Die Theorie von Jean Fourastié


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie von Fourastié
2.1. Zur Person Jean Fourastié
2.2. Prämissen und Geburtsstunde
2.3. Sektorale Differenzierung
2.4. Sektorales Abgrenzungskriterium
2.5. Exkurs: Einkommenselastizitäten
2.6. Prognostizierte Entwicklung nach Fourastié
2.7. Implikationen des prognostizierten Produktivitätswachstums
2.8. Das Engel’sche Gesetz

3. Die Theorie von Fourastié und die ökonometrische
Realität in der BRD
3.1. Die Beschäftigungsentwicklung
3.2. Kompensierende Einflüsse auf die zweite strukturelle
Verschiebung
3.3. Die Produktivitätsentwicklung

4. Kritische Reflektion
4.1. Über die Resistenz von Dienstleistungen
4.2. Nachfrageseitige Einschränkungen
4.2.1. Investitionen
4.2.2. Bedürfnisse
4.2.3. Die Staatsquote

5. Angebotsseitige Einschränkungen
5.1. Die Produktivitätspotentiale
5.2. Das Produktinnovationspotential

6. Über die Zuverlässigkeit von Statistiken

7. Zur Definition von Dienstleistungen
7.1. Industrie/Produktbezogene Dienstleistungen
7.1.1. Komplementäre Dienstleistungen
7.1.2. Resultierenden Dienstleistungen

8. Neue “dienliche“ Dienstleistungen

9. Conclusio

Bibliographie

Tabellenverzeichnis

Abnehmender Grenznutzen

Prozentuale Beschäftigung nach Wirtschaftssktoren in

Deutschland

Wertschöpfung der einzelnen Sektoren

Korrelation von Beschäftigung und Wertschöpfung

Die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslov

Die Staatsquote

Einleitung

In der Vergangenheit war ein konstantes Wirtschaftswachstum, wie wir es bisher fast durchgehend seit 1945 in Deutschland, beobachten konnten, ein exzellenter Problemlöser für sozialethische als auch wirtschaftliche Probleme.[1] Jedoch hat sich die Wachstumsdynamik verlangsamt, und die deutsche Volkswirtschaft sieht sich mit diversen Problemen konfrontiert, welche in der Vergangenheit von den Wachstumsraten quasi “aufgefressen“ wurden. Eines der größten aktuellen Probleme ist sicherlich die Arbeitslosigkeit.

Die Optimisten preisen die Dienstleistung als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit und Rationalisierung, sie halten sie für das Markenzeichen hochentwickelter Industrieländer und stützen sich hierbei auf die Theorie von Jean Fourastié.

Ziel dieser Ausarbeitung soll es sein, herauszuarbeiten in wie fern in diesem Kontext der Wunsch Vater des Gedanken ist, oder ob man wirklich von einem Dienstleistungswunder, das die Zukunft der Beschäftigung sicherzustellen vermag, sprechen kann.

Zielgerichtet auf diese Fragestellung wird zuerst die Theorie selbst, mit einem kurzen Rückblick auf ihre Genese, erläutert. Danach werden ich die zur Verfügung stehenden Daten genutzt, um die Tragfähigkeit der Theorie für die BRD tendenziell zu beurteilen. Danach wird die Theorie kritisch reflektiert, um im finalen Kapitel eine abschließende Stellungnahme abzugeben.

2. Die Theorie von Jean Fourastié

2.1. Zur Person Jean Fourastié

Jean Fourastié wurde am 15. April 1907 in Saint Benin-d’Azy im französischen Département Nièvre geboren. Als Volkswirtschaftler und Soziologe war er unter anderem seit 1945 Professor an der Sorbonne in Paris. Zu seinen Hauptwerken zählen: „Machinisme et bien-être“ (1951), „Le grand espoir du XXième siècle“ (1952), „Les conditions de l’ésprit scientifique“ (1966) und „La réalité économique vers la révision des idées dominantes en France“ (1978).[2]

Eine adäquate deutsche Übersetzung der französischen Originalschrift lautet: „Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Wie dieser Titel verdeutlicht kreiert Fourastié in seiner Überlegung ein durchaus optimistisches Szenario. Diese subjektive Perspektive ist jedoch primär davon abhängig, ob man in einer langfristigen Stagnation der Volkswirtschaft einen erstrebenswerten Zustand sieht, oder, in Analogie zu der klassischen Theorie und der vorherrschenden Meinung (auch in Deutschland)[3], die Auffassung teilt, dass stetiges, unbeschränktes Wachstum fundamental für eine reife, entwickelte Volkswirtschaft ist.

Die Theorie von Fourastié hat eine lange Geschichte, fundamentale Elemente sind nicht erst in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts erkannt worden (wegweisende Vorgänger werden an entsprechender Stelle erwähnt). Die tendenzielle und im folgenden zu beschreibende Entwicklung wurde schon im letzten Jahrhundert u.a. von Allan G. B. Fisher, beobachtet.[4]

2.2. Prämissen und Geburtsstunde

Säkulares Wirtschaftswachstum ist zwangsläufig auch mit Strukturwandel verbunden. Die beiden primären Triebkräfte dieser Entwicklung sind „der technische Fortschritt und die mit steigendem Einkommen bzw. steigendem Konsumniveau erreichte Sättigung auf einzelnen Märkten.“[5]

Die Gründe für das im Zeitverlauf steigende Einkommen werden im Verlauf der Ausarbeitung noch erarbeitet, an dieser Stelle reicht eine empirische Fundierung aus: Von 1970 bis 1986 stieg das Einkommen beispielsweise durchschnittlich um knapp 7% jährlich an, eine Entwicklung, die auch tendenziell für den Zeitraum von 1986 bis heute gilt und darüber hinaus in die Zukunft extrapoliert werden kann.[6]

Auf Grundlage dieses fundamentalen Prozesses entwickelte Jean Fourastié eine „Theorie des Strukturwandels für die Epoche nach der industriellen Revolution.“[7] Die französische Erstausgabe dieser Theorie stammt von 1949 (in „Le Grand Espoire du XXe Siècle“), „also einer Zeit, in der das industrielle Wachstum der meisten westlichen Länder noch keineswegs seinen Gipfelpunkt überschritten hatte,“[8] und somit die wirtschaftliche Entwicklung der reifen Volkswirtschaften weitgehend im Dunkeln lag.

2.3. Sektorale Differenzierung

Im Rahmen seiner Theorie differenziert Fourastié die Gesamtwirtschaft in drei Sektoren:

1. Der primäre Sektor setzt sich aus Land-, Forstwirtschaft und anderen Bereichen, welche sich der Urproduktion zurechnen lassen, zusammen.
2. Der sekundäre Sektor umfast das verarbeitende Gewerbe, also die industriellen Branchen einschließlich der Bauindustrie.
3. Schließlich wird noch der tertiäre Sektor unterschieden, welcher alle Arten von Dienstleistungen umfast.

Eine solche Differenzierung der Gesamtwirtschaft wurde schon von anderen Autoren vor Fourastié unternommen, in Kontrast zu diesen (u.a. Allan G.B. Fisher und Colin Clark 1940), welche „eine feste statistische Sektoreneinteilung benutzten, verwendet Fourastié als sektorales Abgrenzungskriterium die langfristige Produktivitätsentwicklung.“[9] Colin Clark hatte die sektorale Unterteilung in Analogie nach dem Grad ihrer Erfordernis in der Bevölkerung, also nach ihrer konsumtiven Notwendigkeit vorgenommen. Allan G.B. Fisher benutzte zur sektoralen Abgrenzung Änderungen in der Nachfragestruktur und ordnete die Sektoren anhand der Höhe von Einkommenselastizitäten.

2.4. Sektorales Abgrenzungskriterium

Um die langfristige Produktivitätsentwicklung zu prognostizieren extrapolierte Fourastié die tendenzielle Entwicklung historischer Zeitreihen und ermittelte so folgende Genese in den drei Sektoren:

1. primärer Sektor: mittleres Produktivitätswachstum
2. sekundärer Sektor: hohes Produktivitätswachstum
3. tertiärer Sektor: geringes bis gar kein Produktivitätswachstum

Die von Fourastié gewählte Differenzierung ist insofern problematisch, als dass es sich um ein dynamisches Kriterium handelt. Verläuft die Produktivitätsentwicklung in einem Sektor anders als von Fourastié prognostiziert, so könnten Bereiche ihren definierten, sektoralen Platz wechseln. Durch solche Veränderungen der Klassifikation wird die „Theorie zwar nicht grundsätzlich modifiziert, aber es ergeben sich [...] entsprechende Korrekturen an der langfristigen Prognose,“[10] welche im späteren Verlauf dieser Ausarbeitung noch erläutert werden.

Das geringe bis nicht vorhandene Produktivitätswachstum im tertiären Sektor fundiert Fourastié mit der These, dass in diesem Sektor, „der technische Fortschritt [...]kaum zu Prozessinnovationen führe, und Produktinnovationen [...] nicht zum Produktivitätswachstum beitragen.“[11]

Die Differenzierung an dieser Stelle von Prozess- und Produktinnovationen basiert auf der “klassischen“ Kategorisierung in fünf Innovationstypen nach Alois Schumpeter.[12] Im Kontext dieser Arbeit, als aber auch „im Hinblick auf das Wachstum der Wirtschaft und die Entwicklung der Gesellschaft [...] [ist den] Prozess- und Produktinnovationen stärkeres Gewicht beizumessen als den drei anderen Innovationstypen“[13] ; die Erläuterung soll daher auch auf diese beiden beschränkt bleiben:

Produktinnovationen : Herstellung eines neuen, d.h. dem Konsumentenkreis noch nicht vertrauten Gutes oder einer neuen Qualität eines Gutes.

Prozess- bzw. Verfahrensinnovation : Einführung einer neuen, d.h. dem betreffenden Industriezweig noch nicht praktisch bekannten Produktionsmethode, die keineswegs auf einer wissenschaftlichen neuen Entdeckung zu beruhen braucht und auch in einer neuartigen Weise bestehen kann, mit einer Ware kommerziell zu verfahren.[14]

Diese Definitionen vermögen zu verdeutlichen, was zuvor gemeint war. Es ist zwar durchaus möglich im tertiären Sektor neue “Güter“, also Dienstleistungen zu schaffen, aber Dienstleistungsprozesse können, laut Fourastié, in ihrer Produktionsmethode kaum verändert/ rationalisiert werden; „ein Herrenhaarschnitt erfordert heute kaum weniger Arbeitszeit des Frisörs als vor 50 Jahren“[15], das Repertoire an möglichen, auch technisch bedingten Variationen seiner Gestaltungsmöglichkeiten hat sich jedoch erweitert.

2.5. Exkurs: Einkommenselastizitäten

Im Kontext von Strukturwandel und Sättigung ist der Begriff der Einkommenselastizität von fundamentaler Bedeutung und wird auch im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung benötigt. Dieser Begriff bestimmt das Verhältnis der relativen Änderung der mengenmäßigen Nachfrage nach einem Gut zur relativen Änderung des Einkommens. Er ist ein Maß für die Dringlichkeit der Bedürfnisbefriedigung, vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Wachstum und Strukturwandel. Solange die mengenmäßige Nachfrage mit steigendem Einkommen zunimmt, ist die Einkommenselastizität der Nachfrage positiv. Sie sinkt jedoch ab, wenn bei steigendem Einkommen die Nachfrage immer stärker an ihren Sättigungspunkt heranrückt, oder es sich bei dem Gut um ein geringwertiges (inferior) handelt, welches bei steigendem Einkommen durch ein höherwertiges (superiores) ersetzt wird. Ist die quantitative Nachfrage nach einem Gut weitgehend unabhängig von der Einkommensentwicklung spricht man von einer starren oder unelastischer Nachfrage, steht sie in enger Abhängigkteit zu dieser ist die Nachfrage elastisch.[16]

2.6. Prognostizierte Entwicklung nach Fourastié

Legt man nun die genannten Definitionen und Differenzierungen zu Grunde, ergibt sich die Theorie von Fourastié wie folgt:

Aufgrund der ersteren, einleitend genannten Prämissen, i.e. technischer Fortschritt, welche Prozessinnovationen umfasst und somit in Rationalisierungsmaßnahmen mündet, kommt es bei steigender Produktivität zu sinkenden Stückkosten und, bei gegebenen Wettbewerb, zu sinkenden Preisen. Der technische Fortschritt impliziert also eine Erhöhung der Produktion je Arbeitsstunde, und somit auch der Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft.[17]

[...]


[1] Karl Georg Zinn, Soziale Marktwirtschaft, Seite 78

[2] Vgl. Brockhaus Verlag (Hrsg.): Der große Brockhaus, Bd. 4, 18. Aufl., Wiesbaden 1978, S. 175, Brockhaus Verlag (Hrsg.): Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 7, 19. Aufl., Mannheim 1988, S. 490 und Bibliographisches Institut (Hrsg.): Meyers Enzyklopädisches Lexikon , Bd. 9, 9. Aufl., Mannheim, Wien u. Zürich 1973, S. 206.

[3] Angemessendes Wirtschaftswachstum findet sich expressis verbis in den Leitlinien der Wirtschafschaftspolitik für Deutschland im Stabilitätsgesetz von 6.6.1967, als ein Element des “magisches Vierecks“ formuliert.

[4] Vgl. Fisher, Allan G. B.: Fortschritt und soziale Sicherheit, S. 18.

[5] Karl Georg Zinn, Makroökonomie, Seite 231.

[6] Vgl. o. V.: Der Dienstleistungssektor in der Bundesrepublik Deutschland als Träger des wirtschaftlichen Wachstums, in: Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 40. Jg., Nr. 8/1988, S. 43 f.

[7] Karl Georg Zinn, Makroökonomie, Seite 231.

[8] Karl Georg Zinn, Die Wirtschaftskrise, Seite 86.

[9] Karl Georg Zinn, Makroökonomie, Seite 231.

[10] Karl Georg Zinn, Makroökonomie, Seite 232.

[11] Karl Georg Zinn, Die Wirtschaftskrise, Seite 87.

[12] Schumpeter, Joseph Alois, * 8.2. 1883, † 8.1. 1950, österr.- amerikan. Nationalökonom.

[13] Karl Georg Zinn, Konjunktur und Wachstum, Seite 176.

[14] Ebd., 176.

[15] Karl Georg Zinn, Die Wirtschaftskrise, Seite 87.

[16] Literatur: H. Gerfin, P. Heimann, E. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Bd. 2. 1980. – H. C. Recktenwald, Umfang u. Struktur der öffentl. Ausgaben in säkularer Entwicklung. Eine theoret. u. empirische Analyse. In: Hdb. der Finanzwissenschaft. 1975.

[17] Vgl. Jean Fourastié; Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts, S. 72.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Theorie von Jean Fourastié
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Wirtschaftspolitik für Einsteiger
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V63395
ISBN (eBook)
9783638564571
ISBN (Buch)
9783638669283
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Darstellung der Theorie, Informationen zur Person und kritische Reflexion.
Schlagworte
Theorie, Jean, Fourastié, Wirtschaftspolitik, Einsteiger
Arbeit zitieren
Norbert Marx (Autor), 2001, Die Theorie von Jean Fourastié, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63395

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