Geht morgen doch die Welt zugrunde? Medienkritik aus den Blickwinkeln von Werner Faulstich und Günther Anders


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Werner Faulstich: Aspekte seiner Sichtweise
II.I. Medienschocks in den drei Phasen der Mediengeschichte
II.II. Das Schema des Medienschocks

III. Günther Anders: Die „andere“ Sichtweise

IV. Gegenüberstellung
IV.I. Theoretischer Hintergrund und Lösungsansätze Faulstichs
IV.II. Warum gerade Faulstich contra Anders?
IV.III. Diskussion zur Medienkritik Anders’
IV.IV. Müsste sich Anders selbst widerlegen?
IV.V. Die ‚Randbedingung erschütterbarer Mensch‘
IV.VI. Die Verwechslung von Korrelation und Kausalbeziehung
IV.VII. Ein Wunschbild des monokausalen Denkens: Die abhängige Variable Mensch

V. Fazit

VI. Literatur

I. Einleitung

Wie Werner Faulstich in seinem Aufsatz „Jetzt geht die Welt zugrunde“ schreibt, ist Medienkultur der „suchtfreie Gebrauch der Medien zum Zwecke der kreativen Selbstverwirklichung“. Medienkultur sei kein Zustand, so Faulstich, sondern Aktivität.[1]

Eben diese Aktivität spricht Günther Anders in seiner Schrift „Die Welt als Phantom und Matrize“ dem Medienkonsumenten jedoch ab. Er beschreibt vielmehr ein bedrohliches Szenario, in dem Mediennutzer zu „Massen-Eremiten“[2] verkommen und prognostiziert uns, dass die Menschen, in völliger Passivität verharrend, verlernen werden, die Welt aktiv zu (er-)fahren. Schon das dem Text vorangestellte ‚Motto‘[3] in Form einer Parabel, zeigt deutlich, wie in Anders’ Augen unsere Zukunft aussehen wird.

Es erscheint interessant, diese beiden völlig unvereinbaren Ansätze und ihre wichtigsten Thesen einander gegenüber zu stellen. Einerseits, um die Argumentationsweisen zu vergleichen, andererseits, um möglicherweise die Frage zu klären, ob die Welt nun wirklich ‚zugrunde gehen‘ muss oder ob der nach Anders nun einmal zur Passivität verdammte Massenmensch nicht doch anderen Gesetzen folgt, als denen des ‚Wohnzimmertischnachfolgers‘ Fernseher. All dies soll unter Zuhilfenahme des von beiden angesprochenen Untersuchungsobjektes vorgenommen werden: Dem Medienkonsumenten.

II. Werner Faulstich: Aspekte seiner Sichtweise

Der hier zu behandelnde Text von Werner Faulstich „Jetzt geht die Welt zugrunde...“ selbst ist im Grunde keine Medienkritik, sondern eine Schrift, die sich mit Medienkritik befasst, bzw. eine Überlegung, welche Aufgaben sie zu erfüllen hat und wie sie sinnvoll betrieben werden kann. Faulstich befasst sich zu Beginn mit verschiedenen Aussagen über ‚neue Medien‘ und zitiert sowohl Düsteres als auch Euphorisches aus einer Reihe von medienkritischen bzw. medieneuphorischen Schriften.

Hierauf begründet sich auch seine Herangehensweise: Er schließt aus der Gegensätzlichkeit der Zitate, dass nur eine diachrone Sichtweise auf die Entwicklung der Medien und der damit ausgelösten Reaktionen zeigen kann, inwiefern sich die Gesellschaft nun heute mit dem Schlagwort ‚Multimedia‘ an einem historischen Wendepunkt der Mediengeschichte befindet. Ein Wendepunkt, der die ‚Apokalypse‘ bedeuten kann oder eine ‚neue und bessere Welt‘ – je nach Sichtweise. In beiden Fällen ist jedoch die Rede davon, dass die Welt aus ihren längst veralteten oder aber wohlvertrauten Angeln gehoben werden wird. Kontradiktorisch also stehen die ‚neue Medieneuphorie‘ und scharfe Medienkritik einander gegenüber. Es stellt sich die Frage nach der Ursache für dieses letztlich beidseitige „moderne Endzeitbewusstsein“.[4] In der Medien- oder Kulturkritik[5] sieht Faulstich nichts anderes als eine Schockreaktion. Medienkritik bildet also einen Medienschock ab, der durch drei Strukturelemente[6] gekennzeichnet ist: Totalität, Entropie und Irreversibilität. Diese Angst vor dem Untergang, der alles und alle mit sich reißt, vor dem Zugrundegehen aller bekannten Strukturen, vor unaufhaltsamer und sich verselbständigender Veränderung ist kein neues Phänomen.

Die sich in drei Phasen unterteilende Mediengeschichte weist immer wieder oben genannte Merkmale von Medienschocks auf, die, so Faulstich, jeweils auf Medienrevolutionen also auf die Ablösung eines Mediums durch ein anderes folgten: [...] dass „Kulturschocks“ just an solchen Schnittstellen die jeweilige Welt erschütterten, die für den Wandel von der Dominanz eines Mediums zur Dominanz eines anderen stehen.[7]

II.I. Medienschocks in den drei Phasen der Mediengeschichte

1. Phase: Menschmedien

In der Antike betrieb Platon in Form seiner Enthusiasmoslehre bereits Kulturkritik. Sie richtete sich gegen die Dichter und deren als Theaterstücke aufgeführte Tragödien. Platon folgte in seiner Kritik einem Muster,[8] das, zunächst auf das Handwerk bezogen, drei Ebenen unterscheidet: Auf der ersten Ebene befindet sich der „Wesensbildner“ und Meister aller Handwerker, Gott nämlich, der die Idee gibt; auf der nächsten Ebene verleiht der Handwerker bzw. „Werkbildner“, der Idee Gottes Gestalt. Das Phänomen zur Idee Gottes schafft schließlich auf der letzten Ebene der „Nachbildner“ (gemeint ist der Maler), der wiederum die Erscheinung nachbildet. Da Letztgenannter nach Platon nur einen Schein der göttlichen Idee erzeugt und nichts Wirkliches, orientiert er sich nicht an der Wahrheit sondern an einem „Schattenbild der Wahrheit“.[9] Dieses Muster wurde dann auf die Dichter bezogen, denen er schlussendlich das moralische Verderben ihres Publikums vorwarf, da sie aus der Realität ein Spiel machten.[10]

Wie verhält es sich hier nun mit den drei von Faulstich genannten Strukturelementen, die darauf hinweisen, dass Platons heftige Kritik einen Medienschock widerspiegelt? Zunächst einmal ist in der damals rasanten Verbreitung (‚Totalität‘ und ‚Irreversibilität‘) der Theater eine Medienrevolution zu sehen. (Opfer-)Rituale und Mythos, die dem Götterkult dienten und staatserhaltende Funktion innehatten, drohten nun durch Mimesis abgelöst zu werden. Dies bedeutet also, dass bisher festgeschriebene und nicht hinterfragte Vorgänge variabel wurden und die göttliche Idee in ihrer Funktion als Vorgabe für die Realität profanisiert[11] wurde. Die Welt der Götter definierte nicht mehr zwangsläufig die Welt der Menschen. Was im Rückblick wohl eher als ‚positive‘ Entwicklung, als Fortschritt in Richtung Selbstbestimmung erscheint, ist für Platon jedoch vielmehr der Verlust einer identitätsstiftenden Autorität (‚Entropie‘).

Im Mittelalter stellten dann die Fahrenden (Spielleute, Dichter, Musiker, Schauspieler, Sänger etc.) eine Bedrohung der bestehenden Ordnung dar. Da sie umherreisend zuvor in sich geschlossene Lebensräume miteinander verbanden, die sonst niemals oder kaum in Berührung kamen, fungierten sie als eine Art neues, „horizontal mobiles Medium“,[12] das interkulturelle Kommunikation auf diese Weise erleichterte und verstärkte. Die Fahrenden waren somit einerseits eine willkommene Abwechslung, die der Unterhaltung und natürlich auch Information diente und andererseits, wie alles Fremde, eine schlecht kalkulierbare, selbständige Größe, die sich weder von Feudalherrschaft noch von der Kirche kontrollieren oder für deren Zwecke benutzen ließ.[13] Eben diese beiden mächtigen Organe waren es auch, die sich am heftigsten gegen das neue ‚Medienphänomen‘ zu wehren versuchten, indem sie diesen Rechte absprachen,[14] sie denunzierten und ihre Existenz als Zeichen von Sitten- und Moralverfall werteten.[15] Gerade für die Kirche standen Fahrende für Ausschweifung, Verworfenheit und die Gefahr, moralische Normen durch Überschreiten derselben zu gefährden. Bereits im Mittelalter also fanden Medienrevolution und Medienschock[16] statt. Hier bildet die Angst vor Sittenverfall, Kontrollverlust und Machtlosigkeit die Strukturelemente des charakteristischen Endzeitbewusstseins.

2. Phase: Druckmedien

Der Buchdruck war eine Medienrevolution der Neuzeit und löste ab dem 15. Jahrhundert Hand- und Abschriften allmählich ab. Als logische Konsequenz der nun vereinfachten und wesentlich kostengünstigeren Vervielfältigung und Verbreitung von Schriftgut waren Lesen und Schreiben nicht länger den Ständen vorbehaltene Fertigkeiten, sondern auch dem gemeinen Volk zugänglich.

Natürlich rief auch diese Neuerung Kritiker auf den Plan, die in dem Medium Buch eine Bedrohung sahen. Hauptankläger waren auch hier wieder die Geistlichen, deren Bildungsmonopol nun auf wackligen Füßen stand. Es wurde schlicht vor Schreibfehlern gewarnt, die dann, anders als bei den Abschriften, schnell und vielfach in Umlauf kämen und schlimmstenfalls sinnentstellend wirken könnten. Ebenso wurde jedoch der möglicherweise ‚schädlichen‘ Inhalte bedacht, die zu (absichtlicher) Verwirrung unter den Lesern führen könnten. In ständiger Mahnung daran, dass schlussendlich die Bibel das einzig ‚wahre‘ Buch sei, konnte jede andere Form von Literatur nur nutzlos, wenn nicht sogar schädlich sein und Unruhe stiften.[17] Ausnahmen stellten allenfalls die Texte dar, die im Dienste des Glaubens standen, also für den Gebrauch innerhalb der Kirche und im Gottesdienst gedacht waren. Aber auch hier verbargen sich Gefahren: Wenn nun die Bibel als gedrucktes Buch für jedermann zugänglich (da bezahlbar) würde, könnte sie auch von jedermann gelesen und somit interpretiert werden. Falschauslegungen der Heiligen Schrift durch Laien könnten so von der Kirche als vermittelnder Instanz nicht mehr verhindert werden. Außer den Gefahren, denen die Gläubigen durch ‚unkontrollierte Bücherrezeption‘ ausgesetzt waren, stellte sich für den Klerus natürlich auch das Problem der Konkurrenz zwischen mündlicher Predigt und Buch.[18] Das gedruckte Buch, das bereits die Gesellschaft durchdrungen hatte (‚Totalität‘ und ‚Irreversibilität‘), drohte die Kirche in Einfluss und Macht zu beschneiden (‚Entropie‘): „Es geht um das Monopol im Buchbesitz, im Lesenkönnen, im Auslegen der Texte, im Selberschreiben von Büchern – mithin um ideologische Macht und Herrschaft.“[19]

Die nächste Revolution innerhalb der Phase der Druckmedien fand mit dem Entstehen der Zeitung statt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die erste Wochenzeitung veröffentlicht,[20] 50 Jahre später erschien erstmals eine Tageszeitung in Leipzig. Ihre Kritiker fanden ähnliche Gründe wie jene des gedruckten Buches: Lag zuvor das Nachrichtenmonopol bei Hof und Kirche, konnten sich zuvor willkürliche Zensur und Zeitverschiebung als Puffer zwischen Geschehen und Bevölkerung schieben, so entstand nun erstmals die Möglichkeit, (sich) direkt zu informieren. So wurde denn die Zeitung bezichtigt, die primitive Neugier zu schüren, Lügen zu verbreiten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen[21] und somit für Aufruhr, Unsicherheit und Hektik zu sorgen. Letztgenannter Vorwurf galt insbesondere den Tageszeitungen. Die Tatsache, dass informierte Bürger zudem befähigt würden, erstmals Geschehnisse zunächst mitzuverfolgen und anschließend darüber hinein zu beurteilen, konnte den bisherigen Auskunftsorganen nicht gefallen – bedeutete diese Entwicklung doch zugleich ein Vorantreiben des Demokratisierungsprozesses. So erklärt sich auch, dass die Zensur der Zeitungen erst 1847 mit dem Reichpressegesetz (zunächst) endgültig abgeschafft wurde. Wie zuvor drohte also auch die Zeitung allumfassend und unaufhaltsam ein bestehendes System zu erschüttern.

3. Phase: Elektronische Medien

In der Phase der elektronischen Medien, in der Neuerungen wie Schallplatte, Telefon, Fotoapparat, Radio und Fernsehen für immer rasantere Revolutionen in immer kürzeren Zeitabständen sorgten, fanden Kritiker ganz ähnliche Argumente wie die bereits in der Vergangenheit verwendeten.

So wurde die Fotografie der Gotteslästerung bezichtigt, da sie den Menschen abbilde, der wiederum Gott nachempfunden sei. Das Foto sei somit ein Versuch, ‚Gott‘ selbst abzubilden. Zudem konnte man zunächst keinen künstlerischen Aspekt in einer ‚bloßen Spiegelung der Welt‘ finden, der keine ‚Originalität‘ inne lag, die die Realität einfach nur reproduziere und darüber hinaus mithilfe eines ‚Gerätes‘ entstanden war. Natürlich fühlten sich auch Maler in ihrer Existenzberechtigung bedroht und fürchteten, mit der Fotografie an Bedeutung zu verlieren.[22] Einmal mehr sah man sich einer Veränderung ausgesetzt, die unaufhaltsam Lebenswelten zu verändern begann.

[...]


[1] Faulstich, Werner: „Jetzt geht die Welt zugrunde...“ Kulturkritik, „Kulturschocks“ und Mediengeschichte. Vom antiken Theater bis zu Multimedia. In: Medienkulturen. München: Fink 2000. S. 7-12 und S. 171–188.

[2] Anders, Günther: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen. In: Die Antiquiertheit des Menschen. 5., durch ein Vorwort erweiterte Auflage. München: Beck 1980 (= Band I). S. 97–193: S. 102.

[3] Vgl. Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Günther und Irmgard Schweikle.
2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler 1990: Wortartikel „Motto“, S. 312.

[4] Faulstich: Medienkulturen: S. 172.

[5] Nach Faulstich gehören zur Kultur auch die Medien. Kulturgeschichte ist also auch (zu einem großen Teil) Mediengeschichte. Vgl. Werner Faulstich: Medienkulturen, S. 172.

[6] Vgl. Anm. 4.

[7] Ebd., S. 10.

[8] Vgl. ebd.: S. 173.

[9] Vgl. auch: „Platons Höhlengleichnis“.

[10] Vgl. ebd.: S. 174.

[11] Vgl. ebd.: S. 174.

[12] Ebd.: S. 175.

[13] Vgl. ebd.: S. 176.

[14] Vgl. ebd.: S. 178.

[15] Vgl. ebd.: S. 176.

[16] Vgl. ebd.: S. 176.

[17] Umberto Eccos Roman „Der Name der Rose“ verdeutlicht diese These: Die Geschichte spielt vor der Entwicklung des Buchdruckes und vermittelt einen Eindruck vom damaligen Bildungsmonopol der Kirche sowie der natürlich leichter möglichen Kontrolle über Handgeschriebenes.

[18] Vgl. Werner Faulstich: Medienkulturen: S. 178, 2. Abschnitt.

[19] Ebd.: S. 178.

[20] Seit 1609, Erscheinungsort war Straßburg.

[21] Vgl. ebd.: S. 179.

[22] Vgl. ebd.: S. 180.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Geht morgen doch die Welt zugrunde? Medienkritik aus den Blickwinkeln von Werner Faulstich und Günther Anders
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Romanistik / Germanistik)
Veranstaltung
Kommunikationsstrukturen im Radio
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V63305
ISBN (eBook)
9783638563819
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geht, Welt, Medienkritik, Blickwinkeln, Werner, Faulstich, Günther, Anders, Kommunikationsstrukturen, Radio
Arbeit zitieren
Christina Weber (Autor), 2003, Geht morgen doch die Welt zugrunde? Medienkritik aus den Blickwinkeln von Werner Faulstich und Günther Anders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63305

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