Das Stufenmodell von Erik H. Erikson


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Stufenmodell
2.1 Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen
2.2 Autonomie gegen Scham und Zweifel
2.3 Initiative gegen Schuldgefühl
2.4 Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
2.5 Identität gegen Identitätsdiffusion
2.6 Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit
2.7 Generativität gegen Stagnierung
2.8 Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

3. Diagramm des Stufenmodells nach Erikson
3.1 Erläuterungen

4. Fazit

5. Literaturliste

1. Einleitung

Erik H Erikson (1902 – 1994) ist ohne Zweifel einer der herausragendsten Psychoanalytiker des letzen Jahrhunderts. Der gebürtige Däne und spätere US-Amerikaner entwickelte die Phasentheorie Sigmund Freuds um die psychosozialen Aspekte und die Entwicklungsphasen des Erwachsenenalters weiter.

Er geht davon aus, dass der Mensch im Laufe seines Lebens acht Entwicklungsphasen durchläuft, die in einem inneren Entwicklungsplan angelegt sind.

Auf jeder Stufe ist die Lösung der relevanten Krise in Form der Integration von gegensätzlichen Polen, welche die Entwicklungsaufgaben darstellen, erforderlich, deren erfolgreiche Bearbeitung wiederum für die folgenden Phasen von Bedeutung ist.

Die Krise ist bei Erikson kein negativ geprägter Begriff, sondern ein Zustand, der konstruktiv gelöst zu einer Weiterentwicklung führt und die Lösungen dieser integriert und in das eigene Selbstbild aufgenommen.

"Jede Komponente kommt zu ihrer Aszendenz, trifft auf ihre Krise und findet gegen Ende des erwähnten Stadiums ihre endgültige Lösung ( ). Alle existieren am Anfang in irgendeiner Form."[1]

Die menschliche Entwicklung ist somit ein Prozess, der zwischen Stufen, Krisen und dem neuen Gleichgewicht wechselt, um immer reifere Stadien zu erreichen.

Ausführlich untersuchte Erikson die Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Individuums und die affektiven Kräfte, die es handeln lassen. Besonders deutlich werden sie an den acht psychosozialen Phasen, die nun im Zentrum dieser Arbeit stehen sollen. Sie veranschaulichen, dass Erikson Entwicklung vor allem als eins betrachtet hat: als lebenslangen Prozess.

2. Das Stufenmodell

2.1 Ur-Vertrauen gegen Ur- Misstrauen

Der Zustand des Kindes in dieser Lebensphase ist charakterisiert durch das Trauma der Geburt. Das Kind wird schockartig aus der gewohnten Umgebung gerissen und die Bindung zur Mutter wird umgestaltet.

Das Gefühl des Ur-Vertrauens, definiert als ein "Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens"[2], entwickelt sich in dieser ersten Lebensphase, dem ersten Lebensjahr, in der so genannten oralen Phase[3] (Freud), und ist, so Erikson, "der Eckstein der gesunden Persönlichkeit"[4].

Das Kind erlernt die einfachste und frühste Verhaltensweise: das "Nehmen", und zwar nicht in seinem negativen Sinne des ungefragten oder gewaltsamen Nehmens, sondern im Sinne des Nehmens eines Angebotes[5].

Die soziale Bezugsperson ist die Mutter, die durch das Reichen der Brust dem Kind nicht nur seine elementaren Grundbedürfnisse, wie Essen und Trinken stillt, sondern ihm somit auch eine orale Befriedigung verschafft. Sie übernimmt die Funktion des Versorgers, auf den sich das Kind verlassen kann.

Das Vertrauen erschöpft sich aber nicht nur in der Person der Mutter, sondern es bezieht sich, so Erikson, auch auf den Säugling selbst. "Unter ″Vertrauen″ verstehe ich sowohl ein wesenhaftes Zutrauen zu anderen als auch ein fundamentales Gefühl der eigenen Vertrauenswürdigkeit"[6].

"Hier bildet sich die Grundlage des Identitätsgefühls, das später zu dem komplexen Gefühl wird, ″in Ordnung zu sein″, man selbst zu sein "[7]

Dieses Urvertrauen zu sich und anderen bildet die Basis für jegliche spätere Entwicklung und ist somit kein Zustand der überwunden werden muss, sondern etwas, was immer erhalten bleibt und unterschwellig mitschwingt.

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres kommt es, so Erikson, zu einer ersten Krise.

Diese Krise scheint im zeitlichen Zusammentreffen von drei Entwicklungen zu bestehen:

zum einen aus einer physiologischen, nämlich der, dass der Säugling das steigende Bedürfnis verspürt, sich Dinge einzuverleiben, anzueignen und zu beobachten, zum anderen aus einer psychologischen, nämlich der wachsenden Bewusstwerdung, ein Individuum zu sein. Die dritte Entwicklung ist eine umweltbedingte Entwicklung, indem sich nämlich die Mutter scheinbar von dem Kind abwendet und sich anderen Beschäftigungen zuwendet.

Dieses Abwenden kann das Kind möglicherweise als Entzug der Mutterliebe verstehen.

Überwältigt das Kind diesen Konflikt nicht und überwiegen die negativen Erfahrungen, so führt dies, laut Erikson "( ) zu einer akuten kindlichen Depression (Spitz, 1945) oder zu einem zwar milderen, aber chronischen Trauergefühl (.), das vielleicht dem ganzen späteren Leben einen depressiven Unterton verleiht."[8]

Statt Ur-Vertrauen entwickelt der Säugling dann Ur- Misstrauen.

Deshalb ist es wichtig, dass dem Kind in dieser Phase der sich häufenden Eindrücke von Enttäuschung, Trennung und Verlassenwerden, das Ur-Vertrauen aufrechterhalten und gefestigt wird.

Die Grundhaltung, die in dieser ersten Lebensphase aufgebaut wird, beeinflusst das ganze Leben einer Person.

Wurde Ur-Vertrauen aufgebaut, herrscht eine überwiegend optimistische, anderen Menschen gegenüber positive Grundeinstellung. Fehlt dieses Ur-Vertrauen, so besteht die Gefahr, dass sich ein allgemeines Misstrauen, nicht nur gegenüber der Welt, sondern auch gegenüber sich selbst ausbildet. Wird das Ur-Vertrauen stark beschädigt, bzw. gar nicht erst ausgebildet, können psychische Störungen, wie z.B. Depressionen entstehen.

Die positiven Erfahrungen, wie Geborgenheit, Wärme, Zuverlässigkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung, sollten den negativen Erfahrungen und Frustrationen, wie auf Bedürfnisbefriedigung warten zu müssen, Enttäuschung, Einsamkeit, Missachtung oder physischer Schmerz, überwiegen.

Natürlich können Frustrationen im Kindesalter nicht gänzlich vermieden werden.

Nach Erikson ist es jedoch wichtig, dass nicht nur positive Erfahrungen überwiegen, um ein Gefühl des Vertrauens zu entwickeln, sondern, dass die Summe des Vertrauens, die das Kind aus diesen frühen Erfahrungen mitnimmt, nicht absolut von der Quantität, sondern viel mehr von der Qualität der Mutter-Kind-Beziehung abhängig ist. "Ich glaube, dass die Mutter in dem Kinde dieses Vertrauensgefühl durch eine Pflege erweckt, die ihrer Qualität nach mit der einfühlenden Befriedigung der individuellen Bedürfnisse des Kindes zugleich auch ein starkes Gefühl von persönlicher Zuverlässigkeit ( ) vermittelt."[9]

Der Erfolg ist somit vielmehr abhängig von der Erfüllung der mütterlichen Funktion im jeweiligen Kulturkreis mit den jeweiligen Wertvorstellungen, wie Wissen, Religion etc., als von der Menge der erbrachten Mutterliebe.

Dies ist also der Anfang - das Zusammenkommen eines Säuglings, einem Elternpaar und einer Gesellschaft in einem Akt des Glaubens und Vertrauens

2.2 Autonomie gegen Scham und Zweifel

In dieser zweiten Phase, dem zweiten und dritten Lebensjahr, entwickelt sich bei gesunden Persönlichkeiten, bedingt durch die wachsenden körperlichen Fähigkeiten, insbesondere der Ausbildung des Muskelsystems, die Autonomie. Durch das Reifen der Muskulatur werden dem Kind zwei Modalitäten eröffnet: das Festhalten und das Loslassen.[10] "Es entwickelt sich die allgemeine Fähigkeit, ja das Bedürfnis, mit Willen fallenzulassen und wegzuwerfen und das Festhalten und Loslassen abwechselnd zu üben."[11]

Durch die neu erworbenen Fähigkeiten wird das Kind in die Lage versetzt, sich von der Bezugsperson zu entfernen, sich abzugrenzen und den eigenen Willen durchzusetzen, um so gewissermaßen unabhängiger von der Versorgungsumwelt zu sein.

Desweitern ist es in der Lage, seine Ausscheidungen selbst zu kontrollieren.

Besondere, jedoch nicht ausschließliche Bedeutung, kommt dabei den Ausscheidungsorganen zu; nicht ohne Grund wird diese Phase in der Psychoanalyse auch als anale Phase (Freud) bezeichnet.

Die Ausscheidungsfunktion des Körpers kontrollieren zu können, bedeutet für das Kind Wohlbefinden, so Erikson. Zudem bedeutet ihr Beherrschen, zumindest in den westlichen Kulturen, Lob von Seiten der Bezugspersonen, welches "zunächst noch recht oft für das Unbehagen und die Spannung entschädigen" muss, "die das Kind empfindet, bevor seine Organe gelernt haben, ihr Tagwerk zu verrichten."[12]

Erneut bedingt sich hier die Ausbildung organischer Funktionen mit dem Heranreifen persönlicher Fähigkeiten. Das Kontrollieren des Stuhlganges ist für das Kind ein bedeutsamer Schritt in Richtung Autonomie. Indem es nicht mehr gewickelt werden muss, wird es von den Eltern unabhängiger. Das stärkt das Selbstvertrauen, unterstützt von der einhergehenden Anerkennung durch die Eltern.

Erikson bezeichnet diese ganze Lebensphase als "Kampf um die Autonomie"[13]. Das Kind beginnt seine Welt in "ich", "du" und "mein"[14] zu unterteilen. Die scheinbar widersprüchlichen Tendenzen, wie sich anschmiegen und wegstoßen, aufheben und fallenlassen, fügsam und rebellisch zu sein, fasst Erikson unter der Formel des "retentiv eliminativen Modus"[15] zusammen.

Der besondere Wert, der in dieser Lebensphase auf die Autonomie gelegt wird, macht aber auch deutlich, was das Kind noch nicht kann.

Scham und Zweifel entstehen, wenn Angestrebtes noch nicht erreicht werden kann und das Kind das Gefühl hat, lächerlich gemacht zu werden; dies kann geschehen, wenn z.B. die Reinlichkeitserziehung zu streng und zu früh durchgeführt wird. Verstärkt wird dieses Gefühl auch, wenn Eltern sich als nicht verlässlich erweisen. In dieser Phase muss eine Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit gefunden werden.

"Sei gegenüber dem Kinde in diesem Stadium zugleich fest und tolerant, und es wird auch gegen sich fest und tolerant werden. Es wird stolz darauf sein, eine autonome Person zu sein; es wird auch anderen Autonomie zugestehen; und dann und wann wird es auch sich selbst etwas durchgehen lassen."[16]

Damit die entwickelnde Autonomie gestärkt wird, muss das Kind vor allem vor übermäßigen Misserfolgserlebnissen geschützt werden, welche ihm ein Gefühl von Scham über das eigene Unvermögen bis hin zu Zweifeln an der eigenen Kompetenz auslösen kann. Erikson bezeichnet Scham als "( ) einen gegen das Ich gekehrten Zorn."[17] und Zweifel als "Bruder der Scham"[18].

[...]


[1] ERIKSON, Jugend, S.94

[2] vgl. ERIKSON, Identität, S. 62

[3] vgl. ERIKSON, Identität, S. 64

[4] vgl. ERIKSON, Identität, .S. 63

[5] vgl. ERIKSON, Identität, S. 65

[6] ERIKSON, Jugend, S. 97

[7] ERIKSON, Identität, S. 72

[8] ERIKSON, Identität, S. 68 f.

[9] ERIKSON, Kindheit, S.231

[10] ERIKSON, Kindheit, S.231

[11] ERIKSON, Identität, S. 76

[12] ERIKSON, Identität, S.76

[13] vgl. ERIKSON, Jugend, S.110

[14] vgl. ERIKSON, Identität, S. 78

[15] vgl. ERIKSON, Jugend, S. 110

[16] ERIKSON, Identität, S. 82

[17] ERIKSON, Kindheit, S. 233

[18] vgl. ERIKSON, Kindheit, S.234

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das Stufenmodell von Erik H. Erikson
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Entwicklungspsychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V63447
ISBN (eBook)
9783638565028
ISBN (Buch)
9783638727143
Dateigröße
1303 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeigt und erläutert das achtphasige Stufenmodell nach Erikson und zeigt in einem Diagramm, das erläutert wird, die Zusammenhänge und das Ineinanderspiel der einzelnen Entwicklungsphasen auf.
Schlagworte
Stufenmodell, Erik, Erikson, Entwicklungspsychologie
Arbeit zitieren
Stephanie Scheck (Autor), 2005, Das Stufenmodell von Erik H. Erikson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63447

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