegt. Außerdem kommen dem neuzeitlichen, an der Naturwissenschaft orientierten Denken viele überlieferte eschatologische Vorstellungen, wie der endzeitliche Niedersturz der Gestirne oder eine Wiederbelebung verwester Leichname, unglaubwürdig vor. Dies ist allerdings auch auf die neuscholastische Theologie zurückzuführen, die statt in den biblischen Bildern angedeutete Hoffnungsperspektiven herauszuarbeiten, diese verdinglichte sowie verräumlichte und möglichst viele Detailinformationen liefern wollte, die Skepsis hervorriefen. Dem setzt Karl Rahner entgegen, daß die absolute Vollendung ein zu verehrendes Geheimnis bleibt und wir Christen nicht so tun müssen, „als kennten wir uns sozusagen im Himmel aus“[1].

1.2 Eschatologie im dogmatischen Selbstverständnis

In der neuscholastischen Tradition war die Eschatologie der letzte Traktat der Dogmatik[2]. Sie wurde und wird verstanden als die Lehre von den „letzten Dingen“ (ta esxata) und behandelte die Themen Tod und Gericht sowie Himmel und Hölle. In der Traktatenfolge ist dieser Traktat dem ersten, der Schöpfungslehre, als letzter, sozusagen als Vollendungslehre, gegenübergestellt. Angemerkt sei hier, daß die neuscholastische Dogmatik ihr Fach als die Darstellung der fortschreitenden Selbstoffenbarung Gottes verstand.

Die nachscholastischen Theologie sieht in der Eschatologie nicht allein die Bestimmung der Wirklichkeiten, die nach dem Tode eintreten, sondern geht weiter und will die Selbstoffenbarung Gottes im Blick auf seine definitive Entschlossenheit zum Heil der Menschen herausarbeiten[3]. Gott hat sich endgültig und reuelos, als Horizont, Inhalt und Vollendung dem Menschen zugesagt und als deren Ursprung und Ziel geoffenbart. Im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe steht der Mensch schon in der Einheit mit Gott und hat schon jetzt am Leben des dreifaltigen Gottes Teil. Dieses präsentische Verständnis von Eschatologie schließt natürlich den futurischen Horizont der letzendlichen Erfüllung von Welt und Mensch nicht aus. Die präsentische Dimension der Eschatologie ist vielmehr das dynamische Prinzip, wodurch sich der Glaube von Gott auf ein Endziel hinbewegen läßt.

Gleichzeitig wird hiermit dem Mißverständnis vorgebeugt, die Eschatologie sei eine exakte Beschreibung des Zustandes oder Aufenthaltsortes des Menschen nach seinem Tode oder eine genaue Erklärung der im Rahmen des Gerichtes eintreffenden Ereignisse.

Zentraler Punkt der christlichen Eschatologie ist die definitive Selbstmitteilung Gottes an den Menschen, die ihre Zuspitzung in Jesus Christus und der Ausgießung des Gottesgeistes in den „letzten Tagen“[4] findet. Sie dient also der Verdeutlichung der Konsequenzen dieser Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes.

1.3 Fragestellung der Eschatologie

Für die Dogmatik ergeben sich drei verschiedene und dennoch ineinander verschränkte Fragekreise:

Die universale Eschatologie

Die individuelle Eschatologie

Der Zusammenhang von Kirche und Eschatologie

Die bereits erwähnte Verschränkung sei hier noch einmal besonders hervorgehoben, da die drei Bereiche sachlich voneinander kaum getrennt werden können und der Zusammenhang leicht aus dem Blick geraten könnte. Ich folge hier neueren Handbüchern[5], die außerdem meist die allgemeine Eschatologie vor die individuelle stellen, da diese Reihenfolge mehr dem Verlauf der biblischen Heilsgeschichte entspricht und gleichzeitig eine innere Logik deutlich macht: Die Hoffnung für den einzelnen steht im größeren Horizont der Hoffnung für die Welt.

ad 1. Die universale Eschatologie, die uns in der Folge näher beschäftigen soll, betrachtet die Frage nach der Betroffenheit des Menschen als eines Wesens mit universalgeschichtlicher Ausrichtung und seiner schöpfungsgemäßen geistig-leiblichen Existenz im Horizont der Wiederkunft Christi, des universalen Endgerichtes, der allgemeinen Auferweckung der Toten, des Endes der Geschichte und schließlich des Glaubens an den transzendenten Akt der Neuschöpfung oder Neugrundlegung von Himmel, damit am Ende „Christus alles in allem“[6] sei und „Gott herrsche über allem und in allem“[7].

ad 2. Die Individuelle Eschatologie handelt vom Betroffensein des einzelnen Menschen von der Selbstmitteilung Gottes unter dem Aspekt der Freiheitsentscheidung und der Selbstverfügung. Dieser Gesichtspunkt bezieht sich auf das ganze irdische Leben des Menschen, dann auf den Tod, das persönliche Gericht sowie die Läuterung und Vollendung in der Liebe („Fegfeuer“) und das endgültige Schicksal des Menschen entweder in der liebenden Einheit mit Gott oder im definitiven Widerspruch zu Gott. In diesen Bereich der Eschatologie fällt auch die Lehre über den Zustand des Menschen zwischen Tod und der allgemeinen Auferweckung am Ende der Zeit.

ad 3. Hier handelt es sich um die Frage inwiefern die eschatologische Selbstmitteilung Gottes die Kirche als ganze betrifft, da sie doch in Christus gleichsam das Sakrament und Werkzeug der innigsten Vereinigung mit Gott und zwischen den Menschen ist.

2. Vollendung der Welt - Universale Eschatologie

2.1 Begrifflichkeiten

„Vollendung“ kann einen Prozeß, eine Bewegung auf ein Ziel hin, aber auch das Ziel selbst bedeuten. Dieses wiederum kann als Zustand der Ruhe, in welchem alles Wachstum beendet ist, oder als Fülle, als Aufgipfelung von Geschichte, als intensivstes Leben verstanden werden. Eschatologie bezieht sich sowohl auf den Prozeß als auch auf das Ziel. Angemessener, als sich dieses Ziel mit christlicher Überlieferung als Zustand der Ruhe vorzustellen, wäre es, die Vollendung als bewegtes Leben zu denken.

Auch von „Welt“ kann in mehreren Sinnen gesprochen werden. Einerseits kann Welt die Gesamtheit der Schöpfung mit dem Menschen im Gegenüber zu Gott, andererseits die dem Menschen gegenüberstehende, umgebende und prägende Wirklichkeit, die ihn zur Auseinandersetzung herausfordert und wiederum von ihm geprägt wird, meinen.

Hier ist nun die Frage zu stellen, welche Welt von der Eschatologie betroffen ist und ob sie uns über die Zukunft von Tieren, Pflanzen, Planeten, Milchstraßen und des Universums informiert.

2.2 Biblische Grundlagen

2.2.1 Alte Verheißungen

Schon am Beginn ist die jüdisch-christliche Glaubensgeschichte eine Hoffnungsgeschichte. „Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“[8]

Hier klingen die drei klassischen Verheißungsinhalte an: Land, Nachkommenschaft und Gottes Zuwendung.

In der Exodusgeschichte wird ähnliches verheißen[9], doch übertrifft die Verheißung von einem „Land in dem Milch und Honig fließt“ die Abramsverheißung.

Auch die Verheißung an das Volk Israel am Sinai, es aus allen anderen Völkern herauszuheben, erinnert an Gen 12,1f.

Verheißung und Hoffnung setzen also Geschichte in Gang. JHWH erweist sich als geschichtsmächtig. Israel kann sich in seinem Glauben auf Erfahrungen mit JHWH stützen. Mit der Verheißung ist ein Appell in der Form einer Bedingung geknüpft: „...wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet“[10].

Zu diesen Hoffnungen einer vorstaatlichen Zeit kommt um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrhundert eine vierte Hoffnung. Sie betrifft das Königtum, den König, einen Menschen, zu dem Jahwe in besonderer Beziehung steht. Aber der König mißbraucht seine Macht. In der Folge bricht das Reich auseinander, militärische Niederlagen, Fremdherrschaft und Exil folgen. Im Exil sprechen die Propheten von einem neuen Exodus, der noch großartiger sein soll als der erste[11]. Nun erscheint das Ziel in noch leuchtenderen Farben. Nicht nur das fruchtbare Land ist das Ziel, sondern die Verheißungen knüpfen wieder an die geschichtlichen Erfahrungen an. Ziel ist das zwar noch zerstörte, aber bald wieder in unerhörter Schönheit aufgebaute Jerusalem[12]. Auch das Bundesverhältnis erfährt eine Steigerung. Das Volk Israel sah sein Elend als Folge der eigenen Untreue. In diese Situation hinein zielt nun Gottes Erbarmen. Zur Erwählung kommt nun erstmals die Vergebung. Wie Gott sein Gesetz beim Auszug aus Ägypten auf steinerne Tafeln schrieb, so schreibt er es jetzt „auf ihr Herz“[13].

Bei Ezechiel kommt zu der politischen Verheißung[14] die Verheißung einer inneren Erneuerung („Herz von Fleisch“[15] ) hinzu.

Die charakteristischen Momente der alten Hoffnungserwartungen sind also:

Es handelt sich um innerweltliche Hoffnungsinhalte, ermöglicht durch die rettende, schützende und lebendigmachende Nähe Gottes.

In der Geschichte Israels werden immer wieder alte Hoffnungen aufgegriffen, weiterentwickelt und umgewandelt. Aus der Verheißung einer Dynastie wird möglicherweise die Verheißung eines Friedensfürsten, aus der Hoffnung auf Sicherheit und Frieden wird die Erwartung eines paradiesischen Friedensreiches[16]. Israels Geschichte erscheint wie eine Wanderung in immer größere Hoffnungshorizonte hinein.

Häufig entsprechen sich Verheißung und Handlungsappell. JHWH eröffnet Handlungsmöglichkeiten und ruft zu deren Realisierung.

Der Grund zur Hoffnung liegt einerseits in geschichtlichen Erfahrungen, anderseits in der Offenbarung Gottes als Bundesgott JHWH.

[...]


[1] Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums (Freiburg 1984) S.417.

[2] z.B. Matthias Scheeben, Die Mysterien des Christentums (Freiburg i. Br. 1912) S.556ff..

Franz Diekamp, Katholische Dogmatik, Bd. 3 (Münster 1922) S.377ff..

[3] Gerhard Ludwig Müller, Katholische Dogmatik (Freiburg i. Br. 1995) S.517.

[4] Apg 2,17

[5] Wolfgang Beinert, Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik. 3 Bd. (Paderborn 1995)

Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik.2 Bd. (Düsseldorf 1992)

[6] Kol 3,11

[7] 1 Kor 15,28

[8] Gen 12,1f:

[9] Ex 3,7-12

[10] Ex 19,5

[11] Jes 43,16-20; Jes 55,12

[12] Jes 54,11f

[13] Jer 31,31-33

[14] Ez 36,24

[15] Ez 36,26

[16] Jes 11,6ff; Jes 65,17-25

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eschatologische Vorstellungen in der jüdisch-christlichen Tradition
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Zeitgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V63287
ISBN (eBook)
9783638563697
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eschatologische, Vorstellungen, Tradition, Eschatologie, Endzeit, Judentum, Juden, Christentum, Christen, Apokalyptik, Apokalypse
Arbeit zitieren
Mag. phil. Thomas Haviar (Autor), 1997, Eschatologische Vorstellungen in der jüdisch-christlichen Tradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63287

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