Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´


Hausarbeit, 2006

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. "Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´"?

2. „Martyn Pig“ – eine Kriminalgeschichte?
2.1 Die Schematisierung der Elemente
2.2 Formen klassischer Kriminalgeschichten
2.3 Die realistische Kriminalerzählung

3. Die werkimmanente Nutzung des Motivs Krimi

4. Fazit

1. "Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´"?

Im Folgenden soll das Buch auf seine gattungsspezifischen Eigenschaften und seine Zu­ge­hörig­keit hin untersucht werden. Für eine möglichst vollständige Darstellung soll ein Quer­schnitt durch die verschiedenen Elemente, in denen der Krimi als Motiv verwendet wird, gegeben werden. Um dies zu erreichen wird „Martyn Pig“ zunächst an verschiedenen Kriterien zur Be­stimmung eines Krimis gemessen. Anschließend soll an Beispielen gezeigt werden, dass der Krimi auch innerhalb der Handlung eine wichtige Rolle spielt.

2. „Martyn Pig“ – eine Kriminalgeschichte?

Es gibt keine eindeutigen Kriterien zur Bestimmung eines Krimis, bzw. es gibt eine Vielzahl von Vorschlägen, die sich an dem jeweiligen Entwicklungsstand des Krimis orientieren. In der anschließenden Analyse zeigt sich, dass der Roman, „Martyn Pig“, Merkmale aus verschie­denen Formen von Krimis in sich trägt.

2.1 Die Schematisierung der Elemente

Edgar Marsch fasst in seinem Buch „Die Kriminalerzählung. Theorie Geschichte Analyse“ die Strukturen des Krimis zusammen. Dabei beruft er sich auf einen Vortrag von Ernst Bloch, den er in einigen Teilen ergänzt und dem er teilweise sogar widerspricht. Das Ziel einer solchen Dar­stellung nach den Vorgaben des Schemas sei es eine Grundlage für genauere Untersuch­ungen zu schaffen. In diesem Rahmen kann „die Beschreibung des literarischen Systems, der typischen Figuren und Situationsgruppen, ihrer variierenden Verbindung und die verschie­den­en Formen der Lösungsprozesse innerhalb der Erzählungen.“ strukturiert beschrieben werden (Marsch 1983, S. 77).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Blochs Vorgaben wird von dem Idealfall einer einpoligen Erzählung ausgegangen, diese lässt sich am einfachsten in einem Schema darstellen. So benennt Bloch vier verschiedene Typen von Detektiverzählungen. Dabei ist die Abfolge den einzelnen, essentiellen Elemente fest; auf die Vorgeschichte (VG), folgt der Fall (F) und die Detektion (D), der Unterschied der Typen hängt lediglich von dem Zeitpunkt des Erzähleinsatzes (EE) ab. War Bloch noch der Ansicht, dass eine Kriminalerzählung unmittelbar nach dem Fall, also meist dem Mord, beginnen müsse, so kann dieser laut Marsch auch erst später beschrieben werden (vgl. S. 93).

Um das Schema auf die komplexeren Krimierzählungen anzuwenden, müssen die Elemente den entsprechenden Erzählungen angepasst werden. Somit können auch verschach­telte und unlinear ablaufende Erzählungen berücksichtigt werden. Dies führt zu einer Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten, der Elemente. Folglich ist es nicht möglich ein alleingültiges Arrangement zusammenzustellen. So ist der untere Entwurf nur ein mögliches Beispiel zur Anwendung des Schemas auf den Jugendroman „Martyn Pig“. In Kevin Brooks Werk ist es auf Grund der direkten Verkettung der Fälle schwierig klare Grenzen zwischen den einzelnen Elementen zu finden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da die Erzählung in der Retrospektive durch Martyn stattfindet, handelt es sich bei dem Roman um den Typus IV. Als Rahmenerzählung (RE) gilt die Geschichte, wie Martyn dazu kommt alles aufzuschreiben. Da Martyn die Erzählung, als seinen ersten eigenen Krimi ansieht, zeigen sich zu Beginn seine Unsicherheiten bezüglich des Einsatzes der Vor­geschichte. Die eigentliche Vorgeschichte, die für die späteren Fälle interessant ist, setzt erst mit der Be­schreibung seines Tagesablaufs an jenem Mittwoch, an dem sich F(1) ereignen wird, ein. In dieser, werden bereits die wichtigsten Charaktere für die Geschichte eingeführt und deren Beziehungen zu Martyn geklärt. Es ist hervorzuheben, dass der Ich-Erzähler Täter, Opfer und Detektiv in einer Person ist. Dies hat zur Folge, dass dem Leser bezüglich der von Martyn begangenen Fälle, F(1) und F(3) nichts geheimnisvoll bzw. spannend bleibt. F(1) umfasst William Pigs Tod durch einen Unfall, sowie Martyns unterlassene Meldung. Erst durch die unterlassene Meldung entsteht eine kritische, nicht gesetzeskonforme Handlung. Da Martyn als der erste Detektiv, auch Täter ist wird F(1) erst wieder in der Detektion durch die Polizei interessant. Auch F(2), die Erpressung durch Dean, hat kaum Spannungspotential, da gleich nach der Schilderung von Deans Forderungen, der Leser direkt an Martyns Gedanken zur Lösung des Problems Teil hat. Die Beseitigung der Leiche, sowie die Auslegung der falschen Beweismittel zu Deans Lasten, werden wird unter F(3) zusammen­gefasst. Martyn ist in Bezug auf F(1), F(2) und F(3) also allwissend, womit sich seine spätere Detektion D(1) nur um F(4) und F(5) dreht.

In den letzten beiden Fällen ist der Leser mit Martyn gleich auf, d.h. hier werden die fair-play- Regeln des Genres eingehalten, der Leser kann gleichberechtigt mitraten. Üblicherweise würde in den ursprünglichen Krimis der Fall zuerst passieren und dann die Indizien zum Täter führen, wodurch es zum Spannungsaufbau käme. Bei „Martyn Pig“ ist es anders, hier werden erst die clues geliefert. Der Leser ahnt, dass sich etwas anbahnt, dadurch entsteht der Spann­ungs­bogen, bis der Fall vorliegt. Martyn nimmt die clues erst war, als F(4), Alex Flucht mit dem Erbe geschehen ist. Der Mord an Dean, dessen Vorboten er wahrgenommen, aber nicht entsprechend interpretiert hat, wird ihm erst während des Auftauchens der Polizei klar. Die Detektion, setzt sich wie gesagt aus D(1) und D(2) zusammen. D(1), die Detektion durch Martyn bezüglich Alexs Verrat findet durch reine Reflexion statt, er erhält nur wenige neue Informationen durch die Polizei. D(1) und D(2) verlaufen parallel und gegeneinander. So ver­sucht Martyn F(4) und F(5) zu lösen, um von seiner Rolle in den Fällen abzulenken und letztlich die Lösung der Fälle durch die Polizei zu vereiteln. Als die Polizei ihre Ermittlungen aufnimmt, sind bereits alle fünf Fälle begangen worden. Dennoch weiß die Polizei nur von drei Fällen, dem Mord an Dean, Deans Versuch William Pigs Erbe an sich zu bringen und dem Mord an William Pig selbst. Durch die verschiedenen falschen Beweise geht die Polizei von einer direkten Verbindung zwischen Dean und William aus. Da wären einmal Deans Haare und Kippen bei Williams Leiche, welche durch Martyn hinterlassen wurden. Und dann die Jacke von William, dessen Brief mit der Benachrichtigung über das Erbe, sowie der gefälsch­ten Unterschriften in Deans Wohnung, welche durch Alex arrangiert wurden. Die erhöhte Komplexität, also Martyns und Alexs Rolle bleiben im Dunkeln, für ihre Beteiligung gibt es keine Beweise. Gleichwohl ist der Polizei klar, dass zumindest Martyn beteiligt gewesen sein muss. Da der Polizei die Motive der Taten im Dunkeln blieben, bzw. durch falsche Beweise auf andere Personen projiziert wurden, kann sie in dem für sie unbegrenzten Umfeld keine Personen ausmachen, die gesichert für die Taten verantwortlich sind.

2.2 Formen klassischer Kriminalgeschichten

Nach den Schauergeschichten der Romantik, diese gelten als Wegbereiter des klassischen Krimis, wird meist E. A. Poes „The Murders in the Rue Morgue“ als Urform der Krimis benannt. Als nächste Etappe in der Entwicklung der Kriminalgeschichte werden z.B. Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ und Agatha Christies Werke um den Detektiv „Poirot“ genannt. Diese wurden nachvollziehbar aus den vorhergegangenen Krimiprototypen aufge­baut. Sie zeichnen sich durch ein einfaches und festes Schema, das u.a. von Broich (vgl. Broich 1978, S.97) genauer beschrieben wird, aus:

„Die Leiche ist gleichsam der Hebel, der der Story den Anstoß liefert. Ihr gegenüber liegt der Entdecker, der sich bemüht, die Verwicklung des Mordfalls aufzulösen. Alle anderen Figuren, die vorgeführt werden, sind entweder Gehilfen des Detektivs (oder auch bösartige Verzögerer seines Tuns) oder Verdächtige. Keine Person wird ihrer selbst willen geschildert. Die ganze Statisterie ist fest ins Schema eingebunden.“ (Heißenbüttel 1963/66, S. 113)

An diesem Zitat lassen sich einige Parallelen zu „Martyn Pig“ ziehen. So kommt wirklich durch den Tod von Martyns Vater die Geschichte ins Rollen. Die Anzahl der Personen, die für die Handlung wesentlich sind, ist klar begrenzt. Zu den wichtigen Personen, zählen Martyn, Alex, Dean, William Pig, Mrs. Freeman, Jean Pig, Kriminalmeister Finlay und Kriminal­inspektor Breece. Schon in dieser Personengruppe finden sich unter­schiedliche Gewichtungen für ihren Einfluss auf die Handlung. Alle übrigen Personen erhalten den Status von Statisten.

Außer dem begrenzten Personenkreis, gibt es im klassischen Krimi oft ein klar abgegrenztes Umfeld, ein Boot, ein Haus, ein Zug – den locked room. Dieser findet sich bei Brooks Buch nicht (mehr über das Umfeld im nächsten Abschnitt). Im Gegensatz zu „Martyn Pig“ handelt es sich bei den klassischen Krimiformen in der Regel um einen Fall ohne weite Verzweig­ungen. Der Detektiv erarbeitet mit seinen überdurchschnittlichen Fähigkeiten den Fall nach klar logischen Gesichtspunkten, rekonstruiert ihn, bis er schließlich vollständig auflöst ist. Mit der Auflösung kommt es gleichzeitig zur Wiederherstellung der alten Ordnung. Als Regel des fair play gilt außerdem, dass es dem Leser ermöglicht wird mitzuraten, der Krimi wird als eine Art Rätsel angelegt. Die Möglichkeit zum Mitlösen des Falles durch den Leser ist in „Martyn Pig“ immer nur dann gegeben, wenn Martyn nicht selbst an der Tat beteiligt ist, also in F4 und F5. Womit ein weiteres Kriterium des klassischen Krimis bei dem Jugendroman verneint wird, dass der souveränen Distanz. „Der Detektiv […] behält meist souveräne Distanz zu seinem Fall, wenn man von extrem modernen Formen der Kriminalliteratur absieht.“ (Marsch 1983, S.21).

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Veranstaltung
Spannung und Abenteuer in der Kinder- und Jugendliteratur
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
12
Katalognummer
V63311
ISBN (eBook)
9783638563871
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Jugendroman "Martin Pig" von Kevin Brooks wird auf die Gattungseigenschaften von Krimis untersucht. Außerdem wird das Motiv Krimi, wie es inhaltlich im Roman auftaucht berücksichtigt.
Schlagworte
Krimi, Motiv, Kevin, Brooks, Pig´, Spannung, Abenteuer, Kinder-, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Anika Möller (Autor), 2006, Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63311

Kommentare

  • Gast am 1.6.2008

    Charakteristik der Hauptpersonen.

    Ich hätte gerne die Charakteristik von Alex Freeman und Dean sowie Martyn selbst in dem Buch "Martyn Pig"

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Titel: Der Krimi als Motiv in Kevin Brooks `Martyn Pig´



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