Rezension zu Dölling, Irene (2000): 'Ganz neue Inhalte erden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst' - Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell"


Rezension / Literaturbericht, 2005

4 Seiten


Leseprobe

Nicht einmal vier Prozent aller Top-Manager hierzulande sind Frauen. Zu den Gründen zählen nach einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins „Euro“ vor allem schlechte Rahmenbedingungen, wie etwa das Fehlen von Kindergärten, das 81 Prozent der Befragten beklagten. Wie kommt es zu solch einer Situation in der Berufssphäre in Deutschland? Sind es wirklich vor allem die Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so erschweren, dass es zu dieser geringen Zahl kommt? Der Text "Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst" von Irene Dölling könnte darüber Ausschluss geben.

Sie präsentiert hier eine Untersuchung, in der die Erfahrungen ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell der DDR in der vereinigten Bundesrepublik dargestellt werden. Dazu stellten insgesamt 55 Frauen verschiedener Generationen der damaligen DDR ihre Tagebücher zur Verfügung. Durch die Analyse von Einzelgeschichten, die sich von 1990 bis 1997 erstreckte, konnte im späteren Verlauf auf soziokulturelle Zusammenhänge geschlossen werden.

In der DDR herrschte ein patriachalisch–paternalistisches Prinzip vor, das die Geschlechterkultur erheblich prägte. So war es in der deutschen demokratischen Republik eine Selbstverständlichkeit, dass der Großteil der Frauen arbeitete. Anders als die westdeutschen Frauen standen sie nicht vor der Alternative „Beruf oder Kinder“. Die ostdeutschen Frauen sind in Familien aufgewachsen, in denen es tendenziell gleichrangige Erwerbsarbeit beider Elternteile gab („Doppelverdienermodell“). So war das Bild der Frau in der DDR nicht festgelegt auf "Mütterlichkeit", sondern es konnten durchaus Attribute wie stark, selbstbewusst, berufstätig und ökonomisch unabhängig mit einfließen. Nach der Wende wurde die Hoffnung gehegt, diesen Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen zu erhalten und diese Angleichungsprozesse vielleicht sogar auf den Westen übertragen zu können.

Dölling stellt zuallererst dar, wie die Frauen in der von ihr geleiteten Untersuchung, nach der Wiedervereinigung einer Sozial- und Familienpolitik gegenüberstanden, die an der Norm des (modernisierten) Ernährer-Hausfrau-Modells orientiert ist. Die Autorin bezeichnet diese Situation als sogenannte "`Synchronisierung von Familien- und Berufsarbeit´ unter den Bedingungen einer strikten Trennung von `privater´ und `öffentlicher´ Sphäre“. Die ostdeutschen Frauen mussten sich mit bisher nicht vertrauten soziokulturellen Orientierungen über die Mutterschaft auseinander setzten. Die Rollen, beispielweise das Arbeiten in Voll- oder Teilzeit der Partner, mussten nun privat ausgehandelt werden.

Auch das Wegbrechen soziopolitischer Rahmenbedingungen, wie z.B. das bezahlte Babyjahr, ist für die ostdeutschen Frauen eine große Veränderung. Die Streichung dieser Mittel erhöhen das Risiko für Frauen arbeitslos zu werden bzw. aus dem Erwerbsbereich auszuscheiden. Doch, so hebt Dölling hervor, zeigt das Festhalten der Frauen an dem Vereinbarkeitsmodell, dass die Synchronisierung von Berufs- und Familienarbeit unter Druck nicht automatisch aufgegeben wird.

Bei der Studie zum Umgang mit dem Vereinbarkeitsmodell waren es 1990 die 20 bis 30-jährigen, die mehr als die Hälfte der 55 Befragten ausmachten. Zudem waren sie diejenigen, die sich an den darauffolgenden Nachuntersuchungen 1994/1997 beteiligten. Diese Alterskohorte steht unter dem stärksten Druck der Anpassung an die veränderten Bedingungen, die die Wende mit sich gebracht hatte. Deshalb setzt Dölling besonders Augenmerk auf diese Gruppe.

Ein wichtiger Untersuchungsgegenstand war, welchen Stellenrang die Arbeit im Leben der Probanden nun einnehmen wird. Alle 16 Frauen hatten fest geregelte berufsbiographische Wege. Sie nahmen die sich abzeichnenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt als Anforderung an sich selbst wahr. Sie versuchten entsprechend ihren beruflichen Qualifikationen bzw. Vorstellungen erwerbstätig zu bleiben bzw. wieder zu werden; die Devise lautete: die Arbeit zuerst. Einen Beruf zu finden wurde, anders als damals in der DDR, eine private Angelegenheit. Und auch trotz dieser schwierigen Lage hinsichtlich ihrer Erwerbstätigkeit war Hausfrau zu sein bzw. zu werden keine Option auch nicht bei Langzeitarbeitslosigkeit. Die ostdeutschen Frauen waren zudem verstärkt einem Individualisierungsdruck in Erwerbsphäre ausgesetzt. Doch fast alle konnten sich diesem Druck auf Grund ihrer hohen schulischen Abschlüsse gut stellen. Alle Frauen waren sich aber dahingehend einig, dass es künftig schwerer wird, die Vereinbarung von Berufs- und Familienarbeit weiter zu praktizieren. Dölling zeigt durch Textauszüge aus einzelnen Tagebüchern auf, dass die Verfasserrinnen seit der Einheit Deutschlands meist eine starke Abwertung ihrer beruflichen Qualifikationen und eine Ausgrenzung aus dem Berufsleben erfahren. Einige Frauen entschlossen sich sogar völlig neue berufliche Wege einzuschlagen, um ihren individuellen Lebensplan zu verwirklichen.

Auch beschäftigte sich Irene Dölling mit der Frage, ob die Wiedervereinigung auch eine Wiederkehr des männlichen Ernährers in der bis 1989 so egalisierten DDR bewirkt hat. In der Untersuchung zeichnete sich eine Zunahme am Anteil der Männer ab, die für die Nichterwerbstätigkeit ihrer Frauen plädierten, vor allem, wenn das Kind noch klein war. Auch dadurch wurde die Ernährerrolle des Mannes aufgewertet. Allerdings war die "Hauptorientierung beider Geschlechter nach wie vor auf eine - wenn auch zeitliche differentielle - Erwerbsbeteiligung beider Partner gerichtet", so Dölling. Es wird im Text deutlich, dass es eine Tendenz dahin gäbe, dass Männer die Berufsarbeit der Frauen als selbstverständlich betrachten, aber das Verbleiben ihrerseits als wichtiger ansehen als das ihrer Frauen. Die ehemals liberalisierten bzw. egalisierten Geschlechterrollenstrukturen in der jüngeren Generation entwickeln sich, laut Dölling wieder in Richtung geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Um der Vereinbarkeit der familiären Aufgaben Willen, nehmen einige der Frauen einen unterqualifizierten Job in Kauf, nehmen einen Teilzeitberuf an oder neigen dazu ganz auf „Karriere“ zu verzichten. Dabei wird angemerkt, dass die Frauen aber auch in der DDR hauptverantwortlich für die Hausarbeit und Kindererziehung waren. Manche wiederum schaffen "modernisiertes" tendenziell gleichberechtigtes Vereinbarkeitsmodell.

Ein weiterer wichtiger Untersuchungspunkt war ebenso, inwieweit sich durch die gesellschaftlichen Umbrüche das Bild der eigenen Mutter ändert. Hier zeichneten sich Tendenzen zu einem veränderten Frauenbild ab. So identifizierten sich beispielweise die 1990 zwischen 35 und 40 Jahre alten Frauen positiv mit den mütterlichen Lebensentwürfen und empfanden sie als Vorbild für sich. Dagegen verspürten die Frauen, die 1990 20 bis 30 Jahre waren, keine ungebrochenen Identifikationen mit dem Leben ihrer Mütter. Viele empfanden Mitleid mit der derzeitigen beruflichen Situation ihrer Mütter. Auch kritisierten sie die z.T. die unterwürfige Position der Mütter gegenüber ihren Männern.

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Details

Titel
Rezension zu Dölling, Irene (2000): 'Ganz neue Inhalte erden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst' - Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell"
Hochschule
Universität Rostock
Autor
Jahr
2005
Seiten
4
Katalognummer
V63340
ISBN (eBook)
9783638564106
ISBN (Buch)
9783656805625
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dölling, Irene (2000): 'Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst'. Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell (1990 - 1997)', in Lenz, Ilse / Nickel, Hildegard Maria / Riegraf, Birgit (Hg.): Geschlecht - Arbeit - Zukunft, Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 223 - 242.
Schlagworte
Rezension, Dölling, Irene, Ganz, Inhalte, Vordergrund, Arbeit, Erfahrungen, Frauen, Vereinbarkeitsmodell
Arbeit zitieren
Caroline Danz (Autor:in), 2005, Rezension zu Dölling, Irene (2000): 'Ganz neue Inhalte erden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst' - Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63340

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