Nicht einmal vier Prozent aller Top-Manager hierzulande sind Frauen. Zu den Gründen zählen nach einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins „Euro“ vor allem schlechte Rahmenbedingungen, wie etwa das Fehlen von Kindergärten, das 81 Prozent der Befragten beklagten. Wie kommt es zu solch einer Situation in der Berufssphäre in Deutschland? Sind es wirklich vor allem die Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so erschweren, dass es zu dieser geringen Zahl kommt? Der Text "Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst" von Irene Dölling könnte darüber Ausschluss geben.
Sie präsentiert hier eine Untersuchung, in der die Erfahrungen ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell der DDR in der vereinigten Bundesrepublik dargestellt werden. Dazu stellten insgesamt 55 Frauen verschiedener Generationen der damaligen DDR ihre Tagebücher zur Verfügung. Durch die Analyse von Einzelgeschichten, die sich von 1990 bis 1997 erstreckte, konnte im späteren Verlauf auf soziokulturelle Zusammenhänge geschlossen werden.
In der DDR herrschte ein patriachalisch-paternalistisches Prinzip vor, das die Geschlechterkultur erheblich prägte. So war es in der deutschen demokratischen Republik eine Selbstverständlichkeit, dass der Großteil der Frauen arbeitete. Anders als die westdeutschen Frauen standen sie nicht vor der Alternative „Beruf oder Kinder“. Die ostdeutschen Frauen sind in Familien aufgewachsen, in denen es tendenziell gleichrangige Erwerbsarbeit beider Elternteile gab („Doppelverdienermodell“). So war das Bild der Frau in der DDR nicht festgelegt auf "Mütterlichkeit", sondern es konnten durchaus Attribute wie stark, selbstbewusst, berufstätig und ökonomisch unabhängig mit einfließen. Nach der Wende wurde die Hoffnung gehegt, diesen Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen zu erhalten und diese Angleichungsprozesse vielleicht sogar auf den Westen übertragen zu können. Dölling stellt zuallererst dar, wie die Frauen in der von ihr geleiteten Untersuchung, nach der Wiedervereinigung einer Sozial- und Familienpolitik gegenüberstanden, die an der Norm des (modernisierten) Ernährer-Hausfrau-Modells orientiert ist. Die Autorin bezeichnet diese Situation als sogenannte "`Synchronisierung von Familien- und Berufsarbeit´ unter den Bedingungen einer strikten Trennung von `privater´ und `öffentlicher´ Sphäre“.
Inhaltsverzeichnis der Rezension
1. Einleitung und Problemstellung
2. Vorstellung der Untersuchung von Irene Dölling
3. Das DDR-Vereinbarkeitsmodell und die Auswirkungen der Wende
4. Analyseschwerpunkte: Arbeit, Individualisierung und geschlechtsspezifische Rollenbilder
5. Generationsvergleich und das Bild der Mutter
6. Fazit und Übertragbarkeit des Modells
Zielsetzung & Themen der Rezension
Die vorliegende Rezension untersucht die Erfahrungen ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell von Familie und Beruf im Zeitraum von 1990 bis 1997. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die soziokulturellen Rahmenbedingungen durch den gesellschaftlichen Umbruch nach der Wiedervereinigung auf das Selbstverständnis, die Erwerbsbiographien und die Geschlechterrollenbilder dieser Frauen ausgewirkt haben.
- Wandel der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach 1990
- Einfluss soziopolitischer Rahmenbedingungen auf die Erwerbsbiographien
- Generationsspezifische Unterschiede im Identifikationsgrad mit mütterlichen Lebensentwürfen
- Re-Traditionalisierungstendenzen bei Geschlechterrollen in der jüngeren Generation
- Potenziale für ein modernisiertes, egalitäres Vereinbarkeitsmodell
Auszug aus dem Buch
Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst
In der DDR herrschte ein patriachalisch–paternalistisches Prinzip vor, das die Geschlechterkultur erheblich prägte. So war es in der deutschen demokratischen Republik eine Selbstverständlichkeit, dass der Großteil der Frauen arbeitete. Anders als die westdeutschen Frauen standen sie nicht vor der Alternative „Beruf oder Kinder“. Die ostdeutschen Frauen sind in Familien aufgewachsen, in denen es tendenziell gleichrangige Erwerbsarbeit beider Elternteile gab („Doppelverdienermodell“). So war das Bild der Frau in der DDR nicht festgelegt auf "Mütterlichkeit", sondern es konnten durchaus Attribute wie stark, selbstbewusst, berufstätig und ökonomisch unabhängig mit einfließen. Nach der Wende wurde die Hoffnung gehegt, diesen Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen zu erhalten und diese Angleichungsprozesse vielleicht sogar auf den Westen übertragen zu können.
Dölling stellt zuallererst dar, wie die Frauen in der von ihr geleiteten Untersuchung, nach der Wiedervereinigung einer Sozial- und Familienpolitik gegenüberstanden, die an der Norm des (modernisierten) Ernährer-Hausfrau-Modells orientiert ist. Die Autorin bezeichnet diese Situation als sogenannte "Synchronisierung von Familien- und Berufsarbeit unter den Bedingungen einer strikten Trennung von privater und öffentlicher Sphäre“. Die ostdeutschen Frauen mussten sich mit bisher nicht vertrauten soziokulturellen Orientierungen über die Mutterschaft auseinander setzten. Die Rollen, beispielweise das Arbeiten in Voll- oder Teilzeit der Partner, mussten nun privat ausgehandelt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Problemstellung: Die Rezension führt in die Problematik der geringen Frauenquote in Führungspositionen ein und stellt die Relevanz der untersuchten Studie für das Verständnis von Vereinbarkeitsmodellen dar.
2. Vorstellung der Untersuchung von Irene Dölling: Es wird die Methodik der Studie dargelegt, welche die Analyse von Tagebüchern 55 ostdeutscher Frauen im Zeitraum von 1990 bis 1997 umfasst.
3. Das DDR-Vereinbarkeitsmodell und die Auswirkungen der Wende: Das Kapitel erläutert die Prägung durch das DDR-System und den anschließenden Transformationsdruck durch das westdeutsche Ernährer-Hausfrau-Modell.
4. Analyseschwerpunkte: Arbeit, Individualisierung und geschlechtsspezifische Rollenbilder: Hier wird untersucht, wie die Probandinnen trotz Arbeitsmarktschwierigkeiten am Ideal der Erwerbstätigkeit festhielten und mit Individualisierungsdruck umgingen.
5. Generationsvergleich und das Bild der Mutter: Die Analyse zeigt Unterschiede zwischen Frauen, die sich mit mütterlichen Lebensentwürfen identifizieren, und jüngeren Frauen, die diese kritisch hinterfragen.
6. Fazit und Übertragbarkeit des Modells: Die Rezensentin resümiert Döllings Schlussfolgerungen und diskutiert die Möglichkeiten zur Entwicklung eines modernisierten, gleichberechtigten Vereinbarkeitsmodells.
Schlüsselwörter
Ostdeutsche Frauen, Vereinbarkeitsmodell, DDR, Wiedervereinigung, Geschlechterrollen, Erwerbsbiographie, Doppelverdienermodell, Ernährer-Hausfrau-Modell, Transformation, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Re-Traditionalisierung, Identität, Soziokulturelle Rahmenbedingungen, Frauenbild, Lebensentwurf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit rezensiert eine soziologische Studie, die untersucht, wie ostdeutsche Frauen den gesellschaftlichen Wandel und die damit verbundenen Veränderungen im Vereinbarkeitsmodell von Familie und Beruf nach 1990 erlebt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Einfluss von DDR-Sozialisation auf das heutige Rollenverständnis, die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die Geschlechterverhältnisse sowie die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, ob und wie das in der DDR praktizierte Selbstverständnis von Frauen als erwerbstätige Personen unter den neuen, erschwerten Bedingungen in der Bundesrepublik fortbestehen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin der zugrunde liegenden Studie nutzte die qualitative Analyse von persönlichen Tagebuchaufzeichnungen von 55 ostdeutschen Frauen, um ihre Erfahrungen im Zeitraum von 1990 bis 1997 auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Anpassungsleistungen der Frauen an den Arbeitsmarkt, der Wandel der Ernährerrolle, der Generationsunterschied bei der Identifikation mit Müttern und die Herausforderungen durch den Wegfall sozialpolitischer Stützen diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Vereinbarkeitsmodell, Geschlechterrollen, ostdeutsche Identität, Transformation und Erwerbsbiographie charakterisiert.
Wie veränderte sich die Rolle der Männer laut der Studie?
Die Studie zeigt eine Tendenz, dass Männer die Berufstätigkeit der Frauen zwar begleiten, jedoch die eigene Erwerbstätigkeit als prioritär betrachten, was zu einer neuen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung führen kann.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Vereinbarkeit?
Dölling kommt zu dem Schluss, dass trotz der Re-Traditionalisierungsgefahren die Erfahrungen der ostdeutschen Frauen genutzt werden können, um ein modernes, gleichberechtigtes Modell für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen.
- Quote paper
- Caroline Danz (Author), 2005, Rezension zu Dölling, Irene (2000): 'Ganz neue Inhalte erden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst' - Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63340