In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern die der `Theorie der Gerechtigkeit` 1 zu Grunde liegenden Prinzipien mit denen des deutschen Grundgesetzes und der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts übereinstimmen. Ich möchte damit beginnen, die `Theorie der Gerechtigkeit` in ihren für diese Arbeit relevanten Positionen darzustellen. Die `Theorie der Gerechtigkeit` ist ein äußerst umfangreiches und vielschichtiges Werk, bietet allein schon durch ihre Beschaffenheit eine große Angriffsfläche für Kritik und Widerspruch. Ich werde mich darauf beschränken, Kritik dann zu äußern, wenn es mir im Zusammenhang mit der Aufgabenstellung als geboten erscheint. Bei der Untersuchung des deutschen Rechts auf Rawlssche Gerechtigkeitsprinzipien werde ich das Grundgesetz und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht gesondert betrachten. Zum einen ist die Rechtsprechung an das Grundgesetz gebunden (vgl. Art. 20 III GG), zum anderen erfolgt bereits die maßgebliche Auslegung einzelner Grundrechtsartikel vielfach durch das Bundesverfassungsgericht. Inwieweit in einer Arbeit dieses Umfangs eine solche Untersuchung abgeschlossen werden kann, sei zunächst dahingestellt. Auf jeden Fall muss ein Abgleich der Vertragstheorie zum Grundgesetz erfolgen. Zudem muss auch geprüft werden, ob die Grundrechtsnormen der Gerechtigkeitskonzeption von Rawls entsprechen. Daher ist zuerst das Grundgesetz als solches zu betrachten, bevor einzelne Normen näher untersucht werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Grundzüge Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit
2.1 Der Schleier des Nichtwissens
2.2 Der erste Gerechtigkeitsgrundsatz
2.3 Der zweite Gerechtigkeitsgrundsatz
2.4 Weitere Aspekte
3. Rawls und das Grundgesetz
3.1 Der erste Gerechtigkeitsgrundsatz
3.2 Der zweite Gerechtigkeitsgrundsatz
3.3 Weitere Aspekte
3.4 Zum Ursprung des Grundgesetzes/Konsequenzen
3.5 Vier relevante Punkte
1) Volksentscheid zum Grundgesetz
2) Ewigkeitsprinzip
3) Theorie der Grundrechte
4) Abwehrfunktion
4. Ergebnis in drei Thesen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen den Gerechtigkeitsprinzipien der "Theorie der Gerechtigkeit" von John Rawls und den Grundrechten sowie der Rechtsprechung des deutschen Grundgesetzes, um zu prüfen, ob die zugrunde liegenden Gerechtigkeitsvorstellungen deckungsgleich sind.
- Vergleich der Rawls'schen Gerechtigkeitsprinzipien mit dem deutschen Grundgesetz.
- Analyse des "Schleiers des Nichtwissens" im Kontext des Kontraktualismus.
- Untersuchung der sozialen Gerechtigkeit und des Differenzprinzips.
- Historische Einordnung der Grundrechte und des Entstehungsprozesses des Grundgesetzes.
- Gegenüberstellung der Grundrechtsfunktion als Abwehrrecht versus prozeduralem Vertragsschluss.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Schleier des Nichtwissens
Das Auswahlverfahren, mit dem ein ´demokratisches´ Votum für Gerechtigkeitsgrundsätze, die gerechter sind als andere, herbeigeführt werden soll, bezeichnet Rawls als "Schleier des Nichtwissens" (S.159). Damit reiht sich Rawls bei den Vertragstheoretikern ein, denn Rawls geht von einem fiktiven Urzustand aus, in dem sich Menschen in freier und gleicher Stellung auf Gerechtigkeitsgrundsätze einigen; hier sind sie folgenden Bedingungen unterworfen:
Vor allem kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen Status; ebensowenig seine natürlichen Gaben, seine Intelligenz, Körperkraft usw. [...]. Darüber hinaus setze ich noch voraus, daß die Parteien die besonderen Verhältnisse in ihrer eigenen Gesellschaft nicht kennen, d.h. ihre wirtschaftliche und politische Lage, den Entwicklungsstand ihrer Zivilisation und Kultur. Die Menschen im Urzustand wissen auch nicht, zu welcher Generation sie gehören. (S.160)
In Rawls´ Urzustand befinden sich die Menschen vor ihrem Eintritt in die Gesellschaft, ohne zu Wissen, welche Position sie dort einnehmen werden. In dieser Situation soll nun überlegt werden, wie man sich die Gesellschaft idealer- sprich gerechterweise vorstellen würde. Da die eigene Position unbekannt ist, können keine Prinzipien zu Gunsten einer speziellen Schicht entwickelt werden, ohne die Befürchtung zu haben, später davon benachteiligt zu werden. Mit der theoretischen Frage, welche Prinzipien unter diesen Bedingungen gewählt werden würden, will Rawls den Gesellschaftsvertrag auf eine höhere Abstraktionsebene stellen (vgl. S.19). Im Schleier des Nichtwissens erfolgt eine rationale Klugheitswahl anstelle sittlicher Erwägungen, denn der Mensch hat ein Interesse daran, in keinem Fall benachteiligt zu werden. Auch wenn die Erwägungen egoistischer Art sind, so erfüllen sie unter diesen Bedingungen den gleichen Zweck wie altruistische Motive, denn der Mensch muss sich in jede erdenkliche Situation hinein versetzen. Dies führt zum grundlegenden Prinzip der Gleichverteilung, die im folgenden noch in den zwei Gerechtigkeitsprinzipien expliziert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Forschungsfrage hinsichtlich der Übereinstimmung von Rawls' Gerechtigkeitstheorie mit dem deutschen Grundgesetz.
2. Die Grundzüge Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Darstellung der Kernprinzipien von Rawls, insbesondere des Urzustands und des "Schleiers des Nichtwissens".
3. Rawls und das Grundgesetz: Detaillierter Abgleich der Gerechtigkeitsgrundsätze mit den deutschen Grundrechtsartikeln und dem Sozialstaatsprinzip.
4. Ergebnis in drei Thesen: Fazit zur teilweisen Übereinstimmung, jedoch bei unterschiedlichen theoretischen und philosophischen Fundamenten.
Schlüsselwörter
John Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, Grundgesetz, Bundesverfassungsgericht, Schleier des Nichtwissens, Differenzprinzip, Sozialstaatsprinzip, Gerechtigkeit als Fairness, Kontraktualismus, Grundrechte, Chancengleichheit, Menschenwürde, Abwehrfunktion, Vertragstheorie, Verteilungsgerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die philosophischen Gerechtigkeitsprinzipien von John Rawls mit den rechtlichen Normen und Prinzipien des deutschen Grundgesetzes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Interpretation der Gerechtigkeitsgrundsätze von Rawls, dem deutschen Grundrechtskatalog sowie dem Sozialstaatsprinzip.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll analysiert werden, ob die Ähnlichkeiten zwischen Rawls' Theorie und dem deutschen Grundgesetz auf gemeinsamen Grundideen basieren oder unterschiedlichen Gerechtigkeitskonzeptionen entspringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine rechtsphilosophische Gegenüberstellung und Analyse der einschlägigen Fachliteratur sowie der Verfassungstexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Theorie von Rawls, den Vergleich mit dem Grundgesetz und eine historische Untersuchung des Ursprungs des Grundgesetzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Vertragstheorie, Schleier des Nichtwissens, Grundrechte, Differenzprinzip und soziale Gerechtigkeit geprägt.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von Rawls auf das Grundgesetz?
Der Autor stellt fest, dass Rawls' Werk 1971 erschien und somit de facto keinen Einfluss auf die 1949 verabschiedete Verfassung haben konnte.
Wie steht es um das Differenzprinzip im deutschen Recht?
Laut Autor findet das Differenzprinzip im deutschen Grundgesetz nur im Ansatz Anwendung, da das System stärker auf Eigenverantwortung und eine Mischform aus Pareto-Prinzip und Differenzprinzip setzt.
Warum unterscheidet sich die Funktion der Grundrechte bei Rawls und im Grundgesetz?
Rawls entwirft Grundrechte als Teil eines fiktiven Gesellschaftsvertrags, während das Grundgesetz primär eine historische Antwort auf staatliches Unrecht darstellt und eine Abwehrfunktion gegen den Staat besitzt.
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- Niklaus Jung (Autor), 2003, John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit im Vergleich mit dem Grundgesetz bzw. der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63498