Neben den etablierten Orden wie dem der Benediktiner oder der Zisterzienser entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine radikale Ordensbewegung, die dem gängigen monastischen Leben entgegenstellte und sich auf die Lehren der Urkirche und ein Leben in absoluter Armut berief – die vita apostolica wurde zur obersten Prämisse erkoren. Das Leben als Armer unter Armen wurde als aufrichtigere und wahrhaftigere Bezeugung des Evangeliums verstanden. Als charismatischer Führer dieser Bettelordensbewegung ist vor allem Franz von Assisi zu nennen, der dem Orden der Franziskaner seinen späteren Namen gab.
Waren die Minoriten zunächst umherwandernde Mönche, die von Ort zu Ort zogen und die Menschen um Almosen und Obdach baten, so begannen sie sich bald an verschiedenen Orten niederzulassen und Konvente zu gründen. Die Expansion der Bettelorden wurde vor allem durch die Intensivierung der Geldwirtschaft und gewerblichen Produktion gefördert, die sich auch auf das rasche Wachstum der Städte und den Zuwachs an sozialer Mobilität auswirkten. Demnach sind die Bettelorden nicht nur als theologische Gruppierungen zu verstehen, sondern - da sich der Großteil der Mendikantenorden in der unmittelbaren Umgebung einer Gemeinde niederließ - auch als Teil der politischen, sozialen und geistigen Gesellschaft. Auch in Lüneburg ließen sich 1226 Minoriten nieder und gründeten das Barfüßerkloster zu St. Marien. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf der Geschichte des ehemaligen Franziskanerklosters St. Marien im Herzen des heutigen Lüneburgs. Betrachtet man das Stadtbild, so lässt sich der prominente Standort des Klosters in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Rathaus nicht verhehlen; ein Standort, der für ein Bettelordenskloster doch ungewöhnlich erscheint. Unter welchen Umständen kam es zur Ansiedlung der fratres minores an dieser exponierten Stelle und auf welche Weise kam der Orden, der sich der Armut verschrieben hatte zu einem Landbesitz, den der Lüneburger Stadthistoriker Reinecke als den besten Bauplatz der gesamten Stadt bezeichnete? Ebenso werden die sozialen Beziehungen zwischen den Minoriten und der Stadtgemeinschaft untersucht. Gab es Verbindungen zwischen dem Orden und dem bereits ansässigen Ordensklerus der Stadt und inwieweit waren die Minoriten mit der kommunalen Elite, aber auch mit der Unterschicht Lüneburgs in Kontakt? Abschließend werden auch die Umstände, unter denen es zur Reform und Aufhebung des Franziskanerkonvents kam, näher beleuchtet.
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Ansiedlung der Minderbrüder in Lüneburg
3. Die Beziehungen der fratres minores zur Stadtgemeinschaft Lüneburgs
3.1 Beziehungen zum Stadtklerus
3.2 Beziehungen zur Bürgerschaft
4. Die Reform des Marienklosters
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte des Franziskanerklosters St. Marien in Lüneburg, von seiner Gründung im Jahr 1235 bis zur Auflösung während der Reformationszeit, und analysiert dabei die komplexen sozialen und politischen Wechselwirkungen zwischen dem Orden, dem lokalen Klerus, der Bürgerschaft und dem Stadtrat.
- Gründungsgeschichte und topographische Einordnung des Franziskanerklosters.
- Konfliktlinien zwischen dem Bettelorden und dem ansässigen Stadtklerus bezüglich Seelsorge und Finanzen.
- Integration der Minderbrüder in das soziale und politische Gefüge der Hansestadt Lüneburg.
- Einfluss der Observanzbewegung und politische Instrumentalisierung durch den Stadtrat zur Machtausweitung.
- Auflösung des Konvents im Kontext der Reformation.
Auszug aus dem Buch
3.1 Beziehungen zum Stadtklerus
Wie es die Wahl des Franziskanerkonvents als neutraler Versammlungsort für geistliche Schiedsgerichtsverhandlungen schon andeutet, war das Franziskanerkloster vor allem beim Verdener Bischof, in dessen Sprengel das Marienkloster lag, hoch angesehen. Auch der Stadtklerus verhielt sich den Minderbrüdern gegenüber zunächst wohlwollend und es kam zu gelegentlichen Geldschenkungen zugunsten der Bettelmönche. Je mehr sich aber die Minoriten in der Stadt etablierten und in der Gunst der Bevölkerung stiegen, umso stärker wurde die Skepsis der Pfarreien gegenüber den Franziskanern. Die Zahl der Menschen, die fortan den Gottesdienst der Minderbrüder besuchten und deren Predigt hörte, stieg von Jahr zu Jahr. Die Stadtpfarreien sahen in den Franziskanern daher alsbald Konkurrenten zu ihrer ureigensten Aufgabe, der Seelsorge, und traten dem Bettelorden mit zunehmendem Misstrauen entgegen.
Ein erster Konflikt zwischen den Minoriten von St. Marien und dem Lüneburger Pfarrklerus, der vom Verdener Bischof persönlich geschlichtet werden musste, lässt sich für das Jahr 1296 belegen. Inhalt dieses Streits waren in erster Linie die Aufgaben und Befugnisse der Franziskaner in der Stadt. Der Pfarrer von St. Johannis, der ältesten und bedeutendsten Pfarrei der Stadt, beanspruchte die Abnahme der Beichte, die Gewährung des Sterbesakraments und damit verbunden das Begräbnisrecht weitgehend für sich und seine Pfarrei. Da sich der Stadtklerus und die Bettelmönche nicht einigen konnten, musste Bischof Konrad von Verden in seinem Schiedsspruch festlegen, dass den Minoriten die Predigt und die Abnahme der Beichte grundsätzlich gestattet seien, da der Bettelorden diese Rechte von Herzog Otto dem Kind erhalten hätte. Um dem Pfarrer von St. Johannis entgegenzukommen und den Konflikt zu bereinigen, untersagte der Bischof den Franziskanern jedoch die Predigt zeitgleich mit der Messe in St. Johannis abzuhalten; die Minoriten sollten daher fortan vor der Hauptmesse in St. Johannis predigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung der Klöster im Mittelalter ein und skizziert das Forschungsinteresse an der Geschichte des Lüneburger Franziskanerklosters St. Marien.
2. Die Ansiedlung der Minderbrüder in Lüneburg: Das Kapitel beleuchtet die historische Missionierung Norddeutschlands durch den Franziskanerorden und analysiert die Gründungsberichte des Marienklosters im Jahr 1235.
3. Die Beziehungen der fratres minores zur Stadtgemeinschaft Lüneburgs: Hier wird das Spannungsfeld zwischen der Akzeptanz des Ordens durch Bevölkerung und Stadtrat sowie den Konflikten mit dem etablierten Klerus detailliert untersucht.
4. Die Reform des Marienklosters: Das Kapitel analysiert die Reformbemühungen durch die Observanzbewegung, die maßgeblich vom Stadtrat zur politischen Machtausweitung instrumentalisiert wurden.
5. Fazit: Die Zusammenfassung resümiert die ca. 250-jährige, ambivalente Geschichte des Klosters und beschreibt dessen Ende im Zuge der Reformation.
Schlüsselwörter
Franziskaner, Lüneburg, St. Marien, Bettelorden, Minoriten, Stadtgeschichte, Seelsorge, Stadtklerus, Observanzbewegung, Stadtrat, Prälatenkrieg, Mittelalter, Reformation, Armutsideal, Klostergeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Geschichte des Franziskanerklosters St. Marien in Lüneburg und den sozialen wie politischen Beziehungen der Ordensmitglieder zur städtischen Gemeinschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Ansiedlung des Ordens, das Spannungsverhältnis zum Stadtklerus, die enge Anbindung an den Stadtrat sowie die spätere Reform und Auflösung des Klosters.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der "beinahe symbiotischen" Beziehung zwischen dem Konvent und der Lüneburger Stadtgesellschaft sowie deren Wandel zu einem durch politische Interessen geprägten Gegeneinander aufzuzeigen.
Welche methodische Herangehensweise wird genutzt?
Es handelt sich um eine historische Untersuchung, die auf der Analyse von Gründungsberichten, Urkunden und der lokalen Geschichtsforschung basiert, um die historischen Ereignisse kritisch zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Ansiedlung des Ordens, die Untersuchung der Konflikte mit dem Klerus um Seelsorgerechte, die ökonomische und politische Integration in Lüneburg sowie den Prozess der klösterlichen Reform.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Franziskaner, Lüneburg, Bettelorden, Stadtrat, Seelsorge und Reformationszeit charakterisiert.
Warum war der Standort des Klosters laut der Arbeit ungewöhnlich?
Der Standort in direkter Nachbarschaft zum Rathaus galt für ein Bettelordenskloster als ungewöhnlich, da sich solche Orden in ihrer Frühphase bevorzugt am Stadtrand ansiedelten.
Was war die Rolle des Stadtrates bei der "Reform" des Klosters?
Der Lüneburger Stadtrat instrumentalisierte die Observanzbewegung, um die Konventualen aus dem Kloster zu drängen und so direkten Zugriff auf den Grundbesitz und die Finanzen des Klosters zu erhalten.
- Quote paper
- Marcus Sonntag (Author), 2006, Die Minderbrüder von St. Marien zu Lüneburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63401